. 
Xendium - Manifestation von I.S. Alaxa
Teil 2 - Die letzten Tage von Windwibbenburg
Kapitel VI

Wie in Shangri-News angekündigt, gab es punkt vier Uhr nachmittags für eine halbe Stunde strömenden Regen in Shangri-La, der aus tiefvioletten Wolken niederprasselte, und einen böigen Wind, dessen Rauschen an die Melodie von ›Nights in White Satin‹ erinnerte.
›Es war richtig. Schließlich haben sie uns zuerst angegriffen.
Aber nicht auf diese Art! Ich habe wie ein tollwütiges Tier jeden von ihnen wie Puppen zerrissen und ausgeweidet!
Sie haben es verdient. Es war die Rache für ihren feigen Angriff.
Nein. Das war keine Rache. Das war Blutdurst. Ich war berauscht von ihrer Panik, betrunken von meiner eigenen Macht. Wie konnte ich das nur fertig bringen? Ich habe Angst vor mir selber!‹
Tigris sank ins nasse Gras und überließ sich ihren Tränen und ihrem Entsetzen darüber, was in jener Blutnacht geschehen war. Von Tag zu Tag kamen die Erinnerung daran immer deutlicher zurück und massakrierten ihren Geist mit den entsetzlichen Bildern. Der Ekel und die Furcht vor sich selber verdrängten selbst die Trauer um jene, die in Windwibbenburg ermordet worden waren, doch stets versuchte ein anderer Teil von ihr sich dafür zu rechtfertigen.
Sie war, wie seit den fünf Tagen ihrer Ankunft in Shangri-La, wieder einmal alleine und planlos durch den Park und die Waldhaine unterwegs und hatte sich schließlich trotz des Regenschauers in das kleine Stück Wildgarten geflüchtet. Sie vermied es, lange mit den anderen zusammen zu sein. Ihnen hatte Mira helfen können - doch niemand war anscheinend in der Lage, Tigris’ grauenvolle Erinnerungen ›abzudunkeln‹. Danubia hatte sich zunächst vehement gegen jede Art von Geistesmanipulation durch Aethron bei den Jugendlichen gesperrt, dann aber doch zumindest zugestimmt, die aufkommenden Schuldgefühle und Trauer bei bestimmten Erinnerungsbildern dauerhaft abdämpfen zu lassen. Besonders Bat Furan, der seit Arkturs Tod nachts kein Auge mehr zubekommen hatte und von Wein- und Schreikrämpfen geplagt worden war, ging es nach Miras Behandlung schlagartig besser. Seitdem stürzten er und Ras Algheti sich verbissen in ihr Training bei den DiSMasters, genau wie Antigua, derer sich Rosanjin annahm. Ilvyn wollte aus den Bibliotheken am liebsten gar nicht mehr herauskommen und verkroch sich hinter Buchdeckeln.
Nur sie, Tigris, sprach überhaupt nicht auf die besondere Art von Whisper an, der ihren Freunden geholfen hatte. Sie war wohl dazu verdammt, langsam, aber sicher verrückt zu werden. Denn darauf lief es anscheinend hinaus: Schizophrenie. Wie sonst konnte man all die merkwürdigen Bilder in ihrem Geist, Echos von zusammenhanglosen, rätselhaften Sätzen und vor allem seine Stimme erklären, die stets unerwartet mit ihr zu reden anfing? Seit der Blutnacht hatte ›Seelenfresser‹ nicht mehr viel mit ihr gesprochen. Aber dann und wann tauchten kurz unbekannte Gesichter, Räume und Landschaften vor ihrem geistigen Auge auf. Einmal glaubte sie das Palais Almacielo mit seinem schneeweißen Festsaal zu sehen, dann wiederum lag eine hell erleuchtete Metropole nachts zu ihren Füßen, als ob er wieder einmal auf dem Dach eines Wolkenkratzers stünde und in die Tiefe blickte. Es gab aber auch Momente, in denen ganze Landstriche unter ihr dahinrasten, als schösse er schneller als ein Überschallflugzeug durch den Himmel. Suchte er sie bereits?
Vor drei Tagen hatte er es sogar wieder einmal geschafft, sie in Panik zu versetzen.
Es war während einer Hypnose-Sitzung bei Mira passiert. Tigris war gerade dabei gewesen, sich zu entspannen, während ein angenehmes, warmes Schweregefühl sich in ihrem Körper breit machte. Und dies hatte er auszunutzen gewusst, indem seine Stimme plötzlich in ihren offenen Geist gedrungen war und überaus freundlich und sanft gefragt hatte: ›Wo bist du, kleines Erdengeschöpf? Wohin hat man dich gebracht?‹. Es war wieder jener rätselhafte Teil ihres Selbst gewesen, der sich über seinen ›Besuch‹ gefreut und ganz unschuldig ihren Aufenthaltsort verplappert hatte.
›Shangri-La, soso. Nun steht unserem Treffen fast nichts mehr im Wege. Ich komme bald zu dir, kleines Erdengeschöpf. Und dann wirst du mir einige Dinge erklären müssen.‹
Daraufhin war sie schreiend aus der Liege hochgefahren und weigerte sich seitdem, noch einmal hypnotisiert zu werden.
›Ich komme bald zu dir...‹
Dieser Satz ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Was, wenn es sich bei ›Seelenfresser‹ nicht um eine Halluzination handelte, die das Amulett ihr eingab? Und vieles sprach dafür, dass er ein höchst lebendiges, reales Geschöpf war, das angeblich aus dem Gefängnis ausgebrochen war und noch viel geisteskranker zu sein schien, als sie es jemals werden konnte. 
Tigris, gegen eine Birke gelehnt, wischte sich mit dem Ärmel ihrer Jeansjacke über die Augen und legte dann die Hand auf ihre Brust. Unter dem Sweatshirt konnte sie es fühlen, das Verhängnis, dieses Krebsgeschwür an einer Silberkette, das auf ihrer Haut, ihrem Geist und ihrer Seele lastete wie tonnenschweres Gestein.
Vielleicht baute das Amulett diese merkwürdige Verbindung zu ihm auf. Vielleicht suchte er es? Doch falls dem so war, vermutete er es anscheinend noch nicht bei ihr, denn er hatte es bisher niemals erwähnt.
Und bis zu dieser grauenhaften Nacht hatte sie es zuweilen schon selber fast vergessen.
Doch seit dem Überfall bekam sie es nicht mehr aus ihrem Bewusstsein, ständig hatte sie das Gefühl, eine tickende Zeitbombe mit sich herumzuschleppen, die irgendwann einmal explodieren und jeden in den Tod reißen würde, der ihr etwas bedeutete. Denn wer konnte garantieren, dass die unheimliche Verwandlung, die sie in Windwibbenburg durchgemacht hatte, nicht wieder stattfinden würde? Wer würde dann diesem Zorn und der Tollwut zum Opfer fallen? Sie wagte nicht, mit irgendjemandem darüber zu reden, obwohl man sich in Shangri-La bereits fragte, wer die Angreifer Windwibbenburgs dermaßen zugerichtet hatte. Niemand der wenigen Überlebenden konnte genau sagen, was eigentlich passiert war, bis auf Bat Furan. Doch er schwieg sich gegenüber PAGAN beharrlich darüber aus, wenngleich er Tigris neuerdings mit einer Mischung aus Unbehagen und Vorsicht begegnete.
Darüber hinaus hatte sie ihrer Mutter versprechen müssen, zunächst niemandem von PAGAN von dem Amulett zu erzählen, angeblich müsse erst ein geeigneter Zeitpunkt gefunden werden.
Ja, sie konnte seine Wärme fühlen, die merklich angestiegen war, seitdem sie sich in Shangri-La befand.
Verfluchtes Ding!
Würde sie es jemals wieder loswerden, ohne zu sterben? Hass stieg in ihr auf und sie zog es nach längerer Zeit wieder aus ihrem Sweatshirt, nachdem sie es seit Wochen geschafft hatte, es mit Ignoranz zu bestrafen. Doch nun wollte sie ihre Verzweiflung und ihren Zorn daran auslassen, und sei es nur, indem sie es böse anstarren und vielleicht anschreien konnte. Schließlich war bei dem Regen kaum jemand draußen, alle hockten gemütlich in den Cafés und Bars von Shangri-La oder in ihren ausgefallenen Wohnungen. Da baumelte es also vor ihrer Nase, dieses gottverdammte Ding, das Raffiyell ihr einfach aufgedrängt hatte.
»Ich hasse dich, du hast mein Leben kaputt gemacht! Und ich hasse denjenigen, der dich geschaffen hat. Und natürlich denjenigen, der es mir ohne zu fragen umgehängt hat!«, schrie sie.
