Der Prophet und der Totengräber von Matthias Wruck
Kapitel 20

Joro war überrascht.
"Was meint Ihr damit, Majestät."
Der Zwerg zog eine Menge an Rotz die Nase hoch.
"Spar dir den 'Majestät'-Kram. Ich bin etwa so viel ein König wie du, oder der griesgrämige Drow da drüben."
Joro schielte kurz zu Nalfein herüber und war kurz gewillt, dessen tatsächlichen Adel zu erwähnen, sparte sich das jedoch. Stattdessen fragte er:
"Wie soll ich das verstehen, Eure, äh..."
"Mein Name is Balthasar. Balthasar der Tapfere, wie ich anmerken möchte."
"Also gut, Balthasar. Warum seid Ihr kein König?"
"Oh, ich war einmal ein König. Ein mächtiger sogar, aber das ist fast fünfhundert Jahre her."
Das war beeindruckend. Joros Großvater war fast achtzig Jahre alt geworden und er hatte das für eine Ewigkeit gehalten.
"Was ist passiert?"
Der König ging zurück zu seinem Thron und ließ sich seufzend darauf niedersinken.
"Irgendwann kam Celestus zu mir und hat mich darum gebeten, für ihn diese Rüstung anzufertigen. Ich war mehr als geehrt, daß eine Gottheit von mir wollte, daß ich für sie arbeitete und vergaß all meine Verpflichtungen und meine Herkunft und stürzte mich in die Arbeit. Mein blinder Stolz wurde mir zum Verhängnis."
"Warum? Was geschah?"
"Daß die Rüstung nicht gerade schlecht gelungen ist, wird dir jeder bestätigen können, der jemals mit so etwas zu tun hatte. Sie ist die beste Arbeit meines Lebens. Jeder gratulierte mir zu der Qualität, aber bald begannen die Fragen, warum ich eine Rüstung für einen Menschen baute. Als sie fertig war und Celestus sie abholte, hätte mir spätestens klar sein müssen, daß es mein Untergang sein würde, aber die Blendung hielt an."
"Sie haben dich abgesetzt, nicht wahr?"
"Ja. Als herauskam, was ich getan hatte, hat mich der Ältestenrat meines Königreiches in Schimpf und Schande fortgejagt. Nur meine Familie, sowie Torkum und die mir ergebenen Soldaten sind mir gefolgt. Keiner hat mir je verziehen, ein derartiges Meisterstück an einen Menschen gegeben zu haben. Ich glaube nicht einmal die Duergar, die mir gefolgt sind, haben mir das wirklich verziehen. Die meisten werden wohl nur mitgekommen sein, weil jeder wußte, daß sie mir treu sind und sie daher so oder so niemals hätten bleiben können."
Joro fühlte sich betroffen und irgendwie hatte er den dringenden Impuls, die Rüstung, die nicht nur in Nuktus Händen zu Bösem geführt hatte, sofort abzustreifen und nie wieder anzulegen.
Balthasar blickte auf.
"Sie paßt dir wie angegossen."
"Das ist richtig."
"Das ist seltsam, denn ich weiß, daß sie Nuktu zu groß war."
Joro war überrascht.
"Woher?"
Eine Stimme erscholl hinter dem Thron.
"Von mir."
Der dunkle Mann trat hinter dem Holzstuhl hervor.
"Ich habe mit einigem Unwohlsein miterleben müssen, wie Balthasar durch meinen Wunsch mehr als nur Unbillen erfahren mußte. Daher habe ich ihn weiterhin begleitet und zugesehen, daß ihm nichts Schlechtes widerfährt."
"Soviel dazu, daß sich die Götter nicht in die Belange der Sterblichen einmischen sollen."
"Nur weil ich ein Gott bin, muß ich noch lange nicht perfekt sein, Joro."
"Komisch, ich dachte immer, daß Göttern genau dieser Aspekt zugedichtet wird."
"Zugedichtet ist genau das richtige Wort dafür, mein Sohn."
Balthasar sah zwischen den beiden hin und her.
"Stör’ ich irgendwie? Ich kann auch gehen, wenn ich irgendwie..."
Nalfein rümpfte am anderen Ende des Saales die Nase.
"Gewöhn’ dich schon mal dran, die beiden machen das öfter so."
Celestus wandte sich dem Drow zu. "Blasphemische Worte von Euch, Veldrin’Ssreen?"
"Oh, äh, ich habe nichts gesagt."
Wieder zum Duergar gewandt sagte Celestus:
"Ich habe ihm in der Tat diese Rüstung gegeben. Und er war es auch, für die sie schon immer bestimmt war."
"Dann werde ich wohl damit leben müssen, daß es mein Schicksal ist, hier zu sitzen, was?"
Celestus hätte gegrinst, nur leider hatte er kein Gesicht.
"Schicksal, werter Balthasar, ist, was man aus seinem Leben macht. Nicht, was Götter für einen 'vorgesehen' haben."
Er verschwand.
Der fette Duergar sah die vier Besucher in seiner Halle an und schnaufte.
"Also ich brauche jetzt erst einmal ein Bier, ich weiß nicht, wie es mit euch ist."
Nalfeins Mund zog sich fast um seinen ganzen Kopf herum.

