Der Prophet und der Totengräber von Matthias Wruck
Kapitel 23

Unten vor dem Tor hatten sich die Duergar versammelt und bildeten eine Formation. Von einem Ring von zwei Reihen umgeben hatten die Kleriker ihren Platz in der Mitte eingenommen. Zwei der insgesamt drei waren die beiden, die kurz zuvor ihren dicken König im Tor geheilt hatten. Die beiden Männer waren total verschwitzt und hatten beide eingefallene Augen. Balthasar stand in der ersten Reihe und hatte sich einen klobigen Adamantithelm aufgesetzt, der im Schein der aufgehenden Morgensonne rötlich glänzte. Als er Joro die Treppe herunterkommen sah, schaute er wiederum grimmig drein.
"Du bestehst also darauf, was?"
"In der Tat."
Der König deutete den beiden erschöpften Klerikern, ihre Plätze zu räumen.
"Dann werden du und deine Drowfreundin dort helfen, daß wir nicht alle sofort ins Gras beißen."
Wortlos trat Joro durch den schmalen Spalt in der Schlachtreihe der Duergar und stellte sich in die Mitte. Dabei kam er sich mit seinen durch den Helm annähernd zwei Schritten Körpergröße reichlich albern vor, weil die gesammelten Zwerge um ihn herum alle nicht einmal ganz zur Brust reichten. Naja, immerhin war der Schild groß genug, um ihn vor Pfeilen zu schützen.
Vierna stellte sich neben ihn und machte ein paar Gesten. Für einen kleinen Moment konnte er eine dünne, violette Wand in der Luft aufwabern sehen, dann war diese wieder verschwunden.
Nalfein bezog direkt neben Balthasar Position und griff seine Axt mit beiden Händen.
Der Zwerg musterte ihn kurz, grinste dann aber bösartig in seine Richtung und hob seine eigene Axt.
"AAAAAAANGRIIIIIIFF!!!!"

Der Ring der Duergar preßte sich durch das Tor, wobei Joro einige Male ziemlich hart angestoßen wurde. Kurz dahinter nahmen sie, einem Uhrwerk gleich, wieder ihre Positionen ein und marschierten im Laufschritt (Joro mußte nur schnell gehen) auf die Hochelfen zu. Diese hatten nur gewartet.
Eine Welle von magischen Entladungen und natürlich von Pfeilen und Wurflanzen prasselte auf sie nieder. Als Joro wieder hinter seinem Schild hervorlugte, sah er, daß einige der Zwerge gefallen waren. Balthasar zog sich gerade einen Pfeil aus der linken Schulter, grunzte laut und warf diesen zu Boden. Joro wollte die Hand in seine Richtung ausstrecken, aber Vierna hatte bereits begonnen ein Lied zu singen, das bei den sie umgebenden Zwergen die Wunden verschloß.
Nalfein seinerseits hob seine Axt, fixierte die vordersten Hochelfen und senkte dann abrupt den Arm.
Eine riesige Halbkugel aus purer Finsternis senkte sich über einen Großteil der Legionäre.
"Das wird nicht lange halten, Balthasar!"
Der Duergar machte ein grimmiges Gesicht.
"Wenn du so kurze Beine hättest wie ich, wüßtest du, daß ich bereits so schnell laufe, wie ich kann."
Die Formation schloß sich an den Stellen wo sie Verluste hatte hinnehmen müssen wieder, ohne daß die Duergar dabei ihr Tempo verringerten.
Noch aus den Augenwinkeln sah Joro, wie sich aus den Körpern der frisch gefallenen Duergar graue Schemen erhoben. Er wußte, was das zu bedeuten hatte und er würde nicht zögern, im Falle der Notwendigkeit davon Gebrauch zu machen.

Just in dem Moment, in dem die vordersten Duergar die Legion erreichten, fuhr ein Sonnenstrahl vom Himmel und zerschlug die dunkle Kugel.
So nah am Feind bekam es Joro doch ein wenig mit der Angst zu tun. Die Duergar mochten zwar mit etwa vierzig Mann nicht gerade wenig sein, aber die Hochelfen hatten mehr als doppelt so viele. Und in ihren Augen konnte man ein Feuer brennen sehen, das zeigte, daß sie unter allen Umständen bis zum Tode kämpfen würden.
Aber es fiel ihm etwas ein, das ihm sein Großvater gesagt hatte. Eines Tages hatte er ihn auf den Schoß genommen, nachdem Joro einen schlimmen Alptraum gehabt hatte, und meinte:
'Die Angst ist ein wertvoller Verbündeter. Sie macht dich vorsichtig. Aber du mußt immer die Herrschaft über sie behalten, sonst wird sie dich lähmen und dir schaden.'
Also faßte er sich ein Herz. Immerhin stand er in einem Ring aus kleinen, quadratischen Stahlklötzen mit ziemlich scharfen Äxten.
Und vor allem: Vierna war da und stand direkt neben ihm.
Vorne, nicht einmal fünf Schritte von ihm entfernt, schlug sich die erste Reihe der Duergar langsam aber sicher durch die Legionäre. Joro hatte alle Mühe damit, anfliegende Objekte abzuwehren, aber er bewegte sich gezielt vorwärts und verteilte auf Legionäre, die durch die Linie brachen, vernichtende Schläge. Dabei kam es immer wieder vor, daß sein Hammer beim Aufprall eine Art eisige Explosion erzeugte, die daraufhin die Leiche des Getroffenen beim Aufschlagen auf den Boden zerspringen ließ.
Während er immer wieder zuhieb, kam ihm der Gedanke, daß es doch viel mehr Duergar waren als nur die paar, die hier den Ring bildeten. Wo waren die anderen?
Die Frage wurde alsbald beantwortet, als um die linke und rechte Seite des Walles jeweils eine weitere solche Ringformation gestapft kamen.

