Der Prophet und der Totengräber von Matthias Wruck
Kapitel 8

Trotz der immernoch vorherrschenden, unglaublichen Erschöpfung schafften sie die vier toten Drow auf den Schlitten und zogen diesen dann unter übelsten Anstrengungen den Berg zum Portal hoch.
Oben warteten schon einige Drow auf sie, darunter auch ein paar andere Frauen, wie Joro überrascht auffiel. Er hatte außer Vierna noch keine anderen gesehen.
Schweigend nahmen sie die Ladung in Empfang und wechselten in das Tal herüber. Drüben angekommen gingen alle schweigend zu ihren Hütten, der Schlitten mit den Leichen verschwand im Dunkel.
Joro hatte sich nicht getraut zu fragen, ob er die Toten beerdigen sollte, er hatte das Gefühl gehabt, daß er mit dem Errichten der Gräber zu sehr in die Privatsphäre der Drowgemeinschaft eingegriffen hatte.
Da saß er nun in seiner Hütte und fühlte sich gleichzeitig erschöpft und dennoch aufgeregt, weil er nicht wußte, was er von dieser Nuktu-Geschichte halten sollte.
Es klopfte.
Joro ging zur Tür und öffnete sie.
Er war überrascht.
Draußen standen Nalfein, Dinin und zehn andere Drowmänner, alle mit Fackeln. Hinter ihnen stand der Schlitten mit den vier Toten, die man in Tücher gewickelt hatte.
Dinin sah ihn sehr ernst an und Nalfein erhob die Stimme.
"Wir brauchen deine Dienste, Totengräber!"
Joro wußte, was zu tun war. Schweigend nahm er seinen Spaten von der Wand neben der Tür und ging vor ihnen her hinter seine Hütte.
Alle halfen mit, die gefrorene Erde über die Toten zu schütten, nachdem Joro sie gesegnet hatte. Als die Gräber geschlossen waren, nahm sich Joro Hammer und Meißel, fragte knapp nach den Namen der Toten und verewigte sie auf den Grabsteinen. Nalfein ging dabei und meißelte sie in der Drowsprache darunter.
Dann standen die dreizehn Männer da und sahen Joro dabei zu, wie er noch einmal ein Gebet sprach und die vier Gräber segnete.
Als das vorbei war, gingen sie alle schweigend davon.

