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(Der eine oder andere Absatz dieses Kapitels könnte für Kinder und zartbesaitete Leser weniger geeignet sein!)
 
Xendium - Manifestation von I.S. Alaxa
Teil 2 - Die letzten Tage von Windwibbenburg
Kapitel V

Lux Livas saß viertel vor elf Uhr abends des schicksalhaften Sonntags, fünf Tage nach Equinox Veris, mit Lux Montana in seinem Büro, als es an der Tür klopfte und Danubia plötzlich hereinkam.
»Danubia! Gott sei Dank, wir haben uns schon Sorgen gemacht!«, rief Montana, die sofort aufgesprungen war und die schmale Seherin erleichtert an sich drückte.
»Und bringst du uns gute Neuigkeiten?«, fragte Lux Livas augenblicklich. Er sah überhaupt nicht gut aus, wie Danubia erschüttert feststellte. Genau wie Lux Montana hatte er gerötete Augen, die Sorgensfalten um Mund und an der Stirn hatten sich noch tiefer eingegraben.
»Ich bringe noch etwas viel besseres.« Danubia holte einen flachen runden Gegenstand aus ihrer Jeansjacke hervor und legte es auf den Schreibtisch des Sippenoberhauptes.
Mit großen Augen betrachteten die beiden anderen die handtellergroße Silberscheibe, an deren Rand die Buchstaben des Alphabets aus schwach grün glühenden Aethron umgaben, darunter Kombinationen wie ›DH‹, ›KH‹ oder auch ›XX‹.
»Schon wieder eine von diesen Dämonensonnen«, sagte Lux Montana, der beim Anblick des Gegenstandes ein Schauer über den Rücken lief. In den Büchern, die die Allianz als Lehrmittel für die Sippen herausgab, wurden Dämonensonnen als Hilfsmittel der Teufelsanbeter beschrieben, um den bösen Dienern der Shinnn unter Umgehung der Noden Einlass zur Welt zu verschaffen. Und genau mit Hilfe so eines Gegenstand hatten zwei Mitglieder PAGANS für die jungen Wandler vor drei Tagen eine illegale Passage zu ihrem Seminar in die Mongolei errichtet.
»Es ist genau das, was ich erwartet habe. Auch wenn mir nicht sehr wohl dabei ist«, bemerkte Lux Livas.
»Es heißt RAM. Damit können wir ein direktes Tor in das Hauptquartier von PAGAN aktivieren. Das Passwort lautet ›Eloyah‹. Und man rät uns, es augenblicklich zu tun.« Danubia senkte den Kopf.
»Mont Tonc wurde aufgelöst. Dreizehn Xendii, darunter fünf Kinder, wurden bei dem Überfall getötet.« Sie schloss bei der Erinnerung an die kleinen, verbrannten Leichen die Augen und schüttelte stumm den Kopf.
»Ja, wir wissen davon. Wir haben eine Mitteilung der Domén bekommen, in der Mont Tonc der Teufelsanbetung und des Verrats angeklagt wird«, erwiderte Livas leise, ohne die merkwürdige Scheibe aus den Augen zu lassen.
Danubia stützte sich auf den Schreibtisch, beugte sich zu Livas vor und sah ihn eindringlich an. »Dann lass uns das Tor augenblicklich öffnen und fortgehen. Ich fürchte mich mittlerweile mehr vor unserer Domén als vor den Daimons in Shangri-La.«
»Wir müssen jetzt ruhig bleiben und dürfen nicht die Nerven verlieren. Dieser Gegenstand ist nur für den äußersten Notfall gedacht und ich bin PAGAN sehr dankbar dafür. Aber es gibt endlich einen kleinen Silberstreifen am Horizont: Die Domén Arxes von Azteca und Atlantica haben gegen die verschärfte Vorgehensweise der Europäischen und Nordamerikanischen Doméns Einspruch eingelegt und Umbriel außerdem wegen religiöser Aufhetzung und Anstiftung zu Mord angeklagt.«
»Ich weiß. Procyon hat mir davon erzählt«, bekannte Danubia mit einem schwachen Lächeln.
Lux Montana hob argwöhnisch die Braue. »Du hast ihn wieder gesehen?«
»Er ist Berater von George Midfield, dem Präsidenten von PAGAN. Er hält sich sehr häufig in Shangri-La auf. Es war unvermeidlich, ihn dort anzutreffen.« Und da Danubia es schaffte, unbeteiligt zu klingen, gingen die beiden anderen Windwibbs nicht näher darauf ein.
Dabei schlug ihr Herz in Wahrheit schon schneller, wenn sie nur an Procyons Blick dachte, der sie noch an diesem Morgen mit seiner Wärme und Zärtlichkeit empfangen hatte, als sie in seinen Armen erwacht war.
»Shangri-La gibt es also wirklich«, rief Lux Livas erstaunt aus. »Es soll von Dämonen errichtet worden sein, wie damals Salomos Tempel.«
»Es gibt auch hochbegabte Wissenschaftler im Dienste PAGANs«, wich Danubia aus.
»Wenn wir das RAM aktivieren, gelangen wir direkt in die Asiatische Node und nach Shangri-La. Diejenigen der Mont Toncs, die die Auflösung überlebt haben, sind dorthin geflüchtet und können frei wählen, wo sie innerhalb des Gebiets von PAGAN leben möchten. Ständig kommen Einzelne und Gruppen aus den Doméns der Allianz, vor allem aus Europa und Nordamerika. Wie konnten wir so lange Zeit nichts von dem Irrsinn bemerken, den De Navarris und andere Sippen hinter unseren Rücken vorbereitet haben?« Danubia setzte sich auf den Stuhl vor dem mächtigen Schreibtisch und knetete nervös ihre Hände.
»Hat Tigris die Examination gut überstanden? Ich wage es kaum, ihr unter die Augen zu treten. Dabei möchte ich nichts lieber, als sie endlich wieder in die Arme zu schließen.«
Verwundert sahen die beiden anderen sie an, woraufhin Danubia hastig ergänzte: »Immerhin war ich an ihrem wichtigen Tag nicht an ihrer Seite.«
»Tigris ist wohlauf. Dank Phoebe De Navarris hat niemand Verdacht geschöpft. Sie ist eine derjenigen unserer Domén Arx, die den Wahnsinn hinter Umbriels Predigten bemerkt haben«, erklärte Lux Montana. Dann wandte sie sich mit besorgt zusammen gezogenen Brauen näher zu Danubia.
»Sie hat erwähnt, dass die Aura von Tigris sehr ungewöhnlich ist. Wir haben uns schon gewundert, wieso du nichts bemerkt hast. Doch auch unsere Seher können nichts Außergewöhnliches an ihr feststellen. Hat Procyon Zimberdale dir immer noch nicht verraten, wie er das Xendium bei ihr so lange Zeit unterdrücken konnte? Und würde der Schutz immer noch wirken, wenn sie nicht dieses merkwürdige Amulett um den Hals trüge?«
»Er hat ein Eid gegenüber einer anderen Person geleistet, niemals ein Wort darüber zu verlieren, mehr weiß ich nicht. Aber es ist mir gleich: Er hat ihr damit das Leben gerettet, alles andere ist unwichtig. Und vielleicht kommt der Tag, an dem jemand Tigris von diesem Gegenstand befreien kann. Ich hoffe es so sehr.«
Sie betrachtete gedankenverloren ihre schmalen Hände. »Wie hat unseren jungen Wandlern eigentlich das Seminar gefallen? Ich habe in Shangri-La erfahren, dass es vorgezogen wurde.«
Lux Montana lächelte zum ersten Mal. »Oh, es ist erstaunlich, was diese wenigen Stunden  bewirkt haben. Ich war ja nie ein herausragendes Talent in dieser Hinsicht. Es gibt nicht mehr viel, was ich ihnen beibringen kann. Noch einige Unterrichtsstunden bei diesen jungen Wandlern von PAGAN und sie können stattdessen mich und einige ältere Wandler hier in Windwibbenburg unterweisen. Wie unbefangen sie seitdem mit Aethron umgehen!«
»Nun, unkonventionell war PAGAN doch schon von Anbeginn an«, brummte Lux Livas.
»Wo sonst rät man einem Wandler, trotz der bedrohlichen Nebenwirkungen weiter zu wandeln? So dankbar ich PAGAN auch bin - manche Sachen sind meiner Meinung nach lebensgefährlich. Es ist doch eine bewiesene Tatsache, dass der DiS-Verfall bei einem Xendi um so eher einsetzt, je häufiger das Aethron durch ihn hindurchfließt.« Er streckte langsam die Hand aus und nahm dann vorsichtig die Silberscheibe auf, um sie mit angehaltenem Atem zu betrachten. »Wie öffnet man das Tor überhaupt?«
»Das muss ein Wandler anscheinend mit einem roten Strahl machen«, erklärte Lux Montana, die sich an die Vorgehensweise des hochgewachsenen Farbigen von PAGAN erinnerte.
Danubia nickte. »Er muss damit bei dem ›E‹ beginnen und nacheinander ohne abzusetzen von Buchstabe zu Buchstabe weitergehen, bis er alle Lettern des Passwortes auf diese Weise miteinander verbunden hat. Damit aktivieren wir eine direkte Passage nach Shangri-La.«
Lux Livas öffnete jedoch eine Schublade an seinem Schreibtisch und legte das RAM wie erleichtert hinein. »Nun, hoffen wir, dass wir niemals in diese Lage geraten. In wenigen Minuten beraten wir über ein Treffen von Gleichgesinnten, dem ich gestern in Norwegen beiwohnte. Du kommst also genau zur rechten Zeit.«
»Bitte seid mir nicht böse, aber zunächst möchte ich Tigris sehen. Vielleicht komme ich später dazu, wenn ich nicht zu müde bin.« Danubia sah den Sippenobersten flehentlich an und zauberte auf diese Weise ein nachsichtiges Lächeln auf sein Gesicht. Noch nie hatte er ihr etwas abschlagen können. Er nickte verständnisvoll und erhob sich dann, um zusammen mit Lux Montana in den Festsaal hinunterzugehen und Danubia mit einer aufmunternden Berührung an der Schulter aus ihrer Mitte zu entlassen.

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Nie hatte man seine Ruhe im Haus Rosenhag 3!
Trotz Ohropax, trotz der drei Decken, die sie über sich gezogen hatte, um den ausgelassenen Lärm ignorieren und sich auf dieses ungeheuer alt und interessant aussehende Buch konzentrieren zu können, hielt es Ilvyn schließlich nicht mehr länger aus.
Als sie ihre Zimmertür mit der sauersten Miene öffnete, die man sich vorstellen konnte, preschte Arktur an ihr vorbei, wobei er mit einem Handschutz aus Aethron lachend die kleinen grünen Kugelschwärme abwehrte, die ihm Ras Algheti von der Treppe hinterher schoss und die nur um wenige Millimeter Ilvyns Stirn verfehlten.
»Seitdem ihr dieses blöde Seminar mitgemacht habt, seid ihr vollkommen verrückt geworden!«, schrie sie Ras Algheti zornig an, der sich erschrocken die Hand vor den Mund schlug und halbherzig »Oops! Tschuldige, war keine Absicht...« hervorstieß, als er an der bebrillten Seherin eiligst vorbeihastete, um Arktur weiterzuverfolgen, der inzwischen in das nächste Stockwerk gerannt war.
»Bat Furan! So geht das aber wirklich nicht!«, ertönte von unten Lux Joels hilflose und höchstwahrscheinlich vollkommen nutzlose Ermahnung. Als Ilvyn sich über die Brüstung beugte, sah sie den jungen Wandler genau unter sich an einem Seil aus Aethron fröhlich und kopfüber hin- und herschwingen. Ein Ende war um seine Füße gewunden, das Andere aber genau um die Holzstrebe verknotet, vor der sich Ilvyns Bein befand. Erschrocken machte sie einen kleinen Hüpfer rückwärts.
Nein, das konnte doch ein vernünftiger Mensch nicht länger ertragen! Wütend marschierte sie in ihr Zimmer, wickelte das kostbare Buch in einen Schal und rauschte mit zornbebenden Lippen die Treppe hinunter.
Sie warf dem älteren Seher noch einen mitleidigen Blick zu: Lux Joel hatte zwar die Aufsicht an diesem Abend, aber eindeutig schon längst die Kontrolle zumindest über die Wandler verloren. Warum musste auch sie, Ilvyn, ausgerechnet in jenem Haus leben, in dem die Schlimmsten von ihnen wohnten? Wie ruhig ging es dagegen in den anderen Häusern zu, wo es nur Dheneb, Vorias, Antaris und Sienna gab - und selbst diese versammelten sich mit Vorliebe in Haus 3. Wieso in Gottes Namen hielten die Älteren seit einigen Wochen so ausdauernd Zusammenkünfte ab, obwohl sie doch wussten, dass der jüngere Rest bei solchen Gelegenheiten stets machte, was er wollte?
Und wie frech die Wandler seit dem Seminar geworden waren! Ilvyn sah empört, wie Arktur mit Aethron heimlich ›Mamas Liebling‹ auf den Rücken von Lux Joel schrieb, während jener mit Bat Furan schimpfte, der nur blöde und gelassen grinste.
Sie schloss die Tür und eilte mit schnellen Schritten zur Burg, denn so ganz ohne wandlerischen Schutz fand sie es äußerst beängstigend, durch die Dunkelheit zu gehen, umzingelt vom bedrohlich schattenvollem Wald beiderseits des Weges, während der Geist schon beim leisesten Knacken des Unterholzes böse Dämonen herbeiphantasierte.
