Der Prophet und der Totengräber von Matthias Wruck
Kapitel 33

Joro ging nicht zur Speisung, sondern setzte sich in seinen Raum und aß die Reste seines Reiseproviants auf. Der letzte Satz aus Jans Mund hatte es ihm vergällt, und außerdem mußte er weiter nachdenken. Die Idee, daß Justin, ausgerechnet dieser ausgesprochene Unsympath, das neue Oberhaupt der Celestuskirche werden sollte, machte ihn fast wahnsinnig. Im Vergleich zu diesem hätte er sich jederzeit zugetraut, dessen angestrebte Position einzunehmen, weil er ihn für noch unfähiger als sich selbst hielt. Nur machte ihn das nicht zwangsläufig fähig, es  auch wirklich zu tun. Besser ja, aber gut genug? Wohl kaum.
Er kaute auf einem Stück Schinken herum und fühlte sich hin- und hergerissen.

Die Stunden bis Mitternacht kämpfte er in der winzigen Kammer immer mehr mit sich und als schließlich draußen eine laute Glocke dazu aufforderte, sich in der großen Halle des Klosters zu versammeln, streifte er die Rüstung ab, um nicht aufzufallen, setzte die Maske wieder auf, die Kapuze der Robe über den Kopf und trat aus dem Zimmer. Die Tür verschloß er gut und steckte sich den Schlüssel vorne in die Unterhose, um ihn auf gar keinen Fall zu verlieren.
In der großen Halle hatten sich wohl alle versammelt, die sich derzeit im Kloster aufhielten, denn der riesige Raum platzte aus allen Nähten. Während noch eine Weile im Flüsterton gesprochen wurde, verstummten dann alle, und eine Gruppe von drei Priestern stellte sich vorne am Altar auf. Sie nahmen alle ihre Masken ab, und Joro erkannte den Mittleren als Justin. Eine Welle von Zorn und Haß brandete in ihm auf, aber er riß sich zusammen.
Der Ordinarius, der auf dem Pfad zum Erzbischof war, erhob die Stimme.
"Gelobt sei unser Herr Celestus!"
Die Anwesenden murmelten alle etwas Zustimmendes, jeder wohl etwas anderes.
"Ich begrüße euch hier und heute, zur Stunde unseres dunklen Herren, in unser aller Mitte, meine Brüder. Wir wollen hier und heute unseren Dank an unseren weisen Gott ausbringen, der uns stets auf unseren Pfaden leitet, der mich auserkoren hat, am morgigen Tag, wenn die Sonne aufgeht, euer neuer Bischof und helfender Vater zu werden."
Ein unterwürfiges Getuschel ging durch die Reihen der Menge, dann machte Justin eine Geste, um sie zum Schweigen zu bringen.
"Diese Nacht bis zum Sonnenaufgang werde ich damit verbringen, in stillem Gebet zu unserem Herren zu gedenken, welch unglaublichen Segen er mir hat angedeihen lassen. Meine ewige Dankbarkeit und mein Gehorsam werden immer bei Ihm sein, dem Herren ohne Gesicht. Ich bitte euch, bleibet hier versammelt und betet im Geiste mit mir, auf daß Celestus mich gnädig annimmt, wenn ich am Morgen vor das Volk seiner Herde trete."
Justin setzte seine Maske wieder auf, verbeugte sich und trat durch eine Seitentür aus der Halle.
Die Schar der Priester im Raum ging teilweise auf die Knie und begann jeder eine andere leise Litanei vor sich hinzusagen.
Joro hatte genug gesehen. Diese verlogene Bande würde er zu Fall bringen, oder bei dem Versuch draufgehen, aber er konnte sich niemals vorstellen, am nächsten Tag einfach dazustehen und zuzusehen, wie diese Schlange zum Bischof gewählt wurde. Er ging zielstrebig zu seiner Kammer zurück, durch den bis auf ein paar Gardisten menschenleeren Hof.

