Xendium - Manifestation von I.S. Alaxa
Teil 2 - Die letzten Tage von Windwibbenburg
Kapitel IV

Ein roter Blitz!
Und dann fiel eine zarte Mädchenhand erschlafft auf das duftende Gras.
Der Wind wehte Rosenblätter aus ihr hervor, bis auf das letzte.
Dieses nahm er ganz behutsam in die Höhlung seiner beiden Hände, als beschützte er einen verwundeten, kleinen Vogel. Immer noch war er zu erstaunt und verwirrt, um zu begreifen, was soeben passiert war.
Wie unheimlich es aussah, so wie sie regungslos in seinen Armen lag. Von Augenblick zu Augenblick zog ihre Wärme sich aus ihrem Körper zurück, und er wusste, sie nahm all das mit sich fort, was er geliebt hatte: Ihr Lächeln, ihre Freude, ihre Art zu tanzen, Dinge zu sagen, zu weinen, ihn anzusehen, ihn zu küssen, ihre Träume, ihre Pläne ... sie ging fort, ohne ihn, für immer.
Und er hatte sie getötet.
Auch wenn ER die größte Schuld an allem trug ... ER hatte den todbringenden Schuss nicht abgegeben.
In jenem Augenblick hatte eine wilde Bestie seine Seele als Geisel genommen, zerfleischte ihren Kerker mit scharfen Krallen aus Schuld und mörderischen Reißzähnen aus Verzweiflung.
In jenem Moment, da war auch die Wärme aus seinem Herzen geflohen, geflüchtet vor der eisigen Trauer, vor der dunklen Einsamkeit darin.
In jener Sekunde stürzte er in eine kalte Nacht, die keinen Sonnenaufgang mehr kannte, sondern nur noch Hass gebar. Hass auf  Ihn, der sie beide mit seinem Zorn überrascht hatte, ohne sie anhören zu wollen, vor allem aber grenzenlosen Hass auf sich selber.
Nichts als jenes Rosenblatt war von ihr geblieben, und er trug es immer an seinem Herzen, geschützt vor seinen Händen. Denn ... welche grausame Ironie des Schicksal oder eines zynischen Gottes ... Er konnte keine Rose auf dieser Welt mehr berühren, ohne dass sie in seinen Händen zu Asche verbrannte. Dies hatte Er vor langer Zeit bewirkt, Er war schließlich der mächtigste von allen und überaus spitzfindig. Und Er hatte die Rosen verändert, auf dass sie in den Händen derjenigen verbrannten, die nicht von dieser Welt stammten und das Leben darauf, ja, das Leben selber gering schätzten. Niemand von ihnen, in dessen Seele eine haßerfüllte, mitleidlose Bestie lauerte, konnte eine Rose halten.
Seitdem hatte er sich in ein Reich aus Finsternis und Kälte geflüchtet.
Dunkelheit und blutiges Eis beherrschten diese Welt, in der eine schwarze Burg aus dem gefrorenen Meer herausragte. Sie war über und über mit seltsamen, sich kreuzenden Linien bedeckt, die wie sinnlos in das Gestein graviert wirkten. Doch in Wahrheit wiederholten sich die scheinbar willkürlich verlaufenden, schwach rot glühenden Striche. Sie waren sogar in dem Bluteis zu finden und im Felsen der dunklen Berge ringsum. Und es war kein Muster, sondern Worte in einer seltsamen Schrift.
Er lebte in diesem grauenvollen Palast.
Bilder blitzten auf; sie zeigten ein Geschöpf, das angekettet in einem der Türme gefangen war, dort regungslos im Dunkel kauerte, ohne Hoffnung auf Befreiung.
Dunkle, monströse Wolken, sich bedrückend tief und sterbenslangsam dahinschleppend, bewachten diese einsame, bittere Welt. Niemals mehr würde auch nur ein einziger Sonnenstrahl oder Sternenfunkeln das Land aus Schuld und Verzweiflung erreichen.
Für immer würde das Grabesdunkel und die unerbittliche Kälte unberührt bleiben, nichts konnte den todesähnlichen Frieden, den sie schenkten, stören.
›Was für ein unauslöschliche Sünde auf mir lastet!‹, schrie der Gefangene auf einmal auf und brach dann weinend zusammen.
Endlich wurde Tigris klar, dass sie träumte.
Und sie erkannte diese Stimme sofort.
Jener Dämon war es wieder, dessen Stimme sie damals in jenem furchtbaren Wüsten-Alptraum vernommen hatte.
›Ich wünschte, der Hass auf mich selber könnten deinen Namen in mich brennen und meinen Körper und meine Seele verglühen lassen. Aber es gibt keinen erlösenden Tod für mich.
Ich bin so müde ... die Qual, die ich verdient habe, schmerzt manchmal nicht mehr so sehr. Die Erinnerungen an dich berühren manchmal meine Seele nicht mehr. Ich habe Angst. Ich habe Angst ... ich fürchte mich so sehr, dich zu vergessen. Eines Tages vergesse ich sogar das einzige, was mir von dir geblieben ist. Doch wenn selbst die Schmerzen und die Erinnerungen fort sind, besitze ich wahrhaftig nichts mehr, bin ich nichts mehr, bin ich tot, ohne gestorben zu sein.‹
Welch ein Wahnsinn, was für eine grenzenlose Verzweiflung aus der Stimme klang. Und doch bäumte sich Tigris’ Innerstes auf, so irritierte sie erneut deren Vertrautheit.
›Schmiedet uns zusammen, für alle Zeiten. Gibt uns Kraft, wird uns sicher leiten‹, schoss es ihr plötzlich und für sie selber überraschend durch den Kopf.
Die bedrückende Umgebung verdichtete sich zu absolutem Schwarz und wurde plötzlich wie ein Schleier fortgezogen. Bunte Lichter glitzerten zu ihren Füßen. Großstadtlärm klang aus der Tiefe empor: Motorengeräusche, Autohupen, Musik und leises Rauschen.
Sie sah vom Dach eines Wolkenkratzers herab auf eine riesige Metropole, einem Labyrinth aus Quadern und Säulen, geschmückt von erleuchteten Fenstern, Leuchtreklame und Lichtpünktchen.
›Ich weiß nicht, wer du bist, wo du bist und was du bist‹, grollte die Stimme des Dämons durch ihren Geist. ›Aber wieso, verdammt, kennst du dieses Lied?‹ Wie erschreckend kalt vor Wut die Worte ausgespieen wurden!
›Ich weiß es nicht. Es fiel mir plötzlich so ein!‹, hörte sie sich ängstlich antworten.
›Einfach so? Was für ein grenzenloser Zufall. Du lügst. Niemand kennt es außer mir und -‹ Die Stimme schwieg abrupt, als ob ihr plötzlich die Kraft fehlte, weiterzusprechen.
›Wer bist du? Wieso kann ich deine Gedanken manchmal hören?‹, fragte Tigris ängstlich.
›Niemand fragt sich das mehr als ich. Wo ist dieser Ort, an dem du bist? Und wie ist dein Name?‹
Nun erschrak Tigris gewaltig. Wenn das ein Traum war, begann er unheimlich zu werden. Konnte derjenige, der mit ihr in ihren Gedanken redete, tatsächlich genauso durch ihre Augen sehen, wie sie durch die seinen sah? Aber sie schlief doch, oder nicht?
›Es nützt nichts, es mir zu verschweigen‹, erklärte er spöttisch. ›Ich finde den Ort, an dem du dich aufhältst. Und ich finde dich. Dann werde ich dich schon dazu bringen, es mir zu beichten.‹
›Ich weiß es wirklich nicht. Wer bist du?‹
›Inzwischen hat man mir viele Namen gegeben. Such dir einen davon aus: Monster, Seelenfresser, AntiDaimon, Seelenterrorist, Undaimon, Ewigverdammter...‹
Seelenfresser! Tapfer fragte sie weiter: ›Dann... dann willst du diese Welt vernichten...‹
›Wie wahr, in der Tat habe ich das vor. Vor allem, da sie einer bestimmten Person überaus lieb und teuer ist. Zufälligerweise hasse ich diesen Jemand abgrundtief. Es wird mir Genugtuung verschaffen, ihn ein wenig von der Qual kosten zu lassen, die ich seinetwegen nahezu jeden Augenblick erlebe. Er trägt die größte Schuld. Er war nicht der, für den ich ihn gehalten habe. Er wollte mir nicht zuhören. Stattdessen überrollte uns sein Zorn. Nur seinetwegen ist es geschehen.‹
Tigris erschrak, als plötzlich wieder die Erinnerung des Dämonen für einen Moment auftauchte.
Das Mädchen auf der Wiese!
Sie rannte auf das vielfarbige Licht zu, das schnell die Berghänge herunter glitt.
Ein roter Blitz.
Eine zarte Mädchenhand fiel leblos ins Gras, der Wind wehte Rosenblätter daraus hervor, bis auf eines.
Schmerzhaft verkrampfte sich ihr Herz.
Da verstand sie endlich, dass es seine Qual war, die sie fühlte, weil sie seine Erinnerung sehen konnte.
›Bru’jaxxelon‹, durchfuhr es sie.
›Bru’jaxxelon, wie mich die Shinnn zu nennen pflegten. Richtig. Aber du darfst ruhig Bru’ zu mir sagen, wo wir uns doch auf merkwürdige Weise anscheinend so nahe stehen‹, sagte der Dämon voller kalter Ironie. ›Was für ein Rätsel. Gerechterweise solltest du mir endlich deinen Namen verraten.‹
›Damit du mich töten kannst? Nein!‹, begehrte sie auf und wünschte sich für einen Augenblick, seine Stimme und seine schrecklichen Erinnerungen aus ihrem Geist zu verbannen. Aber dann widerstrebte es ihr unerklärlicherweise, die Verbindung mit ihm abzubrechen.
›Ich werde dich schon aufspüren. Ich brauche nur einmal dein Gesicht zu sehen, und dann werde ich die Köpfe aller Geschöpfe danach durchsuchen, bis ich weiß, wo ich dich finden kann.‹
›Ich kann dir nichts sagen, du würdest nur deine Zeit verschwenden.‹
›Zu spät. Du hast ein Gefühl in mir geweckt, das ich schon längst vergessen glaubte: Ich bin neugierig geworden. Und deswegen werde ich dich finden.‹ Er sagte es kühl und gelassen, doch Tigris fühlte in ihrem Traum, wie es ihr heiß und kalt zugleich wurde.
›Nein! Ich will das nicht!‹, schrie sie.
Als würde sie in kaltes Wasser geworfen, fand sie mit einem Mal in die Realität zurück.
Sie lag in ihrem Bett, die Augen derart weit aufgerissen, dass sie schon brannten und tränten.
Es musste ein Alptraum gewesen sein, es gab keine andere Erklärung. Und Tigris weigerte sich, eine andere in Betracht zu ziehen, auch wenn sie wie Espenlaub zitterte und noch immer die Erinnerung an seine Stimme durch ihren Kopf hallte.
Gegenüber schlief Antigua mit dem Rücken zu ihr.
07:15, gleich war Frühstückszeit, Plapperzeit, Messe, Unterricht... und sie hatte wahnsinnige Kopfschmerzen.
Tokio, gestern. Aévon Zimberdale. ›Und die Schwäche meines Vaters für kleine, dunkelhaarige Seherinnen ist in den Domén Arxes überaus bekannt. Ist deine Mutter Seherin?‹
Sie sahen sich bestimmt nur zufällig so ähnlich. Genau so musste es sein, und nicht anders. Als ob ihr Leben nicht kompliziert genug geworden war!
Mit einem Mal läutete es Sturm an der Haustür von Rosenhag 3, wo außer ihr noch niemand wach zu sein schien.
Also ging sie missmutig hinunter in die Eingangshalle, während erste verschlafene Stimmen hinter den Zimmertüren ertönten.
Dheneb von Rosenhag 1 stand im Morgenmantel vor der Tür und wirkte sichtlich vollkommen neben der Spur. Mit erstickter Stimme sagte sie: »Ember ist weg.«
Tigris erstarrte auf der Stelle. »Wie... er ist weg? Seit wann?«
Dheneb fuhr sich hilflos durch die dunklen, kurzen Wuschelhaare und sprudelte dann ohne Pause los: »Lux Montana kam gerade zu uns. Sie haben ihn schon seit Stunden gesucht.
Ich und Aure haben ihn zuletzt gestern Abend in der Node von Balkan-Osmania gesehen, er wollte eigentlich mit uns zu ein paar Bekannten in der Ukraine, aber das Gedränge war so groß. Und auf einmal war er weg und ... und wir dachten, er hat es sich anders überlegt. Weil er erwähnt hat, dass er sich mit einer Freundin treffen wollte. Und ... und wir dachten, er hat sie anscheinend getroffen und ist dann mit ihr losgezogen ... und dann ist er gar nicht nach Hause gekommen. Aure war die ganze Nacht wach und hat auf ihn gewartet. Aber er kam nicht. Dann hat er Lux Montana und Lux Livas Bescheid gesagt, während wir alle seelenruhig schliefen...« Dheneb hatte den letzten Rest ihrer Fassung verloren und barg den Kopf in die Hände, weil sie die Tränen nicht mehr aufhalten konnte.
»Wir müssen ihn suchen«, sagte Tigris tonlos und wollte sich, so wie sie war, sofort auf den Weg zur Burg machen. Doch Dheneb schüttelte den Kopf und hielt sie sachte zurück.
»Er hat zwei Briefe auf seinen Schreibtisch gelegt, wir haben sie vor ein paar Minuten entdeckt, sie waren unter seinem Atlas. Einer war für Lux Livas und die Sippe. Und der hier ist für dich.«
Sie zog einen Umschlag aus der Tasche ihres Morgenmantels und überreichte ihn zitternd und schniefend an Tigris, die ihn sofort hastig öffnete.

Meine liebe Tigris

Es ist neun Uhr abends an Equinox Veris, und es tut mir sehr leid, dass ich dir das alles nicht mehr persönlich sagen kann.
Wenn du meinen Brief liest, bin ich längst schon nicht mehr im Gebiet der Allianz.
Du weißt ja, dass ich immer Probleme mit den Vorstellungen und Gesetzen der RSA hatte.
Und seitdem ich jemanden kennen gelernt habe, der mir gezeigt hat, dass ein anderes, freieres Leben möglich ist, spielte ich mit dem Gedanken, überzulaufen.
Doch die lieben Windwibbs und natürlich du habt mich, ohne dass ihr es geahnt habt, von diesem Schritt bisher zurückgehalten.
Es war allerdings ein schreckliches Erlebnis vorhin in Kopenhagen, das den letzten Anstoß brachte, mit der Allianz zu brechen.
Ich habe aus Zufall eine Hasspredigt von Umbriel De Navarris miterlebt. Es war furchtbar und beschämend, wie er mit seinen Lügen viele dazu brachte, ihm zu applaudieren und sie ›Tod allen Dämonenfreunden und Sündern‹ schreien zu hören. Er wird noch einen Krieg zwischen den Xendii heraufbeschwören, obwohl ich hoffe, dass die Vernünftigen in der Allianz ihn stoppen, bevor es zu spät ist.
Bitte glaube mir, wenn ich sage, dass die Xendii bei PAGAN keine Dämonenfreunde sind und keinen Krieg gegen die RSA wollen.
Man bringt mich gleich über illegale Tore in der Ukraine in ihre Gemeinschaft.
Vielleicht verstehst du eines Tages meine Entscheidung und vielleicht sehen wir uns irgendwann einmal wieder.