Doch dann konnte sie endlich die Steintreppe hinaufspringen und quer über den kleinen, kopfsteingepflasteren Burghof durch das Sicherheit verheißende Tor laufen.
Wie jeden Abend bewachten zwei der älteren Wandler den Korridor mit den Passagen, die gegen Mitternacht geschlossen werden würden. Ilvyn sagte ihnen kurz Bescheid, dass sie noch etwas in der Bibliothek nachschauen musste, und begab sich dann in den zweiten Stock.
Der kleine Raum, in dem die wenigen Regale mit dem äußerst mager zu nennenden Bücherbestand hintereinander gereiht waren, besaß keinerlei Stromanschluss geschweige denn eine Heizung oder einen Ofen. Trotzdem fühlte sich Ilvyn gleich viel besser, als sie die zwei Kandelaber auf dem mächtigen Eichentisch entzündete und sich dann, schön eingemummelt in ihre gefütterte Winterjacke, über das Buch hermachte.
›DIE ARMEE GOTTES - Gesammelte Zeugnisse und Legenden der Himmlischen Heerscharen‹
Nun gut, die ersten hundert Seiten hatten bisher noch keine neuen Erkenntnisse über die Engel gebracht, geschweige denn über einen ›Barujadiel‹. Doch Ilvyn glaubte an Zeichen und Omen - und wie sie an das Buch gelangt war, bestärkte sie in ihrer Überzeugung, dass Gott wollte, dass sie dieses Buch las.
Zum bestimmt hundertsten Male rief sie sich den Vorfall in Prag in Erinnerung:
Sie hatte an Equinox Veris schon über vier Stunden in der paradiesisch großen Bibliothek der Platinskys nach Engelsbüchern gestöbert, in jedes ihr noch unbekannte Werk die Nase gesteckt, um es dann doch wieder zurück an seinen Platz in den Wurzelholzregalen zu stellen.
Und dann war plötzlich ein Buch zu Boden gefallen - sie hatte nur den dumpfen Aufprall vernommen, weil sie schon die Hand an der Klinke gehabt hatte.
Als sie langsam die Regalreihen nach dem armen Ding abgesucht hatte, war sie schließlich im hintersten Winkel des Saales fündig geworden. Auf dem alten kostbaren Perserteppich hatte es ausgebreitet dagelegen. Behutsam hatte sie es aufgehoben: jenes Buch kannte sie nicht, hatte auch noch nie von ihm gehört, schon gar nicht von seinem Verfasser ›El Raho Mishyaho‹.
Aber das hatte sie nur noch neugieriger gemacht und so hatte sie es dem Xendi gebracht, der für die Bibliothek zuständig war.
Doch in seinen Listen hatte es dieses Werk gar nicht gegeben.
Kein Wunder, denn als er den Buchdeckel umgeschlagen hatte, war ihnen beiden sogleich ein Stempel entgegen gesprungen; dort stand deutlich lesbar geschrieben: ›Windwibbenburg - Für Gott und die Engel. Dieses Buch gehört Ilvyn Windwibb‹.
»Na sowas, es ist gar nicht in unserem Besitz. Du kommst doch aus dieser Sippe, oder nicht? Nimm es gleich wieder mit, nicht dass man uns des Diebstahls bezichtigt!«, hatte er noch gesagt und sie war sogleich schnell wieder nach Hause gegangen, beflügelt von der Gewissheit, Zeuge des göttlichen Willens geworden zu sein.
Noch war sie auf nichts Geheimnisvolles, Neues gestoßen, wie sie ein wenig enttäuscht feststellen musste. Aber das Buch hatte über 600 Seiten - und bot somit noch viel Spielraum für Überraschungen.
Die Kerzen flackerten, jemand räusperte sich, und sie fuhr herum.
»Oh, sei gegrüßt, Engelbert!«, rief sie dann, erleichtert und erfreut zugleich.
»Ja, du auch, Ilvyn. Und Gottes Segen sei mit dir«, erwiderte er, wobei er im Gedanken ergänzte ›falls es ihn doch geben sollte‹. So unauffällig wie möglich kratzte er sich an seinem Hintern. Unvorstellbar, wie es vor langer Zeit die ›Engel‹ nur in dieser lächerlichen und vor allem unangenehmen Maskierungen ausgehalten hatten. Kein Wunder, dass die Gegenseite dafür stets nur Spott übrig gehabt hatte - er selber mit eingeschlossen.
»So spät abends noch in Büchern vertieft... Das täte Tigris zur Abwechslung auch einmal gut. Aber im Moment kann man mit ihr und den anderen nicht viel anfangen«, brummte er nachdem er den Stuhl gegenüber der jungen Seherin in Beschlag genommen hatte. »Stell dir einmal vor: Arktur hat mir mit Di-, äh, Aethron eine Art Bein gestellt und ich bin durch die ganze Eingangshalle gekugelt. Kein Respekt vor Engeln, tsss!«
»Ja, die Wandler sind im Moment unausstehlich! Deswegen bin ich ja hier. Ich will in Ruhe lesen. Vielleicht finde ich einen Hinweis auf einen Engel namens Barujadiel.«
Engelbert hob erstaunt die Brauen. Hatte Tigris nun auch schon andere Windwibbs ins Vertrauen über ihre Visionen gezogen? Dabei hatte er schon längst im DimensioNet ohne Erfolg nach diesem Namen gefahndet.
»Also, ich kenne keinen Engel Barujadiel, Kleines. Und auch keinen, hm, von der anderen Partei, der so heißt oder geheißen hat. Vielleicht hat Tigris diesen Namen in ihren Träumen falsch verstanden?«
»Vielleicht. Aber vielleicht ist es auch ein ganz besonderer Engel - ein geheimnisvoller Bote oder so ähnlich.«
»Ich könnte ja die Durchlauchtigsten Zerrafin danach fragen, denn wenn es einer weiß, dann doch wohl sie, oder?«
Ilvyns Blick wurde ganz weich und verträumt. »Die Sieben Zerrafin. Wie ich Tigris darum beneide, dass der Heilige Raffael ihr erschienen ist. Bestimmt ist sie zu etwas ganz Großem ausersehen, sie weiß es nur noch nicht.«
»Nja, die Wege der Zerrafin sind unergründlich, in der Tat.«
»Erzähl mir doch bitte noch einmal, wie der Heilige Raffael dir aufgetragen hat, über Tigris zu wachen!«
Engelbert unterdrückte eine Seufzen - diese Begegnung hatte zwar auf der uralten Basis der Erpressung stattgefunden, und er hatte Ilvyn schon dutzende Male in einer mehr als geschönt zu nennenden Form davon berichten müssen - aber der unerschütterliche Glaube dieses Menschenkindes an das Gute in Gestalt der ›Heiligen Erzengel‹  rührte Engelbert immer wieder. Und so stellte er sich auf den Stuhl und mimte den Ersten Zerrafin. »Oh Engelbert! Ich habe von unserem Gott den Auftrag erhalten, dir einen Schützling zuzuweisen. Du sollst sie mit deinem Leben und in Gedenken an unser aller Schöpfer behüten und beschützen, bis eine andere Weisung an dich ergeht oder du in den anderen Gefilden weilst. So steige hinab auf die Erde und breite deine Flügel über jenes Mädchen, denn Gott unser Herr will es so! Amen! Und entsende ihrer tapferen Sippe unsere Grüße!«
Beim letzten Satz lächelte Ilvyn selig. Tapfere Sippe!
Engelbert betrachtete sie ein wenig schuldbewusst. In Wahrheit hatte der Zerrafin überaus großspurig gesagt: »Du brauchst dringend einen sicheren Zufluchtsort, nicht wahr, Engelbert? Die MDL hat deine Spur schon bis hierher in die Zonen der FreeDaimons verfolgt. Besonders höher stehende Personen sind wirklich erbost darüber, dass du überall verbreitest, es ginge ihnen gar nicht um Daimonkratie und Freien Wettbewerb, sondern nur darum, soviel Black DiS wie möglich anzusammeln. Aber ich werde mich persönlich für ein sicheres Asyl für dich auf Omrishahs Lieblingswelt einsetzen - du musst nur auf ein junges Ding aufpassen, bei der das Rufer-Xendium ausgebrochen ist. Nichts weltbewegendes also. Ich bin sicher, du gehst in Anbetracht deiner prekären Situation vollkommen begeistert darauf ein.« Und als er sich davonmaterialisiert hatte, hatte Engelbert für einen Moment das Gefühl einer ebensolchen Black-DiS-Schwingung gehabt, was er jedoch auf seine überreizten Nerven zurückführte. Die Sieben Zerrafin waren seiner Meinung nach zwar überaus eingebildet und nicht gerade sehr gewandt im Umgang mit den materiellen Wesen - doch sie taten auf ihre Weise das Beste, Welten vor dem Untergang zu bewahren, wenngleich nicht mehr so erfolgreich wie in früheren Tagen. Und was sie auch taten, verübten sie in dem Glauben, nach göttlichem Willen zu handeln.
Den Shinnn hingegen nahm er ihr religiöses Geschwurbel schon lange nicht mehr ab. Nicht, seitdem er bei einem ihrer öffentlichen Auftritte aus purem Zufall hinter den Kulissen gestanden und den Dritten Shinn As’medilon zu Nar’tanupsis, dem Sechsten, flüstern hören hatte: ›Diese Idioten glauben aber auch alles, was man ihnen erzählt. Ah, es ist schön, ein Shinn zu sein. Falls es Gott gibt, muss er uns sehr lieben, hehe!‹
Und nun war er auf Omrishahs Lieblingsplaneten, der langsam aber sicher ebenfalls den Bach hinunter ging. Sicheres Asyl, ha!
»Und was für ein Buch hast du da wieder erwischt?«, fragte er, woraufhin Ilvyn auf einmal das Buch zu Engelbert schob, aufstand und ihren Stuhl mit sich zog, um an seiner Seite und gemeinsam mit ihm weiterlesen zu können.
»Es kitzelt ein bisschen, wenn ich so dicht an dir sitze«, gestand sie kichernd und errötete an den Wangen und Ohren.
»Das sind die good vibrations, Kleines. Positive Schwingungen, sozusagen.« Engelbert grinste, wieder einmal erstaunt darüber, wie schnell sich manche Menschen in das Herz eines Daimons zu stehlen vermochten. Und wie machtlos man selbst als Überirdischer dagegen war. Besonders, wenn sie solche Dinge wie Ilvyn sagten: »Ich mag dich, Engelbert. Ich wünschte, du wärst mein Schutzengel.«
»Oh, danke. So etwas Nettes hört man gerne.« Der Cherub ließ das Buch ein wenig in die Höhe levitieren. »Über Engel, natürlich.« Er lächelte Ilvyn voller Sympathie an. Dann fiel sein Blick auf den Namen über dem Titel und er erstarrte vor Überraschung.

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»Was ist los, Tigris?« Antigua sah ihre Freundin besorgt an, die seit ihrer Rückkehr aus der Mongolei sichtlich verstört und ständig in Gedanken versunken war. Sie saßen im Wohnzimmer von Rosenhag 3, wohin auch einige der jungen Seher und Vorias von Haus 1 sich vor den umhertollenden Wandlern geflüchtet hatten und nun gespannt eine neue Folge von ›Buffy‹ verfolgten, wenn auch nur in Schwarzweiß.
Tigris tauchte aus den Erinnerungen an Aévons Worte und an die unheimliche Drohung von Bru’jaxxelon wieder auf und lächelte die Ruferin ein wenig zerstreut an.
Antigua kniff gespielt misstrauisch ein Auge zusammen. »Du bist die einzige von euch spinnerten Wandlern, die seit ein paar Tagen nicht ausdauernd mit ihren neuen Fertigkeiten und Kunststückchen angibt. Irgendetwas hast du doch, Tig.«
»Ja, mir geht so einiges durch den Kopf«, gab Tigris langsam und vorsichtig zu. Nur zu gern hätte sie jemandem ihr Herz über Aévons unglaubliche Enthüllungen ausgeschüttet - und über die immer unheimlicheren Momente, in denen jener Dämon mit ihr sprach. Wann endlich kam ihre Mutter zurück nach Hause, um den letzten, schwachen Zweifel hinsichtlich ihres Vaters auszuräumen und ihr die ganze Geschichte von A bis Z zu erzählen?
»Du kannst mir wirklich vertrauen, Teuerste. Ich kann schweigen wie ein Grab - mal abgesehen davon, dass ich nicht lange genug leben werde, um dich in meinen Memoiren bloß stellen zu können.«
Tigris lachte gequält auf. »Hör auf, darüber Scherze zu machen. Mein Leben wird jeden Tag chaotischer - wenn ich jetzt auch noch darüber nachdenken muss, ob du eines Tages...« Sie wandte sich mit zusammengezogenen Brauen von Antigua ab.
»Heulen oder Humor, es gibt nur zwei Möglichkeiten. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen, gerade als Xendi, und erst recht mit Verstärktem oder Doppel-Xendium.« Antigua rückte näher an Tigris heran und strich ihr tröstend über den Rücken. »Sollen wir in unser Zimmer gehen? Du siehst aus wie jemand, der eine kleine Beichte dringend nötig hat, weil ansonsten Explosionsgefahr besteht.«
»Oh bitte, ich will den Bereich um die Eingangshalle und die Treppen unbedingt großzügig meiden. Bat Furan und die anderen Wandler hört man bis hierher.«
»Vorias ist aber doch ganz artig, oder nicht?«
Der kleine Wandler mit der Brille wandte bei der Erwähnung seines Namens fragend den Kopf.