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Der Speisesaal des Erzbischofs im Hauptflügel des Klosters von Bargum war eine gigantische Konstruktion. Der Boden und die Decke, selbst die zwei Säulenreihen, die die gewaltige Halle trugen, waren vollständig aus pechschwarzem, poliertem Obsidian gefertigt. Jede Oberfläche war so glatt, daß man sich darin spiegeln konnte. An den Wänden, die ebenfalls mit dem schwarzen Gestein getäfelt waren, hingen allerlei teure Teppiche mit diversen Motiven, von Schlachtenszenen über Fabelwesen bis hin zu Landschaftsbildern. In der Mitte, zwischen den Säulen, stand eine Tafel mit über fünfzig Sitzplätzen, deren Tisch und Stühle alle aus uraltem Eichenholz bestanden und mit reichen Verzierungen versehen waren.
Justin, sein Sekretär, zwei weitere hohe Vertreter der Kirche, die er als persönliche Freunde (ein Anderer hätte sie eher als Speichellecker oder noch härter benannt) bezeichnete und der Stadtfürst Olgerich, ein kleiner, untersetzter Mann fortgeschrittenen Alters und wenig Haaren auf dem Kopf, saßen an der Tafel und füllten ihre Bäuche mit schwerem Essen und teurem Wein.
Der Ordinarius räkelte sich auf dem Sessel, der für den Bischof vorgesehen war und sonnte sich in den Ehrerbietungen seiner 'Brüder'.
"Ich danke Euch für diese wunderbare Spende, werter Fürst. Ihr könnt Euch des Dankes und des Segens der Celestuskirche sicher sein."
Olgerich entwiderte nichts, sondern kaute nur mißmutig auf seiner Schweinshaxe herum.

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Unten vor dem Eingang des Hauptflügels erschien plötzlich ein Mann in einer schweren Plattenrüstung und mit einem imposanten Turmschild in der Hand vor den Wachen, die die Türe ins Innere bewachten.
"Halt, wer da?"
"Ein Totengräber des Herrn, der eine wichtige Botschaft für den Ordinarius Justin hat."
Der Anblick der wuchtigen Rüstung und des großen Schildes mit der riesigen Sichel darauf machte Eindruck auf die Soldaten.
"Wen darf ich melden?"
"Niemanden, ich werde alsbald persönlich vor ihn treten."
"Verzeiht mir, wenn ich Euch damit beleidige, aber ich kann doch nicht einfach jeden, ohne seinen Namen zu wissen..."
Der Gerüstete fixierte den Soldaten mit seinem Blick und gleichzeitig ertönte oben im Himmel ein Donnergrollen.
Wortlos und hastig machte die Wache Platz und der Mann trat durch das Tor in das Hauptgebäude ein.

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"Wo wir gerade dabei sind", fuhr Justin fort, "habt ihr bereits darüber nachgedacht, wie die traditionelle Schenkung Eures Hauses zur Wahl eines neuen Bischofs zu diesem Anlaß aussehen wird?"
Olgerich machte einen gequälten Gesichtsausdruck.
"Ach, Herr Bischof, ich meine Ordinarius, es ist schwer, einem Mann ein passendes Geschenk zu machen, der mit so vielen Dingen gesegnet ist, wie Ihr."
Justin sah ihn spöttisch an.
"Das klingt ja fast so, als hättet Ihr euch nicht einmal Gedanken gemacht, was Ihr wohl schenken wollt."
Olgerich machte hastig eine beschwichtigende Geste.
"Nein, nein, so ist das nicht, ich habe sogar schon lange eine gute Idee, aber sie braucht wahrscheinlich noch ein wenig länger, bis ich sie euch präsentieren kann."
"Na, das muß ja wirklich etwas Bedeutendes sein, wenn Ihr damit sogar in Verzug geratet... Es wird doch nicht etwa eine Statue meiner Person sein, das wäre doch nicht nötig gewesen..."

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Der Mann in der Rüstung ging langsam aber bestimmt durch einen langen Saal, in dem in Glasvitrinen Schaustücke lagen, die er im Vorbeigehen als Reliquien alter Bischöfe identifizierte. An den Wänden hingen zudem Gemälde, die den Anspruch erhoben, alle Leiter der Kirche darzustellen.
An einer Stelle blieb er kurz stehen.
Auf dem Portrait war ein alter Mann mit einem ernsten, fast bösen Gesicht zu sehen, der vor sich in der Hand ein dickes Buch hielt. Darunter stand "Erzbischof Albrecht. Gründer der vereinten Kirche des Celestus."
Kurz betrachtete er das Gemälde, dann wandte er sich ab und stapfte weiter.