In Liebe
Ember
.

»Weiß Lux Livas, dass Ember -« Noch bevor Tigris weiterreden konnte, nickte Dheneb heftig mit dem Kopf.
»Er ist übergelaufen. Einfach so«, sagte sie leise.
Tigris wischte sich die Tränen aus den Augen und atmete tief durch.
Ember war fort, doch statt auf ihn böse zu sein, fühlte sie sich schuldig und unendlich traurig. Wollte er gestern nicht mit ihnen mitgegangen sein? Wieso hatte ihn niemand gesucht? Wieso hatte ihn niemand vermisst, und wieso hatten sie den ganzen Abend keinen Gedanken an ihn verschwendet?
Und jetzt war er fort, jetzt gehörte er zu den ›Abtrünnigen‹, jetzt war er ein ›Feind‹.
»Ich scheiße auf PAGAN!«, schrie Tigris plötzlich auf. »Und auf die RSA und auf diesen Ambriel, oder wie er heißt! Die ticken doch alle nicht mehr richtig. Ich kämpfe gegen niemand! Und ich hasse niemanden auf Befehl, weil er auf der ›falschen‹ Seite ist! Ember ist mein bester Freund. Und das bleibt er, trotz allem.«
Sie wandte sich um, um zurück zur Treppe zu laufen, blieb jedoch schlagartig stehen: Viele junge Windwibbs von Rosenhag 3 hatten sich inzwischen auf der Balustrade versammelt und sahen schweigend zu ihr hinunter.
Mit zusammengepressten Lippen stampfte sie die Treppe hoch und rauschte in ihr Zimmer, vorbei an verdatterten, verwirrten Gesichtern, die das unerwartete Verschwinden des sanften jungen Sehers überhaupt noch nicht richtig realisiert hatten.
Im Zimmer schlief Antigua noch immer und schreckte erst auf, als Tigris die Tür zuknallte.
»Mann, Tigris! Pass bitte auf, mein Kopf dreht sich noch immer«, nuschelte die Ruferin, ohne die Augen zu öffnen.
»Ember ist weg. Er ist jetzt in einer Sippe von PAGAN, es war seine freie Entscheidung«, eröffnete Tigris ihr auch schon ohne Umschweife.
Antigua kam aus dem Kissen geschnellt, zeitgleich mit dem Piepsen des Weckers.
»Verdammt. Sie haben schon wieder gewonnen«, murmelte sie, immer noch nicht richtig wach.
Tigris setzte sich auf ihr Bett und betrachtete mit schwerem Herzen die kleine, ordentliche Schrift von Ember auf dem Brief.
»Niemand hat gewonnen. Er hat mir schon von einiger Zeit erzählt, dass er PAGAN nicht für so übel hält, wie die Allianz es uns weismachen will. Bestimmt war die Entscheidung nicht einfach für ihn, er mochte Windwibbenburg. Aber er konnte den ganzen Schwachsinn einfach nicht mehr unterstützen.«
»Ich habe keine Lust, mit soo einem Kopf und mieser Laune über die Allianz oder PAGAN zu diskutieren. Meine Güte, ist das gestern alles wirklich passiert?«
Sie ließ sich zurück ins Kissen fallen und legte ihre feingliedrige Hand auf ihre Stirn.
Tigris wippte unsicher mit dem Fuß, als sie sagte: »Komisch, wie ähnlich mir Aévon Zimberdale ist, oder?«
»Purer Zufall. Lux Danubia würde doch niemals etwas mit jemanden von PAGAN anfangen.«
»Atlantika gehört immer noch zur Allianz.«
»Aber sie wäre niemals so dämlich, sich mit jemanden einzulassen, der berüchtigt für seine Weibergeschichten ist.«
»Wer ist eigentlich die Mutter von Aévon?«
»Angeblich jemand von PAGAN.« Antigua seufzte noch einmal, bevor sie sich endlich entschloss, endgültig aufzustehen. Sie setzte sich wieder auf und kramte in ihrer Schublade nach Zigaretten, während sie sich Embers Abschiedsbrief durchlas.
»Und was heißt angeblich?«
Antigua nahm erst einmal einen tiefen Zug auf Lunge, bevor sie antwortete: »Es gibt Gerüchte, dass seine Mutter in Wahrheit aus einer der übelsten Sekten der B.A.D. Company stammt. Was mich ja wirklich nicht wundern würde.« Sie schüttelte langsam den Kopf. Bedrückt sah sie in die Glut ihrer Zigarette. »Meine Güte, Ember ist nicht mehr da. Ich kann es immer noch nicht glauben.« Sie reichte Tigris den Brief. Diese faltete ihn langsam und sorgfältig zusammen. »Ich vermisse ihn schon jetzt. Er war unser ruhiger Pol.«
Doch Embers Verschwinden sollte sich nicht als die einzige unangenehme Überraschung des Tages herausstelle.
Nach der Messe saßen sie in ihrem Unterrichtszimmer mit den vielen verschiedenen Sorten von Stühlen und Tischen und warteten auf die seit einer halben Stunde überfällige Lux Montana. Die Wandler nutzten die Gelegenheit, um noch weiter über ihre Erlebnisse des Vortages zu plaudern. Tigris, Bat Furan und Ras Algheti hingegen gaben sich ungewohnt schweigsam und waren tunlichst darauf bedacht, nicht ein Sterbenswörtchen über den verbotenen Abstecher zu den Abtrünnigen zu verlieren, was nicht weiter schwer war, da alle anderen umso begeisterter unermüdlich von ihren eigenen Erlebnissen und Begegnungen an Equinox Veris berichteten. Doch schon bald ließen diese harmlosen, unspektakulären Schilderungen ein winziges, spöttisches Lächeln um die Mundwinkel der Drei zucken. Verschwörerische, schnelle Blicke gingen zwischen den ihnen hin und her: Was für ein Kinderkram im Gegensatz zu ihrem Abstecher nach Tokio...
Angesichts ihres kleinen Geheimnisses hellte sich ihre Stimmung ein wenig auf.
Dann schneite Lux Montana herein. In den letzten Tagen sah sie wie viele der Älteren Windwibbenburgs immer gehetzt und übernächtigt aus. Nachdem sie jeden der jungen Wandler der Reihe nach angesehen hatte, seufzte sie leise, was bekanntermaßen eine unerfreuliche Neuigkeit nach sich zog. »Ich hatte noch eine dringende Besprechung mit Lux Livas. Es ist vielleicht nicht der günstigste Zeitpunkt, aber ich habe eine wichtige Mitteilung für euch Wandler:
Ich möchte euch an dieser Stelle offiziell über ein kurzfristig auf morgen früh um fünf Uhr angesetztes Seminar informieren. Jeder von euch wird daran teilnehmen müssen. Gleichzeitig erbitten Lux Livas und alle anderen Älteren strengstes Stillschweigen über diese Veranstaltung gegenüber anderen Sippen. Wir gehen gleich in die Fabrik und üben noch einmal alle unsere Schusstechniken.«
Nach diesen Worten kannten die jungen Windwibbs kein Halten mehr. Getuschel kam auf und ein Wort machte unüberhörbar die Runde: PAGAN.
»Warum müssen wir zu den Abtrünnigen?«, fragte Arktur stirnrunzelnd. »Haben wir in der Allianz keine guten Lehrer mehr?«
Lux Montana gönnte ihnen ein knappes Lächeln. »Wenn man etwas Gutes lernen kann, ist es vollkommen ohne Belang, wer es einem beibringt. Und vergesst nicht: Selbst die Dämonen -«
»- besitzen Weisheit«, tönte es wenig begeistert im Chor.
»Aber wie soll eine so große Gruppe in das Gebiet der Abtrünnigen gelangen, ohne dass die Wächter an den Noden und Toren misstrauisch werden?«, wunderte sich Arktur.
»Man wird uns gefahrlos dorthin bringen. Morgen früh erwarten wir unsere Kontaktleute«, erklärte Lux Montana.
Ras Algheti beugte sich daraufhin näher zu seinem Freund und meinte leise: »Tja, er weiß ja nicht, dass sie überall illegale Tore haben.«
»Erinnere mich nicht an Illegale Tore«, knurrte Bat Furan. »Und vor allem nicht, auf wen man treffen könnte, wenn man sie durchschreitet.«

.