Hinter dem Thronsaal war ein etwas kleinerer Raum, in dem eine Tafel mit mehr als zwanzig Stühlen stand. Hinter der Stirn der Tafel, hinter dem Sessel, der dem König vorbehalten war, ragte ein Faß, mehrere Mannshöhen im Durchmesser, an die Decke.
Sie ließen sich auf die Stühle nieder und Balthasar klatschte in die Hände. Eine auch nicht gerade schlanke Duergarfrau betrat den Raum, zunächst mißmutig dreinblickend. Als sie die Leute im Raum sah, hellte sich ihr Blick jedoch merklich auf.
"Na, das ist aber eine bemerkenswerte Neuigkeit. Wer sind denn deine Besucher, Baltha?"
"Das ist nicht ganz so wichtig, aber schau dir mal an, was dieser Mensch da trägt."
Die Frau hielt inne und schaute Joro ungläubig an. Dann kam sie zu ihm herüber und strich ihm, genau wie der König zuvor, über den Brustpanzer. Dann sah sie zu Balthasar herüber, sagte aber eine Weile nichts.
Schließlich wandte sie sich an die Runde.
"Ihr habt sicherlich Hunger, ich besorge euch erst einmal etwas zu essen. Hirza!"
Ein dickes Duergarmädchen trat ein und machte einen Knicks.
"Trag ihnen Bier auf und sag dem Koch, daß wir Essen für fünf brauchen."
Sie rauschte aus dem Raum und das Mädchen holte aus einer Truhe, die neben dem Faß stand, ein paar wirklich große Humpen, die fast doppelt so viel faßten, wie Joros Kopf.
Dieser saß neben Dinin und machte unbeholfen die Gesten für 'Duergar, Blödmänner?', da er die für "unfreundlich" nicht konnte.
Dieser schlug sich vor den Kopf und zeigte auf Balthasar.
Der lachte laut und bewegte ebenfalls seine Hände.
'Duergar verstehen das auch' formten sie.
Joro wurde rot und alle am Tisch lachten.
"Verzeiht mir, Balthasar, mir wurde gesagt, daß Euer Volk eher unfreundlich gegenüber Außenstehenden ist."
"Ich hätte euch vier ohne zu zögern herausgeschickt und euch verprügeln lassen, wenn du nicht diese Rüstung getragen hättest, Mensch."
Der Priester war von der blanken Offenheit des Zwerges überrascht.
"Da können wir uns ja glücklich schätzen."
"In der Tat. Nachdem du aber diese Rüstung an dir trägst bist du für mich fast zwangsläufig zu einem Teil der Familie geworden, auch wenn mir das nicht wirklich angenehm ist. Und deine Begleiter muß ich daher auch mit Respekt behandeln."
"Gastrecht hat etwas für sich."
Der Zwerg grunzte und nahm, als ihm das Mädchen den Humpen hinstellte, erst einmal einen tiefen Schluck.
Dann setzte er den Humpen ab und musterte sie alle.
"Also ihr wollt meine Hilfe, um die Legion aufzuhalten?"
Nalfein wiegte den Kopf hin und her.
"Von Aufhalten kann nicht wirklich die Rede sein, zunächst geht es erst einmal darum, nicht überrannt und getötet zu werden."
"Und was schwebt euch da vor?"
Der Drow ließ die Schultern hängen.
"Ich habe ehrlich gesagt noch keine Ahnung, wie das aussehen soll. Wir haben uns ziemlich kurzfristig dazu entschlossen, zu sehen, wen wir auftreiben könnten, der an unserer Seite gegen sie kämpfen würde."
"Für einen Drow ist das ein ziemlich waghalsiges Unternehmen."
Joro rümpfte die Nase.
"Gleich zeigt er wieder auf mich und sagt, daß es meine Idee war."
Nalfein hob kurz die Hand, konnte aber an sich halten. Der Zwerg schmunzelte und strich sich durch seinen Vollbart.
"Ich frage mich schon die ganze Zeit, warum ein Mensch mit euch unterwegs ist. Das letzte Mal, daß ich Gelegenheit hatte, mit euch dreien zu reden, ging es um eine Ladung Adamantit, für die ihr mir nicht genug geben wolltet. Da hat Nalfein noch gemeint, daß ihr nicht so dumm seit wie die Hellhäute und euch nicht über den Tisch ziehen laßt."
"Die Umstände sind ziemlich komplex, das ist nicht schnell erklärt."
Balthasar lehnte sich in seinem Sessel zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Wir haben Zeit."

