Der Prophet und der Totengräber von Matthias Wruck
Kapitel 11

Er schlief nicht lange und hatte einen sehr leichten Schlaf. Als die ersten Sonnenstrahlen über die Berge krochen, sprang er aus dem Bett, warf seine dicke Robe über und trat heraus in den Schnee, um hinter seine Hütte zum Friedhof zu gehen.
Auf dem Grab des Nuktu saß Celestus. Seine Körperhaltung sah so aus, als denke er über etwas nach, er blickte, den Kopf auf die Hände gestützt, auf den Grabstein.
"Joro, mein Joro..."
"Was ist mir dir los, Herr?"
"Wirst du seinen Weg gehen? Oder wirst du dein Herz immer über deinen Geist siegen lassen?"
Joro war sich nicht sicher, was der Gott eigentlich von ihm wollte, also fragte er lieber nach. "Wie meinst du das?"
Celestus wandte sich um.
"Ich weiß, daß du ein guter Kerl bist, das steht außer Frage. Aber kann ich mir auch sicher sein, daß du das, was du einmal tun müssen wirst, auch meistern kannst ohne dich selbst zu verlieren, so wie Nuktu das leider tat?"
"So komisch sich das für dich auch anhören mag, aber ich werde einfach alles auf mich zukommen lassen und sehen, was zu tun ist."
"An den Dingen, die ich dir gestern gab, klebt das Blut einiger Tausend Unschuldiger. Ich wäre von mir aus niemals auf die Idee gekommen, sie in deine oder irgendeines anderen Obhut zu geben, aber für Götter kommen die Dinge auch manchmal anders, als sie es sich ausgerechnet haben."
Joro dämmerte etwas.
"Du hast Angst, daß mich der Hammer und die Rüstung verderben könnten, richtig?"
"Ja. Nuktu hatte sie so lange bei sich und hat damit so Unsägliches getan. Ich hoffe inständig, daß nichts von seinem Haß auf dich abfärbt."
"Das mußt du nicht. Seitdem ich tot war, fühle ich anders. Oder glaubst du, ich könnte auch nur einen Tag hier sein, wenn dem nicht so wäre?"
Der Gott legte den Kopf schief und schüttelte ihn dann.
"Nein, vermutlich nicht."
"Außerdem wirst du mich doch hoffentlich warnen, wenn ich im Begriff bin, etwas sehr Dummes zu tun, nicht wahr?"
"Ja."
"Na also. Und jetzt mal runter von der Ruhestätte, du Grabschänder!"
Der Gott sah ihn verdutzt an, dann brach er in schallendes Gelächter aus.
"In Ordnung, die Runde ging an dich, das muß der Neid dir lassen!"
Er verschwand.

Jetzt, da sein Herr nicht mehr im Weg war, begann Joro damit, die Gräber vom Eis zu befreien, das sich des Nachts darauf gebildet hatte.
Eis hatte die unangenehme Eigenschaft, die Grabsteine zu beschädigen und die Erde auf den Gruben rissig zu machen. Das störte ihn gewaltig in seinem ästhetischen Empfinden.
Nachdem er das erledigt hatte, schaufelte der noch den Schnee von den Wegen zwischen den einzelnen Ruhestätten.
Nalfein kam den Weg von der Quelle herunter und sah Joro arbeiten.
"Na, brauchst du Hilfe?" 
"Danke, nein. Die Schufterei hilft ungemein beim Nachdenken."
Nalfein kicherte.
"Das geht mir genauso, ich hab gestern Abend noch die Ständer fertig gemacht, ich bring sie dir gleich mal."
Joro schaufelte noch eine Weile weiter und setzte sich vor seine Hütte, um zu verschnaufen, ein Bier zu trinken, Bergluft und Sonne zu genießen und auf Nalfein zu warten.
Der kam auch bald um die Ecke gebogen, auf jeder Schulter ein Holzgerüst.
Joro war immer wieder überrascht, wie verfluch stark dieser kleine Mann war, der ihm gerade einmal bis zur Brust reichte.
Der Zimmermann wuchtete die beiden Konstrukte grinsend in Joros Hütte und machte sich daran, die Rüstung, den Schild und den Hammer darauf abzulegen.
"Äh, brauchst du vielleicht etwas Hilfe?"
"Nein, du weißt ja, wie das mit dem Nachdenken ist..."
Als er fertig war, schaute der Drow prüfend auf sein Werk und nickte dann zufrieden.
