Der Prophet und der Totengräber von Matthias Wruck
Kapitel 30

Joro war nun völlig wach und richtete seine immernoch schmerzenden Knochen so auf, daß er im Bett saß.
Dinin lehnte neben der Tür und Nalfein saß verkehrt herum, breitbeinig, auf einem der Stühle und hatte die Arme auf die Lehne gelegt.
Der junge Priester war einigermaßen verwirrt, das sah fast wie eine Gerichtsverhandlung aus.
Dinin sah zu Nalfein herüber und meinte: "Du fängst an, alter Mann."
Der Krieger seufzte, fing dann aber an, zu sprechen.
"Nachdem sie hier fertig war, ist Vierna schnurstracks in mein Haus gestürmt, wo ich gerade dabei war, mir eine Haßpredigt von Ilivarra anzuhören. Sie hat ein paar kurze Worte mit meiner Frau gewechselt und mich dann kurzerhand aus dem Wohnzimmer aus dem Haus gezerrt. Dann hat sie etwa eine halbe Stunde lang mit einer Kälte in der Stimme auf mich eingeredet, daß ich dachte, das Abyss würde zufrieren."
"Ich... es tut..."
"Halt den Mund und hör zu!" Nalfeins Augen, die sonst mattbläulich waren, nahmen eine tiefrote Farbe an. "Als erstes wirst du lernen, aufzuhören, dich andauernd bei jedem für irgendetwas zu entschuldigen. Das geht mir auf die Nerven wie kaum etwas anderes an dir!"
Joro schluckte und nickte. Der Drow fuhr fort:
"Sie hat mir klar gemacht, daß sie zwar keine Sonderbehandlung für dich wünscht, weil das allen anderen gegenüber unfair sei, aber daß ich mich verdammt nochmal anstrengen soll, auf deinen körperlichen Zustand zu achten."
Erst lag dem jungen Menschen wieder eine Entschuldigung auf den Lippen, aber dann riß er sich zusammen und sagte:
"Ich habe ihr gesagt, daß ich das nicht will!"
"Stimmt, hat er", warf Dinin ein.
Nalfein drehte sich zu ihm um.
"Joro ist ein Daishani, wenn er etwas sagt, dann stimmt es auch, schon vergessen?"
"Ich wollte nur helfen." Dinin zuckte mit den Achseln.
"Misch dich nicht ein, du hast nachher noch genug zu erzählen."
Wieder zu Joro gewandt sprach Nalfein weiter.
"Ich habe sehr lange zugehört und dann vielleicht ein paar Dinge gesagt, die ich besser nicht gesagt hätte. Die Art und Weise, wie ich mich von ihr behandelt gefühlt habe, gab mir ein Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein. Das hat die Lage leider etwas weiter angeheizt."
Dinin hatte einen Kommentar auf den Lippen, wollte seinen General und Freund aber nicht weiter reizen.
Joro sah Nalfein verwirrt an. "Was hast du denn gesagt?"
"Nun... Sachen halt. Ist jetzt auch nicht wirklich von Belang. Auf jeden Fall hat sie mir am Ende an den Kopf geworfen, daß ich mit meiner hohlen und arroganten Art jeden Sinn für Menschlichkeit, ja, sie hat wirklich Menschlichkeit gesagt, vergessen hätte und daß sie mir etwas Übles antun würde, wenn so etwas wie heute jemals wieder geschieht."
Der Priester wollte noch etwas entgegnen, aber Nalfein hob den Finger, um ihn zum Schweigen zu bringen und zeigte dann auf Dinin.
"Und jetzt bist du dran."
Dinin machte einen hilflosen Gesichtsausdruck.
"Naja, danach kam eins zum anderen. Sie kam zu spät zum Abendritus, den eine der anderen Priesterinnen gerade abhielt, stellte sich schweigend dazu und hat mitgebetet. Als die Riten durchgeführt waren, baute sich irgendwie eine ziemliche Anspannung auf, weil natürlich, wenn auch auf Drowart mit Gesten, aber immerhin einige miteinander tuschelten."
Joro schwante nichts Gutes.
"Ich weiß nicht, ob ich wissen will, wie es weitergeht."