Balthasar, der sich mit drei Elfen gleichzeitig angelegt hatte, brüllte, ohne hinzusehen:
"Na endlich, Torkum, habt ihr noch gesoffen oder wo bleibt ihr??"
"Wieso, seid Ihr einsam, mein König?"
"Mach keine bekloppten Witze, sondern hilf uns hier!"
Einer der Legionäre, mit denen der kleine dicke Duergar kämpfte, lachte laut. "Euch wird schon in Kürze niemand mehr helfen können."
Nalfeins schwere Streitaxt schlug in sein Gesicht ein.
"Keine Witze über kleine Leute", meinte der Drow nüchtern.
Die beiden anderen Ringe kamen auch näher und nahmen die Hochelfen in die Zange.
Langsam aber sicher wurde die Legion zusammengedrückt und sie näherten sich dem Kreis.
Mit den sich ausdünnenden Reihen der Feinde konnte Joro auch die Sechs, die dort zeichneten und Formeln vor sich hinsagten, wieder besser erkennen. Sie schienen in der Tat fast fertig zu sein. Auf dem Boden war ein komplexes Muster aus Runen und Kreisen gemalt und die Magier standen nun im Kreis und begannen damit, Energie in die Mitte zu fokussieren.
Hinter Joro sprang Dinin kurzerhand über die Duergarreihen.
"Du hier? Was verschafft uns denn die Ehre?"
"Schön, daß du dich freust mich zu sehen. Hat noch etwas gedauert mit den Lindwürmern, aber die sind wir auch los. Deshalb kam die Verstärkung auch ein bißchen später."
"Siehst du die da drüben?"
Der Drow schielte über Joros Schulter hinweg zum Beschwörungskreis und runzelte die Stirn.
"Das gibt Ärger..."
"Ja ach, was meinst du denn, was wir hier gerade machen?"
Dinin machte noch kurz ein paar nachäffende Fratzen, mußte dann aber einem Pfeil ausweichen.
Balthasar und Nalfein hatten eine Bresche in die Legionäre geschlagen und Dinin seinerseits nahm Anlauf, um, einen Duergar als Trittbrett benutzend, durch die Lücke in den Kreis zu springen, in dem die sechs Magier damit beschäftigt waren, ihr Ritual auszuführen. Schon im Landen bemühte er sich, die auf den Boden gezeichneten Symbole mit schleifenden Schritten zu verwischen, dann nahm er sich den ersten Magier vor.
Die beiden anderen Duergarformationen bedrängten die Hochelfen ihrerseits und so entstand in den Reihen der Legionäre zunehmend Panik. Als der erste Magier durch Dinins Dolche sein Leben aushauchte und die Energie in der Mitte des Kreises zunächst flackerte und dann erlosch, brach ihre Moral endgültig zusammen.
Was folgte war ein furchtbares Gemetzel, das nur noch wenige Augenblicke dauerte.

Das Feld war von Blut und Leichen getränkt, alle Kämpfer waren so erschöpft, daß die meisten sich nur noch hinter die Mauer schleppten und dort erst einmal keuchend zusammenbrachen. Aus den Augenwinkeln hatte Joro gesehen, wie die Duergar, kurz bevor sie sich zum Ausruhen zurückgezogen hatten, ein jeder die Leichen der sie umgebenden Gegner schnell durchsucht und alle Wertgegenstände, die sie finden konnten, an sich gebracht hatten. Irgendwie fand er das anrüchig, aber er hatte weder die Kraft noch den Willen dazu, dies zu kommentieren.
Die drei Drow und er saßen auf dem Rand der Mauer und ließen die Füße herunterbaumeln. Die Plattenstiefel, die Nuktus Rüstung hatte, waren zwar relativ bequem, aber wenn man eine ganze Weile mit einem dicken Metallpanzer über den Knöcheln lief, rieb es eben doch irgendwann an den Knochen. Das Problem hatte Joro auch jeden Morgen während seiner Trainingsrunden immer gehabt. Aber nach mehreren Tagen des Marsches durch die Berge und einem Kampf obendrein... Es hinterließ Spuren.