Seit zwei Tagen schon wohnte Danubia in einem prachtvollen Haus an einem Ort, über den in der Allianz nichts als Gerüchte und Mythen bekannt waren: Shangri-La.
Und seitdem sie in dem kleinen Büro in London eingetroffen war und Mira sie in dieses phantastische, aber auch beängstigende Märchenreich im Himalaja gebracht hatte, gab es für sie nichts zu tun außer darauf zu warten, wann und wie die Kontinentalräte PAGANs ihre Entscheidung hinsichtlich der kleinen deutschen Sippe fällten. Lux Livas erhoffte sich von PAGAN handfeste Unterstützung für einen Notfall, der hoffentlich niemals eintreffen und es unmöglich machen würde, die Tore innerhalb der Allianz zu nutzen: Er bat PAGAN um nicht geringeres als um ein DiSfakt, das augenblicklich ein illegales Tor in das Gebiet der Abtrünnigen herstellen konnte.
Windwibbenburg.
Wie friedlich und fern aller Intrigen es doch wirkte - und dabei stand es womöglich schon längst mit im Zentrum des brodelnden Unheils, das einige Doméns der Allianz und Umbriel ausbrüteten.
Zu Nichtstun verurteilt, beschloss Danubia den Park weiter zu erkunden. Gleichzeitig hoffte sie, dort nicht derart viele Daimons anzutreffen wie in der Stadt.
›Was für ein gefährlicher Handel...‹, dachte sie, als sie an den gut besuchten Cafés und Geschäften vorüberging, in denen die Überirdischen den Tee servierten, Musik für die Gäste machten oder unglaublich raffinierte Kreationen für modebewusste Xendii schöpften - im Gegenzug für ein Asyl auf Erden. Die Tausenden von ihnen hatten erst diesen Ort überhaupt ermöglicht, wie vielleicht der eine oder andere unter ihnen seinerzeit König Salomos Tempel mit errichtet hatte - und die Pyramiden der Pharaonen. Sie durften in den Gebieten PAGANs nur menschengleiche Gestalt annehmen, doch das machte sie in Danubias Augen bloß noch unheimlicher. Wie vielen von ihnen konnte man wirklich trauen, wenn - gottbewahre! - das Aethron in der Atmosphäre zunahm und sie in eine wahrhaft menschengleiche Gestalt zwingen würde? Dann würden auch die Neutralen sie sehen können, ungehindert würden sie unter ihnen leben können. Wer von ihnen war wirklich verfolgt und verzweifelt, und welche dienten in Wahrheit den Shinnn und würden nicht eher ruhen, bis die schrecklichen Fürsten der Hölle auf der Welt wandeln konnten?
Die Tore zur Welt der Überirdischen waren in den Doméns PAGAN verschlossen worden, dies zumindest beruhigte Danubia ein wenig.
Bei allen Vorurteilen gegenüber den Daimons kam sie nicht umhin, die Kunstfertigkeit und die Phantasie der Überirdischen zu bewundern, mit denen sie an Shangri-La gewirkt hatten. In bestaunenswerter Weise waren von ihnen Blumen aller Farben in den Beeten zu Gemälden angeordnet worden. Es gab die Nachbildung von Botticellis’ Venus, das Abendmahl von Da Vinci, einen farbenfrohen Miró und die rätselhaften Uhren von Dalí. Vereinzelte Koniferen- Arrangements stellten kunstvoll japanische Schriftzeichen und arabische Worte dar, oder verhießen schon aus der Ferne ›LOVE‹. Selbst die kleinen Steine der Wege durch die atemberaubenden Gärten setzten sich zu Weisheiten und klugen Sprüchen zusammen.
In den Teichen schossen Fontänen in atemberaubend filigranen Mustern empor und gaben Rätsel auf, wie man Wasser dazu bringen konnte, solche Formen zu bilden. Und selbst der blaue Himmel über all der Pracht wirkte vollkommen echt, langsam und heiter zogen zarte Federwolken in ihm dahin. Nachts funkelten Sternenlichter am künstlichen Firmament, zu Konstellationen zusammengefügt, die es am wirklichen Erdenhimmel nicht gab. Eingedenk der zahlreichen Pärchen, die gerne abends im Park die kleinen Pavillons aufsuchten, hatten die Daimons sogar dafür gesorgt, dass dann und wann romantischerweise Sternschnuppen durch die Nacht von Shangri-La zogen und mit einem kleinen Feuerwerk verglühten.
›Selbst die Dämonen besitzen Weisheit‹, erinnerte sich Danubia. ›Und Sinn für Ästhetik. Aber wie kann jemand, der abgrundtief böse ist, Schönheit erschaffen?‹ Eine knifflige Frage...
Sie hielt auf die kleine Brücke über den Bach zu, die zwischen duftenden Pinien zu einem kleinen Stück Wildgarten führte, der so wild und doch wunderschön aussah, dass Danubia sich insgeheim fragte, ob nicht wieder eine raffinierte, dämonische Planung dahinter stand.
Ein großer, breitschultriger Mann stand mit dem Rücken zu ihr auf dem Holzsteg und lehnte sich auf die reich beschnitzte Brüstung, anscheinend ganz in Gedanken versunken hinunter ins Wasser schauend. Danubia grüßte höflich, als sie an ihm vorbeiging.
»Ich wusste, dass wir uns eines Tages wieder sehen, Danu.«
Danubia blieb stehen und fühlte ihre Beine weich wie Butter werden, gleichzeitig polterte ihr Herz beim Klang der nur zu wohlvertrauten Stimme ungebändigt los.
Procyon.
Langsam wandte er sich zu ihr um und kam näher, ohne sie eine Sekunde dabei aus seinen wunderschönen Augen zu lassen. Sie wirkten noch immer geheimnisvoll und Abenteuer verheißend, obwohl mittlerweile feine Linien von ihnen ausgingen.
Seine fremdländische Schönheit wurde durch den dunklen, gepflegten Bart nur noch mehr betont, ein Erbe seiner exotischen Vorfahren. Denn in dem Blut der Zimberdales vereinigten sich nicht nur viele europäische Völker, sondern auch indisches, arabisches, japanisches und südamerikanisches Erbgut, weswegen beispielsweise der alte Ataír, Procyons Vater, nicht die vornehme englische Blässe gehabt hatte, sondern goldbraune Haut.
Ein Bild von einem Mann, das war Procyon schon immer gewesen - und er wusste es nur zu gut.
Fast siebzehn Jahre der Trennung schrumpften zu einem unbedeutenden Augenblick zusammen, wie Danubia an dem Ziehen in ihrem Herzen hilflos erkannte.
»Natürlich, ich hätte wissen müssen, dass du hier ein- und ausgehst«, erklärte sie lächelnd und schlang die Arme fest um sich.
»Danubia. Ich freue mich so sehr, dich zu sehen.« Wie angenehm samtig diese Stimme immer noch klang, wie sicher und wie warm.
Danubia streckte ihm scheu die zitternde Hand entgegen, die er ergriff - und nicht losließ, als er fortfuhr: »Du hast dich kaum verändert. Du bist immer noch so grazil - und so schön.« Er entließ ihre schmale Hand, um sie leicht unter das Kinn zu fassen und sie mit einem unergründlichen, tiefen Blick zu mustern. Sie zuckte überrascht und doch angenehm berührt zusammen, als sie die Wärme seiner Hand auf ihrem Gesicht fühlte.
»Und du bist immer noch so verrückt, nehme ich an«, meinte sie betont spröde, um sich ihre innere Aufgewühltheit ja nicht anmerken zu lassen.
Er lachte sie an und schüttelte belustigt den Kopf. »Sind das nicht alle Xendii auf ihre Weise?«
Ohne dass sie sich dagegen wehren konnte - oder wollte -, legte er sanft die Hand auf ihre Schulter und ging mit ihr in das kleine Stück Wildgarten.
»Erst kürzlich hat mir Mira von ihrem Besuch bei dir berichtet. Ich bin froh, dass es dir gut geht. Dir und Melisande.«
»Ja, es geht uns gut. Tigris ist putzmunter.« Wie ihre Stimme zitterte, als sie diese Lüge über ihre Lippen brachte! Procyon betrachtete sie noch aufmerksamer und durchdringender als zuvor.
»Tigris. Ja, Mira erwähnte diesen Namen. Gefiel dir der Name Melisande letztendlich doch nicht?«
»Es ist ihr dritter Name. Eigentlich war ich damals zornig genug gewesen, um ihn völlig zu verwerfen. Aber da ich dir ja unbedingt versprechen musste, sie Melisande zu nennen, konnte ich es dann doch nicht über das Herz bringen. Tigris Aurora Melisande geht es also sehr gut.«
»Das ... ist erfreulich«, sagte er, ohne sie anzusehen, leise und auf eine derart merkwürdige Art, dass Danubia erschrak, denn sie spürte einen tiefen Kummer von ihm zu sich herüberwehen. Schon seit damals konnte sie seine Gefühle so viel besser wahrnehmen als die jedes anderen Menschen - Tigris eingeschlossen. In der kurzen Zeit ihrer leidenschaftlichen Beziehung hatte es sogar Momente gegeben, in denen sie einige seiner Gedanken und Erinnerungsbilder eingefangen hatte; weder beabsichtigt noch gewollt und doch ein Beweis der tiefen seelischen Verbindung zwischen ihnen.
»Und ihr seid nicht mehr bei deiner Sippe, wie Mira mir erzählte«, bohrte er weiter.
Viel zu schnell und ohne ihn anzusehen, antwortete sie: »Nein. Das ausgerechnet ich für meine Sippe die Bittstellerin spiele, liegt nur daran, dass ich als einzige einen profanen Pass besitze, wie er in den Kreisen der Neutralen üblich ist. Ich konnte ja schlecht die Tore benutzen, um in die Zweigstelle PAGANs in London zu gelangen. Die Allianz misstraut den Zimberdales über alle Maßen.«
»Nun, dazu haben sie auch gute Gründe. Früher oder später wird Atlantica aus diesem ignoranten Verbund ausscheren. Das ist nur eine Frage der Zeit. Viele meiner Sippen können es kaum erwarten.«
»Es war klug von dir, zunächst auf das Stillhalte-Abkommen einzugehen, trotz dieses Umbriel. Ein offener Krieg zwischen uns wäre das Letzte, was diese geplagte Welt braucht.«
»Niemand hofft mehr, dass sich das Umbriel-Problem bald löst, als PAGAN.« Für einen Moment glitt ein finsterer, entschlossener Ausdruck über sein schönes Gesicht. Doch dann tauchte er aus seinen offensichtlich dunklen Gedanken auf und sah Danubia wieder mit einem weichen, liebevollen Blick an, der sie vollkommen aus dem Konzept brachte.
»Sieht sie mir eigentlich ähnlich? Wenigstens ein kleines bisschen?«, fragte er mit wehmütigem Lächeln, das sie rührte. Sie betrachtete liebevoll seine Züge und sagte dann: »Ein wenig schon, ja.« Gleichzeitig erinnerte sie sich, wie besorgt sie vor Equinox Veris gewesen war, dass jemand im Palais Almacielo eine Verbindung zwischen Procyon und Tigris herstellen würde. Schließlich trafen sich dort nur die ranghöchsten Sippen und die Oberhäupter der Allianz - und sie kannten die Zimberdales nur zu gut. Doch ihr schlechtes Gedächtnis für Gesichter hatte Danubia getrogen. Schon alleine Tigris’ Augen waren viel heller als die ihres leiblichen Vaters. Und da er mittlerweile einen Bart trug, konnte man nicht auf Anhieb die Verwandtschaft zwischen ihm und seiner Tochter erkennen.
»Tigris...« Procyon grinste mit einem Mal breit. »Ist das etwa eine Anspielung an unser erstes Treffen in Bagdad bei dieser reizenden irakischen Sippe, die uns dermaßen verwöhnt hat, dass wir ernsthaft in Erwägung gezogen hatten, uns von ihnen adoptieren zu lassen?«
Danubia errötete und kicherte dann bei der Erinnerung an dieses Erlebnis. »Ich bin eben so romantisch. Und Tigris gefiel mir. Tigris Aurora. Morgenröte am Tigris. Es klingt einfach 
wundervoll.«
»Du bist wundervoll. Immer noch...«, gestand er und Danubia spürte, dass er vollkommen aufrichtig war. Er hatte sie damals angefleht, nicht zu gehen. Doch es war zu vieles passiert, zu viele hässliche Gerüchte um seinen leichtfertigen Lebenswandel, zuviel Geheimniskrämerei um die Art und Weise, wie er seine Tochter vor dem Tod gerettet hatte.
Procyon sah sie auf seine schelmisch-jungenhafte Art an, der sie noch nie widerstehen konnte.
»Darf ich dich in mein Lieblingscafé hier in Shangri-La entführen? Unverständlicherweise heißt es ›Da Gaudí‹.« Er lachte, und Danubia genoss das jugendliche Temperament, das daraus hervorklang. Sie versuchte dennoch, gegen den reißenden Strom ihrer Gefühle anzuschwimmen. Wie oft hatte sie an ihn gedacht, wie oft hatte die Sehnsucht nach ihm und seiner Umarmung ihr Herz gequält... und nun stand sie ihm wieder gegenüber und nur noch lose Anker der Vernunft hielten sie davon ab, nicht sofort wieder in seine Arme zu fliegen.
»Wieso nicht? Ich habe ohnehin nichts zu tun als zu warten.«
»Ich habe mich schon persönlich dafür eingesetzt, dass ihr ein RAM erhaltet. Eure Chancen stehen sehr gut.«
»Tatsächlich?« Danubia sah ihn überrascht an. Welche Stellung hatte Procyon eigentlich mittlerweile bei PAGAN inne? Ehrgeizig genug war er schon immer gewesen.
Procyon ließ sie nicht aus seinem geheimnisvollen, zärtlich-wilden Blick, während er mit einem Mal sanft ihren Rücken mit seiner Hand berührte. »Der Wahrheit zuliebe muss ich gestehen, dass auch Mira sich für euch stark macht. Und ihr Wort hat noch größeres Gewicht als meines, wie du sicher weißt.«
»Ja, sie hat es weit gebracht.«
»PAGAN und die Ideale unserer Gemeinschaft sind unbestritten ihr Leben.«
Als sie zusammen zurück in die prachtvolle Stadt gingen, schlang er sogar seinen Arm um ihre Taille - wie er es damals immer gemacht hatte.
Und sie ließ es nicht nur zu, sondern schmiegte sich wie damals ganz selbstverständlich an ihn. In seinen Armen fühlte sie sich sicher wie sonst nirgendwo, unverwundbar und vollkommen losgelöst von der Welt.

.