Dann verschlug es ihr plötzlich die Sprache. Entgeistert starrte sie das Amulett an.
Es hatte sich verändert.
›Das ist doch unmöglich‹, dachte sie perplex. Doch was sollte schon unmöglich bei einem Ding sein, das anscheinend Unmögliches bewirken konnte?
Nein, kein Zweifel: Das Amulett besaß ein eigenes Innenleben, denn der kleine Schmetterling befand sich nicht mehr an der Stelle, an dem Tigris ihn in Erinnerung hatte. Er war sehr viel weiter nach rechts und etwas nach unten gerutscht, Und die kleine zwölfblättrige Blüte verharrte zwar immer noch in der unteren Spitze des fünfeckigen Bernsteins, doch eines ihrer Blättchen glühte nun tiefblau.
»Was soll das denn schon wieder bedeuten?«, wisperte Tigris tonlos.
»Tigris! Spätzchen, du bist ja vollkommen aufgeweicht!«
Sie wandte den Kopf und sah ihre Mutter mit einem Regenschirm über die kleine Holzbrücke eilen und auf sich zukommen.
»Mama, bitte, wir müssen Mira davon erzählen. Jetzt verändert es sich auch noch in seinem Inneren!«, sprudelte Tigris hervor, kaum dass ihre Mutter vor ihr stand.
»Zuerst gehen wir in unser Zimmer, wo du ein heißes Bad nimmst, Tigris. Du kannst doch nicht bei dem Regen herumspazieren und es auf eine Grippe anlegen.«
»Aber ich ... will nicht mehr«, wimmerte Tigris und senkte den Kopf. Danubia konnte bei dem erbarmungswürdigen Anblick ihre Tränen auch nicht mehr länger zurückhalten und riss ihre Tochter an sich.
»Lass mich erst mit deinem Vater darüber reden, Spätzchen, ja? Ich will erst seine Meinung und seinen Rat einholen, bevor ich mich an PAGAN wende«, erklärte Danubia mit zitternder Stimme.
»Wann kommt er? Ich habe ihn noch gar nicht gesehen. Wo ist er?«, fragte Tigris leise, ihren Kopf an der Schulter ihrer Mutter vergraben.
»In der Allianz kriselt es stark, er hat jeden Tag mehrere Versammlungen in den verschiedenen Domén Arxes, die die Vorgehensweise von De Navarris überhaupt nicht mehr verstehen können. Doch sobald er einige Stunden übrig hat, wird er hierher kommen.«
Danubia nahm ihre durchnässte, niedergeschlagene Tochter in den Arm und führte sie langsam in Richtung der Stadt.
»Glaubst du, er könnte es noch einmal bei mir schaffen?« Tigris sah ihre Mutter mit verweinten Augen an.
»Was schaffen? Oh ...« Danubia wandte nachdenklich den Blick ab. »Ich weiß es nicht, Tigris. Ich weiß bis heute nicht, wie er es fertig gebracht hat, dass das Xendium so lange Zeit bei dir nicht ausgebrochen ist. Doch wenn er der Meinung ist, es noch einmal schaffen zu können, wird er es tun, Tigris.«
Anscheinend tröstete diese Antwort ihre Tochter ein wenig, denn sie hörte auf zu weinen und schwieg den ganzen Weg durch den Park.
Kurz bevor sie jedoch die verkleinerte Ausgabe des Arc De Triomphe erreicht hatten, durch den der Weg aus dem Park in die Stadt führte, sagte Tigris mit einem Mal nachdenklich:
»Aber wenn er es so ohne weiteres kann ... wieso hat er es dann nicht auch bei Aévon gemacht? Wieso behält er so etwas überhaupt für sich, wo er doch viele Leben mit seinem Wissen retten könnte?«
Bei der letzten Frage, die sie stets verdrängt hatte, musste Danubia passen. Es war nicht so, dass diese Frage sie niemals beschäftigt hatte. Doch letztendlich hatte sie immer nur das Wohl ihrer einzigen Tochter interessiert, selbst wenn sich hinter einer möglichen Antwort vielleicht nicht sehr angenehme Tatsachen verbargen.
Oder besser gesagt: Gerade weil sie im tiefsten Innersten Schlimmes befürchtete, zog sie es vor, nichts darüber zu wissen. Und sie war bereit, auch ein weiteres Mal nicht nach den Hintergründen zu fragen, wenn es nur Tigris zugute kam.
Doch als Tigris die Sprache auf Aévon gebracht hatte, bekam die schöne Mauer aus angstbedingter Ignoranz und egoistischer Liebe zu ihrem Kind erhebliche Risse.
Wieso eigentlich hatte er es nur für Tigris getan und nicht für Aévon, den er mindestens genauso liebte? Geschweige denn für seine anderen Nachkommen, die schon durch das Doppel-Xendium umgekommen waren? Hätte er ihren Tod nicht verhindern können, wo er doch anscheinend wusste, wie sich das Xendium im Zaum halten ließ?
Und mit einem Mal dachte sie daran, dass seine Erinnerung an Tigris’ Rettung mit Schmerz und Schuldgefühlen verbunden war.
Würde er es vielleicht sogar nie mehr wieder vollbringen wollen, weil dafür schreckliche, unaussprechliche Dinge getan werden mussten, über die er mit niemandem reden konnte und die nur er alleine kannte?
Nein, nicht er alleine ...
Danubia fühlte es kalt ihren Rücken hinunter kriechen.
Jemand war vor siebzehn Jahren in Elms Hall dabei gewesen, zumindest hatte sie das Echo einer weiteren, unbekannten Stimme vernommen, als sie eine von Procyons Erinnerungen aufgefangen hatte; an jenem Tag, an dem sie sich hier in Shangri-La nach all den Jahren wieder begegnet waren.
Doch er beharrte gegenüber allen anderen darauf, sich damals alleine mit Tigris eingesperrt zu haben.
Wenn jedoch entgegen seinen Beteuerungen doch noch eine Person dabei gewesen war, dann war sie vielleicht die Erklärung für seine Heimlichtuerei.
Und vielleicht ... vielleicht war es auch diese unbekannte Person in Wahrheit gewesen, die Tigris vor dem Tode gerettet hatte.
Doch um welchen Preis, wenn er so schwer an diesem Geheimnis trug?
 
 

Circumpolaris umfasste alle Landstriche und Gewässer nördlich des Polarkreises, sowie Island und Grönland und wurde seit zwanzig Jahren von Snaefell Bakkaflói beaufsichtigt, einem großen, massiven Mann, der die Strategie der circumpolaren Sippen fortführte: Sich aus allem heraushalten und möglichst nur um die eigenen Belange kümmern. Circumpolaris war nach eigener Aussage seinerzeit nur deswegen der Allianz beigetreten, um Ruhe vor ihr zu haben und dieses Motto hatte sich auch sein jetziges Oberhaupt zu Eigen gemacht. Allerdings konnte selbst er nicht mehr länger die Unruhen und Zerwürfnisse innerhalb der Allianz ignorieren und hatte in seiner Funktion als Ratsvorsitzender des laufenden Jahres alle Oberhäupter zu einer dringlichen Versammlung nach Island geladen. Denn mit einer Öffnung einer ihr anvertrauten Node zum ›Jenseits‹ ohne vorherige Erlaubnis der anderen Domén Arxes brach eine Wächtersippe die Gesetze der Allianz. Die Ankündigung der europäischen und nordamerikanischen Wächtersippe ließ daher verständlicherweise Empörung und Ratlosigkeit unter ihren Kollegen entstehen. Mimas De Navarris und Adhara Whitechurch missachteten unverhohlen und anscheinend vorsätzlich die Verfassung der Allianz und die guten Sitten, was in der über hundertjährigen Geschichte der Rosenstern-Allianz noch niemals vorgekommen war. Dieses selbstherrliche Gebaren widersprach allem, wofür die Allianz gegründet war.
