Der Prophet und der Totengräber von Matthias Wruck
Kapitel 36

Joro ging wieder in den Saal hinein und schloß die Tür. Albrecht und Toldor sahen beide in seine Richtung. Der Leichnam gewohnt ausdruckslos und Toldor zweifelnd.
"Ihr wißt aber, daß die meisten wittern werden, was auf sie zukommt und Dinge mit sich nehmen werden, die ihnen nicht gehören, oder?" sagte der alte Mann.
"Das ist mir bewußt, aber das, was die Kirche hier ihr 'Eigen' nennt, ist nicht wirklich ihr Eigentum. Es ist mir einerlei, ob sie davon etwas stehlen oder nicht. Ehrlich gesagt interessiert mich gerade etwas anderes."
"Was denn?"
"Steht die Klostergarde hinter mir, wenn ich befehle, alle vor die Tore zu treiben?"
Toldor zuckte mit den Schultern.
"Die werden bezahlt, die machen alles, wenn sie ihr Geld bekommen."
"Das gedenke ich auch zu ändern. Aber für den Moment kann ich damit leben."

Die Tür hinter ihnen ging auf und die Wache brüllte im Meldeton:
"Der Koch, Franz, Euer Eminenz."
Albrecht, Toldor und Joro drehten sich um und sahen einen sehr großen und nicht gerade schlanken Mönch eintreten, der vor seiner Robe auf der Brust eine ziemlich speckige Schürze trug.
"Ihr habt nach mir geschickt, Bischof?"
"Richtig, äh, Franz war der Name?"
"Ja."
"Ich möchte dir mitteilen, daß du auch in Zukunft ein Zuhause haben wirst in diesen Hallen."
"Äh...", Franz sah hilfesuchend zu Toldor, der aber schwieg und ihm aufmunternd zunickte.
"Gut, das freut mich", sagte der Koch, "und... äh..."
"Ganz recht, wir, das heißt in erster Linie ich, führen hier gerade ein paar Änderungen durch. Ich wollte dir einfach nur sagen, daß ich deine Anwesenheit, auch nach diesem Tage schätzen werde", fügte Joro noch hinzu, dann sagte er zu Albrecht: "Würdest du bitte den Fürsten einweihen? Ich gehe derweil zum Hauptmann der Klostergarde und werde ihm Anweisungen geben... Ehm..."
Toldor sah ihn fragend an.
"Ja, was?"
"Wo finde ich den?" Joro wurde rot.
Die Anwesenden lachten, Albrecht ausgenommen, und Franz meinte:
"Den habe ich vorhin vor der Tür auf- und ablaufen sehen."

Joro trat hinaus auf den Gang. Die Eingangshalle war leer und außer den zwei Wachen an der Tür und einem Mann in einer edel aussehenden Rüstung war keiner zugegen.
"Seid Ihr der Hauptmann?"
Der Mann salutierte und sagte zackig: "Jawohl, Herr Bischof!"
"Dann macht mal eure ganzen Leute mobil und bringt sie rund um den Hof zur Aufstellung. Und bitte zügig, wenns recht ist!"
"Jawohl! Darf ich fragen warum, Herr Bischof?"
"Weil Ihr, sobald die Garde angetreten ist, dafür sorgen werdet, daß alle außer denen, die mit mir im Thronsaal sind, sofort das Kloster verlassen."
Erstaunlicherweise schien das den Hauptmann überhaupt nicht zu berühren. Stattdessen salutierte er noch einmal und ging dann schnellen Schrittes davon.
"Halt, wartet, wie lange werdet Ihr brauchen?"
Der Offizier drehte sich noch einmal schnell um, knallte noch einmal die Hacken zusammen und rief: "Es wird alsbald geschehen, Euer Eminenz!", salutierte noch einmal und ging dann.

'Dann ist die große Stunde jetzt wohl gekommen... Und das, obwohl es eigentlich schon zu viel auf einmal war heute', dachte Joro.
'Du machst deine Sache gut', erwiderte Celestus.
'Ich bin froh, wenn ich schlafen kann. Ich bin ja schon fast zwei Tage lang wach.'
'Keine Sorge, ich glaube, daß du bald fertig bist für heute.'