Joro stand allein da und war sehr nachdenklich, wie immer wenn er jemanden begraben hatte.
Der Tod war etwas Seltsames. Ein Schwertstreich konnte ausreichen und eine Person war fort, ohne jemals wiederzukehren. Ein ganzes Leben, Jahre von Erfahrungen waren in einem Augenblick ausgelöscht.
Die Trostlosigkeit des Moments brachte ihm unwillkürlich Tränen in die Augen.
Da bemerkte er plötzlich eine Gestalt im Augenwinkel.
Er fuhr herum.
An die Wand seiner Hütte gelehnt stand da Vierna, die Kapuze ihres Piwafwi tief ins Gesicht gezogen. Sie schien ihn zu mustern.
"Du bist kein gewöhnlicher Mensch, Joro Macun. Das war mir anfänglich nicht ganz klar, aber das wird es allmählich."
"Wie meinst du das?"
"Du kamst hier als Fremder an, mußtest dir darüber im Klaren sein, daß wir dir nicht trauen werden und dennoch hast du ohne zu zögern einen Platz für dich gesucht und ihn eingenommen, ohne jemals zu fragen, ob wir das überhaupt haben wollen."
Joro blickte verschämt zu Boden.
"Es tut mir leid, wenn du böse auf mich bist, ich wollte niemandem zu nahe treten."
Sie schien zu lächeln.
"Ich bin nicht böse auf dich. Ganz im Gegenteil hast du hier und heute etwas sehr Ehrbares getan. Nicht nur, daß du Dinin, Nalfein und mir das Leben gerettet, sondern auch daß du diese Toten gesegnet hast."
Joro fühlte sich immernoch unsicher und verlegen.
"Das war doch ganz selbstverständlich..."
Vierna schnaubte.
"Du weißt ganz genau, daß es das für uns nicht ist. Unser Volk wird überall auf dieser Welt gehaßt. Und hier in Daishan ganz besonders, seitdem König Welverin versucht hat, alle Oberflächenbewohner auszurotten. Damit hat er uns allen nicht gerade einen guten Dienst erwiesen. Ganz besonders für uns hier ist das ein Problem, wir sind alle nur Sänger, Dichter und Tänzer."
Joro wußte davon, daß die Anhänger der Eilistraee dafür bekannt waren, nicht den mörderischen und düsteren Pfaden ihrer unterirdischen Volksgenossen zu folgen.
"Für einen Haufen Freigeister seid ihr aber ganz schön wehrhaft..."
"Wenn du auf dieser Welt schwarze Haut, weiße Haare und spitze Ohren hast, gehört es zu deiner Existenz, zu lernen, dich zu verteidigen, ob du nun friedlich bist oder nicht."
Damit hatte sie vermutlich recht.
Sie legte den Kopf schief und schien nach Worten zu suchen.
"Ich...ich wollte dir noch einmal danken, Joro. Vielleicht bist du ja doch gar nicht so übel..."
Joro strömte eine Welle warmen Glücks durch die Brust. Diese Aussage durfte ihr nicht leicht gefallen sein.
"Dankeschön..."
Sie wandte sich zum Gehen.
"Möchtest du vielleicht, äh..."
Vierna drehte sich noch einmal zu ihm um und sah ihn ernst, aber definitiv mit einem Schmunzeln in den Augen an.
"Wir wollen doch nicht mit der Tür ins Haus fallen, was?"
Dann drehte sie sich um und ging.
 

Joro ging sofort ins Bett. Was auch immer Celestus mit ihnen auf dieser Lichtung gemacht hatte, es fühlte sich im Nachhinein an, als hätte es ihn einen Teil seiner Lebenskraft gekostet. Oder als ob er mehrere Tage lang nicht geschlafen hatte.
Dementsprechend schlief er wie ein Stein und wachte erst auf, als es schon Mittag war. Müde und schwach schleppte er sich zu der Quelle hinter seiner Hütte hoch, um sich dort zu waschen. Obwohl immernoch Schnee lag, brannte die Sonne heiß vom Himmel, der Frühling kam in Daishan immer schnell und gewaltig. Da es im Tal fast immer windstill war, schaffte das eine seltsame Wärme, so daß er dort mit freiem Oberkörper, aber bis zu den Knöcheln im Schnee stehen konnte, ohne zu frieren.
Das eiskalte Wasser der Bergquelle tat allerdings das Gegenteil, weshalb er sich nach dem Waschen dann doch so schnell er konnte wieder seine Kutte überwarf.
Auf dem Weg nach untern kamen ihm Dinin und Nalfein entgegen, die eifrig miteinander diskutierten. Als sie ihn sahen, hielten sie inne und blieben stehen.
Dinin schien kurz nachzudenken, dann sah er Joro an und fragte:
"Sag mal, du meintest doch gestern, daß Nuktu ein 'schwarzer Ritter' war, oder?"
"Öh, ja?"
"Wir haben heute morgen ein paar Bücher gewälzt, aber eigentlich kaum etwas gefunden..."
"Kaum etwas, außer, daß es hier im Norden tatsächlich einmal einen großen Kriegsherren gegeben haben soll, der für seine schwarze Rüstung bekannt war", warf Nalfein ein.
"Und sowohl er als auch seine ganze Armee sollen von einem Tag auf den andern plötzlich verschwunden sein", ergänzte Dinin.
Joro grübelte.
"Und das war schon alles?"
"Ja", sagte Dinin, "ohne jede Spur sollen über fünfhundert Mann plötzlich fort gewesen sein."
"Was ist mit dem Grab?"
"Nichts. Genausowenig hat man nach seinem Verschwinden jemals wieder von ihm gehört. Also stellt sich die Frage, wie die Legende entstanden ist. In den Aufzeichnungen ist kein Wort von Eiszapfen oder einer Höhle zu lesen."
Joro winkte den beiden mitzukommen.
"Laßt uns erst einmal in meine Hütte gehen und was essen, dabei kann man besser nachdenken."
Dinin und Nalfein schauten sich kurz an, nickten sich dann beide zu und kamen mit.