»Guulin Kherem ist eine alte, schon lange verlassene Burg im mongolischen Teil der Wüste Gobi. Wir hängen hier oft ab, weil Shangri-La uns viel zu kitschig ist. Und zu voll.«
Shirooka ging mit Hababai vor den neun Wandlern aus Windwibbenburg her und führte sie durch die kühlen Gänge aus Lehmziegeln.
Als sie mit dem farbigen Hünen vor wenigen Minuten in Windwibbenburg aufgetaucht war, hatten sich Bat Furans schlimmste Befürchtungen bewahrheitet: Lux Livas hatte sie also ausgerechnet in ein Seminar der DiSMasters gesteckt.
Und damit nicht genug: Er hatte es sogar zugelassen, dass sie mit Hilfe einer merkwürdigen silbernen Scheibe ein illegales Tor mitten in der Burg errichten konnten, das geradewegs in die tausende Kilometer entfernte Mongolei führte.
Die Windwibbs fühlten sich überhaupt nicht wohl. Sie waren diesen Leuten hilflos ausgeliefert und trauten ihnen kein Stück über den Weg. Einzig Ras Algheti schien ganz aufgekratzt zu sein und stürmte als erster zu den schmalen, rechteckigen Öffnungen, die ein unglaublich reines Blau einrahmten: Der wolkenlose Himmel spannte sich gebieterisch und frei über die gelbbraunen Dünen, die sich am flirrenden Horizont mit ihm verschmolzen. Sie vermittelten dem Betrachter einen beängstigenden Eindruck von uraltem, erfolgreichem Widerstand gegen den Menschen und gaben ihm das Gefühl, umzingelt und belagert zu sein. Der Burgkomplex drängte sich an den Fuß eines kahlen Bergzugs und bestand aus miteinander verbundenen, turmähnlichen Lehmquadern verschiedener Größe mit winzigen Scharten als Fenster. Doch die heftigen Sandstürme, die heiße Sonne und die eiskalten Nächte hatten schon über einige von ihnen gesiegt, ihnen klaffende Löcher in die Mauern geschlagen, die Zinnen abgenagt und ihre Schmuckreliefs glatt gerieben.
Die beiden DiSMasters führten sie durch die labyrinthisch verwinkelte Burg, bis hallendes Stimmgewirr endlich andere Menschen ankündigte.
Eine Gruppe von etwa zwanzig jungen Leute aus anscheinend allen Völkern der Erde saß in einem großen Raum, dessen Wände und Boden mit bunten Wollteppichen geschmückt und ausgelegt waren. Ebenso farbenfrohe Kissen lagen verstreut herum, von denen sich der eine oder andere Schüler eins geschnappt hatte, um es bequemer auf dem Boden zu haben. Tische oder Stühle gab es nicht; das einzige Möbel war ein schlichtes, naturbelassenes Holzregal voller Steingut-Geschirr und Essenssachen gegenüber dem Durchgang, aus dem die Windwibbs und die beiden DiSMasters kamen. Die winzigen Fensterscharten knapp unterhalb der hohen Decke ließen kaum Sonnenlicht herein, weshalb zahlreiche Kerzenständer im Raum verteilt standen.
Rosanjin, Volta und Celestine saßen etwas abseits der aufgeregt miteinander redenden jugendlichen Schüler und ließen sich auch nicht durch das Eintreffen der Windwibbs weiter in ihrem Gespräch stören.
Doch die anderen Schüler, gespannt auf jeden weiteren Neuzugang, rissen erstaunt die Augen auf, als sich Tigris mit den anderen Windwibbs zu ihnen gesellten, wenngleich sie sich etwas abseits hielten und dicht zusammenhockten. Man tuschelte und warf ihnen immer wieder fragende Blicke zu. Aber da sich die neun Neuen ziemlich reserviert gaben und auch keine ausgesprochen freundliche Miene aufsetzten, hatte niemand Mut, sie in ein Gespräch zu verwickeln - außer Ras Algheti, der offensichtlich entschlossen war, das Beste aus dem Seminar zu machen und sogleich die Leute ringsum nach dem Ablauf fragte.
»Keine Ahnung. Wir machen zum ersten Mal ein Seminar bei Aévon Zimberdale mit«, meinte einer von ihnen.
»Aévon Zimberdale ist unser Lehrer?«, kreischte Sienna entsetzt auf, was die anderen Seminarsteilnehmer in Gelächter ausbrechen ließ.
»Es ist jetzt eh’ zu spät, also blamier uns nicht schon von Anfang an, Sienna«, knurrte Tigris.
»Sag mal, sind wir die einzigen aus der RSA, oder wie?«, fragte sich der kleinwüchsige vierzehnjährige Vorias, der einzige Wandler mit Brille, und spähte über die Köpfe aller hinweg nach einem bekannten Gesicht.
»Siehst du noch jemanden außer uns, der Overalls trägt?«, sagte Tigris und wies mit dem Kinn auf die vor ihnen sitzende Mädchen und Jungs, die wie die jungen Männer im Zelt leichte Baumwollkleidung in verschiedensten Farben trugen, darunter viele mit bedruckten T-Shirts, auf denen Sprüche wie ›DiS up your live‹ oder ›Proud to be a Pagan‹ standen.
Mit einem Mal wurde einer der Wandteppiche vor der Gruppe der Schüler zurückgeschlagen. Aévon kam aus einem Durchgang schwungvoll herein und baute sich vor ihnen auf. Er trug ein rotes Tuch nach Piratenmanier auf seinen dunklen Locken, dazu eine weite, helle Hose und präsentierte ansonsten ungeniert seinen kräftigen, durchtrainierten Körper. Doch das nahm die Mehrzahl der Windwibbs ohnehin nicht mehr richtig wahr - beschäftigte sie doch vielmehr sein Gesicht und dessen frappante Ähnlichkeit mit dem von Tigris.
»Wieso siehst du diesem ... Abtrünnigen so ähnlich?«, wisperte Dheneb fassungslos.
»Woher soll ich das wissen, ich kenne ihn gar nicht«, log Tigris schnippisch und wandte sich demonstrativ wieder dem Geschehen zu, damit niemand mehr weiter darauf herumreiten konnte. Glücklicherweise begann Aévon auch schon mit seiner Ansprache. Er breitete die Arme aus und rief ihnen übertrieben weihevoll zu: »Meine lieben Kinder! Wir sind heute hier zusammengekommen...« Es folgte eine kleine Kunstpause, in der Aévon andächtig gen Decke schaute und erstes verhaltenes Gekicher einiger Jugendlicher von PAGAN provozierte. »Damit ich auch heute wieder viele Leute so richtig schön in den Arsch treten, voller Genuss anbrüllen und Gewaltphantasien an ihnen zelebrieren kann.«
»Spinner!«, zischte Dheneb leise.
»Und natürlich, damit ich euch an euren Ohren durch den heißen Wüstenstaub ziehen kann, als Strafe für irgendwelche unpassenden Kommentare zu meiner Person oder zu den anderen Personen, die heute eure Lehrer darstellen.«
Dheneb senkte ertappt den roten Schopf und starrte böse auf ihre Zehen. Natürlich, Aévon besaß durch sein Doppel-Xendium auch eine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit, ergo ein besonders gutes Gehör.
»Zunächst aber möchte ich unsere lieben Freunde von der RSA begrüßen. Falls ihr mich unverständlicherweise noch nicht genug hasst, wird sich das im Laufe dieses Tages garantiert ändern. Was ja auch durchaus im Sinne der Schmusegern-Allianz ist: Ohne Feindbilder ist das Leben doch nur halb so einfach und schön.«
Tigris musste wider willen still in sich hineinkichern. Obwohl Aévon schwul war, gehörte er keinesfalls zu jenen theatralischen Geschöpfen, die einen durch ihre übersteigerte Gestik und Sprechensweise zum Lachen brachte, sondern vermittelte durchaus den Eindruck eines waschechten Machos. Soviel Ironie auch in seiner Stimme schwingen mochte - die Schärfe und Entschlossenheit darin klang für alle überdeutlich hervor.
»Und ich gebe für jeden von euch gerne ein wundervolles Feindbild ab, solange ihr eurerseits hier alles gebt und euch so richtig in die Sache hineinkniet. Das erwarte ich von euch. Und vor allem will ich, dass ihr die Zähne zusammenbeißt und niemals anfangt zu heulen. Denn ich hasse Heulsusen und Leute, die zwar gerne mit irgendwelchen Titeln und einem schlechten, coolen Ruf brillieren möchten, aber nicht bereit sind, dafür bis an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen.« Aévons durchdringender Blick erfasste nacheinander einige Mädchen in den vorderen Reihen, als er weiterredete: »Guulin Kherem, meine Damen, ist kein lauschiges Café, in dem man herumalbern und Jungs anbaggern kann. Kaffeekränzchen und Talk-Shows werden von mir gnadenlos und ziemlich forsch gesprengt.
Und auch ein Wort an die männlichen Individuen und jene, die glauben, eines zu sein: Wehe, ich erwische einen von euch Muftis dabei, wenn ihr heulende Weiber tröstet oder grässliche Brandwunden heile heile pustet! Und nun Näheres zum Tagesablauf.«
Er ließ sich zwischen Rosanjin und Celestine nieder, die mit einigen anderen DiSMasters bereits entlang der Wand vor den Schülern saßen.
»Wir haben vier theoretische Blöcke. Der erste schließt mit einigen Übungen ab, dann folgt eine Pause, in der ihr euch erfrischen, abknutschen oder sonst was könnt. Danach folgen zwei Blöcke aufeinander, zwischen denen das Mittagessen liegt. Nach dem dritten Block werden wir ein kurzweiliges Spielchen spielen, in dem ihr das Gelernte aus den vorhergehenden Block praktisch anwenden könnt. Nach dem Abendessen folgt die letzte Theorie-Einheit und ein entsprechender praktischer Teil.« Aévon ließ seinen Blick über die vor ihm sitzenden Jugendlichen schweifen, traf die goldbraunen Augen weiter hinten, verweilte einen Moment in ihnen und fuhr dann zu sprechen fort.
»Und damit keiner behaupten kann, wir wären nicht nett zu euch, gibt es zum Abschluss eine kleine Überraschung. Apropos: Ist jemand nicht schwindelfrei?« Aévon sah umher. Einige Finger gingen zaghaft in die Höhe, darunter die von zwei Windwibbs, nämlich von Sienna und Vorias.
»Keine Sorge. Ihr dürft euch gerne die Augen und die Brille vorher verbinden. Und jetzt schicken wir euch in die Wüste!« Aévon sprang mühelos aus dem Sitzen auf die Beine und hieß seine Schüler aufzustehen.
Rosanjin und Volta schlugen einen Wandteppich hinter sich zur Seite und gaben das Tor frei, das verschwommenes Orange und Gelb einrahmte.
Nacheinander traten die Jugendlichen in ein großes Zelt mitten in der Gobi, dessen Eingang offen stand und hinaus in die Wüste führte.
Aus der kühlen Burg in die Gobi zu gehen, war wie die Tür eines voll aufgedrehten Backofens aufzumachen und den Kopf hineinzuhalten, oder besser gesagt: Sich gleich ganz hineinzusetzen.
Nach wenigen Augenblicken lief allen der Schweiß am Körper herunter.
Sie stellten sich auf Anweisung von Aévon in mehreren Metern Abstand nebeneinander auf und bekamen von Shirooka und Hababai je einen kleinen Holzklotz.
Aévon schritt langsam an ihnen vorbei und erklärte mit lauter Stimme: »Zunächst einmal muss sich jeder von seiner gewohnten Terminologie verabschieden, sowohl meine lieben Brüder und Schwestern von PAGAN, aber auch unsere lieben Gäste aus der Allianz. Es gibt heute kein Aethron, sondern nur noch DiS. Und es wird auch nicht gewandelt, sondern performt. Allianz-Nebel oder PAGAN-Plasma heißt bei uns schlicht, aber treffend Spray. Und ihr performt jetzt mit Spray jeder ein hübsches Schwert oder sonst eine Waffe, mit der man zum Beispiel inkarnierte Daimons erledigen kann. Man sollte sich nicht mehr darauf verlassen, dass der DiS-Level ewig unter 9% bleibt. Natürlich kann man auch einen inkarnierten Cherub mit DiS vernichten. Aber ein sauberer Schnitt mit einer scharfen Klinge bringt den gleichen Effekt und ist zudem viel befriedigender.«
Und so machte sich jeder daran, Aévons Befehl Folge zu leisten, den Holzklotz zu levitieren und möglichst genau eine Waffe zu visualisieren, in die sich hoffentlich der Quader über ihren Handflächen verwandeln würde.
Die meisten Schüler hatten überhaupt keine Probleme damit, manche bekamen sogar Edelsteine und phantasievolle Verzierungen auf der Klinge hin, einige Windwibbs hingegen kriegten überaus unwirsche Kommentare von Aévon zu hören. Dheneb etwa verschätzte sich in der Größe und machte aus ihrem Klotz ein Frühstücksmesser in der Form eines Breitschwertes. Vorias hatte lediglich die Tierfiguren im Programm, die er in Windwibbenburg gerne herstellte, Bat Furan wiederum bemühte sich erfolglos um die richtige Konsistenz bei seinem Degen, weswegen dessen Klinge wie Knete hin- und herschwankte.
»Ein Grillspießchen. Immerhin, Miss Tiggy«, höhnte Aévon, als er Tigris’ seltsames Werk betrachtete. Dann marschierte er finster an den Windwibbs entlang und verwandelte ihre eigentümlichen Kreationen wieder zurück in Holzklötze.
»Mir scheint, ihr habt noch nie ein Schwert oder sonstige nützliche Dinge jemals ausgiebig betrachtet und visualisiert«, herrschte er die Windwibbs an. »Als Performer ist es oberstes Gebot, alle möglichen Gegenstände genau zu betrachten, anzufassen und sich zu merken, wie sie aussehen und sich anfühlen. Dazu ist jeder von euch in der Lage. Jeder Performer verfügt über diese außergewöhnliche Art von Gedächtnis, aus dem er später augenblicklich das Gewünschte abrufen kann. Und ihr könnt das auch, also fangt endlich damit an. DiS gehorcht eurem Willen. Aber das Urvertrauen in die Tatsache, dass ihr das mit DiS machen könnt, was immer euch beliebt, fehlt euch anscheinend. Ihr dürft niemals darüber nachdenken, ob ihr irgendetwas könnt oder nicht, ihr müsst es einfach tun. Nicht nachdenken - einfach tun. Alles klar?«
Aévon nahm etwas Sand auf, warf ihn in die Luft, woraufhin ein riesiger Krummsäbel genau in seine Rechte fiel. »Einfach tun, es geht. Ihr könnt das. Ihr seid Performer.«
Er reichte den Säbel als erstes an Tigris, die nicht umhin kam, Aévons Fähigkeiten zu bewundern, obwohl sie ihn insgeheim für großspurig und arrogant hielt. Sie schloss konzentriert die Augen, als ihre Hand an dem Säbel entlang glitt und prägte sich dann sein Aussehen genau ein.
Als jeder einmal die Waffe in der Hand gehabt hatte, gab Aévon den Startschuss zum zweiten Anlauf.
Antaris, der stille, engelsgesichtige Blondschopf unter den Windwibbs, überraschte auf Anhieb vor allem sich selber mit einer fast perfekten Kopie des Säbels. Das konnte Bat Furan nicht auf sich sitzen lassen und strengte sich umso verbissener an. Es konnte doch nicht angehen, dass er, der Tigris so heldenhaft aus den Klauen Excelsiors befreit hatte und in Windwibbenburg als der Beste Wandler galt, vor einem profanen Schwert kapitulieren musste.
»Du denkst zuviel! Sei impulsiver!«, brüllte Aévon ihn an, als seine Waffe immer größer wurde und den jungen Windwibb beinahe zu erschlagen drohte.
Bat Furan biss die Zähne zusammen und wischte sich mit dem Arm Blut von der Nase. »Ich muss eine Pause-«
»Keine Pause!«, dröhnte ihm postwendend die zornige Antwort ins Gesicht. »Mach einfach weiter, dann hört dein Nasenbluten auch gleich auf. Wenn der Körper auf Performen eingestellt ist, will er ständig Nachschub an DiS. Jeder Xendi ist im Prinzip nichts weiter als ein verdammter kleiner DiS-Junkie!« Er warf Bat Furan erneut den zurückgewandelten Holzklotz zu.
»Ich muss mich übergeben!«, stöhnte Vorias und sank auf die Knie, wobei seine Brille in den Sand fiel. Doch Aévon kam sogleich zu ihm gestürmt, zog ihn unsanft hoch auf die Beine und setzte ihm die Brille wieder auf die Nase. »Niemand kotzt ungestraft vor meine Füße, Häschen«, fauchte Aévon bedrohlich, was den schmächtigen Wandler schleunigst seinen Klotz auflesen und mit einem erneuten Versuch fortfahren ließ. Tigris kochte innerlich vor Wut. Schon, wie Aévon Bat Furan angefahren hatte, missfiel ihr. Aber wie er mit dem kleinen, ohnehin unsicheren Vorias umging! Sie hielt es nicht mehr aus und stampfte zu dem DiSMaster hinüber.
»Sie können nichts dafür, du Sadist!«, schrie sie Aévon an. »Wir haben nicht vor, wie ihr mordend durch die Gegend zu rennen und alles umzunieten, das nicht rechtzeitig flüchten kann. Schwerter, pah! So ein Mist!«
Doch dieser Wutausbruch amüsierte den jungen Zimberdale nur. »Was glaubt ihr, weswegen euer Oberhaupt euch sonst zu diesem Seminar geschickt hat? Er weiß nur zu gut, dass ihr euren sippeneigenen Unterricht vergessen könnt, wenn ihr eines Tages von höchst realen Daimons oder unsympathischen Xendii angegriffen werden solltet.«
»Der einzige unsympathische Xendi bist du, du Angeber«, giftete Tigris, was sogar die Jugendlichen von PAGAN erschrocken in ihren Übungen innehalten ließ.
»Auf eure Sympathien oder Antipathien gebe ich einen Dreck!«, knurrte Aévon und beugte sich zu Tigris herunter, bis sein Gesicht ganz nahe an ihrem war. »Ihr seid hier, weil euer Sippenchef sich eine Verbesserung eures Könnens erhofft. Es liegt an euch, ihn nicht zu enttäuschen. Also zurück in die Reihe und weitermachen!«
»Erst wenn du aufhörst, uns fertig zu machen, nur weil wir nicht von PAGAN sind.«
»Niemand bekommt hier eine Extra-Massage. Zurück, sofort!«
»Du hast mir nichts zu befehlen!«
»Hier und heute sehr wohl!«
Zwischen den beiden honigbraunen Augenpaaren sprühten wütende Funken.
»Sogar die gleichen Dickschädel habt ihr«, meinte Hababai erstaunt, als er die beiden Streithähne ausgiebig betrachtete. »Und auch die gleiche Zornesader an der Schläfe. Jetzt fangen sie sogar bei euch beiden gleichzeitig an zu pulsieren.«
Schnelle Blicke an die Schläfe des anderen bestätigten Tigris und Aévon Hababais Beobachtung, bevor sie damit fortfuhren, sich wütend mit Blicken zu duellieren.
»Woher nimmst du die Unverschämtheit, mit nur höchstens 1,65 m so frech zu sein?«, sagte Aévon, bemüht, weiterhin ernst und wütend auszusehen, obwohl er am liebsten lauthals gelacht hätte. Es musste für die anderen köstlich aussehen, dass dieser kleine Wuschelkopf ihm furchtlos Paroli bot.
»Keine Ahnung. Wut?«, stieß Tigris zwischen den Zähnen hervor.
»Ach was«, flüsterte er ihr für die anderen unhörbar zu. »Das ist eindeutig der berühmte Zimberdale'sche Jähzorn.«
Wortlos wandte sich Tigris ab und marschierte mit gesenktem Kopf zurück an ihren Platz. Sie war so verwirrt, aber auch wütend, dass sie gar nicht mehr weiter darüber nachdachte, was sie mit dem Holzklotz in ihrer Hand anstellte.
»Na bitte. Nicht nachdenken, einfach tun«, sagte Aévon zu ihr. Sie sah auf - und war erstaunt, dass ein einfaches, aber höchst real aussehendes Schwert über ihrer Hand schwebte.
Vorias und die anderen Windwibbs probierten ihrerseits unermüdlich den erfolgreichen Einsatz von Spray und stellten überrascht fest, dass Aévon recht behalten hatte: Je länger sie fortfuhren, zu wandeln, desto besser vergingen Übelkeit und Schmerzen.
Die Schüler brachten noch zwei weitere Stunden damit zu, alle möglichen Gegenstände mit Spray umzuwandeln, einschließlich die Haarfarbe ihres Partners sowie dessen Kleider. Aévon und die anderen DiSMasters ließ sich dann von jedem einzelnen Schüler zeigen, wie gut er den DiS-Nebel intonieren konnte, oder wie Aévon es im DiSMaster Codex ausdrückte: »Ihr performt jetzt einen Karaoke Spray. Das ist wichtig für spätere Einsätze unter Neutralen. Und verschwendet gar nicht erst lange Zeit für einen tollen Reim, das ist dem Spray ziemlich schnuppe. Ihr könnt den Spray auch mit einem Kochrezept intonieren, wenn nur eure wahre Absicht dahinter überzeugend genug ist.«
Gleich darauf gab es sehr viel zu lachen, als jeder seinen Partner mit dem Karaoke Spray die blödesten Dinge tun ließ. Von den üblichen Tierimitationen bis hin zu albernen Volkstänzen wurde nichts ausgelassen. Die DiSMasters machten dabei freudig mit und nicht einmal Aévon war sich zu schade, von Shirooka zu einem Bauchtanz ›überredet‹ zu werden.
Nach dem ausgiebigen Training mit Spray, dessen Anwendung bei den Meisten endlich saß, gönnte ihnen Aévon eine halbstündige Pause in der kühlen Burg. Doch auch während sie sich ausruhten, spielten die Hände aller Windwibbs mit dem Holzklotz und wandelten ihn ohne zu überlegen in irgendetwas anderes, Kleines. Niemand hatte Lust, ausgerechnet in der Pause an den Entzugserscheinungen zu leiden.
Als nächstes ging es mit den Strahlen aus DiS weiter, was von Shirooka präsentiert wurde. Bat Furan ließ sie keine Sekunde aus den Augen und gab sich noch nicht einmal Mühe, seine Bewunderung ein wenig zu tarnen.
»Die nächste Stunde beschäftigen wir uns mit Jets, Strahlen aus DiS. Später zeigt euch Hababai die Dashes, die Kugeln.« Shirooka stellte sich in einigen Metern Entfernung längs zu der Schülerreihe.
»Wie ihr alle wisst, gibt es drei Stärken, mit denen man DiS abschießen kann. Grün ist Easy, Blau ist Nice und Rot ist Wild, aber wir erwähnen nur Nice oder Wild extra. Ohne diese Zusätze ist ansonsten immer Easy gemeint.«
Und Aévon ergänzte: »Von Wild lassen wir allerdings hübsch die Finger in diesem Seminar. Damit haben selbst einige von uns noch Probleme.«
»Jets benutzen wir für punktgenaue Aktionen«, fuhr Shirooka fort. »Sie treffen dorthin, wo ihr sie haben wollt, sind aber nach dem Abschießen nicht mehr beeinflussbar, da sie nicht mehr mit eurer Hand verbunden sind.«
Sie demonstrierte die Technik, indem sie den Jet mehrere Meter weit entfernt in den Boden schoss. Nach wenigen Sekunden fuhr er an einer ganz anderen Stelle wieder heraus und verlor sich in dem grenzenlosen Blau des Himmels.
»Und wieder ein Vogelleben sinnlos vergeudet...«, meinte Hababai gespielt geknickt.
»Das war ein Gypsy Jet. Er eignet sich gut zum Verwirren des Gegners und für Überraschungseffekte. Und das...« Shirooka ließ blitzschnell einen Strahl in die Schüler rasen, der jedoch mit ihrer Hand verbunden blieb. Sein anderes Ende wand sich um das Käppi eines chinesischen Jungen und kam damit zurück zu Shirooka. »Das ist ein Slave, eine sehr nützliche Form des Jets. Durch seine Lenkfähigkeit ist er vielseitig verwendbar, denn mit ihm kann man Dinge holen oder fortschleudern, ihn aber auch wie ein richtiges Seil benutzen. Die andere Form eines Jets, die sehr hilfreich ist, ist hohl. Wir nennen das Pipe. Und in einen Pipe passt prima etwas Nettes hinein. Wie etwa verzögerte kleine Dashes oder Karaoke Spray...«
Shirookas Pipe sauste in den Wüstensand vor ihren Füßen. Dann schickte sie einen Spray hindurch, der den Sand zu Glas schmelzen ließ.
»Wir können bei Jets, Slaves und Pipes die Geschwindigkeit bestimmen. Dies wäre ein Shy Slave.« Der abgeschossene Strahl bewegte sich langsamer als die anderen vorher gezeigten Jets. »Man benutzt ihn zum Beispiel, wenn man sich noch nicht ganz schlüssig ist, was man als nächstes tun möchte. Im Gegensatz dazu kann man natürlich superschnelle Jets erzeugen. Ich zeige euch den Porsche Jet.«
Der nächste Strahl, den Shirooka vor ihren Augen in die Wüste feuerte, war so schnell fort, dass sie ihn zweimal wiederholen musste.
»Für den Fall, dass man mehreren Gegnern gegenüber steht, gibt es auch noch eine schöne Technik: Jet Party.«
Dieser Strahl, von Shirooka in die endlose Wüste hinausgeschossen, teilte sich nach einigen Metern, und jene Enden teilten sich wieder und wieder, bis der Jet im Sand verschwand.
»Und viele Techniken lassen sich kombinieren. Hier hätten wir einen hohlen Strahl mit Spray-Füllung, der sich kurz vor dem Auftreffen teilen wird, oder wie wir sagen: Spray Pipe Party.«
Als Versuchskaninchen mussten diesmal Bat Furan und Ras Algheti herhalten. Sie sahen ihn noch nicht einmal heranrasen, da teilte er sich bereits, fuhr mit beiden Enden in ihre Brust und ließ die obersten Knöpfe ihrer Overalls zu zwei gelben Puschel werden, was natürlich erneut für Gelächter sorgte.
»Der Schwachpunkt eines Pipe ist die Gefahr der Rückkopplung, wenn ihr ihn mit einem Slave kombiniert: Der Feind kann seinerseits etwas durch euren Slave Pipe hindurchschicken und euch vernichten und ist daher mit Vorsicht zu genießen.«
Nach der Demonstration mussten alle Schüler die Techniken selber ausprobieren. Und wer sich zögerlich zeigte oder jämmerlich versagte, wie etwa Sienna, aber auch Tigris, der bekam entweder spöttische Kommentare von Shirooka oder Volta zu hören oder wurde gleich mit Windstärke 10 von Aévon angeraunzt.
Ras Algheti ging hingegen völlig darin auf, durch die Wüste zu rennen und ungezügelt umher zu         schießen, was in den Wäldern Windwibbenburgs oder in der kleinen Fabrik überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Aber auch Antaris brillierte wieder einmal und überraschte am meisten sich selber mit seinen ungeahnten Fähigkeiten. Wacker schlugen sich ebenfalls die burschikose Dheneb und Arktur, aber auch die temperamentvolle, zickige Rhenèlle.
»Free your mind, Mann!«, brüllte Aévon Bat Furan an, obwohl dessen Pipes und Slaves einwandfrei aussahen.
»Mein mind ist free!«, schrie Bat Furan mit einem Mörderblick zurück. Sein Hass auf den arroganten DiSMaster nahm beinahe schmerzhafte Ausmaße an.
»Ach ja? Du bist zu langsam, weil du immer noch zuviel nachdenkst. Los, greif mich an. Und wenn du gewinnst, darfst du mich für immer ›Yvonne‹ nennen. Ich will mehr Temperament bei dir sehen. Du kannst viel besser sein. Machen - nicht überlegen.«
Provozierend stellte er sich in einigen Schritt Entfernung vor Bat Furan auf.
Dieser starrte Aévon schwer atmend an.
»Los, schieß schon, irgendetwas. Was ist, kleiner Schnuckelhase?« Aévon wackelte anzüglich mit den Hüften.
Und das war zuviel für Bat Furan. Mit einem wütenden Gebrüll feuerte er eine Nice Porsche Jet auf Aévon, der wirkungslos von dem blauen Gespinst absorbiert wurde, in das Aévon augenblicklich seine Hand hüllte und dabei auch noch lachte. Doch schon im nächsten Moment riss er Bat Furan mit einem Slave von den Füßen. Es folgte eine Antwort in Form einer grünen Kugel, die haarscharf an Aévons Schulter vorbeizischte.
»Hey, wir sind noch nicht bei Dashes und Frills!«, protestierte Hababai, der wie die anderen gebannt dem Zweikampf von Bat Furan und Aévon folgte.
Windwibbenburgs hochgewachsener Wandler schoss mit unglaublicher Wut, traf Aévon jedoch nie. Weder Gypsy Jets noch Slave Party konnten dem jungen Zimberdale etwas anhaben, denn viel zu schnell wich er aus oder sprang hoch in die Luft, hüllte sich rechtzeitig in einen Schild oder streckte auch nur eine schildbewehrte Hand aus, um die Strahlen, die ihm um die Ohren flogen, mühelos einzufangen oder fortzuschlagen. Selbst mit den Füßen konnte er die Strahlen und DiS-Peitschen problemlos abwehren.
Nach einigen Minuten war Bat Furan vollkommen erschöpft und ließ sich in den Sand fallen, völlig außer Atem und klatschnass geschwitzt.
»Schon viel besser«, lachte Aévon. »Warum hören die meisten erst im Zorn auf, über ihre Schüsse nachzudenken? Du bist wirklich gut. Ein Monat bei uns - und du könntest problemlos DiSMaster Global bei den DiSMaster Tournaments schaffen. Welch ein Talent - und es verrottet bei der Allianz. Das tut mir in der Seele weh.«
»Danke für die Blumen«, grummelte Bat Furan, dessen Wut sich mit jedem Schuss verschlissen hatte. »Aber wir werden niemals zu euch gehören. Allianz forever.«
»Fragt sich nur, wie lange forever noch dauert«, entgegnete Aévon spöttisch und wies die anderen Schüler dann an, noch ein paar Minuten mit den Jet-Arten weiterzumachen, bevor sie hinüber in die Burg gehen würden, um endlich etwas Stärkendes zu essen.
Die einstündige Mittagspause über waren die Schüler alleine in dem kerzenerleuchteten Raum von Guulin Kherem, während ihre Lehrer etwas von ›Trainingsstrecken präparieren‹ als Grund für ihre Abwesenheiten nannten.
»Kann es sein, dass irgendetwas in dem Wasser ist?«, fragte Vorias befremdet, weil sein Glas leicht grünlich glühte.
»Natürlich ist das Wasser mit DiS angereichert«, erklärte ein stämmiges russisches Mädchen seelenruhig. »Man hat ja nicht immer Lust oder Zeit, kleine Dinge in seiner Hand zu wandeln, damit einem nicht schlecht wird. Wir haben uns schon vorhin gewundert, wie ausdauernd eure Finger beschäftigt waren.«
Vorias schrak vor dem Wasserglas zurück und betrachtete es unglücklich.
»Mir gefällt es gar nicht hier«, murmelte er. »Und diese Typen sind wahnsinnig. Wieso hat uns Lux Livas hierher geschickt?«
Dheneb strich ihm tröstend über den Rücken. »Ja, sie sind wirklich durchgeknallt. Aber du musst doch zugeben, dass wir jetzt schon Dinge gelernt haben, die noch nicht einmal Lux Montana für möglich halten würde.«
Tigris sah ihre acht Kameraden ernst an. Dann begann sie leise von Lux Livas' Verdacht gegenüber einigen Xendii der Allianz zu erzählen.
»Aber das kann doch gar nicht sein. Wir in der Allianz halten alle zusammen«, entgegnete Bat Furan.
»Wir in Windwibbenburg halten zusammen«, widersprach Tigris. »Notfalls gegen die Allianz selber. Das war doch schon immer so. Und vergiss nicht, dass Ember diesen Umbriel für gefährlich genug hält. Ich wette, Lux Livas hat ihn auch schon einmal predigen hören und gleich gewittert, worauf es hinausläuft. Auch wenn die Allianz und PAGAN andere Ansichten haben, sind wir doch alle letztendlich Xendii. Und wir dürfen uns niemals gegenseitig abschlachten. Damit würden wir den üblen Daimons in die Hände spielen.«
»Ich verstehe Ember einfach nicht«, seufzte Bat Furan missmutig. »Bei uns war es doch eigentlich ziemlich locker. Wieso findet er die Abtrünnigen besser als uns?«
Sienna lächelte spitzbübisch, als sie antwortete: »Ich denke, er hat sich in ein Mädchen von dort verliebt. Ich habe ihn vor ein paar Tagen oben in der Bibliothek dabei ertappt, wie er ein Herz und einen Namen auf die beschlagenen Scheiben gemalt hat. Er hat es schnell fortgewischt, als ich hereinkam. Aber ich konnte noch die Anfangsbuchstaben erkennen: SA.«
»Savanni!«, entfuhr es Tigris. »Er hat doch letzten Monat ein PAGAN-Seminar für Seher mitgemacht, und diese Savanni war seine Lehrerin. Er war ziemlich begeistert von ihr. Ach, deswegen kam er mir schon die ganze Zeit so verträumt und verpeilt vor.«
Nach dem kräftigenden Schweinebraten mit Bratkartoffeln und einem zuckersüßen Schokomousse ging es sofort weiter mit Hababais Block der Dashes.
»Dashes, einzelne Schüsse aus DiS, sind wirklich flexibel in der Form. Scheibenförmige heißen Ufos. Sie eignen sich prima dazu, Jets zu kappen, vor allem wenn sie dabei rotieren. Ich liebe Ufos on wheels!« Der schwarze Hüne feuerte eine grüne rotierende Scheibe zur Veranschaulichung los. Danach flogen winzige Punkte durch die Wüste. »Das waren Moskitos. Solange ihr die Dashes klein haltet, könnt ihr einen ganzen Schwarm erzeugen, eine ganze Moskito Party also.«
Als nächstes wuchs aus Hababais Rechten eine ballgroße Blase.
»Und wie auch bei den Pipes gibt es gefüllte Dashes. Dazu erzeugt man eine hohle Sphäre und schon hat man einen Turkey. Damit kann man die Daimons reich beschenken. Einfach Karaoke Spray hineinpacken, oder eine Moskito Party... was immer auch nützlich erscheint. Denn das Problem mit einem Spray ist ja seine geringe Reichweite. Schickt man ihn jedoch durch einen Pipe oder verpackt ihn in einen Turkey, sieht das gleich ganz anders aus.«
Bis in die späten Nachmittagsstunden wurden die Dashes trainiert, bis vor allem den Windwibbs schon die Ohren von den merkwürdigen Bezeichnungen klingelten. Good Gypsy Karaoke Dash? Porsche Pinball Moskito Party? Nach einiger Zeit jedoch dachten fast alle nicht mehr über die Terminologie nach und schossen auf Befehl jede gewünschte Form und in jeder verlangten Kombination, dafür sorgten schon alleine Aévons strenge Blicke. Und mochte er auch sehr viel kritisieren und herumbrüllen - er gab unermüdlich Tipps und Hilfestellungen und ruhte nicht eher, bis auch Vorias zumindest einigermaßen jede Technik und Form beherrschte.
»Gut, dann wollen wir jetzt mal das nette Spiel spielen«, kündigte er nach einer viertelstündigen Pause plötzlich an und winkte die Gruppe hinter sich her.