»Nichts, mein Schätzchen. Wir haben nur festgestellt, dass du wohlerzogen bist und hoffentlich bleibst.« Antigua zwinkerte ihm zu, was ihn nur befremdet wieder den Kopf drehen ließ: Mädchen, pfff.
»Hm...« Die Ruferin dachte einige Sekunden nach. Dann erhellte sich ihr Gesicht durch eine plötzliche großartige Idee. »Wie wäre es damit: ›Die Nacht durchmachen und sich alles von der Seele quatschen, was uns bedrückt‹? Im Alten Turm ist es doch wunderbar ruhig.«
»Nur wir beide sollen jetzt noch dorthin und dann auch noch die ganze Nacht dort verbringen?« Tigris sah die Ruferin verständnislos an.
»Wen willst du sonst noch mitnehmen? Obwohl... Lux Joel wird uns auf Knien danken, wenn wir zumindest Bat Furan aus diesem Haus entfernen. Die blödesten Ideen kommen ja zumeist von ihm. Das Rudel wird ohne ihn schnell wieder ganz zahm.«
Bat Furan Dinge anvertrauen, die sie beschäftigten? Von dieser Idee war Tigris zunächst überhaupt nicht begeistert.
»Wieso nicht?«, fuhr Antigua eindringlich fort. »Wir schwören uns alle, in dieser Nacht nichts als die Wahrheit zu sagen und sie für uns zu behalten. Ember meinte einmal, Bat Furans Vergangenheit ist auch nicht die glücklichste. Es wäre doch interessant, zu wissen, wie er hierher gekommen ist, oder nicht? Er ist seit seinem neunten Lebensjahr hier, wie mir Lux Livas erzählt hat. Aber was war davor? Darüber sagt Bat Furan nie etwas.«
»Ember. Ich wünschte, er wäre noch hier. Wie sehr man jemanden vermissen kann...« Tigris schluckte gerade eben noch den dicken Klos im Hals hinunter, der bei der Erwähnung seines Namens entstanden war. Ja, Ember hätte sie schon längst alles erzählt. Ob er an Windwibbenburg und sie dachte? Was machte er jetzt? Ging es ihm gut? War er glücklicher als zuvor?
»Und außerdem...« Antigua flüsterte den Rest in Tigris’ Ohr: »Weiß ich genau, dass Bat Furan an Equinox Veris eine ganze Flasche Whiskey bei unserer Stippvisite in New York mitgehen lassen hat. Ich hätte große Lust, ein kleines intimes Besäufnis zu veranstalten. Mal sehen, was dann jeder noch an überraschenden Geständnissen zu bieten hat. Wir beide können uns ja ein wenig zurückhalten und Mr. Hero dabei zusehen, wie er heult und lallt.«
Tigris kicherte. »Manchmal bist du das größte Biest in der ganzen Domén, Antigua. Irgendwie erinnerst du mich an Aévon Zimberdale.«
»Seinen wunderschönen japanischen Lover würde auch ich nicht verschmähen. Aber leider steht er ja nur auf Männer.«
»War das soeben das erste Geständnis des Abends?«
»Jemand muss ja den Anfang machen. Komm!«
Beide gingen entschlossen in die Eingangshalle.
Dort spielten Bat Furan und Ras Algheti gerade eine Art ›Angriff der Dämonen‹ mit einigen abenteuerlustigen Sehern, indem sie eine Dike Party zum Schutz vor Arkturs und Antaris’ Dashes und Jets errichteten.
»Wo ist denn eigentlich Lux Joel abgeblieben?«, fragte Tigris laut. Es sah höchst riskant aus, was die vier da mit den armen Seher-Schülern veranstalteten.
Es folgte eine Waffenpause, in der Bat Furan sich am Kopf kratzte und sagte: »Tja, er ist eben in die Küche gegangen, aber blöderweise klemmt die Tür jetzt.«
Wie zur Bestätigung hämmerte es gegen besagte Tür und Lux Joels zornig-verzweifelte Stimme rief nach Hilfe.
»Ihr dreht wohl vollends durch. Vielleicht ist zuviel Aethron doch nicht so gut für die Gehirnzellen«, sagte Antigua spöttisch, konnte aber dennoch ein Grinsen nicht unterdrücken.
»Jaja, wenn irgendwelche altersschwachen Türen klemmen, sind immer die Wandler schuld«, verteidigte Ras Algheti seinen Freund mit der ernstesten Miene, die er zu bieten hatte. »Früher war’s die Milch, die plötzlich sauer wurde, oder überraschende Hagelschauer. Eine ziemlich gefährliche Einstellung, Antigua.«
Doch Bat Furan wurde schon von der Ruferin beiseite genommen. Als sie ihm ihren Vorschlag ins Ohr wisperte, war er augenblicklich ganz Feuer und Flamme.
»Aber wenigstens Ras Algheti. Er ist mein Blutsbruder«, hörte man ihn laut sagen.
»So haben Aévon und sein Rosanjin bestimmt auch angefangen«, lästerte Tigris.
Bat Furan jedoch überhörte die Unverschämtheit einfach und stubbste Ras Algheti an. »Wir gehen zum Turm, was Wichtiges besprechen.«
»Oh bitte, ich will auch mit, Bat Furan!«, rief Arktur und sprang in seiner zappeligen Art aufgeregt vor ihm her.
»Sorry, Zutritt erst ab über 16. Geschlossene Gesellschaft«, lachte der Wandler und knuffte Arktur zum Trost leicht in die Seite. »Aber du kannst mir einen Gefallen tun: Wenn wir weg sind, kannst du ja mal dafür sorgen, ob diese verdammte Küchentür nicht doch irgendwie aufzukriegen ist. Und wenn jemand fragt, wo wir sind, sagst du, wir sind oben in unseren Betten und schlafen schon selig. Und morgen Abend gehen nur wir Jungs in den Wald und ballern in Ruhe, was das Zeug hält, okay?«
»Na gut«, maulte Arktur, der sich immer noch ein wenig gekränkt, aber durch die Aussicht auf den nächsten Tag zumindest etwas entschädigt fühlte.
Gegen elf Uhr nachts machten sich die vier Windwibbs schließlich auf den Weg zu dem alten Gemäuer im Wald.
Ohne es zu ahnen, verpasste Tigris ihre Mutter um kaum zwei Minuten.

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El Raho Mishyaho.
Engelbert erinnerte sich an einige Unterrichtsstunden auf der Takran-Uni, die sich mit den Gewohnheiten der Zerrafin und Shinnn befasst hatten: Wenn es eines gab, was die höheren Daimons gemeinsam hatte, dann ihre Gewohnheit, sich niemals von ihrem Namen zu trennen, selbst bei verdeckten Operationen oder geheimen Auftritten auf materiellen Welten; die höchste Form der Tarnung bestand in einem Anagram.
Und genau so ein Anagramm hatte er vor sich - wenn es nicht ein unglaublicher Zufall war, dass jemand einen Namen getragen hatte, dessen Buchstaben umgestellt den Namen und die Art eines sehr hochstehenden Daimons bildeten - überaus hochstehend!
Aber seit wann war jener unter die irdischen Schriftsteller gegangen?
Engelbert ließ die Seiten vor sich nacheinander umblättern.
Nichts Ungewöhnliches war zunächst zu lesen: Unendliche Ermahnungen an die ›Engel‹, den Lebewesen der anderen Dimension mit Güte und Weisheit beizustehen, sie zu lehren, jegliches Leben zu achten und barmherzig gegen jedes Geschöpf zu sein.
›Ein Ratschlag, den sie wohl hin und wieder vergessen haben‹, dachte Engelbert bei sich.
»Oh, wie interessant!«, rief er auf einmal aus und ließ die Seite 458/459 aufklappen, um sie laut vorzulesen.
»Da rief der König seine Weisen zu sich, um ihren Rat zu hören, denn die Visionen, in denen der Heilige Geist zu ihm gesprochen hatte, beschäftigten seinen Geist ohne Unterlass.«
»Ah, die Stelle kenne ich aus der Weißen Bibel nur zu gut. Der König Salomo spricht mit seinen Ratgebern über die Erzengel und er sagt: ›Wer aber ist schöner als der Siebte Erzengel? Kraftvoll und stark ist er, ein furchtloser Kämpe seines Herrn. Rein ist sein Glauben und sein Gewissen, unbefleckt von Zweifeln.‹«
»Nun ja, hier steht es etwas anders, Kleines: ›Wer aber WAR schöner als der Siebte Erzengel? Kraftvoll und stark WAR er, ein furchtloser Kämpe seines Herrn. Rein WAR sein Glauben und sein Gewissen, unbefleckt von Zweifeln. Und doch ist ausgerechnet er es, der tief fiel, der sich der Dunkelheit seiner Seele verschrieb und Hass zu seiner neuen Religion machte; er ist es, dessen Name aus den Gedächtnissen getilgt wurde, um einen neuen an seine Stelle zu setzen.‹
Ilvyn runzelte befremdet die Stirn. »Dann steht es falsch dort, vielleicht wurde es nicht richtig übersetzt. Denn wenn es so wäre, hieße es, dass der Heilige Adaliel böse geworden ist und wir jeden Tag einen Teufel lobpreisen. Aber die Erzengel wurden in vollkommener Güte erschaffen, sowie die Teufel in vollkommener Bosheit. Erzengel können nicht fallen.«
»Da ist das Buch aber anderer Meinung: ›Und der König fragte seine Weisen: Wie kann es sein, dass ein Geschöpf, so rein wie frischer Morgentau, der Sünde verfiel, wo es doch in den Schriften heißt, dass die Engel in vollkommener Güte und die Teufel in vollkommener Bosheit erschaffen wurden, von dem ersten Augenblick, in dem der Herr sie ins Leben rief bis zu der Stunde, da Er alles Sein beenden wird?‹«
»Diese Stelle gibt es in der Weißen Bibel nicht...«, wunderte sich Ilvyn.
»Die Weisen wussten keine Antwort, denn dies bedeutete fürwahr ein großes Rätsel.
Und der König sprach weiter: ›Wenn es aber kein vollkommen reines Geschöpf gibt, sowie es kein vollkommen bösartiges Wesen gibt, dann lichtet sich das Dunkel ein wenig, mit dem die Worte des Heiligen Geistes gewoben wurden, die ich in der Vision vernommen hatte, als ich vor vierzig Nächten durch die Wüste irrte. Darin klagte Er:
Du mein Geliebter, der Zerrafin Siebter, durch meinen ungerechten Zorn stieß ich dich hinab in die tiefste Hölle, die die Seele kennt, in die Hölle deines Selbst, woraus es kaum ein Entrinnen gibt, denn dort wacht ein strenger, umbarmherziger Richter. Und wer ist unbarmherziger als die eigene Seele? Verzeiht sie doch oft anderen Seelen, nur nicht sich selbst, wenn Schuld sie quält.‹«
»Diese Stelle klingt ein bisschen wie jene in der Weißen Bibel«, überlegte Ilvyn laut, »aber dort heißt es: ›Gottes gerechter Zorn wird die Frevler in die tiefste Hölle stürzen und es gibt kein Entrinnen daraus, denn ein strenger Wächter bewacht die Seelen, die dort gefangen.‹«
»Tja, es stellt sich also die Frage, welche Version richtig ist. Für mich klingt das so, als ob Adaliel den gefallenen Erzengel ersetzt hat.«
»Davon habe ich noch nie in meinem Leben gehört!«, wisperte Ilvyn fassungslos. »Aber wenn nun der Heilige Adaliel an die Stelle dieses Erzengels getreten ist... was ist mit diesem gefallenen Engel geschehen? Meine Güte, was für ein abgrundtief böses Geschöpf er doch sein muss. Oh, Moment...« Sie sah Engelbert mit immer größer werdenden Augen an.
»Ist sein Name vielleicht Barujadiel? Vielleicht will Gott uns durch Tigris’ Träume vor ihm warnen, weil er zu einem Teufel geworden ist!« Ilvyn sah angstvoll im Raum umher, als könnte jeden Moment aus den tanzenden Schatten an der Wand eine furchterregende Gestalt hervortreten.
»Kleines, viel brisanter finde ich die Behauptung, dass der hm... Heilige Geist nicht unschuldig an seinem Fall war.« Selbst Engelbert, der einen erheblichen Teil seines ohnehin schon dreitausend Jahre währenden Lebens als Langzeit-Student auf der berühmten Takran-Universität verbracht hatte und über ein ausgedehntes Wissen verfügte, waren diese ungeheuerlichen Behauptungen vollkommen neu. Und wenn seine Ahnung ihn nicht trog, hatte eine bestimmte Person Interesse daran, sie publik zu machen - weil Schuldgefühle sie plagten?
Der wissensdurstige Forscher war in Engelbert erwacht.
Dieweil las Ilvyn weiter vor.