In der Hütte angekommen griff Nalfein unter seinen Piwafwi und holte ein Buch hervor, das er neben die bereits bereitstehenden Bierkrüge auf dem Tisch legte.
Es war in der Drowsprache geschrieben.
"Na toll, das kann ich wirklich gut lesen, Jungs..." Joro hob eine Augenbraue.
Doch da war etwas, was ihn erschrecken ließ. Auf der Seite, die Nalfein aufgeschlagen hatte, war auf der unteren, linken Ecke ein Wappen abgebildet. Es war eine rote Sichel auf schwarzem Grund.
"Was...was ist das?"
"Was denn?" Nalfein kam um den Tisch herum, auf einem Stück Schinken kauend, das er sich vom Runken an der Wand abgeschnitten hatte.
Seine Kinnlade klappte nach unten und der Schinken fiel beinahe auf den Tisch.
"Ich schwöre dir, daß das vorher noch nicht da war."
"Was habt ihr denn?" Dinin schaute ebenfalls in das Buch.
"Verdammt!"
Beide schauten Joro an.
"Das ist doch..."
Der Priester nickte.
"Das ist das Wappen des..."
Ein lautes Seufzen war aus der Richtung von Joros Bett zu vernehmen und alle drei fuhren herum.
Auf dem Bett saß Celestus. Der Gott schien etwas verlegen zu sein.
"Ich fürchte, daß da ein kleines Geständnis fällig wird."
Joro sah ihn an und hob eine Augenbraue. Der Gott fuhr fort.
"Nuktu war einer meiner ersten Diener, vor langer, langer Zeit. Und er war auch kein Kriegsherr im eigentlichen Sinne, sondern ein ganz einfacher Totengräber, so wie du, Joro."
"Und weiter?"
"Es gab einen Anlaß, einen schlimmen. Seine Heimat wurde von einer Horde von kriegerischen Nomaden bedroht, die alles niederbrannten, was ihnen in die Quere kam. Also beschloß ich, ihm und seinen Leuten zu helfen."
"Wie?"
"Ich ließ einen Duergarkönig, der mir ergeben war, eine Rüstung, einen Schild und einen Hammer anfertigen. Ja...der Hammer...", für einen Moment schienen seine Gedanken abzuschweifen, aber er fing sich wieder, "Dann gab ich Nuktu diese Dinge und ließ ihn das tun, was er für richtig hielt, um seine Heimat zu retten. Aber ich mußte einmal mehr die Erfahrung machen, daß Sterbliche nicht gut mit Macht umgehen können, wenn sie sie haben."
Dinin sah ihn fragend an.
"Wie äußerte sich das?"
"Er wurde verrückt, größenwahnsinnig, um genau zu sein. Als er die Nomaden in die Knie gezwungen hatte, bekam er die fixe Idee, daß eine dauerhafte 'Sicherheit' seiner Heimat nur machbar wäre, wenn er alle umliegenden Städte und Regionen erobern und unter seine eigene Herrschaft stellen würde. Das Resultat waren Tausende von Toten in wenigen Wochen. Seine Armee errichtete ein Reich von Sklaverei und Terror. Am Ende wurde mir klar, daß ich ihn loswerden mußte."
"Und was ist mit seiner Armee passiert?"
"Ohne ihren übermächtigen Anführer waren sie völlig kopflos, ein Sklavenaufstand hat sie alle dahingerafft. Danach haben die Leute diese Zeit kollektiv totgeschwiegen, bis sie vergessen wurde."
Joro mischte sich ein.
"Aber wie kam denn dann die Legende zustande?"
Der Gott zögerte wieder, dieses Mal etwas länger.
