Xendium - Manifestation von I.S. Alaxa
Teil 1 - Geschenk des Himmels
Kapitel III

»Na toll!«, brummte Tigris und gähnte zum mindestens zwanzigsten Mal ausgiebig. »Ich habe mich extra heute Morgen überwunden, Geschichte nicht zu knicken, und dann ist Herr Hornig krank. Was machen wir bis zehn?«
Sie und Berry trotteten beide ziemlich unausgeschlafen und kraftlos am Montagmorgen mit einigen anderen ihres Geschichtskurses über den leeren Pausenhof der Schule.
»Hauptsache, irgendwohin, wo es nicht so auffällt, wenn man weiterschläft«, meinte Berry lustlos.
»Am besten zu Timmy’s«, sagte Tigris. »Ich habe wirklich keine Lust, in der Stadt herumzu-
gammeln.«
»Ja ja... ob wir im Timmy’s ›zufälligerweise‹ Darius sichten?«
»Der schläft doch garantiert noch. Ich habe ihn eben nicht gesehen.«
»Eben ist gut! Nicht einmal ich habe soviel Fehlstunden beim Hornig wie er. Ach ja!« Berry grinste. »Elke hat doch erwähnt, dass er gestern einen Auftritt mit seiner Band hatte und wahrscheinlich heute wieder in irgend so einem Goth-Schuppen spielt. Dann kommt er garantiert die ganze Woche nicht.«
Sie verließen das Schulgelände und bogen in eine ruhige Seitenstraße mit Altbauten ein, an deren Ende sich das bei den Schülern sehr beliebte Bistro befand.
Mit einem Mal wurde Tigris’ Blick von einem funkelnagelneuen Kaugummi-Automaten an einer gelb getünchten Hauswand geradezu magisch angezogen. ›Kaugummi! Das ist doch genau das, was du jetzt brauchst. Wenn das mal nicht perfektes Timing ist...‹, hallte ein jubilierender Gedanke durch sie hindurch, wenngleich auch mit merkwürdig tiefer Stimme.
»Warte mal kurz, ich brauche etwas, was wenigstens meine Kiefernmuskeln wach hält. Ich fühle mich total gerädert.« Tigris blieb stehen und kramte in ihrem Portemonnaie nach Kleingeld. 
»Seit wann ist der denn da? Ist mir noch nie aufgefallen, da-«, sagte Berry, wobei der Rest in Gähnen unterging.
Tigris, die schon den Cent in den Schlitz geworfen hatte, hielt inne und fixierte den Automaten misstrauisch. 
»Ich... glaube, ich will doch keinen«, erklärte sie langsam und wandte sich zu Berry um.
›Herrje, das darf doch nicht wahr sein! Wenn Omrishah nicht darauf bestehen würde, dass du diese Kette bekommen sollst, würde ich den Kram schon längst hinschmeißen!‹
Tigris schloss wütend die Augen. Es war dieselbe Stimme wie bei der Sache mit der alten Händlerin, wie aus dem Fernseher am frühen Sonntagmorgen zuvor!
Interessierten sich also neuerdings doch Dämonen für sie?
»Spinnst du? Jetzt hast du doch schon Geld hineingeworfen! Du bist echt merkwürdig in letzter Zeit...«, Berry drehte entschlossen den Griff. Herauskullerte ein großes Plastik-Ei, in dem sich gewöhnlich Plastikringe oder anderer billiger Kleinkram für Kinder befanden.
»Ich werd nicht mehr! Schau dir das mal an!« Mit perplexem Gesicht hob Berry ein ungewöhnliches Schmuckstück aus den Plastikhälften.
Tigris wurde kreidebleich und starrte schweigend auf die silberne Kette, an der das Rosenpentagramm mit dem Bernstein in der Mitte hing. Tausende Gedanken fuhren Karussell in ihrem Kopf, schrieen wild durcheinander, bis ihr Hirn vor Verzweiflung zu pochen anzufangen schien.
»Ist ja irre, oder, Tigris? Wie der wohl dort hineingekommen ist? Das sieht nach echtem Silber aus!«
Berry hielt immer noch ungläubig lächelnd die Kette zwischen Daumen und Zeigefinger ins Morgenlicht.
Und nur weil Tigris immer noch viel zu verwirrt war, um irgendetwas anderes als dieses Schmuckstück wahrnehmen zu können, bemerkten beide Mädchen nicht, wie aus dem Nichts ein Fahrradkurier mit einem wahnwitzigen Tempo heran geschossen kam, die Hand ausstreckte und wie der Blitz davonflog.
Berry taumelte, verlor das Gleichgewicht und fiel auf ihren Allerwertesten.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein!«, zischte Tigris empört und verdattert zugleich. »Er hat sich die Kette geschnappt! Was geht hier eigentlich vor?« Dem sich rasch entfernenden Punkt noch nachsehend streckte sie die Hand aus, um Berry aufzuhelfen.
»Tsss, das ist wohl der Rest-Alkohol...«, kicherte diese und kam grinsend hoch. »Andreas und ich hatten gestern einen gemütlichen Abend, weißt du... na ja, und dann noch diese Schuhe«, Leichthin lächelnd hob sie kurz den Fuß an, sodass die silberfarbenen Stilett-Absätze ihrer schwarzen Stiefel unter der Schlaghose hervorblitzten. Dann zuckte sie mit den Schulten und hakte sich plötzlich beschwingt bei Tigris unter. »Lass uns endlich ins Timmy’s gehen. Ich brauche jede Menge Koffein...«
Schweigend ließ sich Tigris mitziehen. Als sie sich kurz umwandte, war nichts mehr von dem Kaugummi-Automaten zu sehen. Wie sie es eigentlich auch nicht anders erwartet hatte. Sie entschloss sich, über den merkwürdigen Vorfall von eben nicht mehr mit Berry zu reden. Die Gute hatte offensichtlich überhaupt keine Erinnerung daran.
›War das ein Dämon?‹ fragte sie sich mit einem Anflug von Panik, woraufhin sie sich augenblicklich selber antwortete: ›Wenn ja, ist mir schleierhaft, wieso die Xendii solche Angst vor ihnen haben. Es scheinen mehr Witzfiguren zu sein als blutrünstige Monster.‹

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Überraschenderweise saß Darius mit zwei seiner Gothic-Kumpels doch schon im Bistro und zupfte an seiner Gitarre herum.
»Fräulein Berenike und Fräulein Morgenröte, sieh an, welch Glanz in dieser Hütte plötzlich einkehrt. Einen wunderschönen Guten Morgen, Miladys!«, rief er und senkte spöttisch grinsend seinen Kopf. Wie so oft, lagen tiefe Schatten unter seinen schwarzumrandeten, dunklen Augen, was ihm zusammen mit pechschwarz gefärbten langen Haaren den gewünschten Finstertouch verlieh. Dazu noch ein schwarzes Hemd mit bauschigen Ärmeln, eine schwarze Lederhose mit silberner Schnalle in Form eines zum Schrei verzerrten Teufelgesichtes - die letzten Zweifel an seiner Gesinnung schienen ausgeräumt.
»Sei gegrüßt, Diener der Finsteren Mächte. Was treibt dich denn in den hellichten Tag?«, rief Tigris gespielt ironisch, obwohl ihr Herz doch einen kleinen Hüpfer machte. Wieso nur hatten mysteriöse, schräge Typen derart leichtes Spiel bei ihr?