»Und der Heilige Geist sprach weiter: ›Ich weiß, was selbst Erzengel verbergen. Doch eines Tages wird die Wahrheit kundgetan werden, die kunstvollen Lügennetze zerhauen und die Tücher zerrissen, unter denen ein schändlicher Vertrag verborgen.‹
In der Weißen Bibel heißt es: ›Ihr wisst, dass die Erzengel nichts verbergen und die Wahrheit kundtun, die kunstvollen Lügennetze zerhauen und die Tücher zerreißen, unter denen schändliche Verträge verborgen liegen.‹«
»Starker Tobak! Ich würde sagen, die Aussagen in beiden Texten gehen weit auseinander.«
»Aber das kann nicht sein, Engelbert. Vielleicht...« Ilvyn wich plötzlich vor dem Buch zurück. »Vielleicht hat es mir ein Teufel zukommen lassen! Dieser Barujadiel! Damit ich meinen Glauben verliere.« Tränen blitzten in ihren Augen auf und Ilvyn nahm die Brille ab, um sie mit der anderen Hand fortzuwischen.
»Nein, nicht doch Kleines!« Engelbert war für einen Moment versucht, eine kleine tröstende Intonation über Ilvyn hinwegwehen zu lassen, entschied sich jedoch für tröstende Worte:
»Also, dieser Barujadiel - falls er überhaupt ein gefallener Erzengel ist - kann es ja nicht gewesen sein, da nicht genug Aethron in der Atmosphäre für einen wie ihn ist. Und in den Sippen passt man doch höllisch auf, dass keine Dämonen ihr Unwesen in den Arxes treiben können.«
»Aber es ist sehr verwirrend, was in diesem Buch der Heilige Geist - also Gott! - alles gesagt haben soll. Hör dir das jetzt an: ›Bitter musste ich erkennen, dass selbst die Reinen und Verdammten nicht unveränderlich sind und bitter musste ich an mir selber erkennen, dass selbst ich zu Unrecht fähig war. 
Tief fiel der Siebte Zerrafin, so gefürchtet wurde sein Name, dass auch das Unrecht anderer ihm zufiel, denn er leugnete nichts und kümmerte sich nicht darum, welche Lügen erneut um ihn gewoben wurden. Niemand weiß, welche gräulichen Dinge er getan und welche ihm bloß zugeschrieben wurden. Er war mein geliebter Siebter Zerrafin, dann wurde er zu einem Geschöpf, das selbst die Shinnn fürchteten.
Und an jedem Unrecht, das er beging, habe ich Anteil.
Ich machte ihm zu dem, was er wurde.
Und wenn sie ihn den Ewigverdammten nennen ob seiner unheimlichen Macht, die soviel stärker war als die derjenigen von seiner Art, so ist es meine Schuld.
Ja, meine Sünde wiegt am schwersten, denn ich erschuf den ›Ewigverdammten‹.‹«
»Ewigverdammter... ich kenne nur einen, der unter anderem mit diesem Titel brillieren kann«, dachte Engelbert laut.
»Wer? Das kann doch nur ein Höllenfürst sein oder einer seiner Anhänger!« Ilvyns Stimme zitterte schon vor Furcht.
»In... unseren Gefilden trägt der ehemalige Siebte Shinn diesen Beinamen. Und außerdem tausend andere, höchst unschmeichelhafte, aber wohlverdiente Bezeichnungen.«
»Ehemaliger Siebter Shinn? Dann können auch Höllenfürsten - wenn dieses Buch die Wahrheit spricht - durch andere Höllenfürsten ersetzt werden?«
»Ich weiß nur von einem Postenwechsel innerhalb der oberen Ränge, und zwar bei den Shinnn. Seitdem ich das Licht der Sterne erblickte, kenne ich die Sieben Zerrafin nur in der Besetzung, in der auch in der Weißen Bibel von ihnen gesprochen wird. Wenn bei ihnen jemand ausgewechselt wurde, so muss das sehr, sehr lange her sein. Im Schnitt leben Cherubim ja nur bis zu fünftausend irdischen Jahren. Na gut, außer die Devnia -«
»Devnia sind Teufel der untersten Hierarchie! Gott soll sie verfluchen!«
»Richtig, sie sind gefallene Cherubim, ich vergaß.«
»Tatsächlich? Das ist mir neu.« Ilvyn sah Engelbert befremdet an.
»Die Cherubim werden verständlicherweise nicht gerne daran erinnert.« Erleichtert bemerkte der Cherub, dass Ilvyn diese Erklärung anscheinend einleuchtend vorkam. Dennoch nahm er sich vor, sich in Zukunft vorsichtiger durch die verkrusteten Glaubengrundsätze der Allianz zu lavieren.
»Jedenfalls, äh, wollte ich sagen, dass es erst vor kurzem zu einem Austausch bei den Shinnn kam, es liegt kaum zweihundert irdische Jahre zurück. Damals trat ein neuer Siebter Shinn namens Shar’katâna seinen Dienst an. Aber vor ihm hatte einer namens Bru’jaxxelon den Posten des Obersten Kriegsherren inne.
Kriegsherr, tsss. Eigentlich kennen wir so etwas wie Herren oder Damen gar nicht, aber na ja.«
»Was meinst du damit, dass er den Posten des Obersten Kriegsherren innehatte? Wieso hatte? Hat ihn ein Zerrafin vernichtet?« Ilvyns Augen glänzten in hoffnungsvoller Erwartung ob solch einer Heldentat.
Engelbert überlegte, ob er Ilvyn über die höchst beunruhigende Tatsache aufklären sollte, dass ein verrückter Massenmörder die Dimensionen bedrohte - und vielleicht sogar schon auf der Erde herumspazierte!
Doch er entschied sich dagegen: Die Kleine zitterte ja schon jetzt vor Furcht!
»Gut möglich, man weiß jedenfalls nicht, wo er jetzt steckt, er ist sozusagen verschollen. Vielleicht hat Raffael der Furchtlose ihn endgültig zur Strecke gebracht. Niemand hasst Bru’jaxxelon mehr als er.«
»Bestimmt«, sagte Ilvyn entschieden und wild entschlossen, keine andere Möglichkeit in Betracht zu ziehen. »Und der gefallene Erzengel, der vielleicht Barujadiel hieß, ist nun - oh Gott, behüte mich - der Siebte Höllenfürst Shar’katâna.«
Engelbert sparte sich eine Antwort darauf, da er das Mädchen nicht weiter beunruhigen wollte, auch wenn ihre Schlussfolgerung aufgrund ihres Unwissens über die Daimonsion vollkommen falsch war.
Außerdem gingen ihm verschiedene Fragen durch den Kopf, die allesamt keine Antwort oder aber nur neue Fragen nach sich zogen. Wie gern würde er jetzt im DimensioNet nach allem forschen, was mit Bru’jaxxelon zu tun hatte!
Ilvyn las weiter laut in dem Buch vor, das sie einerseits nicht für wahr nehmen wollte, das sie jedoch andererseits durch seine ungeheuerlichen Behauptungen in den Bann schlug:
»›Lass mich dir nun‹, sprach der Heilige Geist zu mir, ›die ganze Wahrheit über den Fall des Siebten Zerrafin berichten, über den schändlichen Vertrag, den einige Zerrafin und Shinnn besiegelten, und über mein Geheimnis. Dies bin ich dir schuldig, denn du weißt nicht, wie ich deinen jüngsten Sohn vor dem Tode errettete. Es ist ein Geheimnis, das ich von Welt zu Welt trage, von Zeitalter zu Zeitalter, verwoben mit dem Schicksal des gefallenen Siebten Zerrafin, als auch des Siebten Shinn.«
Plötzlich schreckte Ilvyn auf und riss Engelbert aus seinen Gedanken. »Was ist das für Lärm?«
Das dumpfe Geräusch einer Vielzahl von rennenden Füßen unter ihnen ließ die Kandelaber auf dem Eichentisch erzittern.
»Ich schaue mal nach!«, rief Engelbert und dematerialisierte sich augenblicklich.
Noch bevor Ilvyn den zweiten Atemzug getan hatte, war er wieder da, das Gesicht vor Entsetzen und Furcht verzerrt.
»Du musst hier raus! Windwibbenburg wird angegriffen!«
Gellende Schreie hallten vom untersten Stockwerk bis hinauf zu ihnen. Ilvyn erstarrte vor Furcht.
Da ließ Engelbert die Tür auffliegen und levitierte die junge Seherin kurzerhand aus der Bibliothek.
Schon hörte man mehrere Leute die Treppe hinaufstürmen.
Engelbert sah sich in dem Korridor um, in dem es außer alten Bildern, einer Truhe, zwei Vitrinenschränken und den Unterrichtszimmern keine sicheren Verstecke gab.
Außer vielleicht...
»Du passt bestimmt in diese alte Truhe. Rühr dich nicht von der Stelle, gib keinen Mucks von dir. Ich muss die anderen warnen!«
Er ließ geräuschlos die Truhe aufklappen, beförderte das zitternde Mädchen hinein, ließ eine Schlaf-Intonation über sie hinwegwehen, ließ ebenso lautlos den Deckel der Truhe wieder zugehen, versperrte sie, löschte eiligst die Kerzen, ließ den Duft des Rauches verschwinden
Und materialisierte sich genau in dem Moment hinfort, als drei große, schwarz vermummte Gestalten um die Ecke bogen.

.
»Los, komm schon, Bat Furan«, drängte Antigua. »Du bist dran: Wie hat es dich hierher verschlagen? Wir wissen nur, dass deine Eltern beide Träger des gleichartigen Xendiums sein müssen, denn nur die Kinder von zwei solchen Trägern haben das normale Xendium.«
Sie saßen im schummerigen Schein von fünf Teelichtern im Kreis, hatten jeder schon ein Glas Whiskey-Cola intus und spielten Die Reine Wahrheit. Es war ausgemacht, dass derjenige, der eine Frage unglaubwürdig beantwortete, kurzerhand von einem der drei Wandler mit einem Hypnose-Spray intoniert werden sollte und spätestens unter dem Einfluss von DiS die Wahrheit sagen musste.
»Ich habe früher unter Neutralen gelebt, wie meine Eltern. Mein Vater ist früh gestorben und meine Mutter hat mich alleine großgezogen. Sie wusste nichts von Xendium, trotzdem hat sie Besuch von der Allianz bekommen, und dann hat sie wohl zugestimmt, dass mich die Allianz zu sich nimmt. Jedenfalls war ich auf einmal hier.« Bat Furan betrachtete ausdauernd seinen zappelnden Fuß, während er recht sachlich und nüchtern von dieser Tatsache berichtete.
»Einfach so?« Tigris hob die Braue. Welche liebende Mutter gab ohne weiteres ihr Kind in die Obhut einer fremden, obskuren Sekte?
»Sie kamen ein paar Mal, und irgendwann war sie wohl überzeugt.«
»Vermisst du sie denn nicht?«, fragte auch Antigua.
»Hey, nur eine Frage! Und du bist jetzt dran, Antigua, meine Teuerste«, sagte Bat Furan harsch. »Und außerdem war sie nicht die beste Mutter. Zufrieden?«
»Okay, Antigua«, meinte Ras Algheti daraufhin. »Ich will von dir wissen, hm ...will von dir wissen, ob du nicht irgendwie sauer bist, weil deine Sippe von der Domén Arx aufgelöst worden ist. Ich bin jedenfalls stinkig deswegen. Dabei haben wir gar nichts getan außer nett zu leben, nett zu anderen zu sein und nett zu uns zu sein.«
»Deswegen wird noch lange keine Sippe aufgelöst, mein Chocochip.«
»Das will ich als gereifte Person jetzt mal überhört haben.«
»Es war auch nicht als Beleidigung gemeint. Chocochips sind doch was Leckeres.« Antigua lächelte Ras Algheti so süß und unschuldig wie möglich an, während sie es so vieldeutig wie nur möglich sagte, was ihn sichtlich aus dem Konzept brachte. Verwirrt griff er nach seinem Glas und stieß es dabei beinahe um.
»Nun, wir warten auf die Antwort, Teuerste Antigua«, sagte Bat Furan. »Oder sollen wir dich gleich einnebeln?«
»An dieser Stelle muss ich euch bedauerlicherweise mitteilen, dass eure Verneblungsmethode bei mir gar nichts nützt. Ich ziehe locker all eure Nebel - oder Spray, wie ihr ja jetzt sagt - einfach an und speichere sie in mir. Und wenn ich Lust habe, dann nehme ich einen von euch in den Arm und gebe es heimlich wieder an den Spender zurück.«
»Du entwickelst dich zu einer Spielverderberin«, stellte Tigris amüsiert fest.
»Ich weiß nicht, wie oft ich es wiederholen muss: Natürlich fand ich das Ganze nicht so spaßig, und irgendwie ist es auch besser, dass ich nicht mehr viel von der Aktion behalten habe. Aber Gesetz ist Gesetz. Zwei Xendii dürfen keine Nachkommen in die Welt setzen. Es war hart, aber gerecht.«
»Ich frage mich nur«, sagte Ras Algheti daraufhin, »wieso sie dich nicht in ihr Sonderausbildungslager gesteckt haben. Immerhin hast du Verstärktes Xendium.«
»Ich weiß es nicht, da musst du wohl die Domén Arx fragen.«
»Aber bist du nicht traurig wegen deiner Mutter?«, wunderte sich Tigris.
»Schön, dass du dich zu Wort meldest, Tig, denn du bist dran«, entgegnete Antigua schärfer als beabsichtigt.