"Seine Seele verweigerte die Passage in die Nachwelt. Sie kehrte gegen meinen Befehl in ihre Hülle zurück. So wandelte er noch einige Zeit über die Welt und unternahm von seinem eigentlich als ewigem Gefängnis gedachten Grab aus mörderische Streifzüge, bis ihn am Ende ein junger hochelfischer Paladin endgültig besiegte."
"Soso, ein Hochelf... Und der hat ihn wieder in sein Grab gebracht?"
"Ja. Ich zeigte dem Elfen, wo das Grab war. Nachdem dieser ihn dort hingebracht hatte, ließ ich den Eingang einstürzen, damit er niemals wieder heraus käme. Und bis heute ist er auch nicht wieder herausgekommen."
"Aber er ist immernoch ein Untoter?" Joro runzelte die Stirn.
"Ich weiß es nicht, ich habe mich nicht mehr um ihn gekümmert, zumindest nicht bis heute."
Dinin sah Celestus ernst an.
"Weißt du vielleicht, wieso die goldene Legion nach seinem Grab suchen sollte?" 
"Nein, aber eine Vermutung liegt nahe. Die Rüstung und der Hammer sind beides sehr mächtige Artefakte. Zudem gibt es bei den Hochelfen auch eine 'Legende von Nuktu', die allerdings etwas anders ist. Sie glauben, daß Nuktu eines Tages kommen wird, um sich an den Nachfahren des Paladins zu rächen. Und der Prophet ist sein Enkel."
Dinin, Nalfein und Joro fiel es wie Schuppen aus den Haaren.
"Also wollten sie sicherstellen, daß er auch wirklich fort ist?", fragte Joro.
"Das mit Sicherheit, mein Sohn, aber ich glaube, da ist noch etwas. Wenn der Prophet die Waffe und die Rüstung seines Erbfeindes besäße, wäre das eine weitere Möglichkeit seine Überlegenheit und Macht mit diesen Insignien zu demonstrieren."
Nalfein schüttelte den Kopf.
"Dann müssen wir sie vor ihnen finden. Wenn es wahr ist, daß der Prophet einen großen Krieg begonnen hat, der den ganzen Kontinent zu erfassen droht, dann dürfen wir keine Chance verstreichen lassen, ihm entgegenzuwirken."
Joro und Dinin nickten.
"Kannst du uns das Grab zeigen, dunkler Herr?", fragte Dinin.
Celestus kicherte.
"Ihr habt gestern genau darauf gestanden..."
Nalfein schlug sich vor die Stirn.
"Natürlich! Die Lichtung!"
Dinin und Joro sahen ihn verwirrt an.
"Mann, Leute! Habt ihr nicht die beiden Steinsäulenreste gesehen? Die waren zwar überwuchert, und umgestürzt, aber sie lagen direkt neben dem Schlitten!"
Jetzt fiel es auch den beiden anderen wieder ein.
Wortlos ging Joro zur Tür und nahm seinen Umhang vom Haken.
"Laßt uns gehen."

Celestus saß noch eine Weile alleine auf dem Bett in Joros Hütte. Hätte er ein Gesicht gehabt, hätte man seine gerunzelte Stirn sehen können. Was da alles auf Joro und seine Begleiter zukam, gefiel ihm nicht im Geringsten. Aber es war der Weg der Sterblichen, das zu tun, was sie tun mußten, das wußte er nur zu gut. Und irgendwie fühlte er sich in diesem Moment einmal wieder sehr gut mit der Tatsache, keiner von ihnen mehr zu sein.
 

© Matthias Wruck
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Und schon geht es hier weiter zum 9. Kapitel...

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