Joro wartete noch ein bißchen, dann trat er vor das Tor, in den Innenhof.
Die riesige Menge war angetreten und er konnte sehr zu seiner Erleichterung rund um den Hof ein Spalier aus Soldaten stehen sehen.
Nachdem er kurz überlegt hatte, was genau er sagen wollte, entschied er sich, es kurz zu machen. Die Müdigkeit nagte an ihm und er wollte es einfach hinter sich bringen.
"Hört mir gut zu!" rief er.
Die Augen der Masse vor ihm richteten sich auf ihn.
"Ich entlasse euch alle hiermit aus dem Dienst am Herren. Ihr seid frei, zu gehen, wohin ihr wollt."
Stille. Keiner der Anwesenden bewegte sich.
Leicht verunsichert fügte er hinzu:
"Das ist völlig ernst gemeint, geht!"
Ein Mann in der ersten Reihe ergriff das Wort.
"Darf man fragen, warum?"
"Weil ihr alle keine echten Gläubigen des Herren seid. Daher sehe ich keine Veranlassung, euch weiter hier zu behalten."
Die Menschen vor ihm begannen, teilweise recht laut, miteinander zu reden. Er konnte Wortfetzen wie, "Was für eine Unverschämtheit" und "Was bildet der sich ein" hören.
Der Mann in vorderster Reihe ergriff erneut das Wort.
"Ihr steht allein gegen über tausend von uns. Meint ihr wirklich, daß wir uns einfach so verjagen lassen?"
Joro entschied sich, nicht weiterzudiskutieren, sondern gab dem Hauptmann ein Zeichen.
Dieser blies in ein Horn und die Gardisten begannen, die Menge zurückzudrängen.
Der Protest der Menge wurde immer lauter, aber die schwer gerüsteten und mit großen Schilden bestückten Soldaten schoben sie unaufhaltsam auf das Tor zu und dann hindurch.
Eigentlich beeindruckte es Joro, wie schnell das vonstatten ging, allerdings kamen ihm dabei seltsamerweise Gedanken, daß er die Leute irgendwie von dort vertreiben ließ, wo sie sich vielleicht zuhause fühlten.
Auf der anderen Seite war dies nicht ihr Heim. Es war ein Bau zu Ehren eines Gottes, an den sie nicht einmal glaubten. Er war erstaunt über die Diskrepanz seiner Gefühle, denn sich auf der einen Seite schuldig zu fühlen und auf der anderen Seite den gerechten Zorn zu spüren, diesen Ort von dem Ungeziefer zu befreien, hatte etwas seltsames an sich.
Er mußte jedoch innerlich zugeben, daß er das Gefühl von Macht ziemlich genoß, wobei ihm nicht ganz klar war, ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes war.

Die Wachen hatten die letzten Menschen vor das Tor gedrängt und schlossen dieses, währenddessen kam der Hauptmann der Garde zu Joro, salutierte und sagte:
"Befehl ausgeführt, Herr Bischof!"
"Gut. Laßt bitte eine kleine Truppe an Wachen vor dem Tor und stellt sicher, daß draußen nicht randaliert wird oder nicht vielleicht einige von ihnen auf komische Ideen kommen. Wer weiß, was geschehen könnte, wenn ihnen die Wut überkocht."
"Dafür ist bereits Sorge getragen, Herr Bischof. Ich habe draußen zwanzig Männer abgestellt, die sie auf Distanz zum Kloster halten."
"In Ordnung. Gut. Sehr gut sogar. Dann werde ich einmal hineingehen und mit denen, die noch da sind, etwas essen."