»Und ich stelle die Frage«, verkündete Bat Furan. »Ich frage mich schon seit Tagen, was du bei deiner Prüfung verbrochen hast. Lux Montana und Lux Livas waren doch so etwas von schockiert, dass sie dich postwendend wieder zurück nach Windwibbenburg schicken 
wollten.«
»Ich habe keine Ahnung, wirklich.«
»Einmal ein Hypno-Spray für die Dame mit den Locken!«, rief Antigua.
»Nein, ich meine es ernst.« Tigris sah sie der Reihe nach eindringlich an. »Die Sache ist nämlich die: Ich habe die Nacht davor Engelbert gebeten, mir eine Art Beruhigungswelle zu verpassen, weil ich solche Angst hatte. Anscheinend hat dieser Gehirnbaldrian zu gut gewirkt: Ich erinnere mich weder, wie wir nach Barcelona gegangen sind, noch an die Prüfung.«
»Na, dann wäre so ein Nebel doch erst recht gut«, befand Bat Furan.
»Ich weiß nicht. Hinterher dauert meine Amnesie noch länger als die an Equinox Veris.«
»Ach, ich performe nur einen Easy Spray, was denkst du denn!«
»Nee, lass mal.«
»Mann, komm schon! Wir haben es doch ausgemacht.«
»Und außerdem ist doch Antigua da«, schaltete sich Ras Algheti ein. »Sie kann das DiS wieder abziehen.«
»Ich ziehe nur Aethron ab, wenn überhaupt.«
Tigris überlegte kurz. Mit Antigua im Bunde konnte es eigentlich nicht schief gehen. Und es stimmte: Das Verhalten der beiden Älteren war mehr als merkwürdig gewesen. Undeutliche Erinnerungen an eine Rose und Flammen kamen wieder in ihr hoch, so dass sie schließlich zustimmte.
Bat Furan ließ über ihrem Kopf feine, grüne Schlieren kreisen.
»Okay, dann mal los«, sagte er leise. »Geh zurück zu diesem bedeutungsvollen Tag -«
»Vor fünftausend Jahren, oder so.« Ras Algheti grinste, wurde jedoch von Antigua zur Antwort mit strengen Blicken bedacht.
»Ja was?«, fragte er. »War doch nur Spaß. Das ist doch DER Trend: Rückführungen in frühere Leben.«
»Ruhe jetzt, ihr beiden! Also noch einmal.« Bat Furan sah Tigris aufmerksam an.
Dieser waren mittlerweile die Augen bis auf einen winzigen Spalt zugefallen, während sie sachte mit ihrem Oberkörper hin- und herwippte.
»Was ist denn so Schreckliches passiert, als-«
In diesem Augenblick kippte Tigris schlaff zur Seite, zu ihrem Glück genau in Antiguas Schoß.
»Aha, sie ist an dem Tag also ohnmächtig geworden«, stellte Ras Algheti fest.
»Engelberts Beruhigungsintonation war wohl nicht gut genug«, sagte Bat Furan.
Plötzlich stieß Tigris einen erstickten Schrei aus und verkrampfte sich. Augenblicklich traten Schweißperlen auf ihr Gesicht, während sie mit einem Mal die Augen aufriss.
»Verdammt, Antigua, zieh lieber das Aethron ab!«, rief Bat Furan und kam mit Ras Algheti sofort an ihre Seite.
»Ba ... Baruja ...diel. Diél ...«, stammelte Tigris, während ihr Blick ins Leere ging.
»Wartet!« Antigua beobachtete Tigris fasziniert. » Sie entspannt sich wieder.«
»Wer ist denn dieser Barujadiel?«, fragte Ras Algheti verdattert.
»Wo ist Barujadiel?«, flüsterte Antigua Tigris leise zu.
»Ich weiß nicht. Ich kann ihn nicht mehr fühlen.« Tigris' Stimme wurde immer leiser, während Tränen ihre Schläfen hinabglitten. »Es wird dunkel. Und kalt.«
»Wer bist du?«, fragte Ras Algheti unvermittelt.
»Ich bin... Nein, nicht mehr. Das Leuchten ... das Licht. Nein!« Tigris hob mit entsetzter Miene den Kopf an. »Bitte, hör mich an. Ich bin nicht mehr... schau, die Rosen. Gib... sie mir.« Sie hob zitternd den rechten Arm und schloss die Hand um etwas imaginäres. »Siehst du? Siehst du es, Omrishah?« Sie sah lächelnd zur Decke empor. »Bitte rufe Barujadiel, ich will sein Gesicht sehen, bevor...« Dann runzelte sie die Stirn. »Wie meinst du das? Wohin ist er gegangen?« Sie schwieg für einige Sekunden, als höre sie jemandem zu, der ihr etwas Trauriges sagte. »Du musst ihn finden und es ihm erklären. Was tust du da?« Ihr Gesichtsausdruck verriet den schweigenden Jugendlichen um sie herum Erstaunen und Verwunderung. Sie lächelte wieder. »Was hast du gemacht? Bist du so mächtig, dass du den Tod vertreiben kannst? Bist du doch Gott? ...ich dachte ja nur, verzeih. ... Was soll ich dir verzeihen? Nein, sei nicht traurig. Sie haben auch dich belogen. Ich verzeihe dir, wenn es etwas zu verzeihen gibt ... was-was ist das? Ich werde so leicht... wolkig... schlafen... Diél.« Tigris fielen die Augen langsam wieder zu.
»Was war das denn?«, äußerte sich Bat Furan als erster nach diesem merkwürdigen Vorfall.
»Ganz klar, wir haben sie in ein früheres Leben zurückgeführt«, meinte Ras Algheti mit Kennerblick. »Ihr könnt das gleich mal bei mir ausprobieren. Oh Mann, ich bin gespannt, was ich früher war.«
»Du warst bestimmt eine von diesen Frauen, die Rembrandt so gerne gemalt hat«, entgegnete die Ruferin spöttisch.
»Omrishah, Barudingsbums. Das ganze klang dramatisch, oder?« Bat Furan sah Antigua fragend an, doch die Ruferin schwieg nachdenklich, während sie ihre Hand über Tigris’ Kopf hielt und das Gespinst in sich einsog. Augenblicklich begannen Tigris’ Lider zu flattern, dann zuckte sie erschrocken zusammen und erhob sich mit verwirrtem Gesicht aus den Armen der Ruferin.
»Tigris, wir haben dich in ein früheres Leben zurückgeführt«, frohlockte Ras Algheti.
»Schade nur, dass du dich nicht erinnern kannst,  wer du genau warst. Und wer Omrishah und Barujadiel waren.«
»Habe ich etwa davon erzählt? Bei der Prüfung?« Tigris sah ihn mit großen Augen an.
»Nein, aus Versehen haben wir dich anscheinend in ein Leben ein paar tausend Jahre vorher zurückgeführt«, bekannte Bat Furan. »Das war vielleicht krass. Du warst wohl irgendwie dabei zu sterben, aber anscheinend hat dich jemand namens Omrishah gerettet.«
»Vielleicht hat dich dieser Barujadiel aus Eifersucht erschossen und dieser Omrishah hat dich gerettet«, spekulierte Ras Algheti.
»Nein!«, schleuderte ihm Tigris so wütend entgegen, dass es sie selber überraschte.
»Von wegen Rückführung. Das sind Namen, die ich seit Wochen in diesen blöden Visionen von mir höre. Und es liegt auf jeden Fall an meinem Amulett. Vielleicht sind darin die Erinnerungen von jemand anders gespeichert. Ich weiß es nicht.«
»Oh, Visionen. Nicht übel.«  Bat Furan grinste wieder frech. »Gibt es sonst noch etwas, was du uns bisher verschwiegen hast? Kannst du vielleicht auch in die Zukunft sehen? Ein kleiner Lottogewinn täte Windwibbenburg ganz gut.«
»Damit kann ich nicht dienen.« Tigris nahm ihr Glas und sah für einen Moment in das Whiskey-Cola-Gemisch. Dann hob sie entschlossen den Kopf und sagte: »Aber ich kann mit neuen Verwandten aufwarten. Procyon Zimberdale ist höchstwahrscheinlich mein wahrer Vater und Aévon Zimberdale mein Halbbruder.«
»Toller Witz«, meinte Bat Furan verächtlich. »Dann hättest du Doppel-Xendium und deswegen schon lange bei uns mitgemischt.«
»Er hat einen Weg gefunden, es für eine Zeitlang in mir zu unterdrücken.«
»Xendium kann man nicht unterdrücken, schon gar nicht Doppel-Xendium«, wandte Bat Furan ein. Was für eine schauerliche Vorstellung: Tigris verwandt mit der No. 1 seiner persönlichen Hass-Liste!
»Pah, wer weiß. Die Abtrünnigen kennen bestimmt viele Dinge, die alles andere als gut und moralisch zu nennen sind«, sagte Antigua düster. »Aber Procyon Weiberdale und deine Mutter? Er muss sie intoniert haben, anders könnte ich mir das nicht erklären.«
»Wie auch immer. Meine Mutter kommt bestimmt bald zurück. Dann werde ich sie damit konfrontieren. Ich weiß, dass sie mich nur belogen hat, um mich zu schützen.«
»Du machst also keinen Spaß?« Bat Furan sah Tigris immer noch voller Zweifel an.
Mit einem Mal fegte eine Druckwelle durch das Turmzimmer und stieß sowohl die Cola- als auch die Whiskeyflasche um, die glucksend ihren Inhalt über die Decke ergossen. Fluchend sprangen die Vier auf und sahen wütend Engelbert an, der sich nahe dem Fenster materialisierte und ihnen mit vor Grauen verzerrtem Gesicht entgegentaumelte.
»Ihr müsst fliehen! Wir werden überfallen!«
Die Jugendlichen starrten den Cherub ungläubig an.
»Wenn das ein Witz sein soll -«, begann Antigua mit böse zusammengezogenen Brauen.
»Nein! Ihr müsst es mir glauben!« Engelbert torkelte planlos von einer Ecke in die nächste. »Ich muss die Siedlung aufwecken! Es sind so viele! Schnell, raus hier!« Und schon hatte er sich davon materialisiert.
Sie sahen sich fassungslos an, alle vier kreidebleich, und doch immer noch nicht fähig, sich zu bewegen.
»Oh Gott!« Entfuhr es Antigua heiser und sie schlug sich die Hände vor den Mund. »Wenn das stimmt...« Dann fielen ihre Hände schlaff an ihr herunter. »Mitternacht. Bevor die Tore geschlossen wurden. Als alle schliefen. Nein!« Mit angstverzerrtem Gesicht rannte sie plötzlich zur Treppe und löste den Schock der drei Wandler, die ihr augenblicklich ohne weiter nachzudenken hinterher stürzten.
Sie hatten noch nicht die Hälfte der Treppe hinter sich gelassen, als ein ohrenbetäubender Knall in die Stille der Nacht explodierte, den Turm zum Erzittern brachte und sie vor Schreck stolpern ließ.
Doch noch während der Donnerschlag fauchend verhallte und verebbte, hasteten sie weiter und entflohen, kaum dass sie im Freien angelangt waren, in die Wälder.

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Ohne sich umzusehen, ohne daran zu denken, was sie in der Siedlung erwartete, rasten sie durch die Reihen der Baumstämme, achteten nicht auf Zweige, die ihnen ins Gesicht schlugen, rannten immer weiter, als schon die Luft in ihren Lungen stach und ihre Herzen hämmerten, als ob sie jeden Moment voller Panik ihre Rippen sprengen wollten, um daraus zu entfliehen.
Schreie und Weinen kamen mit jedem Augenblick näher, schon sahen sie grellen Feuerschein durch die Lücken im Geäst und Brandgeruch setzte sich in ihrer Nase fest.
Dunkle, unbarmherzige Stimmen gaben Kommandos und fluchten, doch schrecklicher war ihr Lachen, während ein Kind durchdringend und schrill schrie, um abrupt zu verstummen.
Antigua, die vor ihnen lief, blieb ebenso abrupt stehen, zitterte am ganzen Leib und fiel dann lautlos weinend in das Laub, das Gesicht schmerzhaft verzerrt.
Doch die anderen konnten nicht stehen bleiben.
Hitze schlug ihnen entgegen, während meterhohe Flammen sich Haus Rosenhag 2 und einige kleinere Gebäude schon brüllend einverleibt hatten. Dennoch rannten sie mitten in die Siedlung, mitten hinein in die furchtbaren Schreie von Männern, Frauen und Jüngeren.
Aus einem kleinen Haus schoss plötzlich schreiend eine junge Frau im Nachthemd und lief Ras Algheti in die Arme, als eine hünenhafte, schwarzvermummte Gestalt mit schnellen Schritten aus der gleichen Tür trat und eine tiefblaue Kugel auf sie abschoss, die noch im Flug zerplatzte und gierige blaue Blitze freigab.
»Dike Party!«, brüllte Ras Algheti und sie blieben stehen, um den Schutzwall hochzufahren.
Gerade noch rechtzeitig verschluckte das grüne Netz vor ihnen die Salve.
Die kurze Überraschung des Angreifers wusste Bat Furan zu nutzen, indem er seitlich wegtauchte, sich auf den Boden warf und dabei einen Nice Pipe abschoss, der auf die Brust des Vermummten traf und ihn in die Knie zwang: Die Wut des jungen Wandlers hatte einen tiefvioletten Jet durch den hohlen Strahl geschickt und das Herz des Angreifers durchbohrt.