Anscheinend betrachteten sowohl De Navarris als auch Whitechurch ihre zu beaufsichtigenden Noden als persönliches Eigentum, eine absurde Vorstellung, denn in Artikel 1 der Allianz-Verfassung stand unmissverständlich:
›Die Noden sind neutraler Boden, zu dem allen Xendii der Allianz freien Zutritt haben. Sie stehen lediglich unter der Verwaltung der Domén Arxes, die für die Sicherheit und Instandhaltung sorgen, sowie für die Sicherheit und Instandhaltung aller von ihnen abzweigenden Passagen. Schließungen, Öffnungen oder Neuerrichtungen aller Art innerhalb der Node bedürfen einer vorherigen Abstimmung durch den Domén-Rat, dessen Entscheidungen bindend für alle Domén Arxes sind. Zuwiderhandlungen können mit der Enthebung einer Domén von all ihren Pflichten und Privilegien geahndet werden sowie mit militärische Maßnahmen im Falle der Weigerung, den Nodenschlüssel an den Rat herauszugeben.‹
Procyon stand mit Chillán Taraqua, dem Oberhaupt der Wächtersippe von Azteca, der südamerikanischen Node, vor dem abseits gelegenen, großen Holzhaus der isländischen Küstensiedlung, in dem die Versammlung schon längst hätte beginnen können, wenn endlich einmal Mimas und Umbriel De Navarris eingetroffen wären. Doch sie ließen seit einer Stunde auf sich warten, was die anderen Oberhäupter sehr verärgerte - ausgenommen Adhara Whitechurch natürlich. Snaefell Bakkaflói hatte daher kurzerhand das Abendessen auf den späten Nachmittag vorziehen lassen und den Gästen köstlichen, frischen Lachs und gegrilltes Lamm serviert. Natürlich war für etwaige Nachzügler nicht mehr viel übrig geblieben, was aber den meisten nicht das kleinste bisschen leid tat.
Doch selbst nach dem üppigen und ausgedehnten Gelage glänzte De Navarris immer noch durch Abwesenheit, weswegen Chillán Taraqua die Gelegenheit für eine Zigarettenpause und einige vertrauliche Worte mit dem atlantischen Oberhaupt gesehen hatte. Draußen war es kühl und böig, die See grau und aufgewühlt; eine passende Kulisse für den Ernst des Anlasses.
»Mimas De Navarris fährt einen vollkommen irrationalen Kurs«, befand Chillán, ein kleiner, graziler Mann, dessen breitem, freundlichem Gesicht man die indianischen Vorfahren ansah. »Niemand wird einer Öffnung der jenseitigen Tore zustimmen. Er bringt nur alle gegen sich auf, und das kann doch wirklich nicht seine Absicht sein.«
»Du vergisst, dass er America Borea auf seiner Seite hat«, meinte Procyon nachdenklich. »Und Orientalis scheint auch nicht abgeneigt zu sein. Nein, Chillán, der Wahnsinn hat Methode. Immerhin verweist Umbriel fortwährend auf die Gefahr, die von PAGAN ausgehen soll, weswegen angeblich die Heerscharen der Erzengel intervenieren wollen. Und eine der Pflichten einer Domén Arx ist es, die Sicherheit aller Xendii in ihrem Gebiet sicher zu stellen. Darauf wird Mimas sich berufen.«
»PAGAN ist sehr mächtig geworden, das kannst du nicht bestreiten. Ich frage mich, was dich zu ihnen hinzieht. Nur weil du dich dafür entschieden hast, einstweilen in der Allianz zu verbleiben, bedeutet das ja nicht, dass du nicht mehr mit ihnen sympathisierst.« Chilláns dunkle, kleine Augen sahen den hochgewachsenen Engländer forschend an.
»Meine Sippen stehen größtenteils hinter mir, ohne ihren Rückhalt hätte ich niemals auch nur erwogen, einen Wechsel zu PAGAN anzustreben. Bis auf einige Ausnahmen haben die meisten meiner Häuser in einer inoffiziellen Befragung für einen solchen Wechsel gestimmt. Sie beobachten genau, was nun innerhalb der Allianz vorgeht. Sollten De Navarris und Whitechurch mit ihren Plänen durchkommen, kann ich ihnen ihren Wunsch nach einem Austritt nicht mehr länger verwehren. Zimberdale ist nichts weiter als eine Sippe unter vielen, die lediglich seit Jahrhunderten von den anderen atlantischen Sippen damit beauftragt wird, die Node zu bewachen und die Interessen Atlantikas in einem Bündnis zu vertreten. So gesehen würde sich gar nichts für uns ändern, wenn wir in PAGAN aufgingen. Selbst die kleinsten Sippen dort sind autonomer als die Domén Arxes der Allianz. Und vor allem sind dort Politik und Religion strikt getrennt. Jemand wie Umbriel hätte wenige Chancen, zu solch einer machtvollen Position aufzusteigen wie unter De Navarris.«
»Umbriel ist doch nur die Marionette von De Navarris«, meinte Chillán verächtlich.
»Eine äußerst fanatische und von zu vielen bejubelte Marionette. Ich würde ihn niemals unterschätzen, schon gar nicht, wenn man seine Ursprünge bedenkt, die angeblich in einem Satanfaction-Orden liegen sollen.«
»Dass er sie offen legt, spricht doch nur für ihn. Aber er spaltet mit seinen Thesen meine Sippen; es sind schon zahlreiche Unruhen durch seine übereifrigen Anhänger ausgebrochen, was ich nicht mehr länger tolerieren kann. Die verschiedensten Konfessionen haben so lange Zeit friedlich nebeneinander existiert, und wenn man gar nicht miteinander konnte, ist man sich wenigstens aus dem Weg gegangen. Aber jetzt fordert eine kleine, lautstarke Minderheit die Einhaltung sämtlicher Gebote der Weißen Bibel und von mir eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Abweichlern. Meine Güte, ich kann doch nicht von Sippe zu Sippe reisen, Inquisition spielen und jeden Freigeist, jeden Ehebrecher, jeden Homosexuellen zu Tode steinigen lassen!« Chillán schüttelte langsam den Kopf.
»Ein Grund mehr, PAGAN beizutreten. Eine derartige Einmischung in das Leben eines Individuums ist undenkbar dort. Und genau das ist es, was De Navarris und etliche andere Oberhäupter fürchten: Machtverlust. Sie wissen genau, dass sie nicht mehr viel zu sagen haben, sollte sich die Mehrheit ihrer untergeordneten Sippen für einen Austritt aus der Allianz und Wechsel zu PAGAN entscheiden.«
»Sollte De Navarris weiterhin die Xendii derart gegeneinander aufhetzen, kann auch ich für nichts mehr garantieren«, murmelte Chillán düster. »Es würde mir Leid tun, denn ich halte die Ideen der Rosenstern-Allianz für wichtig. Und ich bin ein gläubiger Mensch und sehe in der fehlenden Moral und spirituellen Bildung überall auf der Welt einen Hauptgrund für den desolaten Zustand der Menschheit. Aber es den Leuten mit Gewalt einbläuen wollen, halte ich nicht für den richtigen Weg. Anscheinend wollen De Navarris und Whitechurch aber genau diese Methode anwenden.«
»De Navarris will nur Macht«, knurrte Procyon bitter. »Adhara Whitechurch und ihrer frommen Sippe hingegen nehme ich durchaus ab, dass sie sich als Vollstrecker des göttlichen Willens sehen. Dies könnte auch für die orientalische Domén gelten, aber wer kann das schon sagen?«
»Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in dieser Versammlung endlich einen Durchbruch erzielen und vielleicht wieder Ruhe in die Xendii-Gemeinschaften bringen können. Eine Abstimmung gegen die Öffnungen können De Navarris und Whitechurch einfach nicht ignorieren, wenn sie nicht eine geschlossene Front der anderen Doméns riskieren wollen.«
»Nur eines macht mir Sorge«, meinte Procyon daraufhin. »Nüchtern betrachtet stellen die Europäische und Nordamerikanische Domén schon fast die Hälfte aller wehrtüchtigen Xendii der Allianz. Nimmt man Orientalis dazu, ergibt sich eine militärische Überlegenheit gegenüber den restlichen Doméns.«
Chillán zog entgeistert die dunklen Augenbrauen hoch. »Ich glaube, nun geht deine Fantasie mit dir durch, mein lieber Procyon. Nicht einmal Mimas De Navarris oder Adhara Whitechurch wären dumm genug, die Allianz in einen Bruderkrieg zu verwickeln, während PAGAN genüsslich zusieht und nur darauf zu warten braucht, die kläglichen Überreste zu beerben!« Er schüttelte energisch den Kopf mit einer Miene, die deutlich sein Missfallen über Procyons Theorie ausdrückte.
In diesem Moment wurde die Tür des dunkelblau gestrichenen Holzhauses geöffnet und ein blonder Jüngling der Bakkaflói-Sippe steckte den Kopf hinaus. »Lux Mimas und Lux Umbriel sind im Gláma eingetroffen und auf dem Weg hierher!«
»Nun denn. Ich bin gespannt, was sie uns zu sagen haben«, seufzte Procyon und trat nach Chillán Taraqua ein.
Im Versammlungsraum war es gemütlich warm, ein Feuer prasselte im Kamin und der Duft frischen Kaffees vermischte sich mit dem Geruch von frittiertem süßem Gebäck, in Island Kleinur genannt. Kleine Jungen und Mädchen der Bakkaflói-Sippe gingen an den hufeisenförmig gestellten Tischen entlang und schenkten den Anwesenden ein, ein herzallerliebster Anblick, der jedem Erwachsenen ein bezaubertes Lächeln entlockte.