"Das wirst du aber jetzt und hier erfahren, mein junger Freund, weil es keinen mehr angeht als dich", sagte Nalfein bestimmt, die Augen immernoch dunkelrot.
Dinin suchte krampfhaft nach Worten und Nalfein sprang für ihn in die Bresche.
"Sie ist ausgerastet."
"Wie schlimm?"
"So, wie es nur eine wütende Drow kann."
Das konnte sich Joro zwar nur ausmalen, aber es durfte einigermaßen heftig gewesen sein.
Dinin hatte wieder zu Worten gefunden.
"Sie hat die versammelten Umstehenden so dermaßen übel zur Sau gemacht, daß die meisten wirklich ein paar Fingerbreit geschrumpft sind, wenn ich das so sagen darf."
"Oh."
"Ja, genau, oh."
"Meinetwegen?"
Nalfein blieb die Luft weg.
"WAS DENKST DU DENN, WER WOHL DER ANLAß WAR?"
Der Schock saß tief. Die Angst, die Joro ergriffen hatte, lähmte ihn fast, aber er wußte, daß er noch etwas fragen mußte, des möglichen Seelenfriedens wegen.
"Was... was wird das für Konsequenzen haben?"
"Du hast dich mit deinem pubertären Trieben völlig allein in diese Situation gebracht und die Konsequenzen, die dir jetzt daraus erwachsen, wirst du alle selbst und völlig ohne zu Murren auf dich nehmen, weil ich dir sonst Dinge antun werde, die du dir in deinen schlimmsten Alpträumen nicht ausmalen könntest. Und das ist keine leere Drohung, ich hoffe, daß wir beide uns da ganz klar und ganz eindeutig verstehen."
Dinin trat einige Schritte vor und legte Nalfein die Hand auf die Schulter, der erst ansetzte, sie fortzuwischen, dann aber selbst die Arme hängen ließ.
"Ich weiß, ich rege mich zu sehr auf. Aber der Tag war für mich auch nicht gerade rosig."
Der Assassine ergriff das Wort.
"Sie hat gesagt, daß sie jedem, der noch ein einziges Mal deinetwegen hinter ihrem Rücken tuschelt, eigenhändig die Beine brechen wird."
"Und noch ein paar andere, sehr bildhafter Dinge in diese Richtung", fügte Nalfein hinzu, "die du im Detail sicherlich nicht hören möchtest."
Joro saß da, die Kinnlade fast auf dem Boden.
Dinin setzte sich auf den Stuhl, der neben Nalfein stand, und ächzte dabei.
"So langsam wird die ganze Sache reichlich ernst, Joro, ich hoffe, daß du das bemerkst."
Der Priester war immernoch gebeutelt von ziemlich unterschiedlichen Gefühlen und fühlte sich nicht in der Lage, irgendetwas zu entgegnen. Also nickte er nur artig in die Richtung der beiden Drowmänner. Dennoch war er sich nicht ganz darüber im Klaren, was das bedeuten würde.
Er brauchte irgendetwas, um sich abzulenken und seine Gedanken zu sammeln.
"Kannst du mir einmal die Dose da drüben geben, Dinin?"
Der Drow schaute ihn nur fragend an, gab ihm dann aber wortlos das kleine Gefäß herüber.
Joro holte sich einen Klumpen heraus und rollte ihn auf, um ihn dann unter die Lippe zu schieben.
Die beiden Dunkelelfen sahen ihm beinahe fassungslos zu.
Nalfein fand als erster Worte.
"Was zum Henker machst du da?"
"Das ist Duergarkautabak. Den hat mir Balthasar geschenkt."
"Wie kannst du ausgerechnet jetzt an so etwas denken?"
"Hast du deine Pfeife dabei, mein großer Lehrer?"
Der Angesprochene sagte nichts, aber er verstand und kramte alsbald den kurzen Stutzen unter dem Wams hervor und nahm den Tabakbeutel vom Gürtel.
Dieses Mal wurde Joro nicht ganz so schlecht, er hatte bewußt noch etwas weniger genommen als beim ersten Versuch. Aber es lenkte ihn soweit ab, daß er dazu in der Lage war, wieder einigermaßen klar zu denken.
Er seufzte.