Balthasar kam unten an der Mauer entlang, hielt an und stützte sich mit dem Kinn auf den Schaft seiner Streitaxt, die er auf den Boden vor sich gestellt hatte.
"Eine beeindruckende Leistung, junger Priester. Von deinen Dunkelelfenbegleitern hätte ich so oder so nichts anderes erwartet, aber allein die Tatsache, daß du nicht draufgegangen bist zeigt mir, daß du doch fähiger bist, als ich gedacht hatte. Oder daß dein Gott wirklich mit Adleraugen über dich wacht."
Joro reckte das Kinn vor. "Oder beides?"
Der König verzog seinen linken Mundwinkel zu einem Grinsen und nickte. "Oder beides."
Er drehte sich um und schaute einmal in die Runde. Dann seufzte er ziemlich demonstrativ und stütze sich wieder auf seine Axt. Er sah die Vier sehr lange an.
"Wißt ihr, bis gestern hätte ich nicht erwartet, daß ich das jemals sagen würde, aber ich glaube, ihr habt recht."
"Ach...", meinte Nalfein spöttisch.
"Kein Grund zynisch zu werden, Herr Nalfein. Und unabhängig von der Frage, warum sie ausgerechnet hierher, mitten in die Einöde gekommen sind, muß ich mir als König meines Clans jetzt die Frage stellen, ob wir hier überhaupt sicher sind."
Nalfein zog seine Pfeife aus seinem Wams und stopfte sie. Dabei machte er eine überlegende Miene.
"Die Sorge um eure Sicherheit in Ehren, aber das Erstere habe ich mich auch schon gefragt. Es schien fast so, als seien die uns gefolgt."
Joro spürte einen eisigen Schauer über seinen Rücken laufen. Wenn die Legion auch nur einen einzigen Grund hätte, ihnen zu folgen, außer natürlich Rache für ihre toten Soldaten, dann mußte es irgendwie mit ihm zusammenhängen. Mit ihm als Person vielleicht sogar weniger, aber mit der Rüstung und der Waffe, die er beide trug, schon fast mir Sicherheit.
Er wandte sich an Balthasar.
"König Balthasar?"
"Hm?"
"Ist es möglich, daß es einen Weg gibt, diese Rüstung irgendwie aufzuspüren?"
Der dicke Zwerg sah ihn mißtrauisch an. "Was meinst du damit?"
"Nun, in Anbetracht der Tatsache, was diese Rüstung für den Propheten bedeutet, wäre damit ein Grund vorhanden, sie unter allen Umständen in seinen Besitz bekommen zu wollen. Außerdem kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß sie durch Zufall hier her kamen."
Balthasar fuhr sich mehrere Male durch den Bart.
"Von Magie verstehe ich nur soviel, wie ein Runenschmied wissen muß." Er sah hilfesuchend zu Vierna hinüber.
Diese verband sich schon seit längerem den linken Arm, an dem sie ein Pfeil gestreift hatte. Als Nalfein sie anstubste hielt sie inne.
"Oh, äh... Also wenn ihr mich fragt müßten sie, um die Rüstung oder den Hammer aufspüren zu können, einen Zauber oder eine Markierung auf sie gelegt haben. Anders könnte ich mir das kaum vorstellen", sie sah zu Joro, "oder auf Joro selbst."
Dieser zuckte zusammen, als ihn alle vier anderen zeitgleich ansahen.
"I...ich..."
Dinin sah ihn prüfend an.
"Wenn das so wäre, wann hätten sie dazu Zeit gehabt?"
"Als er diese Lederrolle auf dem Markt zertrümmert hat vielleicht?", fragte Nalfein.
"Das glaube ich nicht", erwiderte Vierna, "das Magische in der Rolle war ein Pirscher, der uns mit Sicherheit ausspionieren und dann töten sollte. Aber hatte uns Celestus nicht gesagt, daß der Vorfahre des Propheten Nuktu endgültig verbannt hat? Vielleicht hat er ja etwas hinterlassen, das es ihnen ermöglicht, die Rüstung zu finden, egal wo sie ist."
"Das wäre nicht sehr erfreulich. Damit hätten wir quasi den Standort der Enklave kompromittiert." Nalfeins Gesicht verfinsterte sich.
Balthasar reckte sich und schulterte seine Axt.
"Da hilft nur eins. Joro, du kommst mit, wir gehen in meine Schmiede."
Der Priester wandte sich noch einmal an die Stimme in seinem Kopf.
"Hast du uns eigentlich jetzt geholfen bei dem Beschörungskreis oder hatten wir nur Glück?"
"Wer weiß das schon...", kicherte der Gott.
 

© Matthias Wruck
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Und schon geht es hier weiter zum 24. Kapitel...

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