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Justin suhlte sich im Unbehagen des Stadtfürsten, der stammelnd ein paar Erklärungen ausstieß, daß eine Steinlieferung nicht angekommen sei und daher auch die Steinmetze sich geweigert hätten, irgendetwas zu arbeiten. Zudem versprach er, so schnell wie möglich mit den Arbeiten zu beginnen, um diese Peinlichkeit so schnell hinter sich zu bringen, wie er konnte.
Ein Krachen erscholl am anderen Ende der Halle, gepaart mit einem weiteren Donnerschlag im Himmel.
Der Ordinarius grinste selbstgefällig.
"Meine Wahl wird von großen Zeichen angekündigt."
Vom Eingang des Speisesaales aus rief eine Stimme:
"Euer Ehrwürden, Justin? Hier ist ein Mann für euch, der...", er wurde unterbrochen.
"Ich kann für mich selbst sprechen, Soldat. Kehre zu deinem Wachposten zurück!"
"Aber ich, äh..."
"Auf deinen Posten, Soldat!" Ein hastiges Zusammenschlagen von Hacken erklang, dann konnten Justin und die anderen am Tisch die Schritte von zwei Personen hören, gefolgt vom Zufallen der Eingangstür.

Nun kamen einzelne Schritte den Saal herunter und der Ordinarius und seine Laffen reckten die Hälse, wer da wohl käme, während Olgerich nur mißmutig am Tisch hockte und auf sein Essen starrte.

Die Schritte wurden lauter und ein Mann in einer imposanten Plattenrüstung, auf der im Schein der Öllampen im Raum überall kleine, rote Sicheln schimmerten, kam die Tafel entlang gelaufen. Er trug einen riesigen Turmschild auf dem linken Arm, auf dem in fast Beinlänge ebenfalls das Zeichen des Totengottes prangte. An seiner rechten Seite hing ein Hammer vom Gürtel seines rockähnlichen Beinkleides, dessen Kopf bläulich schimmerte. Er trug zwar keinen Helm, aber auf seinem Gesicht prangte die Maske des Celestus.

Justin reckte sich etwas in seinem Sessel, um majestätisch zu wirken, und blickte dem Mann erwartungsvoll entgegen.
Der Mann in der Kriegsrobe hielt einige Schritte vor ihnen an und blieb schweigend stehen, von einem zum anderen schauend. Dann ergriff er das Wort, bevor der Ordinarius etwas sagen konnte.
"Das ist also deine Version des stillen Gebets, Justin?"
"Ihr sprecht mich an, als kanntet Ihr mich, werter Ritter unseres Herren, mit wem habe ich denn die Ehre?"
"Mit dem Mann, der morgen früh gegen dich in dieser Wahl antreten wird. Und ich verspreche dir, daß es eine völlige Niederlage sein wird."
Justin brach in Lachen aus und wandte sich an seine verwirrt und fast panisch dreinblickenden Speichellecker.
"Da habt ihr drei euch aber einen wirklich lustigen Scherz überlegt. Wer steckt in der Rüstung? Kolbar? Irinel?"
Der Sekretär schaffte es als erster, zu sprechen:
"N... nein, Herr Bischof, es handelt sich mitnichten um eine Belustigung, uns ist dieser Mann gänzlich unbekannt."
Der Ordinarius kicherte weiter: "Oooh, natürlich nicht, ich wette, ihr habt ihn in eurem ganzen Leben noch niemals gesehen."
Olgerich hatte von seinem Teller aufgeblickt und betrachtete den Neuankömmling aufmerksam. Wer mochte das wohl sein?
Der Mann in der Rüstung fuhr fort.
"Ich stehe hier im Namen des Celestus und im Namen der Gläubigen der Kirche unserers Herren. Einer Institution und einer Schar, deren Rechte und das, was ihnen von Rechts wegen zusteht, du, solange du dich 'Priester' nennst, mit Füßen trittst."
Der übertriebene Frohsinn wich aus Justins Gesicht und machte Platz für Zorn.
"Wer seid Ihr, daß Ihr so etwas in diesen heiligen Hallen zu behaupten wagt? Wer hat Euch dazu angestiftet, eine derartige Lüge über mich zu sagen?"
"Lüge? Hast du nicht vor weniger als einem Monat versucht, einen Prediger des Celestus, der unentgeltlich vor den Toren der Stadt Menschen begrub, einfach zu töten?"
"Dieser Bauer?! Er hat meinen Vorgänger ermordet!"
"Das ist nicht wahr, und das weißt du genau!"
"Woher maßt Ihr Euch an, mein Wort anzuzweifeln?"
"Weil ich dabei war, als du und der Bischof versuchten, ihn einfach zu töten. Er hat sich nur gegen eurer beide feigen Angriff gewehrt."
"Das ist eine LÜGE!" Justin sprang auf und hämmerte mit beiden Händen so stark auf den Tisch, daß sein Weinkelch umkippte und von der Tafel rollte.
Olgerich stand ebenfalls auf und sagte:
"Wie lautet Euer Name, Herr Ritter, damit ich weiß, ob man Euch trauen kann."
Der Ordinarius schaute rasend vor Zorn zwischen dem Mann in Rüstung und dem Fürsten hin und her.
"Was soll das heißen? Glaubt Ihr etwa diesem dahergelaufenen Scharlatan, Fürst?!"
Der Mann in der Rüstung sah zu Olgerich und nahm die Maske ab, was Justin erstarren ließ.
"Mein Name ist Joro Macun, ich bin geborener Daishani und trage die Rune meines Volkes stolz auf meiner Kehle. Ich war der Priester, den der Bischof und dieser Mann dort umzubringen suchten."