"Ich weiß gar nicht, wie ich mich revanchieren soll." Joro scharrte verlegen mit den Füßen.
"Das geht schon in Ordnung, Mensch. Du hast vorgestern meinen Neffen begraben, eher stehe ich in deiner Schuld als anders herum." 
"Oh... das wußte ich nicht."
Nalfein klopfte ihm auf die Schulter.
"Ist schon in Ordnung. Jeder von uns muß irgendwann einmal sterben. Und wenn ich Dinins Geschichten über dich glauben darf, dann weißt du das selbst am Besten."
Joro blickte ihn an und nickte dann.
"Willst du `n Bier?"
"Jo."
Also saßen sie zu zweit vor der Hütte, nachdem sie noch einmal das gute Werk betrachtet hatten und tranken ihren Frühschoppen.
Dinin kam vorbei, sah die beiden und lachte laut.
"Na, euch beiden gehtís aber heute wieder prima, was?"
"Wir beide haben heute schon etwas geleistet, wie sieht es mit dir aus?" warf Nalfein grinsend zurück.
"Hm, wie wäre es hiermit?" Dinin holte einen Auerhahn hinter seinem Rücken hervor.

Kurze Zeit später brutzelte der Vogel auf einem kleinen Feuer vor Joros Hütte und die drei saßen davor auf einer Bank und tranken ihr Bier.
Vierna kam an der Hütte vorbei und als sie die drei sah, setzte sie eine ernste Miene auf und schüttelte im Vorbeigehen tadelnd den Kopf, aber Joro war sich sicher, sie im Fortgehen grinsen gesehen zu haben.
"Du starrst schon wieder!"
"Was?"
"Du starrst sie schon wieder an!" Dinin kicherte.
Joro wurde rot. Ja, vermutlich hatte er wieder ein paar Blicke auf ihren Hintern geworfen.
Er versuchte rasch, das Thema zu wechseln.
"Was genau wird denn heute Abend hier geschehen?"
"Naja", antwortete Nalfein, "wir zünden den großen Scheiterhaufen da drüben an, und werden ein Bißchen singen und tanzen, uns hinterher besaufen wie die Blöden und wer hinterher noch kann sucht sich ein Mädel und nimmt sie mit nach Hause." 
"Falls er es noch nach Hause schafft", fügte Dinin hinzu.
Joro packte die Angst.
"Glaubt ihr, ich sollte da wirklich hingehen?"
"Na klar, wieso denn nicht, immerhin hat dich Vierna doch eingeladen." Dinin sah ihn verständnislos an.
"Naja, das hört sich irgendwie schon recht privat an..."
Nalfein musterte ihn, dabei nahm sein Gesicht einen harten Ausdruck an.
"Sag mal, willst du dich ausgrenzen oder bist du einfach nur furchtbar schüchtern, Mensch?"
"Letzteres, schau dir doch mal an, wie rot er immer wird, wenn er Vierna sieht.", warf Dinin ein.
Joro zögerte.
"Naja, ich weiß ja, daß Drow und Menschen keine gute gemeinsame Vergangenheit haben, und ich will hier keinem zu nahe treten..."
Nalfein packte ihn am Kragen und zog ihn zu nah an sich heran. Mit zischender Stimme sagte er:
"Ich werde dir das jetzt einmal sagen, und ich hoffe du vergißt das niemals, Jabbuk. Ich habe dir vorhin schon einmal gesagt, daß du meinen Neffen begraben hast. Damit bist du mir näher getreten, als ich das bei einem Menschen jemals zulassen würde, und wenn du heute Abend nicht genug Eier in der Hose hast, um zu diesem Fest zu kommen, dann werde ich dir dermaßen in den Arsch treten, daß du nicht mehr weißt, wer du bist, haben wir beide uns verstanden?"
Joro schluckte und nickte eingeschüchtert.
"I...in Ordnung."
"Dann ist ja gut", Nalfein nahm noch einen Schluck Bier und grinste wieder. Dann stand er auf.
"Ich muß mich noch um die Bühne für die Musiker kümmern. Laßt es euch schmecken!"
Nachdem er gegangen war, wandte sich Joro an Dinin.
"Ist er jetzt sauer auf mich?"
Dinin lachte.
"Nalfein hat dir gerade auf seine sehr eigene Art und Weise gesagt, daß er maßlos traurig wäre, falls du nicht kämest. Das hat er vielleicht nicht sehr nett gesagt, aber das meinte er."