Kaum, dass sich Procyon und Chillán an ihre nebeneinander liegenden Plätze begeben hatten, standen auch schon Mimas und Umbriel in der Tür.
»Ist das der Erzengel Gabriel?«, hauchte ein kleines Mädchen fassungslos und konnte sich gar nicht vom Anblick jenes jungen Mannes losreißen. Sämtliche kleine glänzende Augenpaare waren wie hypnotisiert auf den Prediger gerichtet, der ihnen schüchtern zulächelte.
Man konnte über Umbriel denken, was man wollte, doch seine Schönheit war schon legendär in den Doméns und selbst so mancher gestandene Mann wandte irritiert den Blick von ihm ab, um ihn dann doch wieder verstohlen anzusehen. Das helle Türkis seiner Augen erinnerte an das Meer an einem tropischen Strand, genauso klar und bewundernswert. Groß und mandelförmig waren sie, diese langbewimperten Augen in einem leicht gebräunten Gesicht mit hohen Wangenknochen, einer makellosen, geraden Nase und vollen Lippen mit klar gezeichneten Konturen. Sein schulterlanges hellbraunes, leicht gewelltes Haar trug Umbriel offen, was die Sanftheit seines ganzen Gesichtsausdruckes unterstrich. Nicht wenige seiner ergebenen Gläubigen feierten ihn schon als die Reinkarnation von Lux Yesu. Er war nicht sonderlich groß, kaum 1,70, bewegte sich jedoch elegant und geschmeidig. Doch seine Anziehungskraft bestand nicht alleine in seinem atemberaubend schönen Gesicht. Es war seine Stimme, deren samtiges Timbre niemanden kalt ließ und den Zuhörer oft genug auch gegen seinen Willen dazu brachte, ihrem Klang unter vielen anderen Stimmen nachzulauschen. Misstrauische Xendii hatten schon mehrfach Seher damit beauftragt, zu überprüfen, ob Aethron mit im Spiel war, was Umbriels phänomenale Wirkung auf Menschen betraf, doch dieser Verdacht hatte sich niemals erhärtet. Ohnehin besaß Umbriel selber keine wandlerischen Talente, er war mit Verstärktem Seher-Xendium geschlagen und würde in absehbarer Zeit sterben - ein Umstand, der ihm noch weitere Sympathiepunkte unter seinen Anhängern einbrachte.
»Es tut uns sehr leid, dass wir uns verspätet haben«, begann er zu reden und sah wirklich überaus zerknirscht aus. »Aber Lux Phoebe, ein hochgeschätztes Mitglied unserer Sippe, lag nach einem unglücklichen Sturz im Sterben und es war ihr sehnlichster Wunsch, dass ich ihr die Letzte Beichte abnehme und einige tröstende Worte aus der Weißen Bibel vorlese.« Er schluckte und senkte scheu den Blick, denn in den wunderschönen Augen hatten verräterische Tränen geglänzt.
Adhara Whitechurch presste ihre ohnehin schmalen Lippen zusammen, die vor Mitleid bebten. Sie war eine von Umbriels glühendsten Anhängern und nahm ihn überall und vor allen Kritikern in Schutz, gleich einer Adlermutter in ihrem Horst - und einem Raubvogel sah sie nicht unähnlich mit ihrer großen, gebogenen Nase und dem schmalen, knochigen Gesicht.
»Auch ich entschuldige mich für unsere Verspätung, es lag nicht in unserer Absicht, jemanden zu verärgern«, fügte Mimas hinzu, der wie Umbriel in einen schwarzen Anzug gekleidet war und wie immer wie aus dem Ei gepellt aussah.
»Dann setzt euch endlich hin, sonst schafft ihr es unabsichtlich dennoch«, brummte Snaefell Bakkaflói mit seiner Bassstimme. »Unser Beileid ist euch gewiss; wir alle kannten Phoebe und schätzten ihre Fähigkeiten und ihre Güte sehr. Dennoch müssen wir nun höchst unerfreuliche Dinge klären, während unsere lieben kleinen Racker spielen dürfen.« Er zwinkerte den Kleinen mit seinen stahlblauen Augen gutmütig zu.
Die Kinder trippelten daraufhin artig an Umbriel vorbei hinaus zur Tür, wobei sie ihn begeistert anstrahlten und ein liebevolles Lächeln zur Antwort erhielten.
»Bist du wirklich ein Engel?«, fragte ein kleines Mädchen mit großer blauer Schleife im Rotschopf und sah erwartungsvoll zu dem Prediger empor.
»Leider nicht«, sagte Umbriel und streichelte über ihre Wangen. »Niemand kann so sein wie sie, so rein und so gut. Aber wir können ihnen nacheifern. Ich liebe Gott und die Engel, und du auch, nicht wahr?«
Sie nickte eifrig und hopste dann fröhlich davon, mit ihrer süßen Stimme ein isländisches Engelslied trällernd.
Endlich hatten Umbriel und Mimas Platz genommen, als Snaefell auch schon die Sitzung eröffnete.
»Ihr alle wisst, dass ich kein Freund von langen Reden bin. Wir werden heute darüber abstimmen, ob die Jenseits-Tore der Europäischen und Nordamerikanischen Node geöffnet werden sollen. Die Entscheidung des Rates ist bindend und jedem Anwesenden sind die Konsequenzen bei Missachtung dieser Entscheidung bekannt. Wer ist also dafür?«
»Einen Moment!«, rief Adhara Whitechurch empört, was den wuchtigen, rotblonden Isländer die Augen verdrehen ließ. Doch das Oberhaupt der nordamerikanischen Domén war schon aufgestanden und gedachte eine Ansprache zu halten.
»Was gibt es denn da noch zu klären?«, rief Buran El Beyt Akkamar ungeduldig, was Chillán Taraqua und vorallem Procyon überrascht aufhorchen ließ. War Orientalis nun doch nicht mehr auf dem Kurs von Europa und America Borea? »In den Sippen meiner Domén zumindest ließ sich keine Mehrheit für eine Öffnung finden.«
»Nun, immerhin haben wir doch noch das Recht, unsere Gründe für einen solchen Schritt darzulegen«, sagte Adhara und sah den Araber mit dem gepflegten, kurzen Vollbart sowohl irritiert als auch giftig an.
»Falls so ein Recht existiert, sollten wir es dringend abschaffen«, ließ sich Snaefell leise vernehmen, der seine Antipathie gegenüber der biederen, verkniffenen Adhara bei keiner Versammlung verhehlte.
»Natürlich könnt ihr sofort dagegen stimmen. Aber dann riskiert ihr nichts weniger als das Armaggedon!« Adharas Stimme zitterte dramatisch.
»Das Armaggedon könnte viel eher hereinbrechen, wenn die Tore zum ›Jenseits‹ geöffnet werden«, erwiderte Criador Diostéa, das Oberhaupt der Wächtersippe von Balkan-Osmania mit seiner leisen, hohen Stimme. Er war erst seit wenigen Monaten auf diesen Posten berufen worden und mit knapp achtundzwanzig Jahren der Jüngste im Rat der Oberhäupter, dementsprechend wirkte er noch recht unsicher.
»Ja, das ist wahr«, stimmte Procyon zu. »Wer sagt, dass nur Engel hereinschneien werden?«
»Kein Dämon würde es riskieren, beim Passieren einem Heer von Xendii in die Arme zu laufen«, antwortete Mimas mit einem abschätzigen Blick zu Procyon. »Wir würden die Jenseits-Tore natürlich nur minimal öffnen, sodass nur wenige überirdische Geschöpfe auf einmal in unsere Welt gelangen können.«
»Und weshalb benötigen wir die Hilfe der Himmlischen überhaupt?«, fragte Procyon. »Die Dinge stehen zugegebenermaßen nicht sehr gut auf der Welt, doch das meiste davon hat wenig mit Dämonen zu tun, sondern mit menschlichen Untugenden wie Gier und Machthunger.«
»Oh, wenn es nur das wäre!«, zischte Adhara erbittert. »Seit Jahrzehnten hat PAGAN ungehindert Ströme von Dämonen auf diese Welt kommen lassen. Zu welchem Zweck wohl? Nein, wir haben lange genug zugesehen, wie sie sich eine übermächtige Armee aufgebaut haben, um diese Welt in Finsternis und Chaos zu stürzen. Wir müssen jetzt handeln! Ich bitte euch inständig, nicht mehr länger die Gefahr zu ignorieren, die von diesen Satansanhängern ausgeht!«
Procyon musste sich stark beherrschen, um nicht aufzuspringen und Adhara mit der Wahrheit über PAGAN und die Überirdischen niederzuschreien. Stattdessen fragte er übertrieben freundlich: »Und wann findet der Angriff statt? Woher weiß man, wie stark ihre Dämonenarmee ist? Und was hätten die Xendii dieses Bündnisses davon?«
»Deine Meinung, Procyon, bezüglich der Satansanhänger ist jedem von uns bekannt«, sagte Mimas frostig. »Es wäre gerechter und ehrlicher, du enthieltest dich jedweder Abstimmung.«
»Ich bin kein Satansanhänger und verbitte mir jegliche Anschuldigungen dieser Art«, zürnte Procyon zurück.