"Also wenn ich ehrlich bin, wüßte ich alles gerne so genau wie möglich, damit ich weiß, was ich jetzt zu erwarten habe. Immerhin hört es sich so an, als hätte sie sich gegen ihre eigenen Leute auf meine Seite gestellt."
Dinin zuckte mit den Achseln.
"Das werden sicherlich einige so sehen, ja."
"Und da wären wir wieder an einem Punkt, von dem ich gehofft hatte, daß er bereits hinter uns läge."
"Wie du siehst, ist das nicht so einfach, aber das haben Nalfein und ich dir schon zur Genüge erklärt."
"Ich bin aber nicht auf meiner Seite, sondern auf eurer. Ist das so schwer zu verstehen? Und komm’ mir jetzt nicht mit dem alten, müßigen Gelalle von 'Drow und Menschen', weil es sonst einmal an mir ist, mich freizukotzen, auch wenn dabei meine Augen nicht rot werden."
"Oh, du siehst das völlig falsch, zumindest dieses Mal", nuschelte Nalfein, der die Pfeife fertig gestopft und sie mit einem Kienspan, den er kurz in die Glut des Ofens gehalten hatte, entzündet hatte. "Die Frage, die gestellt wird, ist jetzt nicht mehr 'passen Drow und Menschen überhaupt zusammen?', sondern 'wird die Kalkleiste die ungeheure Ehre und Verantwortung, die ihm entgegengebracht wurde, auch nicht enttäuschen?', kapierst du das?"
"Was meinst du damit?" Joro war unsicher.
"Muß ich dir das wirklich erklären?"
"Ich kenne mich mit euren Bräuchen lange nicht so gut aus, wie ich das vielleicht in diesem Falle sollte."
"Oh, was solche Dinge angeht, sind wir gar nicht so anders, wie die Menschen, vor allem nicht wie die Daishani, die für ihren ausgesprochenen Familiensinn und ihre Gastfreundschaft bekannt sind. Also denk einfach einmal darüber nach, wenn du selbst darauf kommst, wirst du es viel eher verinnerlichen, als wenn ich dir irgendetwas dazu sage."
Der Drow stand auf und ging zur Tür.
"Und solltest du versagen, werde ich einer der ersten sein, der dich in die neun Höllen jagt, das verspreche ich dir feierlich."
Die Tür fiel krachend hinter ihm ins Schloß.
Dinin blieb sitzen.
"Nimm es dir nicht zu sehr zu Herzen, das Ganze hat ihn ziemlich angegriffen, auch wenn er das natürlich kaum zugeben wird. Ich glaube sogar, daß er sich mitschuldig fühlt, weil er nicht unerheblich dazu beigetragen hat, daß die Lage eskaliert ist."
"Ich hätte erwartet, daß du irgendwas in der Richtung sagen würdest, daß er Kuppler gespielt hat."
Der Assassine mußte lachen.
"Das hätte ich vorhin auch wirklich beinahe gesagt, aber Nalfein wäre mir an den Hals gegangen, wenn ich es gewagt hätte."
"Stellt sich nur noch die Frage, ob er sich schuldig fühlt, weil er überreagiert hat oder weil er etwas herbeigeführt hat, was ihm eigentlich nicht recht ist."
"Im ungünstigsten Falle vielleicht sogar beides davon, zumindest ein bißchen."
"Also hat sich Vierna auf eine gewisse Art dazu bekannt, daß sie etwas von mir hält?"
"Man kann es leider in sehr viele verschiedene Richtungen deuten. Der Eine wird sagen, daß sie einfach nur ihre Loyalität zu dir proklamiert hat, der Andere wird ihr unterstellen, daß sie kurz davor ist, dich zu heiraten."
"Verdammt."
"Aber egal, wie man es dreht oder wendet, ist eins klar: Sie hat ein sehr deutliches Zeichen gegeben, daß sie es nicht dulden wird, wenn irgendjemand dich schlecht behandelt und das ist in unserer Gemeinschaft schon fast eine Verkündung eines Besitzanspruches seitens einer Frau."
"Besitzanspruch?" Joro schaute ihn mit einer Mischung aus Erstaunen und Unverständnis an.
"Naja", der Drow grinste unverhohlen, "Du weißt ja sicherlich, welche Stellung Männer und Frauen untereinander in der Drowgesellschaft annehmen."