»Studien an den Sterblichen, natürlich. Nein, wir haben bis vor einigen Stunden durchgefeiert und können immer noch nicht schlafen. Also dachten wir, könnten wir wieder einmal den Unterricht beehren. Leider wurde unser Vorhaben durch ein Leiden des Meisters zunichte gemacht. Nun harren wir aus, bis Milady Rautenberg an der Reihe ist. Ich freue mich jetzt schon darauf, sie wieder in ein Streitgespräch über das Böse zu verwickeln.«
»Das ist eigentlich nicht nötig; sie glaubt doch sowieso, dass du mit dem Teufel im Bunde stehst. Jedenfalls scheint sie vor dir ein wenig Angst zu haben. Vielleicht liegt es aber auch nur an deiner bedrohlichen Gürtelschnalle mit der Teufelsfratze. Was Accessoires doch ausmachen können«,
Berry hatte sich - ein Grinsend kaum verkneifend könnend- mit Tigris an den Tisch nebenan niedergelassen.
»Los, frag ihn!«, zischte sie Tigris zu, als Darius den Kopf wandte, weil ihm sein nicht weniger düster aussehender Freund etwas zuraunte.
Wieso eigentlich nicht?
»Sir Darius Alessi...?«
Erfreut bemerkte Tigris, dass er sich schlagartig wieder ihr zuwandte.
»Ich gebe nächsten Samstag meine Geburtstagsparty. Und ich wäre höchst erfreut, wenn du auch kommen könntest.«
Darius lachte und zeigte seine erstaunlich weißen, ebenmäßigen Zähne. »Ah, ein weiterer Schritt auf den Tod zu«, Amüsiert beobachtete er, wie Tigris die Augen verdrehte, aber ihn immer noch anlächelte. »Deine Mutter würde mich bestimmt massakrieren. Ich habe gehört, dass sie zum Beispiel von Gläserrücken nicht besonders angetan ist. Aber immerhin hegt sie einige interessante Vorstellungen über Religionen und dergleichen. Vielleicht schaue ich tatsächlich vorbei.«
»Aber bitte kein Huhn mitbringen, dass geopfert werden soll.«
»Hühner, tsss. Nur reines Menschenblut eröffnet uns die Zukunft, das weiß doch jeder. Aber die Zeiten sind wohl vorbei. Schade, ich lebe offensichtlich im falschen Jahrhundert.« Er seufzte gespielt bedauernd.
»Na ja, wer weiß. Vielleicht stimmt das mit der Reinkarnation, und du hast schon einmal in besseren Zeiten gelebt. Als Großmagier oder so.«
»Das würde einiges erklären!« Er zupfte wieder an der Gitarre. »Vielleicht kann ich bei deinem Fest zur Feier des Tages unseren neuesten Song zum Besten geben...«
Aus den unzusammenhängenden Akkorden wurde eine langsame düstere Melodie. Und dann begann Darius, mit leiser, tiefer, Unheil verkündender Stimme dazu zu singen.

Ich atme Hass und speie Wut
Deine Worte nähren Schmerzen
Nähren all die Zornesglut
Tief in meinem kranken Herzen
Löschen aus, was je noch gut
Und rein in mir gewesen

Die Nacht weint Blut 
Mein Lieb, das schwör ich mir
Diese Nacht weint Blut
Mein Lieb, es ist von dir
Diese Nacht wird dein Blut weinen
Diese Erde wird es schmecken
Diese Nacht wird dein Blut weinen
Und du elend vor mir verrecken
Mein Herz, diese meine Hände
Bringen dich zu deinem Ende.
Die Nacht weint Blut...

»Oh Mann«, entfuhr es Berry leise. »Sind die weit ab!«
»Habe genau gehört, was du gesagt hast«, rief Darius amüsiert.
»Sie meinte damit natürlich:«, rief Tigris. »Wie erbaulich, geradezu hitverdächtig! Nun ja, manchmal hat man wohl solche Gelüste in sich. Die Kunst ist es, ihnen nicht nachzugeben.«
»Das ist wirklich eine große Kunst, wo das Böse einfach zu übermächtig ist. Es beherrscht inzwischen die ganze Welt, zieht sich durch alle Institutionen und Völker. Niemand ist vor ihm sicher.«
»In Wahrheit ist das Böse nur in uns selber. Und mal abgesehen davon: Wieso sieht Satan eigentlich immer so hässlich auf allen Bildern aus? Das ist doch irgendwie kontraproduktiv. Auf der einen Seite die schönen Engel, auf der anderen die hässlichen Teufel. Also, da fiele mir die Wahl als Gläubiger ja nicht besonders schwer.«
»Aber was ruft mehr Respekt hervor? Eine hübsche blonde Schwuchtel oder ein riesiges Monstrum?«
»Ergebenheit durch Furcht. Das ist doch auch der Kern der drei größten Religionen. Also wieder mal das Gleiche in Grün.«
»In Schwarz, wenn schon. Der Unterschied ist jedoch: Gott Jahwe verbietet alles, während Luzifer sich gegen jede Bevormundung stellte. Seine Lehre ist die Lehre der Individualität und Selbstbestimmung, verkehrt durch die Popen in Auflehnung und Ewige Verdammnis. In Wahrheit gibt es zwei Götter. Der eine ist ziemlich verbittert und kommt mit immer neuen Variationen von Verboten und Geboten, Religionen und Sekten. Der andere war schon immer erfolgreicher, weil er den Eigenen Weg predigt, die Freiheit und den Genuss des Lebens.«
»Und wieso geht das nur, wenn dafür alles in Schutt und Asche gelegt werden muss, wenn dafür Unschuldige bluten müssen?«
»Wer sagt denn, dass dies auf das Konto von Satan geht? Soweit ich folgen kann, werden die schlimmsten Verbrechen und Kriege noch immer oft genug im Namen des anderen Gottes geführt. An ihren Göttern werdet ihr sie erkennen, die Irrgeleiteten. Nicht umsonst bedeutet Luzifer Der Lichtbringer. Wer sagt, dass weltweit der richtige Gott angebetet wird? Wer sagt, dass nicht schon längst der richtige Gott die Oberhand gewonnen hat und nun sein Reich entfaltet, zugegeben nicht unter Geburtsschmerzen?«
»Tja, wenn man es nur wüsste. Aber da alle nur glauben und nichts Genaues nicht wissen, werde ich mich hüten, von Gott zu reden, als wüsste ich absolut Bescheid über ihn und seine Pläne. Vielleicht gibt es ihn. Vielleicht nicht. Trotzdem dreht sich die Erde weiter, schon immer war das so.«
»Und schon immer ist die Rede von Engeln und Teufeln. Nur weil man etwas nicht wahrnehmen kann, heißt es ja nicht, dass es nicht da ist, oder? Ich bin mir mehr als sicher, dass es höhere Mächte gibt, übernatürliche Wesen. Eines steht zum Beispiel genau hinter dir. Er hat mitternachtsblaue Haare, Sommersprossen, trägt einen langen, schwarzen Mantel und glotzt mich gerade etwas perplex an. Sei gegrüßt!«. Darius hob die Hand und sah auf einen imaginären Punkt hinter Tigris, die grinsend die Augen verdrehte. Wenn der gute Darius auch nur den Bruchteil dessen wüsste, von dem sie Kenntnis hatte!
»Spinner«, murmelte Berry kaum hörbar.
»Hab ich wieder gehört. Oh, schon ist er hinfort!« Darius zuckte mit den Schultern.
»Du bist wirklich schräg«, Tigris schüttelte lachend den Kopf. Ob er tatsächlich an den Schwachsinn glaubte, den er von sich gab? Er klang immer höchst ironisch. ›Fanatiker sind zumeist ziemlich humorlos‹, pflegte ihre Mutter immer zu sagen.›Vor allem können sie nicht über sich selber lachen.‹
»Das fasse ich mal als Kompliment auf, meine Schöne.«
Während Darius Kumpel genervt die Augen wegen soviel Süßholzgeraspele verdrehten, wandte Tigris verlegen den Kopf und besah sich, die Gelassene mimend, die Haarspitzen an ihrem Zopf. 