Alle Anwesenden bis auf den Fürsten waren vor Schreck wie gelähmt, dieser aber ging um den Tisch herum und stellte sich vor Joro. Dann blickte er unter die Halsberge, um daraufhin zu nicken.
"In der Tat, er spricht die Wahrheit."
Joro starrte mit eisernem Blick auf den Ordinarius, dem es nur langsam gelang, sich aus der Starre zu lösen.
"D...DU!", stammelte er, "ich werde jetzt sofort die Wachen rufen, um dich auf der Stelle aus dieser Welt zu beseitigen!"
"Das wirst du nicht tun, denn jede Wache, die sich mir entgegenstellt, wird vom Herrn niedergeworfen werden. Wenn du mir nicht glaubst, kannst du es gerne versuchen."
Justin war offenbar gewillt, es zu versuchen, aber Olgerich hob die Hand.
"Es ist nicht notwendig, hier Blut zu vergießen. Er trägt das Mal der Wahrheit auf seinem Hals."
"Das kann man auch fälschen!" kreischte der Ordinarius.
"Ich war mir darüber im Klaren, daß deins nicht echt ist", entgegnete Joro trocken. "Wobei es mich mit Scham erfüllt, einen lügenden, betrügenden und falschen Daishani zu sehen. Meins hingegen wurde mir vom Druiden meines Dorfes zu meinem zweiten Geburtstag unter den Kehlkopf gebrannt und ich trage es mein Leben lang mit Stolz."
Olgerich sah ihn gleichzeitig bewundernd und traurig an.
"Mir wurde diese Ehre leider nicht zuteil, denn obwohl ich ein Daishani bin, wuchs ich im Ausland auf und der Ritus wurde daher nicht an mir durchgeführt."
Joro lächelte ihn an.
"Das läßt sich jederzeit nachholen, Euer Durchlaucht."
"Olgerich, ich verlange, daß Ihr diesen Mörder auf der Stelle festnehmen laßt. Er ist sicherlich nur gekommen, um mich zu töten!"
Der Fürst wandte sich an Joro. "Ist das die Wahrheit?"
"Nein, ich bin hier, um mich gegen Justin zur Wahl zu stellen und das Volk entscheiden zu lassen, wer der neue Bischof werden soll."
Dem Ordinarius kehrte etwas Sicherheit in den Blick zurück und statt Panik stand wieder Zorn in seinem Gesicht.
"Dann wirst du vernichtend geschlagen werden, du dummer Bauernjunge, und das weißt du."
"Ich werde es darauf ankommen lassen. Sollte ich die Wahl verlieren, wirst du mich niemals wiedersehen. Aber sollte ich gewinnen, wirst du für alle Verbrechen, die du den Menschen angetan hast, bezahlen müssen."
Olgerich hob beide Hände.
"Dann soll es so sein. Als Wächter über die Wahl akzeptiere ich diesen Mann als Kandidat für die Wahl zum Bischof."
Justin wollte erst noch etwas einwenden, dann winkte er ab. Er wandte sich zum Gehen und verließ mit den Worten "Der Appetit ist mir vergangen, ich ziehe mich zurück" den Saal, dicht gefolgt von seinem Troß.