»Versteck sie im Wald und komm sofort wieder!«, befahl Bat Furan seinem Freund und hastete mit Tigris weiter durch die brennende Siedlung zu Haus 3, ihrem Heim. Zwei junge Mädchen, beide erst vor kurzem als Seher-Schülerinnen von den Windwibbs adoptiert, lagen blutüberströmt auf der Schwelle von Rosenhag 2.
»Oh Gott! Kommen wir zu spät?« Tigris ergriff den Arm des Wandlers, während ihre Beine nachgaben.
»Nein!«, sagte Bat Furan wütend und packte Tigris an beiden Armen. »Aufstehen, wir müssen nach Überlebenden suchen! Du kannst jetzt nicht ohnmächtig werden!«
»Da sind noch Zwei!« sagte plötzlich eine weibliche Stimme.
Geistesgegenwärtig hüllten sich Bat Furan und Tigris in Cages, während zwei Vermummte vor ihnen auftauchten.
»Wie interessant. Und wie lange wollt ihr das durchhalten?«, sagte die andere Gestalt mit männlicher Stimme. Beide kamen langsam näher, während sie in ihren Rechten tiefrote Kugeln entstehen ließen.
»Macht es euch doch nicht unnötig schwer. Satan wird euer Blut mit Freuden trinken.«
»Wer seid ihr und was wollt ihr von uns?«, spie Tigris ihnen entgegen.
»Wer sollte schon nach Allianz-Blut verlangen? Wer schickt sich an, die Weltherrschaft zu übernehmen und hat schon tausende von Dämonen über die Jahre in seinen Dienst gestellt?«
sagte die vermummte Frau und drehte sich um. Deutlich sichtbar war ein weißes Wort auf ihren Overall gedruckt.
»PAGAN!« Bat Furan biss vor glühendem Hass die Zähne aufeinander, nicht mehr fähig, weiter zu sprechen.
»Das ist eine Lüge, Bat Furan!«, wisperte Tigris.
Ein blauer Pfeilregen, abgeschossen von jemandem hinter ihnen, schnellte an ihnen vorbei und traf die Vermummte ins Gesicht, wo augenblicklich der Stoff ihrer Maske zu brennen anfing und sie vor Schmerz aufbrüllen ließ.
Ohne weiter zu überlegen, hob Bat Furan seinen Schutz auf und rannte blind vor Zorn auf den Mann zu. Doch dieser ließ sich auf alle viere fallen und schlug mit den Händen hart auf den Boden. Die Erde brach auf, ein Spalt eilte auf den Wandler zu, sich dabei stetig verbreiternd, doch dieser sprang zur Seite und schoss violette Strahlen auf den Xendi ab.
Ras Algheti tauchte plötzlich neben der schreiend umhertorkelnden Frau auf und schubste sie sie mit aller Kraft in den klaffenden Erdspalt. Dann zog er Tigris mit sich, noch tiefer in die Siedlung hinein, in Richtung der Spielwiese, die sich nahe am Waldrand befand. Auf ihn hielten sie zu, bevor die Wiese in Sicht kam.
»Etwas Schreckliches soll dort vorgehen, wir müssen etwas tun!«, stammelte er mit zitternder Stimme.
Sie gingen hinter Baumstämmen in Deckung, von wo aus sie die Wiese überblickten.
Gespenstisch tanzendes Licht der brennenden Häuser ließ sie die Rücken mehrerer Menschen in Pyjamas und Nachthemden sehen, Große und Kleine, schlotternd vor Angst, dicht aneinander gedrängt. Es mochten um die fünfzehn Windwibbs sein, zumeist Jugendliche.
Zwanzig Vermummte standen ihnen gegenüber, je einer noch zu beiden Enden der Reihe, während zwei weitere hochgewachsene Gestalten sich vor den Gefangenen aufgebaut hatten, von denen eine sie verhöhnte.
»Teufelsanbeter, das seid ihr! Ihr habt den Uralten Schwur vergessen und macht gemeinsame Sache mit den Abtrünnigen. Aber wenigstens wird euer Tod nützlich sein. Denkt nicht, wir machen das zum Spaß, oh nein. Oder doch? Was sagen meine Leute?«
Er wandte sich zu der Reihe der Vermummten um, von denen etliche gehässig lachten.
»Teufelsanbeter und Dämonen vom Angesicht der Erde hinweg zu tilgen ist Gottes Werk«, rief einer von ihnen inbrünstig.
»Richtig. Und wenn man diese Verwüstung und all die Leichen findet, darunter manchen Angreifer von PAGAN, dann wird ein Sturm der Entrüstung durch die Zweifler in der Allianz fahren. Sie werden sich an die Worte Umbriels erinnern, der sie vor den wahren Absichten der Abtrünnigen gewarnt hat. Und alle werden Rache fordern für diesen wirklich überaus feigen und brutalen Überfall!« Sämtliche vermummten Gestalten lachten höhnisch.
Tigris und Ras Algheti überlegten so fieberhaft, was sie gegen diese Überzahl ausrichten konnten, dass sie schockiert zusammenzuckten, als sich Hände auf ihre Schultern legten.
Antigua.
Mit versteinerter Miene verfolgte sie mit, was sich auf der Wiese weiter vor ihnen abspielte.
»Wir sind nicht hier, um Spaß zu haben, Kaitain«, sagte dort eine Stimme kalt. »Verlese ihnen endlich die Anklage und tötet sie, diese Sympathisanten der Höllenbrut.«
»Zu Befehl, mein General.«
Die Hände auf Tigris’ und Ras Alghetis Schultern glitten kraftlos herab.
»Kaitain?« Antigua flüsterte es kaum hörbar.
Tigris riskierte einen Blick hinter sich.
Antigua starrte mit großen Augen und offenem Mund auf den Boden.
»Kaitain. Wie konnte ich diesen Namen nur vergessen? Sein Gesicht. Es ist ... sein Gesicht in meinen Träumen«, stammelte sie.
Dann ging sie wie hypnotisiert an den beiden Wandlern vorbei, die nicht schnell genug reagieren konnten, um sie zurückzuhalten, ohne sich selber zu verraten, und trat geradewegs aus dem Schutz der Bäume auf die Wiese.
Langsam, gleich einer Schlafwandlerin ging sie auf die Reihen der Gefangenen zu.
Derjenige namens Kaitain stieß brutal zwei kleinere Gestalten zur Seite, um sich das offensichtlich verstörte Mädchen genauer anzusehen, das da auf sie zuwankte.
Die Hand, die er schon erhob, wurde mit einem Mal nach unten geschlagen.
»Lass sie. Ich habe schon die ganze Zeit nach ihr gesucht«, herrschte der General ihn an.
Und Tigris fiel in ihrem Versteck bei diesen Worten ein, wer der General sein musste: Thanatos, der ihnen in Barcelona vorgestellt worden war.
»Meine Güte, Antigua! Was tust du da? Wieso bist du nicht im Wald geblieben?«, schluchzte eine Stimme aus den Reihen der Gefangenen.
Tigris bekam beim Klang dieser Stimme plötzlich keine Luft mehr. Sie musste sich an Ras Alghetis Arm festkrallen, um nicht augenblicklich zu Boden zu stürzen.
Ihre Mutter stand in der Reihe der wehrlosen Gefangen, ganz außen, verdeckt durch einen Vermummten, der hinter ihr stand.
Eine Ohrfeige hallte durch die Nacht, und zwischen den breit aufgestellten Beinen des Wächters konnte Tigris eine schmale Gestalt zu Boden fallen sehen.
Gleich einer Stichflamme setzte unbändiger Hass ihr Herz in Brand.
Das brennende Gefühl strömte von dort wie eine siedend heiße Flüssigkeit durch ihre Adern, bis es ihr Gehirn erreichte und jeden Nervenstrang entzündete.
›Ich werde diese erbärmlichen Gestalten alle zerfleischen, zertrampeln, zerreißen und niederbrennen!‹, schoss es ihr durch den Kopf. ›NEIN! Oh nein... nie wieder!‹ Sie begann vor Schreck zu zittern. ›DOCH!‹, meldete sich ein hasserfüllter Gedanke wieder. ›Nein. Ich will es nicht mehr. Aber dann werden Die Meinen sterben! Ich kann nicht tatenlos zusehen! Und jetzt sei ruhig, lächerliche Kreatur!‹
Die Welt verfärbte sich blutrot, inmitten der roten Schattierungen von Bäumen und Büschen stachen die Menschen als schwarze Schatten hervor, von denen feine grüne Schlieren ausgingen. Die Reihe der Gefangen gab spiralförmig verwirbelte Muster ab, bis auf eine kleine Gestalt, deren Aura kräftiger und zackiger erschien.
Thanatos Aura glich sowohl jener der Seher als auch derjenigen, wellenförmigen von Antigua, die einige Schritte vor ihm und jenem namens Kaitain stand. Diesem entströmten kräftiggrüne Zacken, was Verstärktes Wandler-Xendium bedeutete, gleich einigen der Vermummten.
Innerhalb eines kurzen Augenblickes hatte Tigris dies registriert.
Jegliche Angst war davongeflogen und einer kühlen, nüchternen Stimmung gewichen.
»Ihr beiden da! Bringt sie hoch zur Burg«, befahl Thanatos mit lauter Stimme zwei Vermummten.
Plötzlich machte Antigua einen Satz auf Kaitain zu und sprang ihn an. Überrascht taumelte er mit Antigua in scheinbar inniger Umarmung rückwärts, während es unter ihren Händen aufblitzte. Noch bevor ein Vermummter sie von Kaitain fortreißen konnte, hatte sie ihm schon mit den elektrischen Schlägen das halbe maskierte Gesicht verbrannt, wobei sie triumphierend aufheulte.
Diese kurzen chaotischen Sekunden reichten Tigris.
Blitzschnell brach auch sie aus ihrer Deckung hervor und schleuderte einen tiefblauen Slave von sich, der sich um den Hals von Antiguas Bewacher wickelte und ihm das Genick brach.
Wieder befreit, stürzte sich Antigua sofort wieder auf Kaitain, der fluchend und stöhnend den Rückzug zu seine Leuten angetreten hatten.
Diese kamen zusammen mit Thanatos herangeschossen, wobei sie blaue und tiefviolette Strahlen und Kugeln auf Tigris feuerten, während Danubia entsetzt nach ihrer Tochter rief und nur mit Mühe von drei Windwibbs daran gehindert werden konnte, zu Tigris zu rennen.
Doch die Schüsse zerschellten an dem Rotglühenden Netz, das Tigris umtanzte, ohne sie zu berühren.
»Verfluchte Brut stinkender Aasgeier!«, brüllte sie, während sie geradewegs in die heranstürmenden Angreifer rannte. »Ihr wollt Spaß? Ich zeige euch, was Spaß ist!«
Tigris hob ihre Deckung auf und wirbelte rasend schnell um die eigene Achse. Dabei schossen rote Blitze aus ihr und fällten diejenigen der vermummten Angreifer, die direkt um sie standen. Dennoch warfen sich die nächsten Reihen auf sie, wobei sie Gott anriefen und Umbriels Namen schrieen.
Die Gefangenen nutzten die Aufruhr und hasteten in Richtung der Wälder.
In diesem Moment kamen Ras Algheti als auch Bat Furan ins Spiel und griffen vor Hass und Verzweiflung brüllend drei Vermummte an.  Diese hatten den Fliehenden nachgesetzt und beschossen sie dabei: Ein Körper nach dem anderen fiel leblos zu Boden, manche brachen nur wenige Meter vor dem rettenden, dunklen Wald zusammen.
Bat Furan sprang einem Angreifer auf den Rücken und schnitt ihm die Kehle mit einem Dolch durch, den er aus einem Ast gewandelt hatte.
Die Verfolger machten kehrt und griffen zu zweit Ras Algheti mit blauen Strahlen an, gegen die jener seinen Cage hochfahren ließ -  zu spät jedoch.
Bat Furan stürmte brüllend heran, doch er konnte nicht verhindern, dass die hochenergetischen Strahlen Ras Alghetis Arm trafen und zischend seinen Pullover und die Haut darunter verbrannten. Stöhnend sank der junge Farbige auf die Knie.
Die beiden Vermummten wandten sich Bat Furan zu, der zum Schutz vor ihren Angriffen seine Linke mit einem Frill einhüllte und mit der rechte Hand schoss.
Doch die beiden hatten das Verstärkte Xendium, was ihre Strahlen ungleich kraftvoller und zerstörerischer machte.
Sie nahmen den jungen Wandler unter Dauerbeschuss mit ihren Strahlen, weswegen ihm nichts anderes übrig blieb, als sich letztendlich doch wieder in einen Cage zu hüllen, der es ihm nicht erlaubte, Schüsse abzugeben.
Plötzlich huschte jemand blitzschnell von hinten an seine beiden Angreifer heran. Rotglühende Schlingen legten sich um ihre Hälse, brannten sich in ihr Fleisch, immer tiefer - dann fielen ihre Köpfe ab.
Bat Furan hob seinen Schutz auf und starrte Tigris entgeistert an.
»Danke. Aber... Was- was ist mit dir los? Du hast so rote Augen.«
Unter zusammengezogenen Brauen schauten jene unheimlichen Augen zurück zu ihm. »Und was ist dagegen einzuwenden, Staubgeweihter?«
»N-Nichts.« Er sah sich um - außer sie beide und Ras Algheti, der leise stöhnend auf dem Boden kauerte, war die Wiese übersät mit Leichen. Überraschend viele Schwarzvermummte waren darunter, zum Teil grausig zugerichtet, als ob ein Wahnsinniger unter ihnen gewütet hatte, ihnen Köpfe, Arme oder Beine ausgerissen und durch die Gegend geworfen hatte.