Sie erzählten ihm die ganze Geschichte, unterdessen trug die Frau, die Balthasar als seine Gattin, ihr Name war Myellin, vorstellte, zusammen mit einem Koch, der außer einer vor fett triefende Schürze scheinbar nur Stiefel und einen Lendenschurz trug, eine Ladung an Essen auf, die alle Müdigkeit und Erschöpfung bei ihnen verscheuchte.
Balthasars Eßmanieren waren grauenhaft, aber das war wohl nach seiner klar zu erkennenden Rotzmanie nicht sonderlich überraschend.
Die Hälfte seines Essens hing ihm hinterher immernoch in den Barthaaren. Myellin kam hin und wieder an ihm vorbeigelaufen, fischte sich etwas davon heraus und steckte es sich in den Mund.
"Die Geschichte würde ich unter jeden anderen Umständen niemals glauben", nuschelte Balthasar zwischen zwei Bissen.
"Das geht uns allen ähnlich, Joro wohl eingeschlossen", entgegnete Dinin.
Der nickte nur knapp und stopfte sich das nächste Stück Rinderbraten in den Mund. Er schmeckte fast so gut wie der von seiner Mutter, auch wenn diese als Köchin wesentlich appetitlicher ausgesehen hatte, als der Zwergenkoch. Aber einem geschenkten Gaul...
"Ich mache euch vieren einen Vorschlag. Morgen früh werde ich unsere Anführer zusammenrufen und wir alle zusammen überlegen uns, was wir tun können. Ihr könnt heute nacht in den Gastgemächern schlafen, die werden sowieso nie benutzt, aber meine Frau bestand darauf, welche zu bauen. Wahrscheinlich, damit ihr nicht langweilig wird und sie immer etwas zu Putzen hat."
Eine Schweinshaxe traf ihn mitten auf der Stirn und Mann und Frau tauschten für kurze Zeit ziemlich derbe Worte aus, wonach Myellin trotzdem lächelnd den Raum verließ.
Der Zwerg rülpste lange und inbrünstig.
"So, und nun gehe ich erst einmal gehörig aufs Lokus und danach schlafen. Gute Nacht."
Er schälte sich aus dem Sessel und wankte aus einer der Türen.
"Ach ja!" Er drehte sich nicht einmal um, furzte aber laut.
"Sieh’ zu, daß du morgen die Rüstung trägst, Macun."
Sie waren für einen Moment allein und Joro wandte sich an Nalfein.
"Ich bin über die Entwicklung ziemlich überrascht."
Nalfein seufzte.
"Mach dir nicht zu viel Hoffnung. Er hat seine Rüstung und seinen Hammer wieder."
"Was meinst du damit?"
"Daß er seinen Machtanspruch wieder behaupten kann. Ich habe dir doch gesagt, daß Duergar Egoisten sind. Das Einzige, was ihn davon abhält, sie dir von deinem toten Körper zu schälen, ist, daß ihm Celestus im Nacken sitzt. Dunkelzwerge sind vielleicht brutal, aber alles andere als dumm."