Der Auerhahn schmeckte vorzüglich. Dinin hielt zwischen zwei Bissen kurz inne.
"Wegen der Frauengeschichte..."
"Ja?"
"Du brauchst dir da keine Sorgen zu machen, wir haben hier nur sehr wenige unverheiratete Frauen, aber sehr viele Junggesellen, also wirst du nicht als letzter alleine dahocken. Freu dich einfach auf eine große, schöne Feier."
Das beruhigte Joro immerhin ein klein wenig.

___

Den Rest des Tages verbrachten Dinin und Joro mit eifrigen Diskussionen über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Menschen und Drow. Dabei versuchte Joro gleich, seine eher mäßigen Kenntnisse der Drowsprache aufzubessern, denn er fühlte sich immer etwas unwohl, wenn er nicht verstand, was die Leute um ihn herum sagten. Davon abgesehen empfand er es als unhöflich, Gast bei jemandem zu sein und nicht einmal dessen Muttersprache zu sprechen.
Dinin war sehr wenig eingenommen von Menschen, aber er war auch sehr selbstbewußt als Dunkelelf und wußte genau, wo er Vorteile und Nachteile der beiden Völker sah.
Joro hingegen wußte aus erster Hand praktisch gar nichts über die Kultur der Drow und mußte sich einiges erklären lassen.
Vor allem der gravierende Unterschied zwischen der Enklave und den Drow im Unterreich interessierte ihn ganz besonders. Die Anhänger der Eilistraee hatten mit den mordenden intriganten Geschwistern unter der Erde nicht viel gemein. Sie lebten und liebten Freiheit, Poesie und Hingabe. Alle waren gleichberechtigt und keiner wurde ausgegrenzt.
Den einzigen Preis, den sie dafür zu zahlen hatten, war bedingungslose Hingabe zu ihrer Göttin. Sie forderte nicht viel, aber wenn sie etwas wollte, war es immer sehr wichtig. Ihr Symbol war die schwarze Mondsichel, überhaupt spielten Mond- und Sonnenzyklus eine wichtige Rolle in ihrer Religion.
Im Gegenzug erzählte Joro von seiner Kindheit auf der Rinderzucht seines Vaters, und was er mit seinem Gott erlebt hatte, Dinin hatte die Hintergründe ja niemals erfahren.
Der Drow schien beeindruckt.
"Ein so persönliches Verhältnis hat nicht jeder zu seiner Gottheit, das weißt du hoffentlich."
"Ja, ist mir bewußt", Joro nahm noch einen Bissen.
"Meinst du, daß du die Erwartungen erfüllen kannst, die da an dich gestellt werden?"
Der Mensch hielt im Kauen inne und zuckte mit den Achseln.
"Mehr als es zu versuchen kann ich sowieso nicht tun. Wir werden sehen, was dabei herauskommt."
Dinin überlegte.
"Jo, stimmt. Etwas anderes erscheint auch nicht sinnvoll."
Joro warf den letzten Knochen ins Feuer und streckte sich. Dabei fiel ihm etwas ein.
"Habt ihr eigentlich schon etwas Neues von der Legion gehört?"
"Nein, nichts. Die Späher haben noch zweimal kleine Trupps gesehen, die die Gegend abgesucht haben, aber finden werden die wohl eher nichts mehr, oder?" Er lächelte.
"Ich hoffe allerdings inständig, daß wir vorgestern alle erwischt haben", fuhr er fort, "Sollte einer entwischt sein, wären wir hier in großer Gefahr..."
Der Drow stand auf.
"So, ich muß mich dann mal umziehen gehen, sobald die Sonne wieder untergeht, beginnt die Feier und ich muß mir noch etwas Feines überwerfen gehen." Er machte eine vielsagende Geste.
"Dann sollte ich mir vielleicht auch etwas Schmuckeres anziehen", überlegte Joro und stand ebenfalls auf. Die beiden verabschiedeten sich voneinander und Joro ging in seine Hütte.
 

Er suchte in seinen Habseligkeiten und fand eine besondere Robe, die er in seiner Zeit in Bargum als Bezahlung für ein Begräbnis bekommen hatte. Eine Schneiderin, von der sprichwörtlichen Armut ihres Berufsstandes geplagt, hatte kein Bargeld gehabt um für die letzte Ruhe ihres Mannes zu bezahlen, also hatte sie ihm aus schwarzem Samt ein wahrhaft wunderbares Gewand genäht. Auf die Robe waren überall rote Sicheln als Verzierungen genäht und die Säume waren mit Goldfäden versehen.