Der Fürst sah den jungen Mann schmunzelnd an.
"Wie alt bist du, Junge?"
Joro war überrascht.
"Was, kein "Ehrwürden" oder "Eure Heiligkeit"?"
"Du machst auf mich nicht den Eindruck, als läge dir daran sonderlich viel, verzeihe mir, wenn ich mich da irre. Also: Wie alt bist du?"
"Neunzehn."
"Und du traust dir wirklich zu, gegen den etablierten Kandidaten der Kirche anzutreten?"
"Natürlich, sonst wäre ich kaum hier, oder seht Ihr das anders?"
"Man könnte auch denken, daß ein Jungspund sich aus einem spontanen Entschluß heraus zu einer Dummheit hinreißen läßt."
"Ich bin vielleicht jung und manchmal nicht sonderlich weltgewandt, aber ich bin nicht dumm."
"Gut, dann hoffe ich, daß dein Plan nachher aufgeht. Wir treffen uns zur fünften Stunde des Vormittages in der Eingangshalle meines Schlosses", er sah sich um, "wenigstens kann ich dir schon einmal danken, daß du dieses unselige Mahl beendet hast."
Er ging den Weg hinunter, auf dem Joro den Saal betreten hatte, und meinte im Fortgehen noch "imposante Rüstung!"