»Dann kümmere dich um die Unseren, Staubgeweihter. Ich fürchte, unsere werten Gäste wollen uns bereits vor dem Finale verlassen. Was für ein ungebührliches Verhalten.« Und kaum hatte sie zu Ende gesprochen, schoss Tigris mit einer unglaublichen Geschwindigkeit davon. Im Rennen sprang sie sogar mehrere Meter weit.
Bat Furan wandte sich verwirrt von dem unmenschlich wirkenden Anblick ab und kümmerte sich um Ras Algheti.
»Ich glaube, es ist vorbei, mein Freund«, sagte er tonlos und nahm den Verletzten in den Arm.

.
Wie sie rannten und flüchteten!
Und wie köstlich ihre Angst und ihr Entsetzen sich anfühlte.
Unbarmherzig näherte sie sich den sechs Vermummten, die schreiend die Treppe empor zur Burg hinaufsprangen.
Die ersten beiden, die fast oben waren, wurden von roten Kugeln getroffen, die ihre Köpfe wie reife Tomaten platzen ließ und Blut und glitschige Fetzen Gehirnmasse auf diejenigen hinter ihnen regnen ließ.
»Der Satan ist hier! Sie haben einen Satan beschworen und auf uns losgelassen!«, schrieen diejenigen gellend, die es endlich schafften, über den Burghof zu rennen.
Doch zwei von ihnen erreichten die rettende Tür nicht mehr - mit einer gewaltigen Kraft packte jemand sie bei den Haaren und rammte ihre Köpfe mehrmals gegen die Burgmauern zu beiden Seiten des Tores, dass das Blut und Knochensplitter nur so umhergeschleudert wurden.
Dann flog das Tor krachend aus den Angeln und eine Gestalt raste wie der Blitz hinein.
Geschüttelt von Wahnsinn blieben die restlichen zwei Angreifer Windwibbenburgs stehen. Noch zehn weitere ihrer Truppe waren zur Wache in der Burg geblieben, nachdem man auf einen Schlag über zwanzig der Teufelsanbeter bei einer nächtlichen Sitzung angetroffen und schnell vernichtet hatte.
Die beiden schlichen sich vorsichtig in den Eingangsbereich. Vielleicht würde sich der Satan zunächst mit ihren Kollegen abgeben, was ihnen hoffentlich die Möglichkeit verschaffte, schnell durch die Tore zu verschwinden.
Tatsächlich fanden sie den Korridor mit den Passagen bis auf die Leichen der beiden Wächter scheinbar leer vor, und wahnsinnsgetränkte Schreie hallten aus den oberen Stockwerken zu ihnen herunter.
»Der Satan ist mit den anderen beschäftigt. Los!«
Sie rannten so schnell wie noch nie zuvor in ihrem Leben den Korridor entlang, den Blick fixiert auf die offen stehenden Türen.
Ein Schatten huschte blitzschnell an ihnen vorbei, dennoch liefen sie weiter, denn das erste Tor war schon zum Greifen nahe.
Doch kaum hatten sie die rettende Finsternis erreicht, da riss eine machtvolle Druckwelle sie von den Füßen und schleuderte sie gegen die andere Wand des Korridors. Einer der beiden war sofort tot, der andere blieb mit gebrochenen Gliedern in seiner Blutlache liegen.
Verschwommen sah er ein Paar verdreckte, schlammige Wildleder-Boots vor sich stehen.
»Nichtswürdiger, elender Wurm«, knurrte eine hasserfüllte Mädchenstimme. Dann schnellte sie hoch in die Luft und zermalmte den Rücken des Sterbenden, als grausiges Stakkato sprang das Echo seiner brechenden und knackenden Knochen im Korridor umher.
›WER BIST DU, ZUR HÖLLE?‹, fauchte mit einem Mal eine Stimme durch ihren Geist.
Sie erstarrte augenblicklich: Er war es! Sie erkannte seine Stimme sofort! Ihr Herz überschlug sich vor Freude und Sehnsucht.
»Barujadiel?«, stammelte sie erstaunt.
›Das ist nicht mein Name!‹ grollte es wütend durch sie hindurch und schien dabei all ihre Nerven gleichzeitig schmerzhaft in Brand zu setzen. ›Sag nie wieder diesen Namen!‹
»Tigris?«
Die blutunterlaufenen Augen wandten sich zum Festsaal um.
Ein Cherub, aus dem Volk der Basleyth, stand dort in der Tür.
»Tigris?«, wiederholte sie erstaunt. Tigris... Das Wort bedeutete etwas. Tigris.
»Schatzerl, ich hoffe, das ist nur eine starke Bindehautentzündung. Obwohl du mir wirklich Angst machst. Deine Schwingungen sind nicht besonders positiv.«
Perplex starrten die roten Augen zu dem Cherub hinüber.
Irgendetwas stimmte nicht.
›...finde dich. Ich muss dich finden‹, klang es leise in ihrem Kopf. Das Echo dieses Satzes erstarb mit jedem weiteren Widerhall.
Der rote Nebel vor ihren Augen stob auseinander und nahm die Wut und den ätzenden Hass mit sich.
Was war eigentlich los in diesem Korridor?
Ihr Blick fiel auf die vermummten Leichen und die riesige Blutlache, die schon ihre Schuhe erreicht hatte.
»Engelbert. Was ist hier passiert?«, hauchte Tigris tonlos und trat fassungslos einige Schritte vor den Leichen zurück. Die Angreifer! Sie erinnerte sich schlagartig an die brennende Siedlung, an die Gefangenen auf der Wiese, an ihre Mutter!
Dann sah sie an sich selber herunter: Sie war förmlich durchtränkt von Blut, konnte seinen Geruch derart deutlich wahrnehmen, dass ihr Magen sich davon verknotete und sie würgen ließ. Es gab kein Halten mehr: Sie erbrach sich und weinte zugleich.
»Man hat uns angegriffen. Es soll aussehen, als ob PAGAN uns überfallen hätte«, erklärte Engelbert leise und ließ geräuschlos die beiden Türflügel des Festsaales zugehen.
Tigris, zitternd gegen die Mauer zwischen zwei Toren gelehnt, wandte den Kopf zu ihm.
»W-wer ist da drin?« Sie stieß sich von der Wand ab und wollte zu Engelbert taumeln, doch dieser schüttelte energisch den Kopf.
»Du solltest nicht dort hinein gehen. Tu dir selber den Gefallen und erspar dir den Anblick.«
»Ich muss zur Wiese! Sie wollen sie töten!«
»Auf der Wiese ist niemand ... Lebendes. Ich war die ganze Zeit in der Siedlung. Jemand hat ziemlich viele dieser Meuchelmörder förmlich durch den Fleischwolf gedreht. Wer von eurer Sippe das Massaker überlebt hat, ist in die Wälder geflohen.«
»Oh Gott.« Tigris fing zu zittern an und wandte sich um, um aus dem Korridor zu laufen, doch ihre Beine sackten ein. Sie kroch noch einige Meter auf allen vieren, dann brach sie zusammen und überließ sich für einen langen Moment ihrem Schmerz und ihrer Trauer.
»Ilvyn! Wie konnte ich das vergessen«, rief der Cherub auf einmal.
Unvermittelt hielt sie bei diesen Worten ein und kam langsam wieder auf die Beine.
»Wo ist sie?«
»Ich habe sie vor diesen Bestien versteckt! Hoffentlich hat keiner von ihnen die Truhe vor der Bibliothek aufgemacht!«
Ohne weiter zu überlegen, lief Tigris die Treppen hinauf.
Auf dem Weg zur Bibliothek kamen sie an Lux Livas Büro vorbei, wo die Tür halb offen stand und einen Lichtspalt in den düsteren Gang ließ.
Engelbert materialisierte sich im Bruchteil einer Sekunde in das Zimmer und wieder hinaus.
»Dort solltest du auch nicht hinein gehen«, bemerkte er traurig.
»Ich muss dort hineingehen. Ich will mir alles merken, damit ich es nie wieder vergesse.« Tigris riss die Tür auf.
Quer über dem Schreibtisch lagen zwei tote Vermummte. Im ersten Moment war Tigris erleichtert und voller Genugtuung über den Anblick. Dann jedoch sah sie eine Hand auf dem Boden hinter dem Schreibtisch.
Lux Livas lag dort in seinem Blut, die Augen weit aufgerissen. Tigris wandte den Blick ab, als sie Livas’ verbrannten Oberkörper wahrnahm.
Sie kniete sich neben ihn und strich ihm langsam durch das ergraute Haar.
»Wieso nur? Wieso wir?«
»Vielleicht deswegen...« Engelbert ließ ein Blatt Papier in die Höhe levitieren, das in Lux Livas Drucker neben seinem alten Computer stand. Es war der Ausdruck einer E-Mail an ihn.

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Anscheinend missglückter Putsch-Versuch innerhalb der Europäischen Domén Arx!
Es ist noch nichts Genaueres bekannt, aber kurz nach Equinox Veris fand ein Attentat auf Lux Mimas durch Mitglieder seiner Sippe statt, das er anscheinend leicht verletzt überlebte. Wie ein gerade bei uns eingetroffener Flüchtling von dort berichtete,  wurden über fünfzig Mitglieder von De Navarris inhaftiert. Es droht ihnen ein Standprozess und wahrscheinlich Folter.
Der Rat von De Navarris droht ein hartes Vorgehen gegen alle Sympathisanten der Putschisten und gegen alle an, die sich in irgendeiner Weise gegen die ›Heiligen Gesetze der Weißen Bibel und gegen die Domén Arxes‹ verschworen haben.
Außerdem gibt Umbriel bekannt, dass das Ende der Welt bevorsteht und die Hohen Erzengel und ihre Heerscharen bald auf der Welt erscheinen werden, um das Große Strafgericht Gottes einzuleiten. Deswegen kündigten sowohl die Europäische als auch die Nordamerikanische Domén Arx an, die Tore zum ›Jenseits‹ absofort freizugeben, um den ›Himmlischen Heerscharen‹ ungehinderten Einlass zu gewähren.
Die Node von Orientalis will morgen darüber abstimmen, ob sie mit den beiden Doméns gleichzieht. Balkan-Osmania hat Bedenken und will sich mit anderen Sippen beraten, wohingegen Azteca eine solche Öffnung von vorneherein ausschloss.

Mira Szelwyczinski, VP & CC Australia
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»Verdammt! Was soll das? Was hatten wir damit zu tun?«, schrie Tigris, zerknüllte das Papier und warf es zornig in die Ecke.
»Zumindest stellt sich die Frage, woher dieses RAM stammt«, sagte Engelbert und ließ die leicht herausgezogene Schublade noch weiter aufgehen.
Tigris nahm vorsichtig die silberne Scheibe heraus. »Vielleicht haben die beiden DiSMaster sie hier vergessen, als sie hier die Passage in die Mongolei aktiviert haben.«
»Schon alleine, dass man euch zu diesem Seminar geschickt hat, beweist doch, dass Lux Livas in zu engerem Kontakt zu PAGAN stand als vielleicht gut für Windwibbenburg war.«
»De Navarris hatte nicht das Recht, uns dafür zu töten! Wer gibt ihnen überhaupt ein Recht, über andere zu bestimmen? Gott?« Tigris schloss müde die Augen. »Natürlich. Gott, die beste Ausrede von allen. Nie zu sehen, nie zu hören, aber wenn man seine Heiligen Schriften nur gut genug umgräbt, findet sich für alles eine Begründung.« Sie wandte sich abrupt um und ging in den Korridor zurück. »Lass uns Ilvyn holen und hinunter in die Siedlung gehen. Oder was davon übrig ist.«
Ilvyn hingegen lag zusammengekringelt in der Kiste und schlief selig.
»Wie sollen wir ihr erklären, was passiert ist?«, fragte Tigris tränenblind.
»Ich weiß es nicht, Schatzerl. Ich weiß gar nichts mehr«, erklärte Engelbert mit brüchiger Stimme. »Soll ich einen Whisper auf sie anwenden? Dann bekommt sie die nächsten Stunden nicht mit.«
»Ja, tu das. Wenigstens einer von uns soll das Glück haben, diese Nacht verschlafen zu haben.«

.
Inzwischen brannten alle Häuser lichterloh, bis auf Rosenhag 3, bei dem das Feuer noch nur im Dachstuhl wütete.
Tigris, die die schlaftrunkene, intonierte Ilvyn im Arm hielt, blieb vor der halboffenen Tür stehen und starrte diese an.
Wollte sie wirklich dort hinein gehen und womöglich Dinge sehen, die sie nie wieder vergessen würde?
Schluchzen und leises Stimmen, die aus dem Inneren des Hauses zu ihr nach draußen drangen, nahmen ihr die Entscheidung ab.
Als sie vorsichtig den Kopf in die Eingangshalle steckte, schnellte sie augenblicklich wieder zurück.
»Oh mein Gott ...« Sie hatte die Augen fest zusammengekniffen und versuchte gar nicht erst, ihre Tränen über den Anblick Sekunden zuvor zurückzuhalten. Zu grausam, zu unaussprechlich war das Verbrechen, das dort wie in den anderen Häusern stattgefunden hatte.
Dennoch ließ sie Ilvyn bei Engelbert draußen und ging mit butterweichen Beinen ins Innere, das vom Feuerschein, der schon den ersten Stock erreicht hatte, gespenstisch erleuchtet wurde.