Auf dem Rückweg zum Thronsaal merkte Joro zusehends, wie die Müdigkeit seinen Körper immer schwerer machte und er ertappte sich dabei, wie er eigentlich nur noch die Rüstung ablegen und in ein Bett fallen wollte. Aber der Tag, oder zumindest die Aufgaben des Tages waren noch nicht erledigt, da war noch die Sache mit dem Essen, außerdem war er sich sicher, daß sowohl Toldor als auch Albrecht garantiert noch ein paar weitere Fragen an ihn hatten, was er sich wohl vorstellte, was zu tun sei.
Dabei hatte er ja noch nicht einmal die geringste Ahnung von gar nichts. Irgendwie fragte er sich auch, wie er überhaupt auf die Idee gekommen war, sich zum Bischof wählen zu lassen. War es nicht in erster Linie eine Reaktion auf Justins Person gewesen? Kaum einen Tag zuvor hätte er sich nicht einmal fähig gefühlt, eine Rede vor den versammelten "Priestern" zu halten und nun hatte er gerade über eintausend Menschen vertreiben lassen und war mit einem alten Mann, einem dicken Riesen von einem Koch, einem glatzköpfigen Fürsten und einem zynischen Knochenhaufen allein in diesem Gebäudekomplex. Wenigstens spukte auch Dinin hier noch irgendwo herum.
'Nur nicht nachlassen', meinte die Stimme in seinem Kopf.
'Das sagst du so einfach. Du bist ja nicht in meiner Situation', gab Joro zurück.
'Was macht dich denken, daß dem nicht so ist? Wem ist dieser Bau gewidmet? Wer hatte den Schaden von all dem, was hier vor sich ging?'
'Aber du machst wenigstens den Eindruck, als wüsstest du, was man von dir erwartet, ich hingegen habe Schwierigkeiten damit, auch nur den Anschein von Kompetenz zu vermitteln.'
'Sehr schmeichelhafte Worte von dir, Joro.'
'Du weißt genau, was ich meine, Celestus.'
'Ich glaube, daß du dir überlegen solltest, warum ich gerade dich ausgewählt habe. Gestern sagte ich dir noch, daß du dich auf den Boden wirfst und was hast du danach getan?'
'Mich noch tiefer in den Dreck geritten, als ich vorher schon darin war.'
'Nein. Du hast auf deine Instinkte gehört und intuitiv eine Position von Stärke eingenommen. Das hast du vorher auch schon oft getan, erinnerst du dich an den Markt in Noth?'
'Ja... Das stimmt schon...'
'Na also', Celestus lachte leise. 'Dein Problem ist, daß du zu viel nachdenkst. Vor allem über Dinge, die eigentlich gar nicht wichtig sind. Stattdessen solltest du einfach nur die Situationen, in denen du dich befindest, ansehen und darauf hören, was dein Bauch dir dazu sagt. Das macht dich nämlich stärker, als den Großteil der Menschen, denen ich in den letzten Jahrhunderten begegnet bin. Und jetzt geh da rein und mach so weiter, wie du angefangen hast.'

Im Thronsaal stand Albrecht vor dem Stuhl, auf dem Toldor saß. Daneben stand der Koch, Franz, und lehnte sich mit dem linken Arm auf die Rückenlehne. Fürst Olgerich hatte sich auch einen Stuhl geholt und saß darauf, direkt gegenüber von Toldor. Dinin stand an einer der Säulen und pulte sich mit einem Dolch unter den Fingernägeln.
Toldor, Albrecht und Olgerich diskutierten leise miteinander und es schien fast, als beteilige sich der Leichnam, der seine Maske wieder aufgesetzt hatte, sehr angeregt an der Unterhaltung. Seine Körperhaltung, die normalerweise eher darin bestand, daß er mit leicht auf der Seite liegendem Kopf und vor der Brust verschränkten Armen dastand und zynische Kommentare von sich gab, hatte sich in eine aufrechte Position verlagert und er gestikulierte ausgiebig.
Als er sah, wie Joro wieder den Raum betrat, hielt er inne und winkte den jungen Mann heran.
Joro schaute in die Runde und fragte:
"Und, worüber redet ihr?"
"Wir vier haben eben diskutiert, wie unsere Zukunft hier aussehen könnte."
"Und was habt ihr für Ergebnisse?"
Franz nahm den Arm von der Lehne und rieb sich die Hände.
"Ich gehe jetzt erst einmal in meine Küche und sehe zu, ob noch etwas von dem Bankett zu retten ist, das ich vorhin vorbereitet habe. Glücklicherweise hatte ich keine Hilfsköche, sonst wäre ich jetzt aufgeschmissen", fügte er noch mit einem schiefen Blick auf Joro hinzu.
Olgerich stand auf und half Toldor ebenfalls beim Aufstehen.
"Laßt uns in den Speisesaal gehen, dort können wir alles bereden, bis das Essen kommt."
Joro schüttelte den Kopf.
"Nein, ich werde erst einmal in die Küche gehen und Franz helfen. Wir können ihn doch nicht ganz alleine alles herüberschleppen lassen."
Toldor lachte fröhlich.
"Es gibt in diesem Kloster eine Grundregel, die auch Ihr nicht abschaffen könnt, Euer Eminenz: Kommt niemals, und ich wiederhole: niemals Franz in die Quere."
"Wie meint Ihr das?" fragte Joro überrascht.
"So, wie ich es sage", meinte der alte Priester, immernoch lächelnd. "Franz haßt es, wenn man in seine Küche kommt und ihm im Weg steht und Ihr könnt mir glauben, daß er schon die bloße Anwesenheit anderer als "im Weg stehen" ansieht. Warum glaubt Ihr wohl, daß er keine Hilfsköche hatte, obwohl es hier an Festtagen über 1500 Menschen zu versorgen gab..."