Eigentlich hatte Joro sie nicht annehmen wollen, es widerstrebte ihm sowieso, von armen Leuten Geld oder Bezahlungen anzunehmen, aber sie hatte darauf bestanden und er hatte sie nicht auch noch kränken wollen, der Tod ihres Mannes schien ihr schon nahe genug zu gehen.
Er nahm die schlichte, schwarze Maske in die Hand und betrachtete sie nachdenklich. Rein formell betrachtet stellte sie im Kontrast zu der Robe vermutlich ein stilistisches Understatement dar, aber irgendwie erschien sie ihm als das feierlichste Objekt in seiner gesamten Aufmachung. Er setzte sie auf und zog die Kapuze der Robe über den Kopf. Dann sah er zum Fenster herüber, in dessen Glas er sich aufgrund der draußen herrschenden Dunkelheit spiegelte und mußte grinsen. So konnte er gehen.
Als Joro sich zum Gehen wandte, klopfte es an der Tür. Er hob eine Augenbraue. War das eigentlich wirklich Zufall, daß die Drow immer dann kamen, wenn er gerade im Begriff war, sowieso aufzubrechen?
"Dinin, ich komme gleich!"
Es klopfte noch einmal, diesmal etwas zögerlicher.
Verwundert ging er zur Tür und öffnete sie. Draußen stand ein Drowkind.
Joro war total überrascht, denn zum ersten Mal in seinem Leben sah er einen Dunkelelfen, der noch nicht erwachsen war.
"Äh, ja bitte?"
Das Mädchen, kaum einen Schritt groß und sehr dünn, wirkte ausgesprochen schüchtern.
"Onkel Nalfein hat gesagt, daß ich dich abholen und zum Festplatz bringen soll..."
Mit einem Lächeln, das sie natürlich ob der Maske nicht sehen konnte, meinte Joro:
"Dann laß uns doch mal gehen, was?"
Er stapfte hinter dem Kind her, das ihm nicht einmal bis zur Hüfte reichte, in ziemlicher aufgeregter Erwartung, was nun geschehen würde.

Schon von Weitem sah er, daß der Scheiterhaufen angezündet war. Vom Festplatz her war fröhliche Musik zu hören, eine Frau sang in der Drowsprache dazu. Den Text konnte Joro zwar kaum verstehen, aber das was er an Stichworten hörte erinnerte ihn eher an ein zwergisches Saufgegröle als an etwas, was man von einem Elfen - ob Drow oder nicht - erwarten würde.
Die ganze Enklave schien versammelt und er war überrascht, daß es so viele waren. Obwohl das Tal sehr klein schien, waren mit Sicherheit ein paar hundert hier versammelt. Zudem gab es offensichtlich sogar noch eine ganze Menge mehr Kinder hier, denn er sah einige von ihnen durch die Reihen toben.
Sie saßen alle in konzentrischen Reihen um das riesige Lagerfeuer, unterhielten sich, tranken und aßen.
Etwas abseits sah er einen Ochsen und ein Schwein über einem offenen Feuer rösten, darum herum ein ganzes Dutzend Drow, die das Essen unter die Leute brachten.
Als sie näher kamen, zeigte das Kind wage auf eine der Reihen.
"Da hinten sitzt er!" Und verschwand in der Menge.
Zögerlich ging Joro auf die Richtung, die ihm gewiesen worden war. Mit großem Unwohlsein entging ihm nicht, daß wo immer er vorbeikam die Drow kurz aufhörten miteinander zu reden und ihn ansahen. Dabei schauten sie aber seltsamerweise sehr freundlich zu ihm hin, einige begrüßten ihn freundlich.
Nach einigen weiteren Schritten sah er endlich Nalfein und Dinin zwischen all den anderen auf einer der Bänke hocken und fühlte sich gleich etwas wohler.
Dinin sah ihn auch und winkte ihn herüber.
"Na, da hat sich aber jemand mächtig in Schale geworfen."
Dabei kam sich Joro fast schäbig vor wenn er sich ansah, was für prachtvolle Gewänder die Drow trugen. Überall sah man Goldbrokat und Edelsteine auf feinsten Stoffen funkeln, Dinin und Nalfein machten da keine Ausnahme.