»Mist, schon wieder Spliss. Wie ärgerlich. Und das trotz täglicher Balsam-Kur.«
»Tragisch, wirklich. An diesen tollen Locken. So eine üble Haarspalterei.«
Berry konnte ihr Kichern kaum zügeln. »Das klingt so, als müssten wir am Samstag leider mit dir rechnen.«
»Mann, Berry!« Tigris stupste ihre Freundin ärgerlich an.
»Berenike Messner, bestell deiner Großmutter die besten Grüße«, sagte Darius und stand unvermittelt auf. »Jetzt fühle ich mich doch ein wenig ermattet. Über Gott und Luzifer zu reden, nimmt mich immer so mit. Besser, ich flüchte mich in angenehme Träume.« Er warf Tigris einen langen, tiefen Blick zu, der sie nervöser machte, als es ihr lieb war.
Er packte seine Gitarre und schlurfte mit seinen Kumpels aus dem Bistro, den langen, abgetragenen Ledermantel lose um die Schultern geworfen.
»Oh mann. Ich glaub es einfach nicht. Tigris, deine Mutter bringt dich um, wenn du mit dem ankommst.«
»Ach was. Sie bringt ihn um, indem sie ihn zu Tode diskutiert. Das wird auf jeden Fall ziemlich spannend. Falls er denn kommt. Und außerdem wolltest du doch unbedingt, dass ich ihn frage.«
»Ich hätte niemals gedacht, dass er überhaupt mit uns spricht. Aber nach all dem hier denke ich schon, dass er kurz vor Mitternacht vor der Tür steht. Der ist derart scharf auf dich... das ist echt unglaublich! Darius Alessi, der bekennende Satans-Anhänger und Tigris Windwibb, deren Mutter tiefgläubig ist.«
»So tief nun wieder auch nicht«, sagte Tigris amüsiert.
»Hoffentlich zieht er dich nicht in so ein Sektending. Der Typ macht mir irgendwie Angst mit seinen Sprüchen.«
»Er genießt es, die Leute zu schockieren und zu provozieren. Nie und nimmer nehme ich ihm das mit Luzifer und all dem Zeugs ab.«
»Wieso? Nur weil er so charmant dabei lächelt? Genau das macht mir ja Angst. Er gäbe auf jeden Fall einen guten Teufel in einem Hollywood-Film ab. Wie Al Pacino in ‚Im Auftrag des Teufels’. Ja, genau so.«
»Er ist höchstens teuflisch süß. Und ich weiß nicht, ob ich jemals überhaupt was mit ihm anfangen würde. Was sollen wir denn zusammen unternehmen? Schwarze Messen besuchen? Zeugen Jehovas belästigen?«
Berry lachte. »Wie wäre es mit einer Sex-Orgie? Glaubst du, Satanisten haben auch besondere Kondome? Schwarz mit Stacheln, oder so?«
Tigris konnte sich bei der Vorstellung vor Lachen auch nicht mehr halten. »Ja genau. Und drauf steht: WERKZEUG DES BÖSEN!«
Sie verbrachten noch eine ganze Stunde im Timmy’s, bevor sie mit Schreck feststellten, dass sie sich fast verquatscht hatten. Als sie immer noch lachend aus dem Lokal eilten, hatte Tigris den Vorfall mit dem Kaugummi-Automaten für einige Stunden erfolgreich aus ihrem Geist verbannt.

.

Eine Überraschung wartete auf Tigris, als sie an dem Mittwoch vor ihrem Geburtstag gegen fünf Uhr aus der Schule heimkehrte.
Nicht nur, dass ihre Mutter schon zu Hause war, wie sie am Geschirrklappern und leiser klassischer Musik erkannte, als sie vor der Haustür stand und in ihrem Rucksack nach dem Schlüssel suchte.
Als sie dann ins Wohnzimmer kam, saß auf der Couch eine Frau mit kurzen roten Haaren und riesigen blauen Augen, die Tigris sofort eingehend musterten, kaum dass sie im Zimmer stand. Zu ihren Füßen döste ein großer Golden Retrivier, der bei Tigris’ Erscheinen kurz schnüffelnd den Kopf hob, um ihn dann wieder auf die Pfoten zu legen und weiterzuschlafen.
»Da ist ja deine Tochter Melisande«, sagte die Frau mehr zu sich selbst.
»Melisande ist mein dritter Name. Ich heiße Tigris. Tigris Aurora Melisande, genauer gesagt. Anscheinend konnte sich meine Mutter nicht zwischen den drei Namen entscheiden und hat mir alle aufs Auge gedrückt.« Sie reichte der Dame, die wegen des Namens ein wenig irritiert schien, die Hand, als auch schon ihre Mutter aus der Küche geschwebt kam, beladen mit einem Tablett, auf dem die Kaffeekanne, zwei Tassen und zwei Teller mit Kuchen standen.
»Hallo, mein Schatz. Das ist Mira, eine alte Freundin.«
»Aha.« Tigris setzte sich in den Sessel und versuchte herausfinden, was diese Aussage bedeuten konnte. Gehörte Mira auch zu einer Sippe oder war sie ein ›normaler‹ Mensch? »Und woher kennt ihr euch? Seid ihr zusammen zur Schule gegangen, oder so?«
Mira lachte leise, was sie in Tigris Augen noch sympathischer machte, fühlte sie sich doch wegen der feinen Lachfältchen um Miras Augen irgendwie an Sonnenstrahlen erinnert. »Ich gehöre jedenfalls nicht zu den Windwibbs, und auch nicht zur Allianz«, erklärte sie dann leichthin.
Tigris riss überrascht die Augen auf. »Sie sind eine Abtrünnige!«, entfuhr es ihr.
»Tigris Aurora!«, rief ihre Mutter tadelnd und hätte vor Schreck über die Taktlosigkeit ihrer Tochter fast das Tablett fallen lassen.
»Nun, in den Augen der Rosenstern-Allianz sind wir das doch tatsächlich. Woher soll das arme Kind auch von unseren wahren Beweggründen erfahren haben? Noch dazu, wo sie in einer bayerischen Sippe aufgewachsen ist?«
Tigris grinste und hielt ihre Hand dem Hund zum Schnuppern hin, bevor sie ihn begeistert kraulte.
»Wie heißt der Süße hier?«
»Das ist Spika«, antwortete Mira und fuhr dann fort: »Ach, ›Abtrünnige‹ ist noch einer der harmlosen Namen, die man uns gibt. Aber uns macht das schon lange nichts mehr aus.«
»Schon gar nicht jetzt, wo PAGAN genau die Hälfte der Noden kontrolliert«, sagte Tigris und freute sich über Miras erstaunt hochgezogenen Brauen. 
»Man ist anscheinend gut informiert in den Alpen«, sagte sie mit einem warmen Schmunzeln. »Ja, es stimmt. Der neue Anführer der Wächtersippe über die Atlantische Node wünscht, dass alle atlantischen Sippen zu uns überwechseln, wo er selber doch auf ausdrücklichen Wunsch seines Vaters bei uns ausgebildet wurde.«
»Die Domén Arx Zimberdale hatten schon immer eine Schwäche für das Unübliche«, fügte ihre Mutter mit zusammengezogen Brauen hinzu. 
»Haben nicht sogar einige Zimberdales selber PAGAN gegründet?«, fragte Tigris. 
»Wenn es danach geht, haben sogar ein De Navarris und drei Windwibbs PAGAN vor hundert Jahren aus der Taufe gehoben!«, erklärte Mira. »Es handelte sich Männer und Frauen aus vielen Sippen weltweit, die nicht mehr länger bereit waren, die neuen Erkenntnisse über Dämonen zu ignorieren und die außerdem dem Würgegriff der Domén Arxes entfliehen wollten. Sie träumten von einer Gesellschaft ohne Machtkämpfe der Sippen, ohne archaische Gesetze und mit Möglichkeiten, den ewigen Kriegen mit Dämonen zu entkommen.«
»Und hat PAGAN es geschafft?«, erkundigte sich Tigris ehrlich interessiert.