Sie gingen durch die Reliquienhalle zum Speisesaal, wobei Joro auffiel, daß die Vertäfelung wieder vor dem Bild des Nuktu angebracht war. Er hielt an und sah zu Albrecht hinüber, der den Blick gewohnt stoisch zurückgab.
Joro dachte nach. Er sollte seinem Bauch folgen? Welche Gründe auch immer Albrecht hatte, das Bild wieder zu verbergen, oder ob er gar derjenige gewesen war, der ursprünglich dafür gesorgt hatte, sein eigenes Werk zu verstecken, oder zumindest abzudecken, es fühlte sich nicht richtig an, es so zu lassen.
Er trat vor und griff unter den Rand der Holzplatte.
"Das würde ich nicht tun", meinte Albrecht trocken.
"Und warum nicht?"
"Weil die Platte mindestens zweihundert Pfund schwer ist, wenn nicht noch schwerer. Sie ist aus massivem Eichenholz."
Der Leichnam mußte über eine unglaubliche Körperkraft verfügen, er hatte die Platte mit einer Hand abgenommen, als sei sie aus Papier und sie auch mit dieser einen Hand einfach abgestellt.
"Wenn sie dir aus der Hand fällt, wird sie auf eine der Vitrinen fallen", fügte Albrecht hinzu.
"Das ist deine einzige Sorge?"
"Du willst darauf hinaus, daß ich etwas dagegen haben könnte, daß du sie abnimmst?"
"Das hast du gut erraten, Albrecht."
Der Leichnam zuckte mit den Schultern.
"Ich wüsste keinen Grund, warum das einen Sinn machte."
"Weil er ein Teil der Geschichte des Celestus ist. Es ist mir egal, warum diese Platte davor hängt. Wir müssen uns an ihn erinnern, ob diese Erinnerung nun gut oder böse ist."
Joro konnte aus seinen Augenwinkeln sehen, daß Toldor, und überraschenderweise auch Olgerich, beide zustimmend nickten. Er drehte sich wieder der Tafel zu und griff an seinen Gürtel.
"Wenn ich die Platte nicht heben kann und wenn sie bei einem Sturz den Raum beschädigen würde, muß ich das Problem wohl anders lösen."
Er hob den Hammer und schmetterte ihn gegen die Platte.
Nichts geschah.
Er hieb erneut darauf, aber wieder tat sich nichts. Albrecht hinter ihm tappte spöttisch mit dem Fuß auf den Boden. Warum explodierte der Hammer beim Aufprall nicht, so wie es bereits einige Male geschehen war?
Joro faßte die Waffe mit beiden Händen, konzentrierte sich und hob ihn dann langsam über den Kopf. Dann hieb er mit aller Kraft, die er hatte, auf das Holz.
Der Schlag federte ein bißchen zurück und Joro taumelte einige Schritte in Richtung Raummitte, während er sah, wie sich die Tafel mit Rauhreif überzog. War er auf dem richtigen Weg?
Wieder stellte er sich davor, plazierte den linken Fuß ein Stück vor dem rechten, so wie Nalfein ihm beigebracht hatte, wie ein "stabiler Stand" aussah, und beugte beide Knie ein Stück weit. Dann hob er den Hammer erneut und führte einen weiteren Schlag mit voller Wucht gegen das schwere Holz.
Die einen Schritt mal zwei Schritte messende Holzplatte zerbarst in tausende, kleine, gefrorene Splitter, als sich die eisige Macht der Waffe auf sie entlud. Toldor und Olgerich hielten bei der Explosion schützend ihre Arme vor die Augen, während Albrecht nur stoisch dastand und die kleinen Holzgeschosse auf ihn einhämmerten. Joro wurde von einem der Splitter an der Wange gestreift und fühlte nach einem stechenden Schmerz, wie das warme Blut sein Gesicht herunterlief.
Er hängte den Hammer wortlos wieder an den Gürtel und benutzte den Saum seines Piwafwi, um sich das Blut abzuwischen.
"Nicht formschön, aber effektiv", meinte Albrecht.
Irgendwie war Joro stolz auf sich und streckte die Brust raus. "So. Und nun können wir uns in den Speisesaal setzen."

Auf der Tafel in der großen Obsidianhalle war für zwölf Personen eingedeckt, aber die Aufstellung der Klostermannschaft hatte sich ja nun ein wenig verändert. Also setzten sie sich alle rund um das Ende der Tafel, wo der Sessel für den Bischof stand. Joro ließ sich mit einem Ächzen darauf nieder und stellte fest, daß er reichlich durchgesessen war. Bei der Leibesfülle des ehemaligen Bischofs war das nicht sehr verwunderlich.
Er sah in die Runde und konnte nicht umhin festzustellen, daß die Gruppe der anwesenden Personen ein reichlich seltsam anmutender Haufen war. Irgendetwas sagte Joro, daß der Rest seines Lebens nicht gerade sonderlich normaler sein würde.