Joro stand erst noch einen Moment dort und überlegte kurz, ob er sich etwas von dem Essen nehmen sollte, aber er dachte an Jans Worte und ging stattdessen ebenfalls zurück. Als er bei den Wachen vorbeikam, meinte er noch knapp:
"Der Ordinarius fühlt sich nicht wohl, ich würde seinen Anweisungen bis zum Morgengrauen nicht unbedingt Beachtung schenken, wenn ihr wißt, was ich meine...", dabei zwinkerte er ihnen zu und die beiden nickten wissend.
Als er zurück in die Reliquienhalle kam, blieb er noch einmal vor den Gemälden stehen.
Das war also Albrecht, derjenige, mit dem dieser ganze Mist angefangen hatte. Er überraschte sich dabei, wie er sich fragte, ob die ursprüngliche Kirche nach den selben Prinzipien funktioniert hatte, wie sie das heute tat.
Hinter ihm hörte er Schritte und fuhr herum. Hinter ihm stand Jan.
"Eine imposante Erscheinung, dieser Albrecht, was?"
"Seid Ihr mir gefolgt?"
"Ich muß zugeben, daß das eine schlechte Angewohnheit von mir ist. Es war jedoch sehr lohnenswert, denn Ihr habt genau das getan, was ich von Euch erwartet hätte, Joro Macun."
"Kanntet Ihr meinen Namen schon vorher?"
"Ja, er war mir bewußt."
"Auch schon, als Ihr uns im Wald traft?"
"Zu diesem Zeitpunkt war er mir auch schon bekannt."
"Wer seid Ihr. Und ich verlange eine Antwort."
"Warum interessiert Ihr Euch so sehr dafür?" Jan lachte leise. "Ihn habt Ihr auch schon gefragt, aber er hat Euch nicht geantwortet, nicht wahr?"
"Ihr wißt weit mehr, als Ihr nur mehr oder minder erfolgreich zu verschweigen sucht, Pilger. Und ich wittere eine ganze Reihe von Halbwahrheiten in dem, was Ihr mir alles sagtet."
Joro blickte auf das Gemälde.
"Es hat etwas mit ihm zu tun." Die Feststellung war eigentlich als Frage gedacht.
"Das ist richtig. Wie ich bereits vorher mehrfach erwähnte, hast du einen scharfen Verstand, mein Junge."
"Seid Ihr... aber das kann unmöglich sein, die Kirche wurde vor Jahrhunderten gegründet, noch vor dem Beginn der Regentschaft Welverins."
"Genaugenommen wurde die Kirche vor genau 681 Jahren gegründet, im zehnten Monat des Jahres. Es war der vierte Tag der Woche, als die Erklärung zur Vereinigung der Totengräber unterzeichnet wurde."
"Also behauptet Ihr, Erzbischof Albrecht zu sein? Wie kann das sein, mit dem Mal auf Eurer Kehle und eurer Behauptung, 'Jan' zu heißen?"
Der Pilger richtete sich auf und sagte:
"Mein voller Name ist Jan Albrecht Bakrah, ich war der erste Bischof dieses Klosters, ich habe es sogar eigenhändig bauen lassen. Und frag nicht noch einmal nach dem Namen, welcher von beiden Vornamen ist wohl der imposantere."
Joro hatte immernoch Zweifel.
"Wollt Ihr mir wirklich weismachen, daß Ihr 721 Jahre alt seid?"
Der Mann vor ihm nahm seine Maske ab und darunter kam ein eingefallener, mumifizierter Schädel mit geblekten Zähnen zum Vorschein, in dessen Augenhöhlen zwei kleine rote Kugeln leuchteten.
Joro nahm unwillkürlich seinen Hammer in die Hand und hob seinen Schild ein wenig.
"Laß die Waffe los, Jungchen, noch ehe du deinen Arm gehoben hast, wirst du als Häuflein Asche auf dem Boden liegen."
"Das glaube ich nicht, weil Celestus auf meiner Seite steht."
"Dein Glaube ist wirklich stark, nicht wahr? Oder ist es vielmehr die Überzeugung, ein höheres Wesen in der Hinterhand zu haben, das dir den Rücken stärkt, wenn du dich in Gefahr begibst."
"Das Stichwort lautet Vertrauen, du Spötter. Eine Tugend, die dir in deinen letzten Jahrhunderten scheinbar abhanden gekommen ist", sagte eine ärgerliche Stimme aus der Ecke des Raumes. Der untote Bischof und Joro drehten sich zu der Stimme hin und konnten nur einen vagen Schatten erkennen, der in der Ecke waberte.
Albrecht lachte wieder sein Lachen, das ohne die Maske noch widerlicher klang.
"Ich fühle mich geehrt, daß du wieder zu mir sprichst, Celestus. Es war reichlich still die letzten 600 Jahre."
"Hast du die Rüstung erkannt, die er trägt, Albrecht?"
Der Bischof ging wortlos zu einer Stelle an der Wand, an der eine Lücke zwischen den Gemälden war, und riß beinahe spielerisch mit der rechten Hand eine Wandtäfelung aus den Fugen. Dahinter war das Portrait eines haßerfüllt dreinblickenden Mannes in der Rüstung, die Joro am Leib trug. Der junge Priester schaute fassungslos auf das Bild.
"Ist... das..."
Celestus und Albrecht sagten beide gleichzeitig und ziemlich genervt: "Ja!"
Der Untote sah wieder zu seinem... Gott?
"Ich habe das Bild selbst gemalt, glaubst du, daß ich diese Rüstung nicht in genau dem Moment endgültig erkannte, als ich sie an diesem Knaben sah?"
Celestus’ Stimme klang ebenso hart: "Dann weißt du, was seine Bestimmung für dieses Haus und diese Stadt ist."