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»Fürchtet ihr euch denn gar nicht vor ihnen?«, fragte Danubia, nachdem ein daimonischer Kellner mit dem Gesicht von Clark Gable ihre Teetassen gebracht oder besser gesagt, vor sich her levitiert hatte. Auch am schneeweißen Piano des Cafés saß ein Daimon in der Gestalt eines dicken farbigen Musikers und spielte ohne die Tasten zu berühren ›The Lady is a Tramp‹.
»Nein, wieso sollten wir?« Procyon schmunzelte. »Sie sind genauso gut oder schlecht wie wir Menschen. Mein Diener Bloomsworth etwa lebt schon mit kurzen Unterbrechungen seit Jahrhunderten in England. Er weiß viele köstliche Anekdoten aus dem Buckingham Palace zu berichten.«
»Ich fürchte mich trotzdem vor ihnen«, erklärte Danubia leise.
Procyon legte seine Hand auf die ihre. »Das brauchst du nicht, Danu. Erst recht nicht mit mir an deiner Seite. Es hat mich unendlich traurig gemacht, dass du damals wieder zurück in die Allianz gegangen bist.«
»Ich bin nach Windwibbenburg zurückgegangen, Procyon. Heimgekehrt zu Leuten, die trotz allem zu mir gestanden und mich beschützt haben. Selbst als ich Livas vor einigen Wochen die Wahrheit über Tigris’ Vater gestanden habe, dachte er keine Sekunde daran, uns an die Allianz zu verraten.  Er ist ein treuer Freund.«
»Ich war dir auch treu, Danubia. Alle Fehler, die ich in meinem Leben gemacht habe, sind passiert, bevor ich dich getroffen habe.« Der Schmerz in seinen Augen war vollkommen echt, wie Danubia erschrocken feststellte.
»Es waren ja nicht nur deine Fehler«, erklärte sie daraufhin sanft. »Ein Kind hat immer zwei Elternteile. Auch ich war damals unvorsichtig und sorglos. Dafür hätte Tigris fast mit ihrem Leben gebüßt. Aber du hast sie gerettet. Niemals werde ich das vergessen. Und eines Tages möchte ich ihr die Wahrheit sagen. Sie kann stolz auf dich sein.«
Procyon schwieg und sah stattdessen mit zusammengezogenen Brauen in seine Teetasse. Und wieder fühlte Danubia eine Welle aus Schuldgefühlen und Gram über sich kommen, die von ihm ausging.
Bei seinen nächsten Worten erstarrte Danubia. »Wahrscheinlich weiß sie die Wahrheit schon. Mira sagte mir, ihr wäret nicht mehr bei eurer Sippe. Doch Aévon, mein Sohn, hat sie an Equinox Veris in Tokio getroffen. Er wollte eine Erklärung dafür, wieso Tigris und er sich so überaus ähnlich sehen. Da er auch Seher ist, war es zwecklos, ihn anzulügen.«
Danubia lief es heiß und kalt über den Rücken. Auf der großen weiten Welt hatte ihre Tochter ausgerechnet einen der Nachkommen Procyons getroffen. Nachkommen, von denen sie erst nach Tigris’ Geburt erfahren hatte - für sie damals ein Beweis für Procyons unverantwortlicher Leichtlebigkeit, die ihm schon seit seiner Jugend nachgesagt wurde.
»Aévon. Ich habe von ihm gehört, ihn jedoch nie gesehen. Hat ihn nicht eine mongolische Sippe adoptiert?«
»Es blieb mir keine andere Wahl. Die Allianz bestand darauf, ihn in ihr Sonderausbildungslager zu stecken und ich weigerte mich. Daraufhin drohte man mir mit einem Prozess und dem Todesurteil für uns beide.«
»Adoption durch Sippen im Gebiet von PAGAN. Wie man sich erzählt, hast du dadurch fünf weiteren Kindern von dir das Todesurteil erspart.«
»Das Todesurteil der Allianz schon.«  Procyons Stimme zitterte unüberhörbar, als er weitersprach: »Aber nicht dem Todesurteil von Doppel- und Verstärktem Xendium. Bis auf Aévon sind schon alle tot. Und nach Melisande, nach Tigris habe ich mir geschworen, nie wieder ein Kind mit einer Xendi auf die Welt zu setzen. Bisher konnte ich meinen Schwur halten.«
»Und Aévon sieht aus wie Tigris? Oh mein Gott... hoffentlich hat sie niemand in Barcelona erkannt«, entfuhr es Danubia, die zu spät merkte, dass sie schon zuviel verraten hatte.
»Anscheinend, denn Aévon war wirklich aufgebracht. Wir haben ohnehin kein herzliches Verhältnis zueinander. Er hasst mich.« Procyon versuchte mit einem ironischen Grinsen das schreckliche Bekenntnis zu überspielen, obwohl es gegenüber Danubia nutzlos war.  Es schmerzte ihn in Wahrheit über alle Maßen.
»Tigris würde dich nicht hassen. Schon gar nicht, weil sie weiß, dass du sie damals vor dem Tod gerettet hast. Wenn es eines ist, das ich sicher weiß, dann das.«
Doch Procyon schüttelte schweigend den Kopf.
Etwas war da in seinem Herzen, das einem dunklen Abgrund glich. Danubia schloss die Augen. Ein Bild blitzte in ihr auf.
Ein Baby lag bleich und apathisch in seinem Bettchen.
›Bist du sicher, mein Lieber?‹, fragte jemand, der nicht sichtbar war. Seine Stimme war sanft, leicht kratzig, wie die eines Greises.
›Ja.‹, hörte sie Procyons Stimme sagen. ›Danubia würde ihren Tod niemals verkraften. Und ich kann es nicht verkraften, sie noch länger in diesem verzweifelten Zustand zu sehen. Wird alles gut, nachdem...?‹
›Ja, es ist vollkommen sicher. Sie ist so eine gute Seele, voller Güte und Mut. Niemand wird es überhaupt bemerken, sei ohne Angst.‹
War es wirklich Procyons Erinnerung oder nur ein Trugbild?
»Du willst immer noch nicht darüber reden, was du mit ihr gemacht hast, als du dich mit ihr in ihr Kinderzimmer eingeschlossen hast, nehme ich an.«
»Ich habe es geschworen, Danu. Ich kann niemandem davon erzählen. Manchmal kommt es mir vor wie ein Alptraum.«
»Aber du hast sie vor dem Tode bewahrt! Das ist ein Grund, stolz zu sein und sich zu freuen.« Danubia war für einen Moment versucht, ihm von dem Amulett zu berichten. Dann jedoch überlegte sie es sich anders. Stattdessen gestand sie endlich leise: »Auch wenn das Xendium letztendlich doch bei ihr ausgebrochen ist... sie lebt.«
»Eigentlich hätte es nicht passieren dürfen«, erwiderte Procyon müde. »Man hat mir versichert, sie würde das Leben einer Neutralen führen können.«
»Man? Also war doch jemand mit in ihrem Zimmer. Du hast es immer geleugnet.« Danubia dachte an die kurze Vision von vorhin zurück.
In diesem Moment ertönte von draußen ein leises Hornsignal, das augenblicklich alle müßigen Xendii erschrocken von den Plätzen aufspringen ließ.
»Ein Zwischenfall in der Node!«, rief Procyon und legte Danubia für einen Moment mit ernstem Gesicht die Hände auf die schmalen Schultern. »Rühr dich nicht von der Stelle und bleib hier, bis ich wiederkomme.«
Und schon eilte er mit anderen Wandlern und Rufern aus dem Café, um in das nächstbeste Tor zur nahe gelegenen Asiatischen Node zu rennen.
Nur noch wenige Xendii hatten sich mit besorgten Gesichtern wieder auf ihre Stühle gesetzt. Ansonsten überwogen die Daimons im ›Da Gaudí‹. Der Pianist zuckte mit den Schultern und spielte ›In the Mood‹, während einige daimonische Kellner und Kellnerinnen miteinander tuschelten.
Danubia fröstelte und schnappte sich die Getränkekarte, um wenigstens etwas zu haben, an dem sie sich festhalten konnte.
Die Tür des Cafés flog plötzlich auf und machte die Bahn frei für eine schrille Gestalt, die erst durch das halbe Lokal sauste, etliche Stühle und Tische umwarf, bis sie endlich durch die Gruppe der Kellner-Daimons fegte und von ihnen ›aufgefangen‹ wurde.
Sie hatte eine große, dicke Frauengestalt angenommen und war in einem schreiend orangen Pilotenoverall gekleidet - wenn man das überhaupt so sagen konnte.
»Dreizehn Tote, neunzehn Schwerverletzte, vierzehn Leichtverletzte, einundzwanzig Unverletzte!«, rief der Daimon, an die wenigen Xendii im Raum gewandt. »Die Allianz hat eine bekannte französische Sippe aufgelöst. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mont Tonc ist Geschichte.«
Mont Tonc! Danubia riss die Augen auf. Sie kannte einige Mitglieder dieser bedeutsamen Sippe in Paris flüchtig. Von allen Sippen hätte sie gerade Mont Tonc niemals in Verbindung mit den Abtrünnigen gebracht. Sie galten als absolut loyal und integer.
Dreizehn Tote! Umgebracht von jenen, die sich für ehrbarer und den Abtrünnigen moralisch überlegener hielten. Was für eine kranke Denkweise stand hinter den vermehrten Sippendurchsuchungen und Auflösungen?
Erst jetzt verstand sie die Besorgnis ihres eigenen Sippenobersten wirklich.
›Ich kann hier nicht untätig herumsitzen!‹, dachte sie und stürmte entgegen Procyons Bitte aus dem Café in Richtung eines zwölfstöckigen Gebäudes mit sonnengelber Fassade, dem Krankenhaus  von Shangri-La.
Wie nicht anders zu erwarten, hatten sich die Ärzte und Krankenschwestern bereits auf den Notfall eingerichtet, wie Danubia bemerkte, als sie hinauf in die obersten Etagen fuhr, in denen die Intensiv-Stationen lagen.
»Danubia!«
Überrascht fuhr die Seherin um. Mira kam mit einer Gruppe Xendi-Ärzte mit eiligen Schritten aus einem Aufzug in die Station.
»Ich habe gehört, dass es Verletzte gibt. Kann ich irgendetwas tun? Es ist zwar schon lange her, aber ich denke, einiges weiß ich noch von dem Kurs, den wir beide in Johannesburg mitgemacht haben.«
Mira strich ihr dankbar über die Wange. »Wir könnten wirklich noch Hilfe gebrauchen. Es sind viele Kinder unter den Verletzten...«
Erschüttert wischte sich Danubia über die Augen. »Aber warum? Und wieso so brutal?«
»Die Eskalation war abzusehen, Danubia. Jeder, der offen Kritik an Umbriel und seinem Aufruf zur Katharsis wagt, ist nicht mehr vor Übergriffen sicher. Gott sei Dank standen wir schon seit einigen Wochen mit Mont Tonc in Verbindung und haben in ihrem Haus ein Tor in die Asiatische Node errichtet. Nur deswegen hat es nicht mehr Tote gegeben.«
»Ist Procyon noch in der Node?«
»Er ist in Paris und kämpft an der Seite der Mont Toncs gegen die Truppen der RSA.«
Die Seherin erbleichte.
Doch dann blieb keine Zeit mehr, sich um Procyon Sorgen zu machen: Weitere Aufzugtüren gingen auf und schoben eilig die ersten Krankenbahren hinein. Auf ihnen lagen blutüberströmte, grausam zugerichtete Menschen, zwei davon noch klein und umso entsetzlicher anzuschauen.
»Sie haben sie verbrannt!«, schrie Danubia fassungslos auf und begann zu zittern.
»Wenn wir sie stabilisieren können, werden wir sie in den DiS-Tank legen«, sagte Mira und drückte Danubia kurz an sich. »Damit können wir mittlerweile Verbrennungen sehr gut heilen. Die seelischen Wunden allerdings...«
Zusammen gingen sie in den Operationssaal, wohin man das Jüngste der Sippe Mont Tonc gebracht hatte, ein gerade drei Jahre altes Mädchen.