»Zu einem gewissen Anteil schon. Die Bemühungen für eine bessere Welt hören nie auf, wie es mit Idealen eben so ist. Aber ich denke schon, dass wir stolz auf das sein können, was wir bisher erreicht haben.«
»Ich weiß nicht, ob man stolz darauf sein kann, Dämonen ungehinderten Einlass auf unsere Welt zu gewähren«, grummelte ihre Mutter und rührte energisch ihren Kaffee in der Tasse um.
Mira blieb immer noch heiter und gelassen. »Wir gewähren nicht jedem Dämonen Asyl. Und wie du doch wohl schon lange weißt, unterscheiden wir die unirdischen Wesen nach anderen Kriterien als die Sippen der Allianz, nämlich nachdem, was sie selber über sich sagen. Und das ist nicht unbedingt das, was wir in alten Büchern oder in den Religionen vorfinden.«
»Ich konnte mich damit noch nie anfreunden«, murmelte Danubia achselzuckend.
»Weswegen du uns damals leider ebenso schnell wieder verlassen hast, wie du bei uns aufgetaucht bist.«
Tigris Kopf schnellte zu ihrer Mutter herum. Mit großen Augen sah sie sie an. Das waren ja völlig überraschende Neuigkeiten! »Du warst mal bei den Ab- ... bei PAGAN?«
»Das ist lange her; du warst noch nicht auf der Welt. Es war ein kurzes Intermezzo.«
»Dann kannten Sie meinen Vater?«, platzte es dann aus Tigris impulsiv heraus. Damit aber schienen die beiden Frauen schon gerechnet zu haben Sie wechselten einen langen, intensiven Blick miteinander, ohne ein Wort zu sagen. Schließlich überließ Mira es Danubia, ihrer Tochter zu antworten, indem sie extra lange dafür brauchte, sich einen neuen Kaffee in die Tasse zu gießen, Zuckerwürfel und Milch hinzu zu fügen und alles sorgfältig umzurühren.
»Nun, ähm, Tigris... ich habe Mira gebeten, dir etwas mitzubringen, weil du doch letztens so traurig warst.«
»Ja«, erklärte Mira schnell und stellte ihre Tasse ab, um aus ihrer weißen Handtasche ein Foto zu ziehen. »Wie du weißt, starb dein Vater leider vor fünf Jahren an Herzversagen. Wie es sein Wunsch war, wurde seine Asche damals im Pazifik verstreut.
Dies ist übrigens eines der wenigen Fotos, die von ihm existieren. Er hatte sich der Tierforschung gewidmet und sogar einige preisgekrönte Dokumentationen für das BBC gedreht.« Sie reichte Tigris das Bild, die es schweigend entgegennahm. Was für eine verwirrende plötzliche Wendung! 
So hatte er also ausgesehen: Orinoco Merskøg, ihr Vater.
Auf der Aufnahme war ein breit lächelnder Mann mittleren Alters zu sehen. Er befand sich offensichtlich im Dschungel und trug eine grüne Schlange um den Hals. Tigris untersuchte sein Gesicht sehr sorgfältig auf irgendeine Ähnlichkeit mit sich selber. Er sah überaus nordisch aus, wie zumindest sein Nachname schon andeutete: Sein Haar glänzte weißblond, seine Augen hatten eine sehr helle blaue oder grüne Farbe. Nun gut, auch sie, Tigris, besaß helle Augen. Aber wenn sowohl der Mann auf dem Bild als auch ihre Mutter glatte Haare hatten – woher kamen dann ihre wilden, kaum zu bändigenden Locken? Und wer von den beiden zeichnete für ihre breite Nase und die fast übergroßen Lippen in Tigris Gesicht verantwortlich? Danubias Nase war zierlich und fein, wie eigentlich fast alles an ihrem Körper, und auch die von Orinoco sah eher stupsig aus. Ganz zu schweigen von seinen dünnen Lippen. 
Und nun hatte er anscheinend noch nicht einmal einen Abschiedsbrief für seine Tochter zu hinterlassen, indem er aufrichtig bedauerte, sie niemals kennen gelernt zu haben oder ähnlich tröstende Worte? 
»Wusste er überhaupt, dass es mich gibt?«, fragte Tigris daher niedergeschlagen.
»Eigentlich...«, begann Mira.
»Nicht«, ergänzte Danubia und zerpflügte planlos die Sahnetorte mit ihrer Kuchengabel, um Tigris nicht ansehen zu müssen.
»Dachte ich es mir doch. Wieso, Mama?« Tigris versuchte tapfer, die Tränen zu unterdrücken.
»Ich wollte nicht, dass es Komplikationen mit unserer Sippe gibt. Immerhin war ich froh, dass man mich wieder aufgenommen hatte, nachdem ich sang- und klanglos verschwunden war. Auch wenn du unsere Sippe für altmodisch und überfromm hältst, Tigris... die Windwibbs halten zusammen, notfalls auch gegen die Domén Arx.«
»So wie Antiguas Sippe sich vergeblich gegen De Navarris gestellt hat?« Tigris sprang aus dem Sessel, wischte sich eiligst über die Augen und hielt dann Mira die Hand hin. »Es hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen, Lux Mira... aber ich muss jetzt ein bisschen an die frische Luft.«
»Das ist verständlich«, sagte Mira leise und sah Danubias Tochter mit ernster besorgter Miene an. Sie ergriff Tigris Hand mit den ihren beiden und hielt sie fest, während sie noch sagte: 
»Eines jedoch kann ich dir versichern: Er ist - pardon- er war ein außergewöhnlicher Mann. Unter anderen Umständen hätte ihn nichts und niemand von seiner Tochter fernhalten können.«
Tigris gelang ein winziges Lächeln. Miras Worte trösteten sie ein wenig. Trotzdem musste sie jetzt einfach ‘raus aus der Wohnung, alleine sein und das ganze erst einmal verdauen. 
Kaum, dass sie in Richtung Flur gehen wollte, sprang Spika plötzlich auf, gähnte herzhaft, reckte und streckte sich und kläffte schließlich zweimal hinter Tigris her. 
»Tschüss, mein Hübscher!«, rief ihm Tigris zu, während sie sich ihre Jeansjacke anzog.
Spika trottete zu ihr und wedelte erwartungsvoll mit seinem Schwanz.
»Sag bloß, du hast Lust auf einen Spaziergang?« Tigris streichelte ihn lächelnd. Wieso eigentlich nicht?
»Soll ich ihn nicht ein bisschen mitnehmen? Ich glaube, er muss mal dringend Gassi gehen« Sie sah Mira hoffnungsvoll an.
»Oh, ich weiß nicht... er ist manchmal so ungestüm und jagt gerne hinter Kaninchen her.« Mira zupfte verlegen an ihrem rechten Ohr und sah dann Hilfe suchend zu Danubia.
»Tigris mag Tiere und kann eigentlich gut mit ihnen umgehen. Sie bringt oft die Nachbarshunde spazieren«, erklärte ihre Mutter jedoch lächelnd.
»Nun, wenn das so ist... gerne, Melisande. Tigris. Dann können wir noch über alte Zeiten plaudern, Danubia.« Mira stand auf und leinte Spika an. »Könntest du ihn in einer Stunde wieder zurückbringen? Ich habe heute Abend noch einen dringenden Termin und müsste dafür rechtzeitig aufbrechen.«
»Nimm den Schirm mit, es sieht ziemlich bewölkt aus!«, rief ihre Mutter ihr noch hinterher.
Ohne nachzudenken, schnappte sich Tigris den riesigen Familien-Regenschirm und verließ die Wohnung, blieb noch kurz vor der Tür stehen, um sich ihre Jacke zuzuknöpfen und nachzuprüfen, ob sie alles Wichtige dabei hatte. Handy, Schlüssel, Portemonnaie... ja, es konnte losgehen. Sie hatte gerade die Treppe hinunter in den zweiten Stock zurückgelegt, als sie erschrocken innehielt.: 

›Das war nicht richtig von dir, Danubia‹, hörte sie Miras Stimme, als ob sie sich noch neben ihr im Wohnzimmer befände.