Umbriel räusperte sich und stand ebenfalls auf. »Bitte, meine lieben Brüder und Schwester, bitte! Streitet doch nicht, wo wir Einheit so bitter nötig haben. Wie stark unser Glaube ist, und an was wir glauben, weiß nur Gott allein vollkommen, es ist anmaßend von uns, ja, sündig sogar, über andere vorschnell zu urteilen und ihnen mit Hass zu begegnen. Ich denke, unser Bruder Procyon will wie alle Oberhäupter nur das Beste für seine Schutzbefohlenen. Deswegen rufe ich euch auf, sachlich zu bleiben und ebenfalls stets im Blick zu halten, was das Beste für diejenigen ist, die auf uns zählen und deren Glück von unseren Entscheidungen abhängig ist. Haben unsere Kinder nicht eine bessere Welt verdient? Ich bin sicher, niemand von euch wird tatenlos zusehen, wenn ihnen Schmerz und Verzweiflung drohen.« Er sah sie der Reihe eindringlich mit einem Blick an, dessen Qual aus einem tiefen Winkel seiner Seele empor zu quellen schien. »Wer kann sie beschützen, wenn nicht wir? Wer könnte sie vor dem Grauen erretten, wenn nicht wir? Wenn die Nacht kommt und nicht mehr vergehen will, ohne dass die Erlösung naht, auf die man hofft-« Er brach ab und schloss kurz die Augen, während sich bis auf Adhara und Mimas alle anderen Oberhäupter fragend ansahen.
»Was unser lieber Bruder Umbriel damit sagen will«, rief Mimas, »ist, dass wir endlich handeln müssen. PAGAN und ihre dämonischen Armeen werden uns überrollen und vernichten, um die Führung über diese Welt zu übernehmen. Dass sie ihre Noden geschlossen haben, soll uns nur in Sicherheit wiegen und uns davon abhalten, die himmlischen Heerscharen einzulassen, die das Strafgericht Gottes abhalten wollen.«
Procyon schnaubte verächtlich auf. »Gut, ihr habt eure Gründe vorgelegt. Können wir nun zur Abstimmung übergehen?«
»Ich bin sehr dafür!«, stimmte Snaefell mit strahlendem Gesicht zu.
»Es schmerzt mich, mit anzusehen, wie ihr blindlings in euer Verderben rennt«, sagte Umbriel traurig. »Ich habe so sehr dafür gebetet, dass ihr die Gefahr erkennt, die von PAGAN ausgeht. Habt ihr denn wirklich unsere uralte Verpflichtung vergessen? Als die Nefaílim Gottes unverdiente Gnade erfuhren, da schworen sie ihm doch Ewige Treue und unermüdlichen Kampf gegen die Höllenbrut, die sich von der Finsternis in menschlichen Seelen nähren. Jetzt ist die Stunde gekommen, um unsere Wahrhaftigkeit und Treue auf die Probe zu stellen.«
»Wir möchten gerne abstimmen und keine Messe halten«, sagte Buran El Beyt Akkamar mit kritisch erhobener Braue. Procyon und Chillán nickten eilig, nachdem sie beide überrascht festgestellt hatten, dass sie Umbriels warme, samtige Stimme viel zu lange in den Bann geschlagen hatte.
Doch Umbriel fuhr noch inbrünstiger fort: »Ja, auch unter uns zweifeln so manche an Gott, leugnen ihn womöglich insgeheim, wischen Seinen Heiligen Namen achselzuckend hinweg, so sehr sind sie zurückgefallen in ihre dämonische Natur. Dieses dämonische Erbe lastet schwer auf uns allen und lässt uns oft hochmütig werden, doch wir sind imstande, es in uns niederzuringen. Das ist unsere lebenslange Prüfung und unsere heilige Pflicht. Ich bitte euch inständig: Lasst uns nicht alleine, steht uns bei in unserem Kampf gegen diejenigen, die ihren Schwur gebrochen haben und wie einst schon einmal böses gegen die anderen Menschen planen! Auch die Neutralen sind wie Kinder, völlig ahnungslos, dass furchtbare Mächte sich gegen sie erheben.«
»So ist es in der Tat!«, bekräftigte Adhara Whitechurch. »Wir schweben alle in größter Gefahr und können nur gemeinsam diese schwere Prüfung durchstehen.«
»Die Öffnung der Jenseits-Tore hat nichts mit unserer Bereitschaft zu tun, unsere Sippen gegen Angriffe aller Art zu verteidigen«, versetzte Snaefell scharf. »Auch wenn wir gegen die Öffnung stimmen, heißt das noch lange nicht, dass wir mit PAGAN oder Dämonen sympathisieren. Jede Domén wird derjenigen zur Hilfe eilen, die diese nötig hat. Wieso muss ich hier Selbstverständlichkeiten erörtern?«
»Ihr alle verkennt die Gefahr, in die wir uns begeben, wenn wir nicht die Himmlischen Heerscharen einlassen!«, sagte Umbriel bestürzt. »Denn PAGAN ist schon viel zu mächtig geworden und wildert blutrünstig in unseren Gebieten. Erst vor wenigen Tagen ist ihnen eine von unseren Sippen zum Opfer gefallen. Ich selber habe die Stätte des Grauens besucht und einen bitteren Vorgeschmack dessen bekommen, was uns erwarten wird. Sie haben dort einen tollwütigen Dämon losgelassen, der selbst Kinder und Frauen zerrissen hat. Niemand hat überlebt.« Seine Stimme geriet ins Stocken.
»Es stimmt«, schluchzte Adhara auf und wischte sich Tränen aus den Augen. »Ich habe die Aufnahmen gesehen, es ist unbeschreiblich.«
Procyons Innerstes verkrampfte sich vor Ekel und Zorn darüber, dass nur er alleine im Kreis der anderen Oberhäupter die Wahrheit kannte und sie nicht Mimas, Adhara und Umbriel entgegen speien konnte. Kalte Schauer krochen über seinen Rücken angesichts der unfassbaren Dreistigkeit, mit der diese Lüge in die Welt entlassen wurde. Eine große Truppe Freiwilliger aus Shangri-La waren wenige Stunden nach der Ankunft der wenigen Überlebenden dieses Massakers nach Windwibbenburg gegangen, hatten die ermordeten Sippenmitglieder in einem Massengrab bestattet und ihre toten Mörder eingeäschert. Diese waren allerdings höchst unappetitlich zugerichtet worden, was auch PAGAN Rätsel aufgab. Woher sollten also jene unbeschreiblichen Aufnahmen stammen, von denen Adhara sprach?
»Nun, die Vorgehensweise der europäischen und nordamerikanischen Domén Arx gegen ihre eigenen Sippen, die in manchen Dingen eine andere Meinung vertreten, ist ebenso unbeschreiblich«, sagte Procyon mit der kältester Verachtung, zu der er fähig war.
»Du verdrehst die Wahrheit, Procyon. Satansanhänger werde ich selbstverständlich niemals in meiner Domén dulden, sie sind eine Gefahr für alle, die in Frieden und gottgefällig leben wollen!«, entgegnete Adhara empört.
»Gott selber befiehlt uns, das Böse in Menschengestalt auszumerzen«, hub Umbriel nachdenklich an, »denn es ist wie Schimmel auf dem Apfel, der bald die ganze Frucht verrotten lässt. Und auch wenn uns diese Aufgabe schwer fällt, müssen wir doch an diejenigen denken, die noch rein und unschuldig sind. Für das Heil ihrer Seele kämpfen wir.«
»Deine aufrührerischen Predigten sind eine viel größere Gefahr, Umbriel!«, fuhr Chillán den jungen Mann an, der ihn verständnislos und getroffen ansah.
»Wie kannst du es wagen, Chillán?« Adhara war außer sich vor Zorn aufgesprungen und funkelte den Südamerikaner feindselig an. »Wie kannst du es wagen, Umbriel einen Aufrührer zu nennen, wo er nichts anderes als die Wahrheit der Weißen Bibel verkündet. Ist Gott auch ein Aufrührer für dich?«
»Jeden Xendi, der andere Xendii zum Mord an ihresgleichen aufruft, nenne ich einen Aufrührer!«
»Wer von euch sich die Dämonen zu Freunden macht, begeht wahrlich große Sünde!«, rezitierte Umbriel eindringlich und voller Leidenschaft eine Passage aus der Weißen Bibel.