Es dauerte auch nicht lange, da hörten sie ein Poltern und Klappern, als Franz einen großen Servierwagen vor sich her den Saal entlangschob.
Essen hatte etwas sehr revitalisierendes an sich, denn wie schon einige Male zuvor wich allein durch den Anblick dessen, was dort auf den Tabletts lag, jede Müdigkeit aus Joros Knochen.[???]
Dementsprechend war, als sein Teller nun gefüllt vor ihm stand, auch erst einmal regelrechtes Fressen angesagt.
Franz hatte in der Tat wohl eher für eine größere Menge an Menschen gekocht, daher war die Menge auch alles andere als vertilgbar. Zudem aßen ja auch nur vier der fünf Personen am Tisch, Albrecht benötigte naturgebunden keinerlei Speisen.
Joro aß eine ganze Schweinshaxe und lehnte sich dann mit zufriedenem Gesicht in seinem Sessel zurück.
Der Fürst, Toldor, Albrecht und Dinin sahen ihn erwartungsvoll an.
"Äh, soll ich jetzt irgendetwas Interessantes sagen?"
"Es wäre ein guter Zeitpunkt", meinte Albrecht trocken.
Joro überlegte kurz, dann reckte er sich.
"Ich gehe gleich erst einmal schlafen. Nach all der Anstrengung kann ich kaum noch geradeausgucken. Ich schlage vor, daß wir uns morgen alle hier oder wo auch immer treffen und einen Plan ausarbeiten, wie wir weiterhin vorgehen werden. Es wäre gut, wenn sich jeder ein paar Gedanken machen würde, wie wir das Problem anpacken können."
Dinin grinste breit. "Ich auch?"
"Wenn du willst, klar." Joro zuckte mit den Achseln.
Die Anwesenden hatten sich mit Sicherheit mehr erhofft als eine derartige Ankündigung, aber der neue Bischof wollte einfach nur noch schlafen. Das mußte sein Gesichtsausdruck mehr als deutlich widergespiegelt haben, denn keiner verlor noch ein Wort darüber. Stattdessen versuchte Toldor aufzustehen, was Joro mit einer Geste unterband.
"Ich weiß, ich weiß. Dem Bischof stehen wohl besondere Gemächer zur Verfügung, aber ich ziehe es vor, in der Zelle zu schlafen, in die man mich gestern einquartiert hat. Sie ist irgendwie gemütlich und ich habe ehrlich gesagt auch keine hohen Ansprüche mehr nach diesen Anstrengungen."
"Wie Ihr wünscht, Eminenz. Seid Ihr sicher, daß ihr keine Begleitung wünscht?"
Joro lächelte.
"Nein, ich gehe schon einige Jahre lang selbstständig ins Bett. Und auch wenn Dinin mit Sicherheit gerade überlegt, wie er die Frage nach einem Gutenachtkuß in einen Kommentar einbinden kann, ziehe ich es vor, alleine zu gehen."
Der Drow machte eine Geste mit dem Arm, die offenbar seine Frustration ausdrücken sollte, daß ihm Joro zuvorgekommen war, aber schwieg lächelnd.
"Gehabt euch wohl, wir sehen uns heute nachmittag."
Die Anwesenden wünschten ihm alle eine gute Nacht und er ging den Gang entlang Richtung Eingangshalle des Gebäudes.

In der Reliquienhalle blieb er noch ein weiteres Mal stehen und schaute auf das Gemälde des Nuktu.
Der Kriegsherr hatte noch einige Jahrhunderte früher gelebt als Albrecht, aber sein Gesicht wirkte auf dem Bild sehr lebendig und lebensecht. Es war eine gute Entscheidung gewesen, die Tafel von der Wand zu nehmen. Auf diese Art konnte dieses Portrait auf ewig als eine Ermahnung dienen.

Mit einem Gefühl der Zufriedenheit und einem halben Schweinebein im Bauch kam er schlußendlich an der kargen Holztür im Nebenhof des Klosters an, holte den Schlüssel wieder aus seiner Hose und schloß die Tür auf.
Nachdem er sich aus der Rüstung gequält hatte, legte er sich auf die harte Pritsche und während er noch sehnsüchtig an Vierna dachte, schlief er fast sofort ein.
 

© Matthias Wruck
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Und schon geht es hier weiter zum 37. Kapitel...

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