›Was hätte ich denn tun sollen, Mira? Nein. So ist es am besten für uns alle. Und vor allem für Tigris. Du kennst die Gesetze der Allianz‹, sagte die Stimme ihrer Mutter aufgeregt.
›Genau wie du.‹
›Erinnere mich nicht daran... Aber ich hoffe, alles geht weiterhin gut, bis wenigstens nach Equinox Veris. Ich stehe für immer in eurer Schuld für das, was ihr für uns getan habt.‹
›Procyon hat es getan, für Tigris. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie er es geschafft hat, er will nicht darüber reden. Weshalb es höchstwahrscheinlich besser für uns alle ist, nichts darüber zu wissen.‹
›Procyon. Ja.‹, wiederholte Danubias Stimme merkwürdig verträumt.

Die Stimmen wurden leiser und verebbten schließlich ganz. Tigris atmete tief durch, am ganzen Körper zitternd. 
»Hirngespinste!«, zischte sie schließlich ärgerlich und stürmte ärgerlich die Treppe hinunter, wobei sie fast vergaß, dass sie den armen Spika halb hinter sich herschleifte.

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Kaum jemand in der Siedlung war bei dem nieseligen Wetter auf der Straße, die allgegenwärtige gutbürgerliche Ruhe hing über den gepflegten Vorgärten der höchstens vierstöckigen Häuser. Lediglich leises Geschirrklappen oder hie und da eine gedämpfte Stimme war von dort zu hören. 
Tigris zog das Foto ihres Vaters aus der Jackentasche, während Spika freudig hechelnd an der Leine vor ihr hertrottete.
›Gestorben, ohne dass er wusste, dass es mich gibt‹, dachte sie traurig. Und nur, damit die Windwibbs in Bayern oder die Allianz keine Probleme machten. Sie fühlte Ärger in sich aufsteigen – Ärger gegen ihre Mutter, die nicht den Mut gehabt hatte, sich zu dem Vater ihres einzigen Kindes zu bekennen, Ärger gegen die altmodischen Windwibbs und natürlich gegen die übermächtige Rosenstern-Allianz. 
Ihr Zeigefinger strich nachdenklich über das Gesicht ihres Vaters. Nein, er konnte wirklich nichts dafür. Und Mira hatte ihn schließlich gekannt. Bestimmt wäre alles anders gekommen, wenn sie von Anfang in Düsseldorf gelebt hätten, fern der Sippen und der Allianz.
Sie war so versunken in Gedanken und in das Gesicht auf dem Bild, das sie gar nicht mehr richtig auf den Weg achtete, den sie einschlug.
Umso überraschter war sie, als Spika plötzlich wie wild geworden bellte und winselte und wie von der Tarantel gestochen an der Leine zog und zerrte. Ohne dass sie es gemerkt hatte, hatte Spika sie zu dem Waldstück geführt, dass etwas abseits ihres Viertels gelegen war. 
»Ach nein, Spika. Bitte nicht in den Wald, nicht bei diesem Wetter«, rief sie dem Hund beruhigend zu, der jedoch völlig außer sich vor Aufregung zu sein schien. Sie musste sogar die Hand wechseln, so weh tat ihr die Linke schon von seinem Gezerre. Dabei glitt das Foto ihres Vaters zu Boden und sie bückte sich erschrocken, um das kostbare Bild abzufangen, bevor es auf den nassen Asphalt landete.
Das war anscheinend genau der Augenblick, auf den Spika gewartet hatte. Mit einem ungeheuren Kraftaufwand machte er einen Satz, riss dabei Tigris die Leine aus der Hand und preschte wütend kläffend ins schattenvolle Unterholz.
»Spika! Komm zurück!«, brüllte Tigris verzweifelt, doch der Hund war schon aus ihrem Blickfeld verschwunden.
»Das darf doch nicht wahr sein!«
Wütend stampfte Tigris mit dem Fuß auf. Doch es half wohl nichts: Sie musste den Hund finden und wieder zurückbringen.
»Spika? Spika, bei Fuß!« Sie traute sich nur wenige Meter in den Wald hinein, wo die dichten Äste der Bäume ihre tiefen Schatten auf den Waldweg warfen.
Doch Spika schien wie vom Erdboden verschluckt.
»Mist!«
Ihr standen schon die Tränen in den Augen. Nicht, dass dem Tier etwas passierte. Es schien das Beste zu sein, nach Hause zu laufen und ihre Mutter und Mira zu holen. Das ganze war sicherlich ziemlich peinlich, aber andererseits war dies eindeutig eine Notlage.
»Bin ich zu blöd, um einen Hund wieder einzufangen? Ich glaube es einfach nicht«, schimpfte Tigris mit sich selber und ging noch einige Meter weiter voran in die Düsternis.
»Spika! Spika!«, rief sie, so laut sie konnte.
Für eine Sekunde gab es nichts weiter als das Rauschen der Zweige im Wind. Doch dann –endlich!- vernahm sie entferntes Gekläffe. Spika schien im Dickicht abseits des Weges Wildtieren nachzujagen. 
»Bei Fuß!«, brüllte sie noch einmal so laut sie konnte, nicht wirklich überzeugt, dass es helfen würde.
Und dann, genau passend, fing es mit einem Mal an zu regnen - nein, zu schütten! Sie spannte den Regenschirm, auf und die Regentropfen trommelten auf den Stoff ein.
›Ich werde doch wohl Miras Hund aus dem Wald holen können‹, dachte sie dann in einem Anflug von Trotz gegen ihre verfluchte Überängstlichkeit, was Wälder und andere einsame Gegenden anging. Sie hatte ein Handy, sie hatte den Schirm, mit dem man sich bestimmt notfalls wehren konnte...
»Okay, Spika. Du denkst wohl, du kannst mich verarschen. Aber so nicht. Nicht so, mein Lieber!«, knurrte sie und stampfte dann entschlossen durch die hüfthohen Büsche, bis sie soweit gekommen war, dass sie den Weg gerade eben noch durch die Lücken im Unterholz erkennen konnte, wenn sie zurückblickte. Um sie herum standen die moosüberzogenen, dicken Holzstämme von Eichen. Bei jedem Schritt raschelte das glitschig-feuchte Laub vergangener Herbste unter ihren Füßen. 
Ein plötzliches Grollen, das den Waldboden leicht vibrieren ließ, kühlte ihr Mütchen erheblich ab. Ein Gewitter hatte sich wie erwartet angekündigt und traf sie bei ihrem Glück auch noch ausgerechnet neben Eichen an. Eichen sollst du weichen, Buchen musst du suchen... Na toll.
»Spika, bitte, komm endlich zurück!«, schrie sie durch den Wald, und bekam erneut Gekläffe zur Antwort - und klägliches Winseln.
»Oh nein, nicht dass er irgendwo eingeklemmt ist«, dachte Tigris besorgt. 
Weißglühendes Licht tauchte den Wald in gespenstische Formen und Schatten, gleich nach dem Blitz rumpelte mächtiger Donner durch die Luft. 
Sie zog ihr Handy aus der Tasche, um ihre Eltern anzurufen. Doch nichts ging - höchstwahrscheinlich wegen der Bäume ringsum gab es keinen Empfang.
»Super. Einfach klasse«, grollte Tigris und nagte unter dem Schirm an ihrer Lippe. War es nicht doch besser, nach Hause zu gehen und ihre Mutter zur Hilfe zu holen? Auch in Sachen Gewitter war sie ein absoluter Angsthase. Aber vielleicht ging es um Sekunden, von denen Spikas Leben abhing!
Sie ging noch ein Stückchen weiter in den Wald, das Herz wild klopfend und mit ziemlich weichen Knien.