»Und er soll hinweggetilgt werden aus eurer Mitte, denn er ist wortbrüchig geworden gegenüber Gott und seinen Heiligen Erzengel! Wer aber tatkräftig zu seinem Heiligen Eid steht, der wird Seine Gnade und Güte erfahren und seine Erbmakel wird von ihm genommen werden, damit er in Seinem Lichte wandeln kann immerdar.«
»Niemand von uns verkehrt mit Dämonen!«, entrüstete sich Criador Diostéa mit schriller Stimme.
»Meine Herrschaften!«, brüllte Snaefell Bakkaflói und übertönte spielend mit seiner mächtigen Stimme die Streithähne. »Wir sind weit vom eigentlichen Grund unserer heutigen Sitzung abgeschweift. Wir kommen daher nun - endlich! - zur Abstimmung. Wer ist dafür, die Jenseits-Tore in den Noden von Europa und America Borea zu öffnen?«
Mimas und Adhara hoben mit grimmiger Miene ihre Hand.
»Wer ist dagegen? Atlantika, Orientalis, Azteca, Balkan-Osmania und Circumpolaris. Somit wurde soeben bindend beschlossen, die besagten Jenseits-Tore nicht zu öffnen.«
Mimas schüttelte langsam und mit finsterer Miene seinen Kopf. »Das kann nicht euer Ernst sein. Durch diesen Beschluss werft ihr meine Sippen den Dämonen und PAGAN zum Fraß vor!« Dann schnellte er plötzlich aus seinem Stuhl empor, sah jedes Ratsmitglied bis auf Adhara noch einmal durchdringend an und marschierte begleitet von überraschten und verwirrten Blicken zur Tür.
Umbriel erhob sich langsam und mühsam, als trüge er ein schweres Gewicht auf seinen Schultern. »Gott stehe uns bei. Gott stehe uns allen bei, denn ihr ahnt nicht, welches Grauen mir offenbart wurde.«
»Er wird uns beistehen, Er und Seine Himmlischen Heerscharen. Und unsere Pflicht ist es, unsere Sippen vor dem Übel zu bewahren«, flüsterte Adhara tonlos und stand als letzte auf.
Dann gingen auch sie mit gesenktem Kopf und schmerzlich verzogener Miene an den Tischen entlang in Richtung Tür.
»Wie sollen wir das jetzt verstehen?« Buran El Beyt Akkamar wirkte genau wie seine Kollegen völlig überrumpelt.
»Am besten gar nicht«, entschied Snaefell achselzuckend. »Ich lasse mir jedenfalls nicht von einem Prediger vorschreiben, wie ich zu glauben habe. Konnte er denn keinen anständigen Beruf erlernen? Wieso ist er mit seinem guten Aussehen nicht nach Hollywood zum Film gegangen - da fällt mir ein: Wisst ihr eigentlich, dass ein Bakkaflói gerade dabei ist, dort Karriere als Schauspieler zu machen? Er nennt sich jetzt Floyd Baker.«
Die Anspannung aller Oberhäupter entlud sich in schallendem Gelächter und gaben den meisten wieder ein wenig die Hoffnung zurück, dass sich die ganze Krise doch noch zum Guten wenden konnte.
Einzig in Procyons tiefsten Inneren keimte eine böse Vorahnung auf, die durch Adharas und Mimas letzte Worte gesät worden waren. Wer so überzeugt vom herannahenden Ende der Welt wie sie war oder zumindest so tat, würde sich vielleicht nicht durch ungläubige Thomase davon abhalten lassen, das ›einzig Richtige‹ zu tun.
 
 

Mimas hatte seine engsten Vertrauten sowie Thanatos in sein abhörsicheres Konferenzzimmer im Palais Almacielo versammelt. Mit der Audienz hatte er wie schon oft gewartet, bis sich Umbriel in seine privaten Gemächer zurückgezogen hatte, um die Nacht im Gebet zu verbringen und Gott um Beistand anzuflehen.
Thanatos sah nach dem etwas missglückten Überfall auf jene kleine, aufmüpfige deutsche Sippe arg lädiert aus, doch zog es vor, sich nicht zu schonen. Er und eine bestimmte Gruppe innerhalb Mimas’ geheimen Assassinentruppe waren überaus hart zu sich selber und wurden wegen ihrer unmenschlichen Kälte und Unbarmherzigkeit sogar von den anderen Kriegern mit Überbegabung gefürchtet. Bei Thanatos kam noch absolute Humorlosigkeit dazu, die sich in seinem strengen, kantigen Gesicht widerspiegelte, über das niemals auch nur das kleinste Lächeln huschte. 
Kein Wunder, wenn man denn wusste, von welchem Ort Mimas ihn und einige andere als Jugendliche geholt - oder besser gesagt: geraubt hatte.
Thanatos blieb trotz einer großen Fleischwunde im Bein breitbeinig und mit verschränkten Armen stehen und ließ die kleine Runde um Mimas nicht aus seinen moorfarbigen Augen.
Das Oberhaupt der europäischen Domén Arx lehnte sich mit äußerst zufrieden wirkender Miene behaglich in den teuren Polstersesseln zurück. »Einfach wunderbar. Alles läuft wie geplant. Dann können wir sofort zur nächsten Stufe übergehen. Thanatos, wie viele deiner Leute sind schon in Mexiko?«
»Alle fünfzig. Du musst nur den Befehl zum Angriff erteilen, mein Gebieter.«
»Diesmal darf nichts schief gehen wie in diesem Nest neulich. Nun ja, wer konnte auch ahnen, dass sie sich Dämonen gehalten haben. Insofern haben wir zufälligerweise einmal die Richtigen erwischt.« Mimas grinste selbstgefällig und seine Hofschranzen kicherten pflichtschuldigst. Nur Thanatos blieb vollkommen unbeeindruckt und ließ nicht mit dem kleinsten Wimpernschlag durchblicken, dass er und ein erlesener kleiner Kreis ganz andere Spekulationen über jene Nacht anstellten, die sich durch ein intensives ›Gespräch‹ mit einer der abtrünnig gewordenen De Navarris-Mitglieder noch weiter erhärtet hatten. Unglücklicherweise war sie vor wenigen Stunden an inneren Blutungen krepiert, bevor man noch mehr interessante Details aus ihr herausfoltern konnte, die vor Mimas und seinen törichten Anhängern geheim gehalten wurden.
»Ach, ihr hättet dabei sein müssen. Es war zu köstlich!«, lachte Mimas. »Umbriel ist einfach Gold wert. Durch ihn folgt uns America Borea wie ein kleines Hündchen. Und unser lieber Mitverschworener hat seine Rolle überzeugend gespielt. Procyon Zimberdale schöpft keinerlei Verdacht mehr in dieser Hinsicht. Aber er wird bald sowieso genug in seinem eigenen Gebiet zu kämpfen haben.«
»Aber was ist, wenn Adhara tatsächlich die Jenseits-Tore öffnen will, wie Umbriel immer verlangt?«, wandte einer seiner Leute ein.
»Uns wird schon etwas einfallen, um Umbriel noch ein wenig hinzuhalten, er ist doch so rührend naiv. Manchmal möchte man ihn geradezu schütteln, ihm ein Glas Champagner in die Hand drücken und ihm ein hübsches Mädchen aufs Zimmer schicken. Ein wenig Sünde würde ihm gut tun - und uns. Und falls er wider Erwarten doch Probleme machen sollte ... wie wir alle wissen, kann sein Ende jederzeit über ihn kommen. Wann immer wir es für nötig halten. Was mir wirklich sehr Leid tun würde - er ist doch so ein hübsches Kerlchen.«
Und wieder lachten Mimas und seine Getreuen, während Thanatos sie mit ausdrucksloser Miene beobachtete und seine Augen nicht von ihnen ließ.
Denn er sah schließlich für ihn mit, und hörte vor allem für ihn mit, für ihn, das hübsche, rührend naive, gottesfürchtige Kerlchen.
Ja, er konnte jedes Wort und jedes Mienenspiel deutlich mitverfolgen, als stünde er gleich neben Thanatos.
»Rührend naiv bist du, mein guter Mimas.« Umbriels schöne Lippen umspielte ein amüsiertes, kaltes Lächeln. Er unterbrach die geistige Verbindung mit Thanatos und öffnete wieder die Augen.