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In einiger Entfernung hatten die DiSMaster in der Mittagspause ein großes Spielfeld präpariert, indem sie den Sand auf einer Fläche von rund zwanzig mal dreißig Metern zu einem harten Boden gewandelt hatten. Rings um das Feld waren in regelmäßigen Abständen grünglühende Turkeys verteilt worden, in denen kleine Blitze durcheinander wimmelten.
»Als erstes bildet ihr zwei Mannschaften. Wir spielen jetzt eine Art Wasserball.«
Vereinzeltes Aufstöhnen bezeugte, dass dieses Spiel nicht gerade großen Anklang bei einigen Schülern fand.
»Könnt ihr euch nicht mal irgendein anderes gemeines Spiel ausdenken?«, fragte daraufhin Anapurna genervt. Sie stammte aus einer indischen Sippe und hatte die größten dunklen Augen, die Tigris jemals bei einem Menschen gesehen hatte. Und sie hatte schon drei Seminare bei den DiSMasters mitgemacht.
»Das ist doch nicht gemein, sondern höchstens ungemein. Erfrischend, nämlich. Und schließlich wollen wir doch nicht ungeduscht zum Abendessen erscheinen, oder, Ana?«, ertönte daraufhin noch einmal Aévons Stimme. »Volta wird einer Mannschaft einen Turkey zuwerfen, der mit Spray gefüllt ist und sich zu eiskaltem Wasser wandelt, sollte der Turkey zerplatzen. Ihr müsst also alles daran setzen, das Ding fort zu schießen, bevor es eure Köpfe oder sonstige Körperstellen trifft. Sinnvoll wäre es, wenn ihr die Sphäre so geschickt in die feindliche Mannschaft rasen lasst, dass sie einen der gegnerischen Spieler trifft. Wer nass ist, muss natürlich das Spielfeld verlassen. Regeln: keine, außer dass ihr das Spielfeld nicht übertreten dürft, weil euch sonst ein kleiner Elektroschock schlagartig daran erinnern wird. Dafür sind die vielen hübschen Elektro Turkeys am Spielrand da.«
»Ihr könnt also eure gesamte Trickkiste auspacken«, lachte Volta und seine blauen Augen leuchteten schon vor Vorfreude. »Egal, wie oder was ihr macht: Hauptsache, nicht ihr werdet getroffen, sondern die Gegenseite. Aber bitte nur alles im Easy Modus, also mit niederenergetischem DiS.«
»Und ich und Rosanjin holen schon einmal das Bier und die Chips«, schloss Hababai. »Was ist schon ein Fußball-Match im Fernsehen, wenn man live dabei zusehen kann, wie Leute quieken und
fluchen?«
Es wurde ein hartes, verbissenes Spiel.
Tigris, Bat Furan, Vorias und Dheneb kamen in dieselbe Gruppe, in der auch Anapurna war und ihnen Tipps gab, wie man die Sphäre am besten von sich in die gegnerische Mannschaft schleudern konnte, ohne selber einen Guss abzukriegen.
»Passt gut vor Ying He auf, sie hat es echt gut drauf mit Slaves, wie ihr ja beim Training mitbekommen habt. Wenn sie den Turkey damit zu dir schießt, hast du gar keine Chance, ihm auszuweichen.«
Aber zu weiteren Ratschlägen blieb keine Zeit mehr, als der Anpfiff gegeben wurde und gleich darauf die Hölle losbrach. Ehe sich Tigris versah, flogen ihr grünglühende Peitschen aus DiS von allen Seiten um die Ohren. Plötzlich aus dem Boden schnellende Strahlen, flache glühende Scheiben, winzige mückengleiche Energiepunkte - es gab anscheinend keine Form, die nicht dazu verwendet wurde, den Turkey mit dem verhassten Spray von sich fortzuschießen und sie in die Reihen der Gegner zu katapultieren. Die Chinesin namens Ying He erwies sich dabei als besonders erfolgreich. Sie konnte tatsächlich meisterhaft mit den DiS-Peitschen umgehen, mit denen sie den ›Ball‹ in jede gewünschte Richtung dirigierte.
Bat Furan entging in letzter Sekunde ihrem Angriff, indem er Ufo on wheels von sich schleuderte, die den Strahl zwar nicht durchschneiden konnten, ihn aber von seinem Kopf ablenkten.
Im Fünf-Minuten-Takt zerschellte der Turkey an einem der Spieler und übergoss ihn mit eisigem Wasser, woraufhin Volta sogleich einen neuen Ball ins Spielfeld warf.
Nach einer dreiviertel Stunde hatte sich das Spielfeld ziemlich gelichtet; nur noch sechs Leute in Tigris' Mannschaft und neun Leute auf der Gegenseite waren übrig geblieben.
Obwohl Tigris schweißgebadet war und ihr schon die Beine von dem ganzen Herumgerenne und den Schleuderbewegungen mit den Händen wehtaten, kämpfte sie verbissen weiter an der Seite von Bat Furan und Anapurna. Vorias war der erste gewesen, den es in ihrer Mannschaft erwischt hatte, aber er sah unverkennbar glücklich darüber aus.
Als nächstes wurde Anapurna geduscht, während Bat Furan offenbar immer mehr Gefallen an Ufos fand und gleich nach Anapurnas Ausscheiden mit einer großen, schnell fortschießenden Scheibe den Turkey zu einem Angolaner dirigierte. Tigris wiederum hatte anscheinend wieder einmal an etwas Nettes und Weiches gedacht, denn als ihr eigener Turkey den Wasserball aufs gegnerische Spielfeld zurückdrängte, entlud sich plötzlich eine Ladung Marsh Mellows aus ihm, die auf einen verdutzten Japaner hernieder regneten und auch den Spielball mit hinunterrissen.
Revanche für diesen schmählichen Abgang kam wieder einmal von Ying He, die mit einem Pipe dafür sorgte, dass nach drei Minuten das Aus für Tigris kam. Ein rasend schneller Porsche Dash schoss aus der Pipe der Chinesin und schleuderten den Spielball geradewegs in Tigris’ Gesicht.
Dann gab es nur noch Bat Furan und auf der anderen Seite Ying He und den äußerst gewandten Zamoum aus einer nigerianischen Sippe PAGANs.
»Dieser Allianz-Junge ist wirklich phänomenal«, hörte Tigris Aévon zu Shirooka und Volta sagen.
»Ying He und Zamoum kannten schon das Meiste von dem, was wir heute trainiert haben. Aber er? Er lernt schnell und hat unglaublichen Kampfgeist.«
»Und er sieht auch noch gut aus«, ergänzte Rosanjin süffisant.
»Ich glaube, für dieses Kompliment würde er dich umbringen, Koibito no. Wenn er könnte.« Aévon zog seinen Geliebten zu sich und gab ihm einen kurzen zärtlichen Kuss auf den Mund.
Unglücklicherweise sah Bat Furan in diesem Moment zu ihnen und war für zwei Sekunden vor Empörung abgelenkt genug, um den Gypsy Jet nicht rechtzeitig zu bemerken, den Zamoum abschoss. Als er vor seinen Füßen aus dem Boden schnellte und den Turkey genau über ihm zum Platzen brachte, war das Match entschieden.
»Gewinner ist das Team von Ying He!« verkündete Volta daraufhin, woraufhin all jene hinter Tigris jubelten, die in dem Team der Chinesin gewesen waren.
Nach dem Spiel folgte eine halbstündige Pause, dann begann der letzte Block.
»Das Seminar ist absolut kein Zuckerschlecken, das steht fest«, grummelte der triefend nasse Bat Furan, als sich die Windwibbs vor dem Zelt versammelt hatten. »Und ich könnte es sogar genießen, wenn die Sitten hier nicht so locker wären.« Er schnaubte noch einmal kurz auf und trank dann geradezu gierig seine Wasserflasche fast aus.
»Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass du ziemlich unlocker bist«, sagte jemand hinter ihnen. Aévon war so plötzlich aufgetaucht, dass Bat Furan sich verschluckte und einen Hustenanfall bekam. Erschrocken wandten die Windwibbs sich nach ihm um. Er war nur wenig größer als ihr hochgewachsener Wandler, sah jedoch im Gegensatz zu Bat Furan ausgesprochen frisch und durchtrainiert aus. Anscheinend waren Magersucht, Augenringe und ein blasser Teint kein unabänderliches Schicksal, wenn man einmal herausgefunden hatte, wie man die üblen ›Entzugserscheinungen‹ umgehen konnte.
Sein durchdringender forschender Blick hielt Tigris fest, während er gewohnt ironisch sagte: »Ihr schlagt euch ganz gut. Euer Häuptling wird zufrieden sein.«
»Und nur für Windwibbenburg lohnt sich die Anstrengung. Auf eure Komplimente können wir verzichten«, entgegnete Bat Furan, der immer noch wütend auf die ungenierte Zurschaustellung schwuler Liebesbekundungen von vorhin war.
»Wir machen nie Komplimente, sondern stellen nur Tatsachen fest. Und wer weiß? Vielleicht folgen noch weitere lehrreiche Seminare in unserer bescheidenen Hütte?« Aévon lachte und ging ins Zelt.
»Hoffentlich nicht«, murmelte Sienna, die mit den ganzen aggressiven Kampftechniken überhaupt nichts anfangen konnte und sich nichts sehnlicher wünschte, als dass der Tag recht bald vorüberging.
»Ich finde das Herumgeschieße auch doof«, erklärte auch Vorias. »Und ich werde Lux Livas bitten, mich nie wieder auf ein Abtrünnigen-Seminar zu schicken. Ich will das nicht mehr und ich hasse diese Leute.«
»Na ja, hassen tue ich sie eigentlich nicht«, gestand Dheneb. »Sie haben wirklich was auf dem Kasten und sind komischerweise auch noch so freundlich, es uns beizubringen. Haben sie keine Angst, dass die Allianz dadurch stärker wird? Wir sind doch bestimmt nicht die ersten, die so ein Seminar mitmachen.«
Tigris sah nachdenklich auf ihre Zehenspitzen. »Vielleicht sollten wir aufhören, sie als Feinde zu betrachten. Lux Livas vertraut ihnen anscheinend inzwischen mehr als unserer Domén Arx. Wer weiß, wo das alles noch enden wird...«
Nach dem Abendbrot folgte auch schon der letzte Block mit den Abwehr-Techniken.
Volta erläuterte ihnen dazu: »Es gibt partielle Schilde, so genannte Frills, die lediglich die Hände bis zum Oberarm oder die Füße schützen und die Cages, die den ganzen Körper bedecken. Beide Formen bleiben mit dem Körper verbunden. Das schöne an Cages ist das wohlige Gefühl von Sicherheit. Aber solange man nicht großflächig von Spray oder irgendwelchen Party-Schüssen attackiert wird, reicht ein Frill vollkommen aus, denn unter einem Cage kann man keine Schüsse mehr abgeben.
Frills oder Cages wehren DiS auf drei Arten ab: indem sie es absorbieren, festhalten oder fortschleudern. Wenn wir einfach nur von Cage oder Frill reden, meinen wir immer die DiS-fressende Variante. Vorias, gib mir mal einen Porsche Jet!«
Der kleine Wandler wurde knallrot vor Aufregung und streckte den Arm aus. Immerhin, es kam ein Jet dabei herum, auch wenn er wirklich überaus Shy war und in nervtötendem Schneckentempo auf Volta zuschwebte. Es dauerte eine Minute, bis er endgültig von dem blauglühenden Gespinst um der Hand des DiSMasters aufgesogen war.
»Das ist eigentlich mal eine gute Idee«, tröstete Hababai Vorias wegen dem amüsierten Gekicher seiner Kameraden ringsum. »Daimons hassen nämlich alles, was lahm oder langweilig ist. Vielleicht rauschen sie bei einem superschüchternen Jet sofort freiwillig ab.«
»Sehr beliebt ist auch der Klebe-Modus, der gegnerisches DiS nicht frisst, sondern nur festhält, also Sticky Cage und Sticky Frill«, fuhr Volta fort. »Wie bei den Schüssen ist auch die sofortige Visualisierung ohne nachzudenken das A und O. Und deshalb ist es egal, wie ihr euch eure Schilde vorstellt, Hauptsache, ihr habt ein festes Bild, das ihr augenblicklich abrufen könnt. Vergesst jedoch nicht, die Hand auf euren Körper zu legen, wenn ihr einen Cage erzeugen wollt. Sonst wird es leider immer nur ein Frill. Hier noch die letzte Variante eines Abwehrschilds, Cage Blaster und Frill Blaster.«
Diesmal ließ sich Volta von Anapurna, dem indischen Mädchen, beschießen. Sie ließ ihren Gypsy Slave in den Wüstensand fahren und dann in steilem Winkel vor dem Farbigen wieder aus dem Boden schießen, um ihn damit anzugreifen. Das schützende Gespinst wuselte hektisch um seinen Körper. Als der Slave heranraste, verdichtete es sich, plusterte sich kurz vor dem Einschlag des Strahls auf und ließ ihn wirkungslos abprallen.
»Ein Schild, der nicht mit dem Körper verbunden ist und wie ein Schutzwall funktioniert, nennen wir Dike. Damit kann man auch andere Personen, etwa Neutrale, vor Angriffen schützen. Mehrere von euch können sich auch zusammentun und eine sehr große Gruppe schützen. Dann ist es eine Dike Party«
Und wieder galt es, bis zum Umfallen zu trainieren, sich gegenseitig mit Dashes und Jets zu beschießen und gleichzeitig gegnerische Schüsse abzublocken. Die DiSMasters hatten wie immer ein scharfes Auge auf ihre Schüler und griffen mit bestaunenswerter Schnelligkeit ein, wenn ein Schild nicht rechtzeitig genug hochgefahren wurde. Ein Pitbull Dash oder ein DiS-fressender Pipe stürzten sich augenblicklich auf den gegnerischen Schuss. Aber auch Rosanjin trug zur Sicherheit bei den Übungen und Spielen bei, indem er bei gefährlichen Situationen einfach wortlos in die Schusslinie sprang und das auftreffende DiS spurlos in seinem Körper verschwand - eine immer wieder beeindruckende Demonstration von Rufer-Xendium.
Zu den Abwehrschildern hatten sich die DiSMasters ein weiteres, fieses Spiel ausgedacht, das sie ›DiS-Minenfeld‹ nannten. Hierzu hatten sie vorher eine große Fläche mit Turkeys präpariert, die unter dem Sand versteckt waren. Immer in Gruppen zu Vieren mussten die Schüler querfeldein rennen und auf die andere Seite gelangen. Es waren nur vierhundert Meter - vierhundert Meter voller plötzlich aus dem Boden springenden Strahlen, angriffslustigen Moskito Partys, unheilvoll hervorwaberndem Spray und Blitzen, die zwickende Elektroschocks austeilten.
Die Sonne ging schon orangeglühend unter und tauchte die immer noch eifrig trainierenden Jugendlichen in rötliches Licht. Nach der sengenden Hitze wurde es rasch kühler. Aévon legte besonders auf die Cages großen Wert und beendete das Training nicht eher, bis sie bei jedem gut saßen.
Und dann bekamen sie die versprochene ›Überraschung‹.