Da! Spikas Gebell klang schon näher. »Na endlich.«, entfuhr es ihr erleichtert.
Sie schlug die Richtung ein, aus der es zu hören gewesen war.
Das Gelände stieg langsam an. Sie musste sich in der Nähe des Hasenbaches befinden, der den Wald ein gutes Stück durchquerte. Ihre Mutter hatte sie früher ein paar Mal mit hierher genommen, um mit ihr für die Grundschule verschiedene Blätter, Nüsse und Wildgewächse zu sammeln. Nach der Steigung fiel der Wald an einer Stelle ziemlich steil zum Bach hinab - und genau dorthin führte sie Spikas Gebell anscheinend.
Bald stand sie tatsächlich auf der Anhöhe und sah hinunter in das gurgelnde Wasser. Die Bäume wuchsen nur spärlich an seinen Ufern, so konnte sie einen Blick auf ein größeres Stück freien Himmel erhaschen, der durch dunkelgraue Wolken verhangen war. Sie nutzte einen weiteren Blitz, um vielleicht irgendwo Spika auszumachen und rief den Hund.
Sein Gebell kam eindeutig von unten herauf. Er musste irgendwo am Bach sein.
Trotz des prasselnden Regens und der heraufziehenden Dämmerung versuchte sie irgendeine Bewegung am Wasserlauf aufzumachen. 
›Vielleicht sollte ich bei dem Gewitter nicht unbedingt mit dem Regenschirm im Freien herumlaufen‹, dachte sie sich und senkte den Schirm. Vorsichtshalber ging sie noch in die Hocke und suchte angestrengt das Ufer ab.
Gebell ließ ihren Kopf nach rechts schnellen. 
Der Hund stand plötzlich schwanzwedelnd neben einem Stein am lehmigen Ufer unter ihr, unruhig auf der Stelle tapsend und erwartungsvoll hechelnd. Dann schoss etwas Längliches durch die Luft, und er preschte eifrig ein Stück bachaufwärts. Als sie wieder zu dem Stein trottete, erkannte Tigris etwas in seinem Maul.
Jemand hatte ein Stöckchen geworfen!
Mächtig erschrocken schlich Tigris hinter einen Eichenstamm. Jemand spielte mit Spika. Aber sie hatte niemanden gesehen...
Verzwickte Situation! Telefonieren ging nicht, Zurückschleichen würde die fremde Person vielleicht auf sie aufmerksam machen. Und einfach so hinab zu steigen und in die Offensive zu gehen, dazu hatte sie nicht den Mut. Und wenn man sie schon längst entdeckt hatte?
Ihre Überlegungen wurden durch freudiges Gebell, das sich rasch näherte, gestört. Ehe sie es sich versah, schoss Spika auf sie zu und wirbelte durch ein abruptes Bremsmanöver nasse Blätter und feuchte Erde auf, die auf Tigris in ihrem Versteck niederprasselten.
»Spika! Schsch!« Entschlossen packte sie die Leine. Noch einmal würde sie ihr nicht davonlaufen.
Und würde es jemand wagen, sie trotz des großen Tieres anzugreifen? 
Schließlich, als ihr schon fast die Beine wegen ihrer Hockstellung wehtaten, atmete Tigris tief durch und erhob sich.
Furchtsam sah sie sich um. Nichts war zu sehen und zu hören außer dem gleichförmig prasselnden Regen, und Donner des Gewitters, das zum Glück schon weitergezogen war.
»Jetzt aber nichts wie nach Hause, du Frechdachs«, sagte sie leise und überlegte kurz, welchen Weg sie nehmen sollte: zurück quer durch den Wald oder besser am Bach entlang, der in einiger Entfernung unter einer Brücke durchfloss, die auf dem Weg lag.
Spika bellte und zerrte wieder ungeduldig an der Leine. Offensichtlich zog es ihn mit aller Macht hinunter zum Bach.
»Schön, gehen wir eben am Bach entlang, dann kommen wir schneller wieder auf den Weg zurück.« 
Den Schirm für eine eventuelle Attacke bereithaltend und Spika kaum bändigend könnend, schritt sie am Abhang entlang, vom Regen schon ziemlich durchnässt. Während sie so schnell wie möglich bachaufwärts ging, spähte sie hinunter zum Ufer. Doch niemand war zu sehen. Wahrscheinlich hatte der Wind nur einen Zweig von den Ästen geweht, hinter dem Spika hergejagt war.
Es gestaltete sich mühevoller als gedacht, mit dem Retrivier zurück nach Hause zu kommen. Er wollte immer wieder in Richtung Abhang ausbrechen und zerrte wie besessen an der Leine. Tigris musste all ihre Kraft aufwenden, um zu verhindern, dass der Hund ihr nicht erneut entwischte.
»Was... hast du denn nur! Bei Fuß! Hör auf damit!«
Dann überstürzten sich die Ereignisse. 
Plötzlich wurde es taghell um sie, gleichzeitig traf sie unvermittelt ein ungeheuerer Schmerz in den Kopf. Alles um sie herum drehte sich, Schirm und Leine entglitten ihr. Sie taumelte benommen und halb betäubt von einem pulsierenden Druck in ihrem Schädel am Abhang entlang. Ihr Fuß stieß gegen eine Wurzel, sie verlor das Gleichgewicht und stürzte schreiend den Abhang hinunter, rollte die letzen Meter durch das kalte feuchte Laub und landete schließlich mitten im kalten Wasser des Hasenbaches. 
Wild um sich schlagend versuchte sie sie sich aufzurichten, während sich immer noch alles um sie herum drehte, und ihre Kleider schwer vor Nässe an ihr zogen. Endlich konnte sie bibbernd vor Kälte ans Ufer waten. Erschöpft und noch völlig durcheinander, verharrte sie für einen Moment auf allen vieren. Spika sprang herbei und leckte ihr das nasse Gesicht ab.
»Oh... Gott! Was war das denn!«, murmelte sie mit zitternder Stimme.
Da antwortete eine ihr wohlbekannte amüsiert klingende Männerstimme wie aus dem Nichts: »Gratuliere, du hast soeben einen Blitzschlag überlebt. Du bist also eine Ruferin.«
Es war dieselbe Stimme wie aus dem Fernseher, wie in der vermeintlichen Halluzination mit der alten Frau. Nur dröhnte sie diesmal nicht durch ihren Kopf, sondern kam aus nächster Nähe vor ihr.
Sie sah wild um sich. Wo war der Mann? 
»Verschwinden Sie! Lassen Sie mich in Ruhe!« Wie kläglich und angsterfüllt ihre Stimme klang!
»Ich brauche deine Hilfe!«
»Wo sind Sie, verdammt? Zeigen Sie sich.«
»Mach keine Witze, ich stehe genau vor dir.« Die Stimme klang ärgerlich und doch ein wenig verunsichert.
»Spika, fass! Fass! Spika!« Tigris stand auf, wobei ihre Beine fast wieder nachgegeben hätten, so sehr zitterten sie.
»Braver Spika. Guter Hund. Ich hatte schon immer eine Schwäche für diese Spezies.«
Tigris kniff die Augen zusammen, um etwas schärfer zu sehen.
Spika stand freudig hechelnd einige Schritte vor ihr und wackelte mit dem Kopf, als ob ihn jemand streichelte.
Aber niemand war zu sehen, der ihm den Kopf tätscheln konnte. 
Weit und breit gab es nur sie und Spika, was eigentlich ziemlich unmöglich war, denn die Stimme kam tatsächlich aus nächster Nähe.
Nichts und niemand - außer Regen, der rauschend in langen Fäden zur Erde schoss.
Und dann nahm sie es plötzlich wahr.
Etwas   stand wenige Schritte vor ihr, genau neben dem Hund.
Sowohl starr vor Schreck als auch fasziniert starrte sie die Erscheinung an.