"Also, die Frauen entscheiden über Gedeih und Verderb von Beziehungen?"
"Von dem, was ich bei euch Menschen gesehen habe, ist es bei euch auch nicht anders, auch wenn die Männer immer so tun, als seien sie diejenigen, die darüber entscheiden."
Dafür fehlten Joro die Vergleichsinformationen, daher konnte er darauf nicht antworten.
Dinin schaute nachdenklich auf die Dose, die vor Joro auf dem Bett stand.
"Schmeckt das Zeug eigentlich?"
"Der Geschmack ist nicht das entscheidende, wobei ich nicht weiß, wie fein die Geschmacksnerven von Drow so sind."
"Wir sind doch immerhin für unsere feinen Sinne berühmt", entgegnete der Assassine mit gespielt herausgestreckter Brust.
"Du kannst es versuchen, aber ich warne dich vor, es ist nicht zu verachten."
Joro erklärte Dinin kurz, wie es funktionierte und der Drow nahm einen Klumpen heraus.
"Etwas kleiner würde ich ihn machen, du bereust es sonst."
"Ach was, das geht schon... Sag mal, schmeckt das so, wie es riecht?" Der Dunkelelf mußte ein Würgen unterdrücken.
"Nein, einfach nur rein in die Klappe und fertig."
"Hm", Dinin betastete seine vorgewölbte Lippe, "schmeckt irgendwie nur salzig."
Zum ersten Mal in seinem Leben konnte Joro sehen, wie ein Drow wirklich blaß wurde. Die ebenholzfarbene Gesichtshaut Dinins wandelte sich innerhalb von Augenblicken in ein helles Anthrazitgrau. Der Drow stürmte aus der Hütte und er konnte ihn draußen würgen hören, wobei er einen lauten Lachanfall hatte.
Schließlich kam Dinin, mit immernoch grauem Gesicht und lose auf die Schultern hängenden Haaren wieder herein.
"Verdammte Scheiße."
"Ich habe dich vorgewarnt..."
"Na und? Ich bin jung und leichtsinnig", der Dunkelelf grinste gequält, "Mann war das heftig."
"Ja, das erste Mal sah bei mir genauso aus und Balthasar hat die dreckigste Lache von sich gegeben, die ich jemals gehört habe. Aber er meinte, wenn ich schon einmal, wie sagte er gleich..."
Dinin sah ihn fragend an.
"Achja, wenn ich schon einmal den Unterleib einer Frau gekostet habe, dann ist Duergartabak als Nächstes dran."
"Ein sonderbarer Vergleich..."
"Er meinte wohl, das gehöre dazu, wenn man ein Mann sein will."
"Ach, so ist das...?" Dinin sah prüfend auf die Dose.
"Ja, genau so hat er es ausgedrückt."
"Dann muß ich wohl da durch, immerhin wollen wir doch alle echte Männer sein, oder?"
Er griff wieder in die Dose, um sich dieses Mal ein wesentlich kleineres Stück zu nehmen.
Nachdem er es sich in den Mund gewurschtelt hatte, machte er eine böses Gesicht, als er Joros erwartungsvolles Feixen bemerkte.
"Ich habe schon mit Trollen gekämpft, glaubst du etwa, daß mich so ein Kraut von den Beinen haut?"
"Da hat es jemanden buchstäblich ehrenhalber bei den Eiern gepackt, was?"
Dinin machte ein abschätziges Geräusch und kämpfte einen Moment, relativ schlecht cachiert, gegen Schwindel an.
"Sag mal, wie hälst du das aus? Der Brocken, den du da im Mund hast, ist mindestens doppelt so groß wie meiner."
Joro war sich nicht sicher, aber er meinte:
"Ich glaube, daß es besser ist, wenn man keinen leeren Magen hat."
"Den hatte ich vor dem ersten Versuch auch nicht."
"Ja, aber da hattest du auch einen Brocken, der fast so groß war wie dein Daumen."

Sie saßen eine Weile da, während Dinin langsam die Oberhand über seinen Schwindel gewann und seine Gesichtsfarbe langsam wieder das alte Schwarz annahm.
Der Priester fühlte sich stark genug, zum Ofen zu gehen und sich eine Schale des immernoch lauwarmen Breies zu holen. Dann hockte er sich an den Tisch und Dinin drehte sich zu ihm um.