»Deine Naivität ist selbstmörderisch. Du hast dir dein eigenes Grab und das Grab dieser verfluchten, dreckigen Welt geschaufelt, schon an dem Tag, als du Thanatos und die anderen nach Barcelona gebracht hast. Ab einem gewissen Alter ist jeder Versuch der Umerziehung aussichtslos. Das hat man dir immer wieder gesagt, aber du warst zu geblendet von ihren Fähigkeiten und ihrer Gnadenlosigkeit. Du hättest deine Beute besser töten lassen sollen, wie Zimberdale es dir damals geraten hat. Jetzt es ist zu spät.«
Umbriel erhob sich aus seinem Sessel und zündete noch weitere Kerzen an, obwohl sein ganzes Zimmer schon hell erleuchtet von über hundert kleinen und großen Flammen war.
Aber er liebte nun einmal Feuer, dieses erstaunliche, wunderschöne Ding, das niemanden verschonte, wenn man es ließ und völlig unparteiisch alles verzehrte, ob Gut oder Böse, Schön oder Hässlich, nützlich oder bedeutungslos. So reinigend, so gründlich war Feuer und es erinnert ihn an den Brand, der die Ordenssiedlung vor dreizehn Jahren brüllend verschlungen hatte.
Und alles nur wegen dieses kleinen, jämmerlichen Jungen.
Nur alleine für ihn waren sie eines Nachts gekommen, allen voran ein wütender Vater, der sein Leben hinzugeben bereit gewesen war, um seinen kleinen Sohn zu befreien.
Für Umbriel aber war niemals jemand gekommen.
Nein, niemand rettete ihn vor den Schlägen, vor den Tritten, vor den Strafen für Unaufmerksamkeit und Selbstmitleid. Keiner kam, wenn man ihn in eisigkaltem Wasser halb ertränkte, oder seinen Rücken blutig peitschte. Niemand hielt die Ordensbrüder davon ab, sich an seinem kleinen, schmächtigen Körper zu vergehen.
Niemals kam jemand.
Nach einer Weile, so sagte man ihm, waren auch die Plakate mit seinem Foto abgenommen und zu den Akten gelegt worden.
Er war zu den Akten gelegt worden: Ein vermisstes Kind mehr, nicht das erste und nicht das letzte.
Niemand hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ihn zu finden und nach Hause zu bringen.
Nur für diesen lächerlichen, weinerlichen Jungen mit den Honigaugen, da war jemand gekommen, oho, und wie! Dieser Mann hatte einem zornigen Gott geglichen, der mit seinen Rittern alle Männer und Frauen der versteckten Siedlung niedergemetzelt hatte, die nicht rechtzeitig in die Wälder hatten fliehen können.
Und jener zornige Vater hatte ein großartiges Feuer entzündet, ja, ein herrliches, reinigendes Feuer.
Alles nur für diesen lächerlichen, weinerlichen Jungen.
Seitdem liebte Umbriel das Feuer.
Und seitdem hasste er das Haus Zimberdale abgrundtief, aber nicht dafür, dass sie den Orden ausgelöscht hatten. Schließlich hatte man ihm dort erfolgreich ›unnütze‹ Gefühle wie Mitleid oder Trauer aus dem Leib geprügelt, damit jede Pore seines Herzens sich mit Hass füllen konnte; Hass auf alle Menschen, Hass auf die Welt und Sehnsucht nach der Erlösung durch die Blutige Mutter.
Nein, Umbriel hasste Zimberdale, weil dieser Name gleichbedeutend mit einem schmerzhaften Rätsel war, verknüpft mit etwas in seinem tiefsten Inneren, das sich qualvoll zusammenzog, wenn er über diese Nacht vor dreizehn Jahren nachdachte: Nur wegen eines kleinen nichtswürdigen Jungen hatten sich Procyon Zimberdale und seine Sippe in die Höhle des Löwen gewagt, zahlenmäßig den Xendii des Ordens unterlegen.
Nur für seinen kleinen Bastard.
Aber Umbriel würde sie alle vernichten, früher oder später.
Diese ganze, ekelhafte Welt würde früher oder später ihr wohlverdientes Ende finden, samt dem menschlichen Gewürm darauf.
Procyon Zimberdale würde sich noch wünschen, damals den Orden Mère D’Enfer restlos ausgelöscht zu haben, genau wie De Navarris sehr bald bereuen würden, aus blindem Machtstreben die Erlaubnis zu dem Überfall von Zimberdale in Frankreich gegeben zu haben. Was sie seinerzeit den anderen Sippen als Barmherzigkeit und Gnade verkauft hatten, war nichts anderes gewesen, als all der überbegabten jungen Xendii des Ordens habhaft zu werden, die Mère D’Enfer zusammengeraubt oder absichtlich in die Welt gesetzt hatten, um sie für eigene Zwecke einzusetzen.
Etliche von ihnen hatten sich in einem geheimen Lager der europäischen Domén Arx wiedergefunden, nur ein kleiner Rest fanatischer Gläubiger hatte fliehen können.
Merkwürdigerweise hatten diese sich vor ihrer Flucht als erstes ihn, Umbriel, gegriffen; als wäre er ein kostbarer Gegenstand gewesen, den es vor dem Feind zu verstecken galt.
Nach und nach war Umbriel aufgegangen, wieso. Und weshalb ihm niemals jemand ins Gesicht hatte schlagen dürfen.
Mére D’Enfer hatte der Allianz, ohne dass sie es ahnte, einen Todesengel geschickt: Ein unfassbar schöner, junger Apostel, so bewundernswert fest im Glauben, so bemerkenswert bewandert in der Weißen Bibel und so beschämenswert keusch und bescheiden. Er war für viele Xendii der Allianz wie ein warmer Sonnenstrahl in einer trostlosen, immer schlechter werdenden Welt. Er rief ihnen in Erinnerung, dass sie eine Aufgabe hatten, dass eine bessere Welt möglich war, wenn sie nur fest im Glauben stünden. Die, die ihrem Bekenntnis gegenüber gleichgültig geworden waren, erfüllte er mit Beschämung und neuem Eifer, und jene, die schon immer fest zu Gott und seinen Engeln gehalten hatten, ihnen gab er neuen Stolz und die Bestätigung, auf der einzig wahren Seite zu sein.
Jahrelang hatte Mère D’Enfer ihn darin ausgebildet, innerhalb kürzester Zeit die Sehnsüchte der Menschen zu erfassen. Deswegen war es gar nicht schwer gewesen, Lux Mimas’ Gier nach Macht und Herrschaft auszunützen - und Lux Adharas Gefühle für den gutaussehenden, jungen Prediger. Um Adhara brauchte er sich keine Gedanken zu machen, sie schmachtete ihn förmlich an und hätte sich ihm schon längst willig selbst kredenzt, wenn er es gewollt hätte.
Doch er gab sich absichtlich schüchtern und zurückhaltend, was viele Mädchen und Frauen nur noch mehr entzückte, träumten doch viele von ihnen, den vermeintlichen Engel zu Fall zu bringen und die Erste zu sein, die ihm die lüsternen Freuden mit Leib und Seele offenbarte. Keine von ihnen konnte schließlich ahnen, dass solch eine himmlische Liebesnacht mit ihm, dem wunderschönen Umbriel, fürgewöhnlich in einer Hölle aus Schmerzen und Blut endete, in der er als unbarmherziger Folterknecht eine seiner liebsten Rollen spielte. Die grenzenlose Bewunderung der Menschen langweilte ihn unendlich, er hatte nichts als Verachtung für sie übrig, maß keinem von ihnen mehr Wert bei als einer Schmeißfliege.
Er sehnte sich nur danach, einer derjenigen zu sein, die es erleben durften, wenn die Blutige Mutter die Herrschaft über diese verachtenswerte, trostlose Welt übernahm und ihre treuen Anhänger mit der Erfüllung des Uralten Schwurs belohnten.
›Wenn die Anbetungswürdigen Sieben Kinder der Blutigen Mutter die Welt heimsuchen, dann sollen die Treuen hinweg genommen werden, sollen erhöht werden und in ihr Reich eingehen, wo sie ewig und voller Wonnen leben werden.‹
Erlösung von diesem schmutzigen, ekelerregenden Ort, danach sehnte Umbriel sich. Doch das Heil traf nur die, die der Blutigen Mutter und ihren Sieben Kinder angesichtig werden würden.
Bis vor einer Weile hatte er manchmal nachts Panikattacken durchlebt, da es ihm mit der Zerschlagung der Allianz und der Öffnung der Jenseits-Tore nicht schnell genug ging und die Zeit ihm davonlief. Alpträume hatten ihn gemartert, wenn er daran dachte, zu sterben, bevor er das Heil erleben konnte.
Aber dann war ER ihm erschienen, ein überirdisches, machtvolles Wesen, jedoch natürlich nicht der Erzengel Gabriel, wie er seinen Schäfchen allerorten glauben machte.