Das Etwas oder Jemand schien unsichtbar zu sein. Aber der Regen veränderte an der Stelle, an der er sich befand, seine Bahnen und formte für Tigris' Augen eine Art Kontur, die Umrisse einer sehr großen breitschultrigen Person. Gleich darauf verschwand die Form, um dann erneut an anderer Stelle aufzutauchen. 
Jemand ging um sie herum.
Jemand... durchsichtiges!

.

»Was wird hier gespielt?« krächzte Tigris, ohne die sich beständig fortbewegende Erscheinung aus den Augen zu lassen.
Doch anscheinend wollte das Etwas nicht mehr mit ihr reden.
Nur das einförmige Prasseln des Regens konnte sie wahrnehmen, so angestrengt sie auch dort hinein lauschte.
Mit einem Mal machte die Erscheinung einen Riesensatz über ihren Kopf hinweg. Im nächsten Moment zuckte Tigris schockiert zusammen, als ein riesiger Ast mit lautem Krachen wenige Meter neben ihr den Abhang hinunterdonnerte und ins Wasser platschte. Ein Wasserschwall ergoss sich über sie.
»Dämonen! Ich muss hier weg! Ich muss hier schleunigst weg!« Nur dieser Satz hämmerte in ihrem Kopf. Sie  wollte die Böschung hinaufkrabbeln, doch eine unsichtbare Hand schubste sie fort, gerade noch rechtzeitig, bevor sich ein ganzer Baumstumpf, geworfen von etwas großem, unsichtbarem und offensichtlich ungeheuer kraftvollem, mit einem hässlichen dumpfen Krachen in den Boden rammte, genau an der Stelle, an der sie sich eben noch befunden hatte.
Zitternd kauerte sie auf dem nassen Laub der Böschung, bei jedem Krachen und Knirschen zusammenfahrend, ohne aufzusehen. Ohne Unterlass fielen Äste und ganze Baumteile ringsum sie in den Bach.
Sie schrie auf, als sie wie von Geisterhand an den Schultern hochgezogen wurde und mehrere Zentimeter über der Erde schwebte. 
»Sie werden uns beide vernichten, wenn du nicht das Amulett anziehst! Können wir es also endlich hinter uns bringen?«, dröhnte der Unsichtbare aufgeregt.
»Sie? Wen vernichten? Wieso ich? Was soll das?«, stammelte sie, außer sich vor Angst und Verwirrung.
»Du musst es tun! Nur du kannst mir helfen, sie zu vertreiben. Zieh es bitte endlich an!«
»Aber ich...«
»Ach, komm schon!«
»Ja, aber...«
»Endlich! Danke, sehr nett von dir.«
Etwas Kaltes legte sich um ihren Hals, als rönne eisiges Wasser daran hinab. Die Kälte glitt über ihre Brust und verharrte genau über ihrem Herzen, wo sie mit jedem Herzschlag allmählich zu Wärme überging.
Ohne Vorwarnung wurde sie wieder fallengelassen.
Sie sah schockiert um sich: Nun sprangen mehrere merkwürdigen Konturen vor ihr umher. Strahlen ohne Farbe oder Struktur schossen aus ihnen heraus, nur erkennbar daran, dass die Regenfäden an ihnen abprallten.
Das reinste Chaos schien zu herrschen, der Regen nahm die unmöglichsten Bahnen, oder sah aus, als sei er in einen unsichtbaren Mixer geraten, der ihn nach allen Seiten verwirbelte.
»Ahhhh!«, schrie Tigris auf und griff sich ans Herz. Die angenehme Wärme verwandelte sich in sengende Hitze und drohte ihre Haut zu verbrennen. Lichtpunkte tanzten wild vor ihren Augen, ein großer schwarzer Mann stand für den Bruchteil einer Sekunde mit dem Rücken vor ihr, bevor er sich wieder in bunte Punkte auflöste. Ihr Herz hämmerte schmerzhaft gegen ihre Brust, in ihrem Hirn pochte und zuckte es. Übelkeit stieg in ihr auf, Magensäure brannte in ihrer Speiseröhre. Die ganze Welt schien sich schnell zu drehen; ihr war, als stünde sie auf einer rotierenden Scheibe, die sie fortzuschleudern drohte, wenn sie sich nicht noch stärker in den Boden krallte.
Stimmen hallten durch die Dämmerung, erst leise und leiernd, dann klar und deutlich.
»Ähm, also, was sollte ich noch mal sagen, äh... oh! Kreuzverdammt, sie hat das Amulett angezogen!«
»Tatsächlich! Oh, Schurke, das wirst du bitter bereuen!«
»Verschwindet jetzt! Was auch immer es ist, es gehört nun für immer ihr«, dröhnte die ihr bekannte Stimme.
Zitternd sah sie auf. Verschwommen nahm sie etwas großes Schwarzes wahr, das genau vor ihr stand. 
Und dann konnte sie mit einem Schlag klarer und schärfer als jemals zuvor sehen. Vor ihrer Nase stand breitbeinig ein Mann mit schwarzen, breiten Hosen, die im Wind flatterten und trotz des strömenden Regens nicht nass wurden. Er hatte klobige Wildlederstiefel mit zahlreichen Schnallen an und sprach mit zwei weiteren Männern in einigen Schritt Entfernung vor sich. Sie trugen Motorradfahrer-Kluft ohne Helm und riesige Brillen mit silbrig glänzender Stern-Fassung, die zu ihrer Bekleidung ein wenig lächerlich wirkten.
»Wir sind hereingelegt worden«, rief einer der beiden theatralisch mit den Händen ringend. »Wir verlangen äh- verlangen, hmmm...« Der andere rollte grübelnd die Augen.
»Revanche! Genugtuung«, rief sein Kumpane mit einem kritischen Seitenblick auf ihn.
»Genau! Kompensation! Abfindung!«, fügte der andere strahlend und erleichtert hinzu.
»Quatsch!«
»Schmerzensgeld?«
»Ihr beliebt zu scherzen, Gewürm«, rief der Riese vor Tigris' Nase drohend. »Wie wollt ihr es mit einem Zerrafin aufnehmen, hm? Ihr elenden, schwachen Daimons? Ihr wart eben noch zu Siebent, wenn ich euch ganz zart und behutsam erinnern dürfte. Zähle eure Gefolgschaft also noch einmal durch und hebt euch endlich hinweg.«
»Was meint er damit, Arto? Ich dachte-« Doch ein heftiger Seitenknuff seines Gefährten brachten den Dämonen zum Schweigen.
Tigris klappte der Unterkiefer förmlich herunter. Ein Zerrafin! Einer der Hohen Erzengel? Schauer der Ehrfurcht und auch der Angst jagten eiskalt über ihren zitternden, durchnässten Körper.
»Was? Wie! Verdammt, wenn wir das vorher gewusst hätten«, begann der Dämon zu lamentieren.
»Ein Zerrafin? Aber, äh... ich verstehe nicht ganz.« Auch sein Nebenmann sah nun auch ziemlich perplex aus.
»Ich sagte doch bereits überdeutlich: weg mit euch. Verschwindet also endlich, bevor mich eine unvorhergesehene Gefühlswallung ergreift und Ich euch zu Nichts auslösche!«
»Ist ja gut, reg dich bitte ab, ja?! Welcher der Sieben Zerrafin bist du eigentlich? Nur so, damit ich vor meinen Freunden damit angeben kann...«
»Raffiyell«, erwiderte der große dunkle Mann betont kühl, doch nicht ohne einen gewissen geschmeichelt klingenden Unterton. Er hielt seine Arme verschränkt vor seiner mächtigen Brust.
Der Heilige Raffael! Tigris traten vor Erschütterung die Tränen in die Augen.
»Ach-du-Schande! DER Raffiyell?« Die beiden Dämonen sahen mächtig beeindruckt aus.