Myellin führte sie in einen hinteren Teil im dritten Obergeschoß des Palastes. Es war ein schmaler Flur mit einigen Zimmertüren, komplett aus Holz gezimmert. An den Wänden hingen Schalen mit fluoreszierenden Pilzen, die ihn in ein bläuliches Licht tauchten.
Die dicke Duergarfrau lächelte sie alle freundlich an.
"Die Zimmer sind vielleicht nicht luxuriös, aber ich habe darauf geachtet, daß die Betten groß genug sind, damit auch größere Besucher darin schlafen können. Man weiß ja nie, was geschehen wird, nicht wahr?"
"Danke, Myellin, es ist uns eine Ehre." Nalfein verbeugte sich.
"Hach, ihr Drow könnt so charmant sein, wenn ihr wollt." Sie kniff ihm in die Backe und kiekste. "Schlaft alle gut, bis morgen."
Sie ging davon und sie standen kurz da, nur gefolgt von Joro, Dinin und Vierna, die sich vor Lachen fast naß machten, als sie Nalfeins Gesicht sahen.
Der hob die Hände.
"In Ordnung, gut, es steht zumindest unentschieden zwischen mir und Joro heute."
"Knapp, Meister Nalfein, knapp", kicherte die Priesterin.
"Ich gehe mich jetzt aufs Ohr haun. Lacht noch schön." Grummelnd betrat er eines der Zimmer.
Joro öffnete eine der Türen.
"Ich auch. Schlaft gut, alle zusammen."

Das Zimmer war spartanisch eingerichtet, es gab nur eine Truhe und ein Bett. Ein kleines Fenster aus leicht mit Ruß bedecktem Glas ließ einen Blick auf den Rest der Höhle zu, wobei allerdings nichts Bemerkenswertes zu sehen war.
Das Bett war tatsächlich groß genug für ihn, es war sogar erstaunlich breit, sodaß er sich gut ausbreiten konnte. Die Matratze war mit Stroh gefüllt, aber der dicke Stoff verhinderte ein Pieksen, was er mit Freude zur Kenntnis nahm.
Er hatte noch nicht ganz so lange dagelegen, als er die Tür leise quietschen hörte. Die Decke hob sich an und er hörte ein leises "Mach’ mal Platz". Es war kein Licht notwendig, der Geruch, der in seine Nase strömte, war klar und eindeutig, es sei denn, Dinin hatte sich einen Spaß mit Viernas Parfum erlaubt.
Hatte er nicht. Der Körper, der sich an seinen kuschelte, war definitiv weiblich und eine Zwergin war es auch nicht.
Sie sagte nichts weiter, aber das mußte sie auch nicht. Stattdessen lag sie nur da, er legte seinen Arm um sie und fühlte sich völlig berauscht.
Schließlich sah sie kurz auf.
"Du nimmst den Streithammer doch nicht mit ins Bett, oder?"
"Ist dein Hintern kalt?"
"Oh. Nein."
 

© Matthias Wruck
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Und schon geht es hier weiter zum 21. Kapitel...

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