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Die DiSMaster brachten sie durch ein Tor in eine Höhle, die sich inmitten des südamerikanischen Regenwaldes in einer kleinen Felsschlucht befand. Dort war es früher Morgen und Nebel umspielte die Wipfel des Baummeeres unter ihnen. Eine lange, nicht sehr vertrauenserweckend aussehende Hängebrücke aus Seilen und Holzbohlen überspannte den reißenden Fluss, der sich hunderte Meter unter ihnen durch die Schlucht und den Regenwald zog.
»Wofür viel Geld fürs Bungee-Jumpen ausgeben, wenn man es jederzeit und überall selber praktizieren kann?«, rief Aévon tatenfreudig und ging ohne zu zögern in die Mitte der schaukelnden Brücke, gefolgt von den anderen DiSMasters.
»Cely zeigt euch jetzt, wie’s geht. Man braucht nicht mehr als einen Slave für die Füße und schon tun sich Abgründe vor einem auf.«
Die schöne, ältere Französin ließ ihren blauen Strahl sich um das obere Haltetau der Brücke winden, dann kletterte sie auf deren Außenseite, wickelte das andere Ende ihres Slaves um ihre Füße und sprang unter den Augen der schockierten Schüler mit einem juchzenden »Mon Dieuuuuu!« in die Tiefe.
Ihr Lachen hallte zu ihnen empor, während sie noch ein paar Mal an dem DiS-Seil in weiten Bögen umher schwang.
»Das mache ich nicht mit!«, krächzte Vorias zitternd und lief zurück durch die Passage in die Burg. Aber auch etliche Jugendliche PAGANs sahen nicht gerade überwältig aus.
»Und wie kommt sie wieder auf die Brücke?«, stammelte Dheneb gleichermaßen fasziniert und furchterfüllt. Doch die Antwort erübrigte sich. Celestine schoss einen weiteren Slave ab, der sich ebenfalls mehrmals um das Brückentau rollte und sie empor hievte, indem er sich rasch zusammenzog.
»Wer sich nicht alleine traut, kann gerne mit einem von uns springen. Und natürlich passen wir auf jeden auf, der sich da hinunterschmeißt«, rief Hababai strahlend.  »Kommt schon: Überwindet eure Ängste. Nichts stärkt das Vertrauen in DiS und die eigenen Fähigkeiten mehr als diese Übung.«
Ras Algheti, Ying He und einige betraten als erste die Hängebrücke, wohingegen die anderen und der Rest der Windwibbs sich immer noch nicht durchringen konnten. Ras Algheti sprang zusammen mit Hababai in die Tiefe - und konnte danach gar nicht mehr genug bekommen.
»Ihr müsst das wirklich ausprobieren! Das ist der reinste Wahnsinn! Adrenalin pur!«, rief er ihnen außer sich vor Begeisterung zu, bevor er noch einmal auf die Brücke kletterte und diesmal alleine sprang.
Diejenigen, die unschlüssig gewesen waren, traten schließlich nach einigen Minuten auf die schaukelnde Angelegenheit, um zunächst in Begleitung zu springen, darunter Dheneb, Arktur, Rhenèlle und Antaris. Shirooka warf Bat Furan herausfordernde, tiefe Blicke zu, die ihm anscheinend den nötigen Ansporn gaben.
»Schon mal kopfüber geknutscht?«, wisperte sie ihm ins Ohr, als er gleich darauf neben ihr stand. Bei ihrem verlockenden Angebot errötete sein Gesicht und seine Ohren weithin sichtbar.
Die beiden umarmten sich und sprangen an ihren Slaves hinunter. Es erscholl juchzend-aufgeregtes Gejohle von Bat Furan, das mit einem Mal abrupt endete.
»Tja, Shirooka weiß, wie man Männer mundtot macht«, kommentierte Aévon amüsiert die Ursache des plötzlichen Schweigens. Inzwischen war auch Tigris zögerlich auf die Brücke gekommen und sah bleich geworden hinunter in die unglaubliche Tiefe.
»Du schaffst das auch, Tigris. Ich sehe dir doch an, dass du das gerne möchtest.« Aévon betrachtete sie eingehend. Tigris war hin- und hergerissen. Einerseits wollte sie nur zu gern zu den Vielen anderen gehören, die ihre Angst überwunden hatten. Andererseits war sie noch nie besonders schwindelfrei gewesen. Zudem ließen fürchterliche Erinnerungsblitze an den Blick hinab vom Kirchturm in Düsseldorf ihren Magen zu einem schmerzhaften Knoten verhärten. Die beiden mitleidlosen Zwillinge hatten sie in die Tiefe gerissen, und wäre das Amulett nicht gewesen - sie wäre durch den Aufprall zerschmettert auf dem Asphalt liegen geblieben.
Und während sie noch überlegte, wand sich ein Slave unbemerkt um ihre Knöchel. Als sie es endlich bemerkte, war es auch schon zu spät, denn Aévon drückte sie auf einmal fest an sich und schwang sich mit ihr im nächsten Moment über die Taue. Er lachte und johlte, während sie die Augen zusammenkniff und wie von Sinnen schrie. Der freie Fall ließ ihren Magen flattern, die Gedanken stoben aus ihrem Kopf, bis er sich vollkommen leer anfühlte. Ihr Herz pumpte rasend schnell das Blut durch ihren Körper, laut rauschte es in ihren Ohren.
Angst, aber auch ein unfassbares Siegesgefühl ließ sie laut auflachen.
»Ich wusste doch, dass es dir gefällt. Jeder Zimberdale kriegt nicht genug davon, seine Grenzen herauszufinden und sie niederzuwalzen!«, rief Aévon, während sie in weiten Bögen kopfüber über der Schlucht schwangen.
Tigris, noch ein wenig ängstlich an Aévon geklammert, torpedierte den Seher-Wandler wieder mit bösen Blicken. »Mein Vater heißt Orinoko Merskøg. Merk dir das!«
»Orinoko Merskøg starb vor neunzehn Jahren. Merk dir DAS«, entgegnete Aévon mit einem hinterhältigen Lächeln.
»Das ist eine Lüge!« Aévons Worte wirkten wie eine kalte Dusche. Ungläubig starrte sie in sein Gesicht.
»Nein, das ist eine kleine Recherche in den Datenbanken von PAGAN und ein eindringliches Gespräch mit meinem werten Herrn Vater. Jemand lügt dich an, aber nicht ich. Willkommen in der Familie, Schwesterherz.«
»Warum sollte meine Mutter mich anlügen?«, stieß sie böse hervor, obwohl sie die Antwort schon kannte.
»Weil die Allianz es nicht gerne hat, wenn kleine Sklaven-Sippen über Doppel-Xendii verfügen. Bei größeren, treuen Sippen und in den Domén Arxes macht man allerdings schon seit langem Ausnahmen. Auch bei denjenigen, die der Allianz ihre doppelt-gestraften Kinder freiwillig überlassen. Ansonsten wendet man gerne und gründlich die archaischen Todesstrafen und Sippenauflösungen an. Jede gute Mutter hätte so gehandelt wie deine. Du hast keinen Grund, sie dafür zu hassen. Aber du darfst ruhig unseren lieben Vater hassen, so wie ich es tue.«
»Du hasst deinen eigenen Vater? Wieso?«, fragte Tigris entsetzt über dieses freimütige Geständnis.
»Weil Menschen mit Doppel-Xendium und Verstärktes Xendium nicht nur unfruchtbar sind, sondern mit einem frühen Tod durch spontane Selbstentzündung enden. Ich habe bis vor einigen Tagen gedacht, ich wäre der letzte Überlebende von Procyon Zimberdales zahlreicher Brut mit Überbegabung. Leider konnte er entgegen allen Beteuerungen anscheinend doch nicht die Finger von anderen Xendii-Damen lassen, was du nun ausbaden musst.«
»Aber er hat mich vor dem Tod gerettet!«, widersprach Tigris. »Er hat es zumindest geschafft, dass das Xendium mich nicht als kleines Kind getötet hat.«
»Niemand kann das Xendium aufhalten, Kleines. Und mit dieser Pest am Hals bleiben einem nur zwei Möglichkeiten: sich in tägliche Gebete flüchten und auf ein möglichst schmerzloses Ende warten - oder das Beste aus dem bisschen Leben herausholen, bis man sich mit einem Abschiedsfeuerwerk aus dieser Welt verpisst. Die zweite Möglichkeit finde ich weitaus gerechter und befriedigender.«
Tigris schloss getroffen die Augen, ganz benommen von Aévons Worten. Als sie mit tränenbenetzten Wimpern wieder in Aévons Gesicht sah, traf sie auf einen ungewohnt weicher, liebevoller Blick.
»Hallo, da unten!«, rief Hababai plötzlich von der Brücke zu ihnen herunter. »Wie lange wollt ihr noch so abhängen?«
Und während sie von Aévons zweiten Slave emporgezogen wurden, nahm ihr Halbbruder sie ganz fest in die Arme und sagte leise: »Du musst keine Angst haben, ich bin immer für dich da. Vergiss das nie. Du hast jetzt einen Bruder. Und ich habe wieder eine Schwester.«
Tigris war viel zu verwirrt, um darauf einzugehen.
Wie betäubt folgte sie den DiSMasters und ihren Schülern zurück nach Guulin Kherem, wo alle noch ein wenig zusammensaßen und über den vergangen Tag plauderten. Die DiSMasters standen für Fragen bereit und wurden vor allem von den Jugendlichen aus den Gebieten PAGANs voll und ganz in Anspruch genommen. Das nette Plauschründchen artete bald in eine Party aus, als Getränke und Knabbersachen angeschleppt und Musik aufgedreht wurde.
Bat Furan, als Ältester der Gruppe entschied jedoch, dass fast zwölf Stunden mit den Irren von den DiSMasters genug waren und brachte sie zurück nach Windwibbenburg, wo es erst fünf Uhr nachmittags war.