Gleich in der Nähe des Eingangs lagen Lux Joel und zwei blutjunge Seherschüler in einer riesigen Blutlache. Auf der Treppe sah sie vier weitere junge Windwibbs, zum Teil halb verbrannt, zusammen mit fünf toten Vermummten.
Vor den Stufen aber kauerte Bat Furan, an Ras Algheti gelehnt und weinte kaum hörbar, nur zu erkennen an seinem bebenden Körper. In seinen Armen hielt er eine kleine, schmächtige Gestalt mit rotbraunen Haaren.
Alles verschwamm vor Tränen, als sich Tigris vorsichtig dem zusammengebrochenen Wandler näherte.
»Bat Furan ...?«, stammelte sie, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte.
Ohne sich umzuwenden, murmelte der Wandler mit rauer, brüchiger Stimme. »Es ist meine Schuld. Er wollte mit uns gehen, aber ich habe ihn nicht mitgenommen. Er könnte noch leben.«
»Wir konnten nicht ahnen, was passieren würde«, erklärte Ras Algheti ihm geduldig. Um seinen linken Arm trug er einen Verband, den er aus seinem Pulloverärmel gemacht hatte und der sich schon voller Blut gesogen hatte.
»Nein, es ist meine Schuld«, beharrte Bat Furan mit steinerner Miene.
Wortlos sah Tigris hinab auf den toten Jungen in seinem Arm und fühlte ihr Herz sich verkrampfen.
Arktur lag mit den Augen starr zur Decke in den Armen des Wandlers, der seine Jacke über seinen Oberkörper gezogen hatte.
»Es war nicht deine Schuld. Keiner von uns konnte wissen, dass wir auf der Abschussliste der Allianz standen.«
Bat Furans gerötete helle Augen sahen sie verwirrt an. »Aber wieso? Wir haben nichts getan? Wieso?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Tigris leise. »Ich weiß nur eins: Wir müssen hier weg. Jeder, der noch lebt, muss hier weg. Wir sollten jetzt die Überlebenden suchen und dann fort von hier und nie wieder zurückkehren.«
»Was ist mit all unseren Freunden? Wir können sie nicht einfach so liegen lassen«, krächzte Bat Furan heiser und schluchzte laut auf.
»Das überlegen wir, wenn wir alle gefunden haben, die noch leben. Komm jetzt.«
Bat Furan schloss gequält die Augen und rührte sich zunächst nicht von der Stelle. Dann jedoch legte er Arktur behutsam auf den Boden zurück, zog die Jacke über sein Gesicht und erhob sich mit ausdrucksloser Miene.
»Hier gibt es wohl keine Überlebenden«, stellte Tigris mutlos fest. Wie es in ihrem Herzen zog! Der Schmerz nahm ihr beinahe dem Atem und verlockte dazu, sich auf den Boden zu werfen und nie wieder aufzustehen. Doch das ging nicht, nicht jetzt. Jetzt musste sie stark sein. Jeder, der diese Nacht überlebt hatte, musste alles daran setzen, sich zusammen zu nehmen und weiterzuleben, und sei es nur, um sich für diese ungeheuerliche, unmenschliche Tat zu rächen.
Und sie würden sich rächen. Für jeden einzelnen ihrer Sippe, der brutal und sinnlos ermordet worden war.
»Dafür werden diejenigen bezahlen, die es befohlen und ausgeführt haben«, erklärte sie knapp und zog Bat Furan mit sich aus dem Haus, der sich nicht von dem Anblick der toten Freunde und Sippenmitglieder losreißen wollte. Sie stellte sich vor ihn und sah ihn und Ras Algheti eindringlich an. »Schwört es, beide: Wir rächen uns an der Allianz! Und deswegen werden wir erst recht weiterleben und alles daran setzen, die Schuldigen zu bestrafen. Schwört es endlich!« Sie schüttelte Bat Furan unsanft und mit wutverzerrtem Gesicht.
Bat Furan schloss die Augen, während Tränen seine Wangen hinunter glitten. Dann atmete er tief durch und erklärte tonlos: »Ich schwöre.«
»Ich schwöre es auch, verdammt. Und wie ich es schwöre!«, zischte Ras Algheti hasserfüllt.
Zusammen mit Ilvyn und Engelbert gingen sie durch die Siedlung und begannen nach Überlebenden zu rufen.
»Antigua muss doch noch irgendwo hier sein. Ich habe sie zuletzt hier gesehen.« Bat Furan spähte in die Dunkelheit der Wälder.
Sie erreichten die Spielwiese, auf der eine halbe Stunde zuvor noch etliche Windwibbs lebend gestanden hatten, darunter Tigris’ Mutter.
Nun jedoch war es schwer, zwischen verstümmelten Vermummten und ermordeten Sippenmitgliedern zu unterscheiden, denn es waren zu viele tote Leiber, die auf dem kalten, klammen Gras lagen. Dennoch ging Tigris mit wild klopfendem Herzen zwischen den Leichen umher, in der schmerzhaften Erwartung, eine zierliche Gestalt mit schwarzen Haaren zu finden. Die Erleichterung, die sie bei jedem toten Windwibb verspürte, der nicht ihre Mutter war, beschämte sie zutiefst und kehrte doch jedes Mal wieder.
»Die meisten sind Seher-Schüler«, hörte sie Bat Furan tonlos hinter sich murmeln.
»Wenigstens hast du es diesen Allianz-Hunden gezeigt und sie reihenweise umgenietet.« Grimmig sah Bat Furan sie an, doch sie runzelte die Stirn. Sie sollte unter den Angreifern gewütet haben? Angestrengt dachte sie nach und lauschte in sich hinein.
›Sie haben es verdient‹, ertönte ein schwacher Gedanke und beschwor voller Genugtuung Szenen herauf, in denen die Vermummten auf sie zustürmten und von ihr einer nach dem anderen geköpft, verbrannt oder niedergetrampelt wurden.
Entsetzt riss sie die Augen auf.
Ja, sie war es gewesen, wie schon einmal, beseelt von einer unheimlichen Kraft, ohne Furcht, schrecklich und faszinierend zugleich.
»Oh, Gott sei Dank! Tigris!«
Tigris riss den Kopf in Richtung der Wälder herum. Eine kleine Gestalt im Nachthemd kam aus der Finsternis auf sie zugeschossen und lag gleich darauf in ihren Armen.
»Mama!«, schrie sie voller Erleichterung und Schmerz auf und drückte sich fest gegen ihre Mutter.
Nun kamen auch weitere Überlebende weinend und mit schmerzverzerrten Gesichtern zu ihnen gelaufen und fielen ihnen zitternd in die Arme.
Viele waren es nicht: Neben Danubia hatten es nur noch vier junge Seher-Schülerinnen geschafft.
»Meine Güte! Ilvyn steht unter Schock«, sagte Danubia und strich dem ausdruckslos zu Boden starrenden Mädchen über die Wange.
»Nein, Engelbert hat sie hypnotisiert, damit sie das alles hier nicht mit ansehen muss.« Tigris wischte sich über die Augen.
»Aber es müssen doch noch mehr am Leben sein -« Danubia schlug sich plötzlich die Hände vor den Mund. »Die Ältesten! Wir müssen in die Burg und -«
»Sie sind alle tot«, erklärte Engelbert düster. »Sie waren die ersten, die getötet worden sind. Ilvyn hat nur überlebt, weil sie oben in der Bibliothek war und ich sie noch rechtzeitig verstecken konnte.«
»Alle?« Danubia starrte ihn entsetzt und ungläubig zugleich an. »Livas? Montana?«
»Tot. Ich habe versucht, bei ihnen in der Burg die Stellung zu halten, aber es waren zu viele. Es waren sehr gut trainierte Xendii. Ungewöhnlich für die Allianz.«
»Vielleicht war es doch PAGAN«, murmelte Bat Furan tonlos.
»Nein. Es war die Allianz«, beharrte Danubia. »Wir sind nicht die ersten, die überfallen wurden. Und wir werden nicht die letzten sein. Wir suchen noch weiter nach Überlebenden. Vielleicht finden wir noch Schwerverletzte in den Wäldern weiter vorn.« Entschlossen fuhr sich Danubia über ihr verschmutztes Gesicht. »Und dann gehen wir nach Shangri-La. Ich habe etwas von dort mitgebracht, das -«
»Ich nehme an, du meinst dies hier?« Tigris zog das silberne RAM aus der Tasche ihrer Jeansjacke.
Danubia nickte wortlos.
Dann begann sie als erste, nach weiteren Überlebenden zu rufen und auf Spuren aus Aethron Ausschau zu halten, die auch das Blut von Xendii abgab.

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Doch in der Siedlung schien niemand mehr überlebt zu haben, wie sie nach mehr als zwei Stunden ernüchtert und traurig feststellen mussten, in denen sie die Wälder ringsum durchkämmt hatten und schließlich entkräftet und deprimiert hoch zur Burg trotteten.
»Antigua muss noch irgendwo hier sein!«, sagte Bat Furan mit zusammengebissenen Zähnen.
»Wir durchsuchen auch noch die Burg. Vielleicht konnten sich einige hierher flüchten«, entgegnete Danubia müde.
Und tatsächlich wurden sie gleich in der Kapelle fündig.
Als sie vorsichtig das Tor aufschwangen und in die Dunkelheit hineinriefen, antwortete ihnen ein leises Wimmern.
»Es ist Antigua«, flüsterte Tigris erleichtert, als sie vor dem Altar die wellenförmige Aura schwach leuchten sah. »Ich hole sie.«
Langsam ging Tigris zu der Ruferin, die sich vor Lux Livas Pult gekniet, den Kopf darauf gelegt hatte und leise weinte.
»Es ist vorbei, Antigua. Wir müssen fort von hier.« Tigris streichelte sanft die glatten Haare der Ruferin.
»Vorbei?«, erwiderte sie mit zitternder Stimme. »Vorbei... Nein, es ist gar nichts vorbei. Es fängt erst an. Ich erinnere mich wieder. An alles. Sie haben etwas mit meinem Geist gemacht, damit ich mich nicht mehr erinnere. Aber ich weiß es wieder. Alles. Deswegen wurde ich nicht in ihre Elite-Truppe gesteckt: Damit ich ihn nicht sehe und mich erinnere. An das erinnere, was er mit meiner Sippe getan hat. Was er mir angetan hat.«
»Wer?«, hauchte Tigris fassungslos.
»Kaitain. Aber ich habe ihn getötet. Ich habe ihn bezahlen lassen für alles. Sie lügen immerfort, Tigris. Und sie haben mich gezwungen, ihren Lügen zu glauben.« Antigua brach ab und schluchzte laut auf, sodass Tigris sie in ihre Arme nahm.
»Es werden noch mehr Leute bezahlen, Antigua. Aber das geht nur, wenn wir von hier fort gehen.«
»M-meine Mutter! Ich muss sie finden. Hilfst du mir, Tigris? Bitte! Ich muss ihr doch sagen, dass ich mich geirrt habe. Die ganzen Jahre!«
»Wir finden sie. Und du kannst alles in Ordnung bringen, Antigua. Ich verspreche es.«
Widerstandslos ließ sich die Ruferin von Tigris aus der Kapelle bringen, hörte jedoch nicht auf, zu weinen.
Sie gingen gemeinsam in den Korridor der Tore, krampfhaft bemüht, nicht zu der geschlossenen Tür des Festsaales zu sehen und die vier Leichen, die noch dort lagen, zu ignorieren.
Tigris holte das RAM heraus und hielt es ihrer Mutter hin.
Doch diese schüttelte nur sanft den Kopf. »Nur Wandler können es aktivieren. Leg es an die Wand, etwa so hoch, dass wir alle hindurchpassen.«
Tigris tat wie geheißen. Erstaunt sahen sie, dass das RAM von alleine an der Wand haften blieb, während die Buchstaben an seinen Rändern grün zu erstrahlen begannen.
»Das Passwort ist ›Eloyah‹ und du musst...« Danubia blieb vor Überraschung die Luft weg.
Mit einem roten, feinen Strahl hatte Tigris jeden Buchstaben des Wortes schneller verbunden, als sie registrieren konnten und noch bevor Danubia zu Ende gesprochen hatte.
Unter der Scheibe des RAM wuchs ein dunkler Schatten hervor, der sich zunächst gleichmäßig zu allen Seiten ausdehnte, sich dann jedoch nur noch in Richtung Fußboden weiter verlängerte und dabei immer schwärzer wurde. Das RAM seinerseits verblasste zusehends in dem Maße, in dem die Finsternis um es herum dichter wurde, bis es schließlich vollkommen mit der Dunkelheit verschmolz.
Ohne zu zögern, schob Danubia sie nacheinander in das Tor.
Bevor sie selber hindurch ging, schaute sie noch einmal den Korridor entlang und verweilte an der geschlossenen Tür des Festsaales.
Nur weil sie sich dagegen entschieden hatte, an der Sitzung dieses Abends teilzunehmen, lebte sie noch. Wie bloße Zufälle über Leben oder Tod entscheiden konnten, das hatten die wenigen unter ihnen, die diese grauenhafte Nacht überlebt hatten, bitter am eigenen Leib erfahren müssen.
 

© I.S. Alaxa
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Und schon geht's weiter zum 13. Kapitel (bzw. zum 6. Kapitel des 2. Teils)...

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