"Äh, danke..."
"Setzí dich hin, zu Essen gibtís auch gleich was. Und Nalfein hat ein ganzes Faß Duergar-Ale dabei."
Der Zimmermann saß mit einem verklärten Grinsen auf dem Gesicht da und deutete nur stumm auf ein gar nicht einmal ganz so kleines Holzfäßchen, das er fest mit seinem rechten Arm zu umarmen schien.
Joro setzte sich zwischen die beiden auf die Bank und schaute sich um.
Überall saß man in kleineren oder größeren Gruppen zusammen und alle schienen fröhlich zu sein. Manche sangen das Lied mit und schwangen dabei ihre Trinkgefäße.
Nalfein tippte ihn an und hielt ihm einen Bierhumpen hin.
"Danke."
"Bitte. Wenn du auch nur einen einzigen Tropfen verschüttest, wachst du morgen früh mit einem Holzpfeiler im Arsch auf."
Dinin kicherte.
Nach ein paar Schlucken des schweren, geradezu mörderisch herben Bieres fühlte sich Joro gleich etwas besser. Er entspannte sich etwas und schaute sich wieder um.
"Ich trau mich ja gar nicht, zu fragen, weil es wieder spitze Kommentare geben wird, aber wo ist eigentlich Vierna?"
Links und rechts von ihm brach Gelächter aus, Dinin nahm einige Münzen aus der Tasche und reichte sie, am schmollenden Joro vorbei, an Nalfein.
"Hast gewonnen, obwohl ich mich im Nachhinein frage, wieso ich mich auf diese alberne Wette eingelassen habe."
"Wollt ihr mir nicht vielleicht trotzdem antworten?" Joro verzog das Gesicht.
"Wart es halt ab. Um Mitternacht wirst du sie schon zu sehen bekommen."
Nalfein grinste und fügte hinzu:
"Aber ob er das überlebt..."
Wieder lachten die beiden Drow und der Zimmermann klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter.
"Trink noch einen Schluck, du wirst es brauchen."
Man verbrachte den Abend mit Anekdoten, Essen und Trinken und nach einigen Durchläufen und sprachlicher Hilfe seitens Dinin und Nalfein konnte der junge Mensch auch ein paar der Lieder mitgrölen.

Als der Mond die Mitte des Himmels erreichte, verstummten mit einem Mal nach und nach alle Gespräche und die Musiker hörten auf, zu spielen.
Alle sahen in die Mitte, hin zum Scheiterhaufen, und schienen auf etwas zu warten.
Da er sich nicht traute zu sprechen, sah Joro fragend in Richtung Dinin. Der deutete nur in die Mitte und sagte nichts.
Einer der Musiker stand auf und begann auf einem Tambourin einen Takt vorzugeben, woraufhin einige helle Frauenstimmen von irgendwoher einsetzten, ein trauriges, geradezu hymnenhaftes Lied anstimmend.
Die Stimmen bewegten sich durch die Reihen, ohne daß Joro sehen konnte, was genau geschah. Er sah aber aus dem Augenwinkel, daß Nalfein sich trotz der Tatsache, daß ihn der Moment bewegte, ein freudig erwartendes Feixen nicht verkneifen konnte.
Ein Musiker mit einer Laute setzte ein und die Stimmen kamen näher.
Und dann geschah es.
In der Mitte, direkt ans Feuer traten vier Drowpriesterinnen, die außer sehr durchsichtigen Schleiern völlig unbekleidet waren. Sie waren es offenbar, die da sangen.
Alleine dieser Anblick machte Joro bereits ein komisches Gefühl im Magen.
Die Vier begannen um das Feuer zu Tanzen und dabei in einem stetigen Crescendo das Lied zu singen. Die Menge wiegte sich im Takt und Joro sah, daß Dinin leise mit den Lippen den Text mitformte.
Dann verstummten die Priesterinnen und die Melodie des Liedes änderte sich in ein schnelles Dur.
Mit einem Mal erscholl eine einzige, klare Stimme, die dazu sang und als Joro sah, von wem sie kam, traf ihn der Schlag.
Ebenso wenig bekleidet fegte wie ein Wirbelwind Vierna auf die Mitte des Festplatzes, reihte sich in die anderen Priesterinnen und die vier anderen wirbelten mit ihr zusammen um das Feuer herum.