"Kann ich auch etwas haben?", fragte der Drow.
"Nein, das steht hier nur zum Ansehen herum. Natürlich, Mann."
"Naja, immerhin hat das dein Schatzi für dich gekocht..."
"Du riskierst, von einem Krüppel verhauen zu werden. Was meinst du, wie das deinen Triumph über die Trolle mindern wird?"
Dinin lachte und holte sich ebenfalls eine Portion.

Als sie fertig waren, blickte Joro plötzlich auf.
"Apropos Unterleib..."
Dinin prustete und brach in Lachen aus. Als er sich einigermaßen gefangen hatte, wischte er sich die Tränen aus den Augenwinkeln, Teile des Breis vom Tisch und sah den Menschen erwartungsvoll an.
"Na, da bin ich aber mal gespannt, was jetzt kommt."
"Mußt du eigentlich immer lachen, wo ich doch nur ein junger, naiver Mensch bin?"
"Genau deshalb muß ich ja immer lachen, Joro. Ich fange allmählich an, zu verstehen, warum dich eine Frau niedlich finden könnte."
"Jetzt fang du nicht auch noch damit an, nachher mußt du dich auch noch hinstellen und allen sagen, daß du ihnen in den Arsch trittst, wenn sie wegen mir und dir tuscheln."
"Deine bösartige Zunge hat manchmal echte Drowqualitäten."
"Ich akzeptiere das jetzt einmal als Kompliment aus deinem Munde."
"Wenn du das so willst..."
Joro schaute grimmig. "Also die Frage..."
"Ja, wir waren bei 'Unterleib'." Dinin unterdrückte ein erneutes Kichern und bemühte sich mehr schlecht als recht, ein ernstes Gesicht zu machen.
Der Mensch drugste herum, um die Worte zu finden und Dinin versuchte, auf die ihm eigene Art und Weise zu helfen.
"Planst du unter Umständen irgendetwas in diese Richtung?"
Die Antwort auf diese Frage war ein puterrotes Gesicht und verlegenes Gestammel.
"Also geht es um generelle Informationen oder eine konkrete Anleitung?"
"Ich weiß wie das geht", meinte Joro grimmig, "aber, naja, gibt es da irgendwelche Unterschiede zwischen Menschen und Drow?"
Dinin schien ehrlich überrascht.
"Was meinst du mit 'Unterschiede'?" Er band sich mit einem kleinen Lederriemen wieder die Haare auf den Hinterkopf.
"Ich weiß auch nicht. Immerhin seid ihr es, die immer die ganzen Unterschiede betonen, die zwischen unseren beiden Völkern angeblich an allen Ecken und Enden herrschen."
Der Dunkelelf machte ein paar abschätzende Gesten. "Willst du jetzt konkrete Einzelheiten wissen oder soll ich möglichst allgemein bleiben?"
"Versuch es bitte erst einmal etwas allgemeiner."
"Also ich glaube man kann sagen, daß es da keine echten Unterschiede gibt."
"Es funktioniert genauso?"
"Wenn du keine Einzelheiten hören willst, dann ist das die Antwort, ja."
"Und können Menschen und Drow miteinander Kinder bekommen?"
Dinin verschluckte sich so heftig, daß er eine ganze Weile brauchte, um mit dem Husten aufzuhören.
"Meine Güte, Joro, ich hätte fast den Tabak verschluckt."
"War das jetzt so eine schlimme Frage?"
Der Drow versuchte ein paar Male, tief durchzuatmen, dann sah er ihn ziemlich seltsam an.
"Das ist eine dieser Fragen, für die du alleine den Gedanken gehabt zu haben im Unterreich auf der Stelle dein Leben verlieren würdest."
"Wie bitte?"
"Das ist ohne zu fragen eine der schlimmsten Sünden, die ein Drow aus dem Unterreich seinem Volk gegenüber begehen könnte. Und alleine ein Kind mit einem Hochelfen zu zeugen, die geschichtlich gesehen unsere Vorfahren sind, so widerwertig das auch erscheinen mag, hat schon dazu geführt, daß beide Partner exekutiert wurden."
"Aber wir sind hier nicht im Unterreich."