»Einer der drei Ur-Zerrafin?«
»DER Boss von Z7?«
»Der hier vor einiger Zeit so ziemlich alles geflutet hat?«
»Und bei Sodom und Gomorra diese avantgardistische Landschafts-Neugestaltung durchgeführt hat?«
»Das war ein Missverständnis. Und nun endlich hinweg, zum Letzten Mal«, fauchte der Erzengel sichtlich ungeduldig.
»Schon gut, schon gut. Gott empfohlen!«, kam prompt die eilige Antwort. Dann schrumpften die beiden Kerle langsam zu farbigen Lichtpunkten zusammen, während sie dabei noch aufgeregt miteinander wisperten. »Ich fass’ es nicht, Z7 steckte also hinter dieser Kleinanzeige im D-Web!«
 »Ja, das hier war garantiert ein Geheimauftrag, Arto. Oh mein Gott! Wenn Raffiyell sich wieder einmal auf dieser Welt herumtreibt, ist was Großes im Busch. Und wir waren dabei! Das müssen wir unbedingt Casmon und den anderen erzählen.«
Der Heilige Raffael wandte sich um und blickte stirnrunzelnd auf Tigris herab. Er hatte einige Ähnlichkeit mit einem gewissen schrillen afroamerikanischen Basketballstar, dessen Name allerdings Tigris partout nicht einfallen wollte. Jedenfalls trug er seine Krause phosphorisierend hellblau und rosa, und in seinen Ohren blitzten zahlreiche Edelsteine, was einen modischen Kontrast zu seiner schwarzen Bomberjacke bildete.
»Nun zu dir, Erdengeschöpf. Wo sind eigentlich deine Ordensgeschwister? Sollten nicht ursprünglich vier von euch die Übergabe durchführen?«
»Ich ... ich weiß nichts von einer Übergabe...?« Tigris erhob sich vorsichtig. Ihr Herz raste immer noch.
»18:03, 3. Versuch der Übergabe, an dieser Stelle. Obwohl es ja ursprünglich für letzten Samstag 12:03 ausgemacht war. Nun ja, besser spät als nie.« Die dunklen Augen bohrten sich forschend in die ihren.
»Ausgemacht? Ich weiß nicht, wovon Ihr redet, Heiliger Erzengel Raffael? W-Was soll denn übergeben werden?« Tigris’ Zähne klapperten beim Sprechen.
»Heiliger Erzengel?« Sein nachdenkliches Gesicht hellte sich wie in einer plötzlichen Erkenntnis auf. »Oh ja, ja. In der Tat.« Er lächelte geschmeichelt, streckte die ohnehin mächtige Brust noch weiter heraus und schaute dann stolz gen Himmel. Mit einem tiefen Rauschen schossen zwei blendendweiße riesige Schwingen hinter seinem Rücken hervor, die übersät mit winzigen Diamanten waren, welche trotz der herangebrochenen Dämmerung glitzerten und funkelten.
Tigris fiel benommen auf die Knie und stammelte: »Bei Gott, ich bin kein Xendi, ich weiß von nichts. Aber ich werde alles tun, was Ihr von mir verlangt, Heiliger Raffael.«
Der Gesichtausdruck des Erzengels verwandelte sich in pures Entsetzen. »Das... Ist unmöglich! Omrishah selber-«
»Omrishah...«, flüsterte Tigris den Namen noch einmal. Wer war nur Omrishah? Doch sie traute sich nicht, Raffiyell danach zu fragen.
»Ja, Omrishah. Anscheinend hat er... ach was, das ist unmöglich. Er irrt sich nie, jedenfalls nicht in den wesentlichen Dingen. Und du bist sicher, nicht diesem Bund anzugehören, von dem ich spreche?«
»Ganz sicher...«
»Dann solltest du so schnell wie möglich Kontakt mit seinen Mitgliedern aufnehmen. Ihr Hauptsitz ist in der Nähe von London. Er nennt sich PAGAN. Tu es, oder du wirst keine ruhige Minute mehr erleben.« Er zupfte sich seine Bomberjacke zurecht. »Ich habe jedenfalls meinen Auftrag sachgemäß ausgeführt: Übergabe eines DiSfaktes und die erfolgreiche, hm, Überzeugungsarbeit, damit Zielperson besagtes DiSfakt freiwillig auf sich fixiert. Jetzt muss ich aber wieder fort; bei uns drüben herrscht das reinste Chaos. Ein ziemlich übler Bursche konnte uns entfliehen und treibt sich nun mordlustig im, äh, Himmel und höchstwahrscheinlich auch bald in eurem Universum herum. Aber keine Angst, ich habe schon längst einen Leibdaim- , will sagen, einen Schutzengel für dich abkommandiert. Adios!«
»Aber-« Tigris wollte ihn aus einem Impuls heraus an der Jacke festhalten, doch zu spät. Er löste sich zu grauem Rauch auf, der sich blitzschnell verzog.
»Ich habe noch einige ziemlich drängende Fragen...«, hauchte sie. Dann musste sie niesen. Sie war vollkommen durchnässt und stand mitten im Wald, während Dunkelheit heraufzog.
Völlig verwirrt und wie in Halbtrance kletterte sie die Böschung hinauf, nur beiläufig wahrnehmend, dass Spika nun ganz artig neben ihr hertrottete. Sie hatte nicht einmal mehr Angst, ob noch mehr von den merkwürdigen Gestalten auftauchen und mit Baumstämmen nach ihr schmeißen würden. Der Heilige Erzengel Raffael war ihr erschienen! Ihr, die ein ganz gewöhnliches junges Mädchen war und kein Xendi!
Irgendwann einmal stand sie triefend nass vor der Haustür und klingelte verträumt.
Die Tür öffnete sich, und das Gesicht ihrer Mutter wurde kreidebleich.
»Oh mein Gott, Tigris! Was ist passiert?« Danubia betrachtete schockiert ihre vollkommen durchweichte Tochter.
»Melisande!«, rief auch Mira entsetzt, als sie das Mädchen, gestützt von ihrer Mutter, in den Flur stolpern sah.
»Ich habe einen von Ihnen gesehen...«, hauchte Tigris und sackte vor Erschöpfung und Kälte zusammen. Sofort erwachte ihre Mutter aus ihrem Schockzustand und bugsierte Tigris Richtung Badezimmer, um ihr ein warmes Bad einzulassen.
»Meine Güte! Du sollst doch niemals alleine in den Wald gehen! Mein armer Liebling, ich mache dir gleich eine heiße Schokolade - wo hast du diese Kette her?«
Benommen sah Tigris an sich herunter. Ihr Herz setzte für einen Moment aus, um dann wie wild loszuwummern: Eine silberne Kette schimmerte zwischen ihren Brüsten. Der Anhänger daran hatte die Form eines Pentagramms.
Ein Pentagramm aus stilisierten Rosen, die einen Bernstein einfassten.
Sie schrie auf, dass ihre Mutter erschrocken zusammenzuckte.
Von einer plötzlichen Panik erfüllt, zerrte sie wie besessen an der Kette, versuchte, sie sich über den Kopf zu streifen, doch es ging nicht, ihr Kopf passte nicht hindurch. Und so sehr sie auch daran zog, sie riss nicht. Am schlimmsten war jedoch die Tatsache, dass sie keinen Verschluss hatte.
Nein, halt!
Wirklich, wirklich am allerschlimmsten war der bleiche Junge mit mitternachtsblauen Haaren in schwarzer Kleidung, der für einen kurzen Moment hinter ihrer Mutter und Mira hervorlugte und sie mit leuchtendvioletten Augen musterte.
Tigris schrie wieder entsetzt auf - dann wurde alles dunkel um sie, als hätte man einen schwarzen Sack über sie gestülpt, der alle Geräusche, ja, selbst alle ihre Empfindungen erstickte.
 

© I.S. Alaxa
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Und schon geht's weiter zum 4. Kapitel...

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