"Ja, ein weiterer Versuch deinerseits, eine Zeit wiedergutzumachen, in der du dich um die Geschicke der Sterblichen keinen Pfifferling gekümmert hast. Und fang mir jetzt ja nicht die Diskussion an, daß die Götter die Sterblichen ihr Leben leben lassen sollen. Den Bockmist nehme ich dir schon seit Jahrhunderten nicht mehr ab."
Joro war geradezu paralysiert, jemanden, der sich vorher noch als Priester ausgegeben hatte, auf diese Weise mit seinem Gott reden zu hören, und das in dieser kalten, spöttischen Art. Oder ehemaligen Gott, aber wie kam es dann zustande, daß sich Celestus überhaupt auf diesen Streit mit ihm einließ, anstatt ihn einfach zu, naja, zerschmettern, oder was Götter im Allgemeinen so taten, wenn sie auf jemanden wirklich wütend waren.
Der dunkle Herr schwieg kurz, dann entgegnete er kalt:
"Ich glaube kaum, daß eine Person mit deinem Horizont ein Recht darauf hat, die Entscheidungen eines Gottes zu kritisieren. Die dafür erforderliche Weitsicht dazu fehlt dir nämlich ganz wesentlich, Albrecht."
Der Bischof klang bitter. "Mein Dasein war lang genug, um die Grundzüge dieser Welt zu verstehen. Und ich bin beleibe nicht der Einzige, den du im Stich ließest. Mit ihm", dabei zeigte er auf das Gemälde des Nuktu, "hat es nämlich angefangen! Ganz zu schweigen von der Kirche, für deren Errichtung ich selbst mein ganzes Leben aufwandte, um sie gut zu machen. Die hast du ebenfalls der Boshaftigkeit und der Gier anheim fallen lassen."
Celestus’ Stimme wurde nun sehr böse.
"Nein, das haben ganz allein die Menschen getan, weil ihr Wesen und ihre Absichten schlecht waren. Weder du noch ich haben uns da irgendetwas vorzuwerfen."
"Damit machst du es dir sehr einfach. Nuktu war also auch selbst schuld, daß er mit dem machtvollen Spielzeug, das du ihm in die Hand drücktest, nicht umgehen konnte, nicht wahr?" Albrecht schnaubte verächtlich aus.
"Ich bin nicht die persönliche Amme eines jeden Sterblichen, du Dickschädel! Wenn sie nicht einmal selbst dafür sorgen können, ihre einfachsten Grundbedürfnisse zu erfüllen, sollen wir Götter uns dann auf immer und ewig um all ihre Wehwehchen kümmern? Für so verbohrt und 
verbittert halte ich nicht einmal dich, Albrecht!"
Der Untote nahm wortlos die Maske wieder vom Boden, die ihm beim Gestikulieren heruntergefallen war.
Dann zeigte er mit seiner linken Hand auf Joro, während er weiter den dunklen Herrn anstarrte.
"Dieser da. Hast du ihn gewarnt, hast du ihm alle Risiken erklärt? Wie lange wußte er schon, daß der Bischof gewählt wird?"
"Die Antwort auf deine letzte Frage kennst du schon, Albrecht. Und was das Erste angeht: Ja, ich habe ihn immer und immer wieder ermahnt, seinem Herzen zu folgen."
"Es ist eine Sache, einem jungen, naiven Menschen zu sagen, er solle sich an seinen Gefühlen orientieren, aber es ist eine völlig andere, ihn, ohne daß er weiß, was auf ihn wartet, in eine Stadt zu schicken, wo der Galgen auf ihn wartet und mit einem Amt zu konfrontieren, für das er viel zu jung und unerfahren ist!" Trotz seiner harten Worte war Albrechts Stimme immer auf seltsame Weise völlig emotionslos.
Celestus Körperhaltung entspannte sich zusehends und er verschränkte seine Arme vor der Brust. Er schwieg.
"Oooooh, nein. Nein." Albrechts Stimme erhielt einen bösen Unterton, aber Joro glaubte, daß der gespielt war, genau wie sein röchelndes Lachen.
"Das hast du gewußt, du verdammter..."
"Vorsicht, Albrecht. Auch meine Geduld hat ihre Grenzen." Celestus sprach wieder völlig ruhig und sachlich.
Der Bischof musterte Joro von oben bis unten, dann sah er wieder in die Ecke, wo der Gott stand.
"Du erwartest doch nicht etwa wirklich von mir, daß ich die Arbeit annehme, die du eben noch als die Nemesis eines jeden Gottes bezeichnet hast. Wenn ein Gott sie schon nicht leisten kann, wie soll dann ein armseliger Knochenhaufen wie ich dafür sorgen, daß dieser Junge sich nicht auf Abwege begibt?"
"Du hast Erfahrung, Albrecht, und die Arbeit, die ihm bevorsteht, ist dir gut bekannt."
"Ich lasse mich nicht wieder zu deinem Diener machen, unser beider Handel ist abgeschlossen und eingelöst."
Celestus verschwand einfach und seine Stimme hallte noch durch den Saal:
"Du hast dich selbst eingemischt, ich habe dich nicht darum gebeten, denn wie du weißt, habe ich seit 600 Jahren nicht mehr mit dir geredet. Und um ehrlich zu sein, werde ich die nächsten 600 Jahre lang die Ruhe genießen."
 

© Matthias Wruck
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Und schon geht es hier weiter zum 34. Kapitel...

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