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Nach acht Stunden erst schleppte sich Danubia erschöpft aus dem Krankenhaus. Sie hatte ihr Bestes gegeben und den Ärzten assistiert, weinende Patienten und wimmernde Kinder getröstet, einer älteren Wandlerin Mont Tonc die Hand gehalten, als sie ihren schweren Verletzungen erlag und entschlossen jeden Gedanken an Procyon oder Windwibbenburg beiseite gedrängt, um sich auf das Notwendige konzentrieren zu können, das getan werden musste.
Draußen endlich überließ sie sich den mit aller Macht anstürmenden Gedanken und der Angst. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Seitenfassade des ›Aquariums‹, in dem man sie einquartiert hatte, und schloss die Augen, während die Tränen ungehemmt über ihre Wangen strömten.
Irgendwann einmal nahm jemand sie in die Arme, drückte sie mit ebenso wild klopfendem Herzen fest an sich, um sie nie wieder loszulassen, hauchte ihr zärtlich Küsse aufs Haar und auf die Schläfen.
Sie brauchte ihn, brauchte ihn jetzt so sehr, ihn und seine Stärke, seinen Körper und seinen Duft.
Mit einer Leidenschaft, die nur er in ihr zu erwecken vermochte, küsste sie stürmisch Procyons Gesicht und schließlich seine Lippen. Ungeduldig drängte sie sich gegen ihn, genoss die Erregung, die sie in ihm auslöste.
»Meine Süße, mein Engel...«, flüsterte er heiser und hielt ihr Gesicht zwischen seine Hände, um in ihre Augen zu sehen und ihre zarten Züge bewundern zu können.
»Ich dachte, du glaubst nicht an Engel«, stieß sie atemlos hervor und lächelte wie in Trance, bevor sie ihn wieder wild küsste.
Keiner von ihnen wusste, wie lange sie dort gestanden und sich wie von Sinnen geküsst und gestreichelt hatten, als Procyon leise sagte: »Bleib heute Nacht bei mir, Danu. Seit Jahren habe ich davon geträumt, dich wieder in meinen Armen zu halten. Komm mit mir.«
»Ich glaube nicht, dass mein Verstand die Kraft hat, dagegen zu protestieren«, wisperte sie und küsste seine Kehle. »Und wohin bringst du mich diesmal?«
»Ich bringe dich nach Hause. Nach Elms Hall.«

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Während die anderen jungen Windwibbs die Heimkehrer mit Fragen bestürmten, die diese nur zu gerne beantworteten, schlich sich Tigris in ihr Zimmer. Nicht nur, dass sie völlig erschöpft war und nichts lieber wollte, als augenblicklich einzuschlafen. Zu allem Überfluss dachte sie an Aévons Behauptung zurück.
Und mit einem Mal ergaben sich Zusammenhänge mit Dingen, die sie vor einigen Wochen selber gehört oder erlebt hatte.
›Gott verzeiht es nicht, wenn man Nachkommen mit Doppel-Xendium in die Welt setzt.
Solche Kinder und ihre Eltern werden augenblicklich getötet, wenn die Domén Arx es entdeckt. Wenn solche Kinder überhaupt überleben. In allen Sippen der Allianz gibt es niemanden mit Doppel-Xendium‹, hatte Antigua ihr vor wenigen Wochen erklärt.
›Procyon hat es getan, für Tigris. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie er es geschafft hat, er will nicht darüber reden. Weshalb es höchstwahrscheinlich besser für uns alle ist, nichts darüber zu wissen.‹ Das Gespräch zwischen ihrer Mutter und Mira in ihrer Düsseldorfer Wohnung, das sie merkwürdigerweise im Treppenhaus aufgefangen hatte, als wäre sie gleich daneben gewesen.
›Gut, sprechen wir nie wieder von ihm. Wenn es dich beruhigt. Wenn du damit leben kannst‹, hatte sie selber damals wütend geschrieen, weil ihre Mutter um ›Orinoko Merskøg‹, ihren angeblichen Vater, so ein Geheimnis gemacht hatte. Und Danubia hatte daraufhin geantwortet: ›Das kann ich, Tigris. Um deinetwillen muss ich es sogar.‹
Dann sah sie noch einmal deutlich den Moment vor sich, als sie genau in diesem Zimmer an der Decke geschwebt hatte, als sie Lux Montanas grünen Strahl hatte sehen können.
Diese Dinge waren geschehen, bevor Raffiyell ihr das Amulett übergestreift hatte.
Aévon hatte recht: Niemand konnte dem Xendium entfliehen.
Es war von alleine bei ihr ausgebrochen, viel später als gewöhnlich zwar, aber genauso unumkehrbar.
Das Amulett hatte offensichtlich nichts damit zu tun, auch wenn es über noch unheimlichere Kräfte verfügte.
Procyon hatte sie also gar nicht von einer Krankheit geheilt, sondern versucht, das Xendium in ihr zu unterdrücken und letztendlich versagt.
Und nun hatte sie auf einmal einen Halbbruder.
Viel bedeutsamer erschien ihr aber etwas anderes:
Procyon Zimberdale war auch ihr Vater.
Und weder ihre eigene Mutter noch die Allianz oder sonst jemand würde Tigris davon abhalten, ihn eines Tages zu sehen. Denn wenn er es schon einmal geschafft hatte, das Xendium wenigstens für einige Jahre in ihr zu unterdrücken, würde es ihm vielleicht noch einmal gelingen.
In der Tat, dies war endlich der Funken Hoffnung, den sie in dem großen Durcheinander namens Leben so dringend benötigte.
Obwohl sie müde war, beschloss sie, vor dem Schlafengehen noch zu duschen, denn alles an ihr roch nach Schweiß, Brand und Wüste.
Sie konnte sich sogar noch dazu aufraffen, sich die Zähne zu putzen.
Müde sah sie schließlich in den Spiegel, in dem ihr die hellen Bernstein-Augen fragend entgegenblickten.
›Schau an. Was für hübsche Augen‹, hallte Bru’jaxxelons Stimme plötzlich durch sie hindurch. Entsetzt kreischte sie auf und floh in ihr Zimmer, verkroch sich zitternd unter der Decke und versuchte mit aller Macht, die fremde Stimme aus ihrem Geist zu verbannen.
›Bald schon stehen wir uns gegenüber. Zufall bestimmt die Leben. Und ich erinnere mich zufällig an einen bedrückenden Ort, an dem Gedanken umher flogen, in denen deine Augen aufleuchteten. Wie eine Kerze im finstersten Verlies. Ich werde denjenigen wohl näher kennen lernen müssen, der da oft an dich denkt.‹
Und so plötzlich, wie Bru’jaxxelon Verbindung mit ihr aufgenommen hatte, so plötzlich war seine Stimme wieder aus ihrem Geist verschwunden.
Mit zitternden Händen fuhr sie sich über ihr Gesicht.
Dennoch holte sie gleich darauf ihr Tagebuch unter der Matratze hervor, um auch diese Vision aufzuschreiben.
Ein bedrückender Ort, an dem jemand an sie dachte...
Wer konnte das nur sein?
 

© I.S. Alaxa
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Und schon geht's weiter zum 12. Kapitel (bzw. zum 5. Kapitel des 2. Teils)...

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