Hätte er das Bier nicht getrunken, wäre Joro jetzt mit ziemlicher Sicherheit ohnmächtig geworden.
Sie so zu sehen benebelte ihn derart, daß er unwillkürlich anfing zu schwanken.
Nalfein packte ihn am Ellenbogen und klopfte ihm auf den Unterarm.
"Ist ja gut, Papa ist ja da", wisperte er.
Nachdem die erste Strophe vorbei war, erhoben alle Anwesenden ihre Stimmen und ein schallender Gesang scholl durch das Tal. Nach und nach standen alle auf und sangen mit, so laut sie konnten.
Die Priesterinnen tanzten immer weiter, bis das Lied mit einem abrupten Paukenschlag endete.
Stille.
Vierna und die vier anderen hielten inne, formten einen Kreis um das Feuer und sprachen mit lauter Stimme ein kurzes Gebet. An dessen Ende reckten alle Drow ihre Trinkgefäße in den Himmel und riefen wie aus einem einzigen Munde: "Jorah!"
Der junge Mensch war komplett weggetreten. Ohne Zweifel hatte er noch niemals einen Moment erlebt, der ihn mehr bewegt hatte, vom Totsein einmal abgesehen, vielleicht.
Die Drow setzten sich wieder hin und allmählich begannen die Gespräche wieder.
Joro starrte weiterhin in die Mitte.
Die Priesterinnen gingen scheinbar jede in eine zufällige Richtung durch die Reihen, segneten vereinzelte Anwesende und Joro konnte sehen, daß sich jede einen Mann aussuchte, um dann mit diesem fortzugehen. Panisch schaute er wieder in die Mitte, um zu sehen, was Vierna tat, aber er konnte sie nicht mehr finden.
Mit einem Mal stand sie vor ihm.
Er bekam ein sehr flaues Gefühl im Magen und einen Kloß im Hals.
Sie lächelte die drei an, Dinin und Nalfein verbeugten sich tief und ein Schlag in den Rücken - wo der wohl herkam - brachte Joro dazu, das auch zu tun.
"Ich hoffe es hat euch gefallen."
Dinin ergriff das Wort.
"Wie jedes Jahr ein herrlicher Gottesdienst, Herrin." Nalfein nickte eifrig dazu.
Sie wandte sich an Joro.
"Hat dir unser Neujahrsfest ebenfalls gefallen?"
Joro konnte nicht sprechen. Die Geräusche, die aus seinem Mund kamen, hätte selbst ein Ork albern gefunden.
Dinin sprang für ihn in die Bresche.
"Ich glaube, daß es einen sehr mächtigen Eindruck bei ihm hinterlassen hat. Allerdings befürchte ich, daß er sich von der ganzen Erhabenheit immernoch nicht ganz erholt hat."
Die Priesterin lachte.
"Dann bin ich ja zufrieden. Habt noch eine schöne Nacht, ihr drei."
"Danke, das werden wir sicher."
Vierna lächelte ihnen noch einmal zu, dann wandte sie sich um und ging, hin und wieder Anwesende segnend, durch die Reihen davon.
Joro sackte auf der Bank völlig in sich zusammen und nahm einen gewaltigen Schluck Ale.
"Mann, dich hat es aber wirklich erwischt, was?" Nalfein schaute ihn beinahe mitleidig an.
"Ja, kann man wohl sagen..."
"Bevor du fragst: Nein, sie wird sich keinen suchen, mit dem sie heute Nacht das Bett teilt. Sie ist die Hohepriesterin."
Das ließ einen halben Steinbruch von Joros Herz fallen. Dennoch kam ihm ein Gedanke.
"Einen Mann hat sie aber nicht, oder?"
"Nein."
"Puh, gut. Ich benehme mich wie ein verknallter Halbstarker, oder?"
Dinin brüllte vor Lachen.
"Und wie!"
Nalfein blieb ernst.
"Siehí bloß zu, daß du dich da nicht in etwas verrennst. Das kann am Ende ziemlich weh tun, wenn du Pech hast."
"Ich weiß, ich weiß, hab ich alles schon gehört."
"Gut, dann muß ichís ja wohl hoffentlich nicht noch einmal sagen."
Dinin ging dazwischen.
"Jetzt heißt die Parole erst einmal 'Fresse halten und saufen' und ich will hier keine Ausreden hören, ihr Mädchen!"
 

© Matthias Wruck
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Und schon geht es hier weiter zum 12. Kapitel...

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