"Wenn ich du wäre, würde ich mich hüten, darüber auch nur mit irgendeinem anderen Drow zu reden, die könnten dir nämlich ziemlich schnell an die Wäsche gehen."
"Selbst die Jünger der Eilistraee?"
"Wir haben jetzt schon so viele Male über Vorurteile gesprochen, Joro. Diese Frage ist eine der empfindlichsten Stellen, die es hier zu treffen gibt, also sieh’ dich bloß vor, daß du sie niemandem anderes gegenüber stellst, oder du bringst dich in noch größere Schwierigkeiten, als jene, in denen du so oder so schon bist."
Joro verzog das Gesicht.
"Eigentlich habe ich auch nur gefragt weil ich wissen wollte..."
"Ob Mensch und Drow im Bett rein mechanisch funktioniert, nicht wahr?"
"Stimmt."
"Da kann ich dir als Antwort ein klares Ja drauf geben."
"Danke."
Dinin war eine Weile von einer ganzen Masse an Gedanken überwältigt, was Joro nutzte, um noch eine Frage zu stellen.
"Hast du niemals eine Menschenfrau gesehen, die du interessant fandest?"
Das überraschte den Drow und holte ihn aus seinem Grübeln.
"Äh, nicht, daß ich wüßte."
"Wirklich niemals?"
"Ich habe eigentlich in meinem ganzen Leben keinen großen Kontakt zu Menschen gehabt."
"Dann laß mich die Frage anders stellen: Findest du Menschenfrauen eher interessant oder uninteressant? Also ich meine, so wie ein Mann manchmal eine Frau interessant findet, nicht unbedingt Liebe."
"Hat die Art der Fragestellung mit der momentanen Situation zu tun?" gab der Drow mit einer hochgezogenen Augenbraue zurück.
"Nein, es ist nur der erste Teil der Frage."
"Dann ist es ja gut. Also... nein, ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich Menschenfrauen finde. Ich glaube sie können durchaus hübsch sein."
"Also könntest du dich unter Umständen vielleicht auch in eine von ihnen verlieben?"
"Ich hatte schon befürchtet, daß das als nächstes kommt. Aber da fragst du den Falschen."
"Du warst noch niemals in eine Frau verliebt?" Joro sah Dinin mitleidig an.
"Nicht, daß ich wüßte."
"Das macht die Frage reichlich sinnlos..."
"Ich verstehe aber, worauf du hinaus willst. Aber das verstehe ich schon, seit du Vierna das erste Mal gesehen hast. Du brauchst dich vor mir nicht zu rechtfertigen."
Der Priester nickte.
"Das ist mir bewußt, aber ich will, daß mich hier wenigstens einer richtig versteht."
Dinin lächelte verschmitzt.
"Da gibt es doch schon seit einiger Zeit jemanden, der das tut..."
"Ich hoffe doch sehr, daß du auch das jetzt bereits verstanden hast."
Der Drow schaute sich kurz um. "Wo kann ich das Zeug lassen, wenn es durchgesabbert ist und beginnt, ganz abscheulich zu schmecken?"
Joro zuckte mit den Schultern.
"Rotz es doch einfach in den Ofen. Ich muß meinen auch loswerden."
Sie feuerten beide die Klumpen in die Glut, wo sie kurz zischten und dann verglühten.
"Elegant ist das nicht gerade, aber man bekommt irgendwie nicht genug davon, wenn man die ersten Augenblicke erst einmal überlebt." Dinin grinste und stand auf. "Ich will dich nicht vom Schlafen abhalten, du hast bestimmt noch genug aufzuholen, was Ausruhen angeht."

Joro saß erst noch am Tisch, nachdem der Drow gegangen war, und überlegte sich, ob er einfach wieder ins Bett gehen sollte, draußen war es dunkel, also sicherlich schon Nacht, aber dann griff er nach seinen Stiefeln und ging nach draußen.
Keine Extrabehandlung, das war sein eigener Wille. Also setzte er sich in Bewegung und lief, wenn auch langsam und muskelschonend, seine Runden um die Enklave.
Er hätte schwören können, einen Drow gesehen zu haben, der ihn schweigend beobachtete.
 

© Matthias Wruck
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Und schon geht es hier weiter zum 31. Kapitel...

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