Nein, dieser Dämon war eines der Sieben Kinder der Blutigen Mutter selber, ein Shinn.
Und er hatte Umbriel gezeigt, wie man sich als überbegabter Xendii mehr Lebenszeit verschaffte, wie man sich den ungeduldigen Klauen des Todes entwinden konnte, die man schon um den eigenen Hals zu spüren glaubte.
Alleine dafür war ihm Umbriel treu ergeben.
Nach diesem interessanten Gespräch des Hauses De Navarris war es nun angebracht, den Machtvollen über den neuesten Stand der Dinge zu unterrichten und seinen Rat einzuholen.
Umbriel holte aus einem Versteck in seinem Schlafgemach ein säuberlich zusammengefaltetes Stück schwarzen Seidenstoffes.
Dieses breitete er inmitten seines kerzenerleuchteten Wohnzimmers auf dem kostbaren indischen Teppich aus.
An dem Stoff war scheinbar nichts Ungewöhnliches - noch nicht.
Umbriel nahm eine kleinere Kerze und warf sie mitten auf das Tuch. Augenblicklich ergriffen die Flammen Besitz davon, wobei sie jedoch ein bestimmtes Muster auf das Schwarz schrieben.
Dann verfärbten sich die Feuerszungen tiefblau, schmolzen gleichzeitig nieder und hinterließen einen bläulichweiß glühenden Kreis, um den sich die Buchstaben des dämonischen Alphabets anordneten.
Nun nahm Umbriel eine weitere Kerze, die er an das ›B‹ hielt, bis es blendend weiß erglühte. Von ihm aus zog er mit den Flammen eine Linie bis zu dem nächsten, benötigten Buchstaben, dem ›R‹. Sobald auch dieser Letter zu strahlendem Leben erweckt worden war, ging es zu dem ›U‹, dann zu dem ›J‹, ›A‹ und ›XX‹, bis er schließlich auf diese Weise den Namen seines Meisters geschrieben hatte.
Bru’jaxxelon.
Umbriel stellte sich gerade vor die Dämonensonne und versuchte, die Beklemmung in seinem Herzen hinwegzuatmen, denn Bru’jaxxelon gefiel es jedes Mal, alles um Umbriel herum in tiefste Schwärze und Eiseskälte zu tauchen. Und nichts hasste Umbriel mehr als Finsternis, diese Furcht hatten nicht tausend Schläge aus ihm austreiben können.
Nacheinander erstarben die Kerzenflammen rings um ihn herum und ließen das Zimmer dunkler und dunkler werden. Noch war der leicht bewölkte Sternenhimmel durch die Fenster zu sehen.
Dann rannen die ersten, pechschwarzen Schlieren an den Scheiben herab. Sie flossen auch rasch aus den Schatten der Zimmerdecke die Wände hinab, breiteten sich zu tintenähnlichen Lachen auf dem Fußboden aus und ergriffen bald vollkommen Besitz von dem Raum.
Umbriel schloss die Augen, während in einem kurzen, schockierenden Moment die Temperatur weit unter den Gefrierpunkt stürzte und die plötzliche, klirrende Kälte ihn nach Luft schnappen ließ. Er begann zu zittern, frierend, aber auch erfüllt von Angst und Ehrfurcht.
»Umbriel. Mein treuergebener Wolf im Schafspelz. Was verschafft dir die Ehre meines Besuches?«, sagte der Machtvolle amüsiert, was Umbriel immer wieder irritierte.
»Ich habe einige Neuigkeiten für dich, mein geliebter Meister.«
»Geliebter Meister! Bleib besser bei der Wahrheit und sage: Mein abgrundtief gefürchteter Meister. Liebe kann man das nun wirklich nicht nennen. Und ich kenne dein Herz schließlich sehr gut, dieses verhärtete, hass- und neidzerfressene Ding in deiner Brust, in dessen Mitte sich alle deine Tränen zu einem tiefen See angesammelt haben, vergossene und zurückgehaltene.«
»Ja, niemand kennt mich besser als du. Nur du kannst mich rechtleiten zum Heil und Fürsprache vor unserer Blutigen Mutter für mich halten«, erklärte Umbriel voll ehrlicher Demut.
»Amen, Amen, Preiset den Herrn - pardon, die Mutter!« Ein unverhohlen boshaftes leises Kichern säuselte dicht an Umbriel Ohr vorbei. Doch er blieb standhaft trotz dieses Spottes, mit dem der Machtvolle ihn sicher nur auf die Probe stellen und seine Glaubensfestigkeit prüfen wollte.
»Mimas gedenkt nicht, die Jenseits-Tore jemals zu öffnen.«
»Wie dumm von ihm. Wo ich doch so sehr auf das europäische Oberhaupt gesetzt habe. Dann brauche ich eben ein neues europäisches Oberhaupt. Eines, das nicht so widerspenstig ist. Wie wäre es mit dir, Umbriel? Du bist sowieso viel beliebter bei den Menschen.«
»Wie soll ich Mimas töten, wo er doch ständig von Wächtern und Hofschranzen umgeben ist? Und seine Speichellecker werden niemals für mich stimmen.«
»Dann werde ich sie eben alle zusammen in die Luft sprengen. Natürlich, wenn du zufällig woanders weilst. Sollen wir es gleich tun?«
»Nein, er soll noch seine Pläne mit den anderen Noden in die Tat umsetzen. Thanatos ist bereits auf dem Weg in die aztecische Domén Arx.«
»Ah ja, richtig. PAGAN kapert Azteca und rottet Taraqua bis auf die Schoßhündchen aus. Welche Durchtriebenheit, welche Grausamkeit! Ich muss euch Staubgeweihten Respekt zollen. Besser könnten auch die Shinnn es nicht erdacht haben. Nun, dann kann man PAGAN ja auch gleich das baldige Attentat auf De Navarris anlasten, das beschleunigt den Niedergang dieser heruntergekommenen Welt ein wenig.«
»In der Tat, das bringt die Unentschlossenen auf unsere Seite. Und dann endlich gehen wir gegen PAGAN selber vor.«
»Lass PAGAN meine Sache sein, ich habe dort noch etwas Persönliches zu erledigen. Wenn ich deine Hilfe brauche, lasse ich es dich wissen. Die Tage der Allianz hingegen sind jedoch gezählt. Wie möchtest du überhaupt dein kleines Reich taufen, das du bald dein eigen nennen kannst, wenn ich bescheiden fragen darf?«
»Oh, darüber habe ich noch nicht-«
»Siehst du, wenn du mich nicht hättest, liebster, verrotteter Umbriel!« Bru’jaxxelon lachte spöttisch. »Ich habe einen wundervollen, dramatisch klingenden, zukunftsweisenden Namen dafür: Das Reich der Letzten Dämmerung. The Empire of the Last Dawn. Gottes gehässige Abschiedsszene. In vielen alten Schriften genüsslich beschrieben, Armaggedon und dergleichen. Deine dir ergebene Adhara wird ihn lieben und lobpreisen. Du solltest sie endlich ficken, damit auch der letzte Rest ihres gesunden Menschenverstandes sich in Wollust und ewiger Liebe auflöst.«
»Ich brauche sie noch, sonst hätte ich mir schon längst das Vergnügen erlaubt, ihr meine wahren Gefühle für sie zu offenbaren und ihr die Haut bei lebendigem Leibe vom Körper zu schälen«, knurrte Umbriel, voller Hass bei dem Gedanken an die biedere, alte Jungfer.
»Du hast Recht, alles zu seiner Zeit. Was habt ihr über die Vorgänge in diesem kleinen Nest herausgefunden, bei dem deine Leute eine so schmähliche Niederlage erlitten haben?«
»Diese verdammte De Navarris-Hexe Phoebe hat gestanden, uns eine höchst interessante junge Wandlerin von dort unterschlagen zu haben. Anscheinend ist sie diejenige, die von dem Erzengel ein Amulett bekommen hat, das ihr übermenschliche Kräfte verleiht. Das würde einiges erklären. Und dieses Mädchen wie auch das Amulett war nicht in dem Massengrab. Dahinter steckt PAGAN, wir haben eine deaktivierte Dämonensonne in der Burg gefunden.«
Bru’jaxxelon schwieg zunächst angesichts dieser Neuigkeiten. Als er endlich wieder zu Umbriel sprach, bemühte er sich gar nicht, seine Erregung zu unterdrücken. »Die Fäden laufen langsam in die gleiche Richtung. Ah, es ist nun wirklich an der Zeit, meine kleine private Intrige in Gang zu bringen. Wir haben Frühling, die Tage werden wärmer, die Blümlein blühen: Zeit für eine perfekte kleine Inkarnation. Die Blutige Mutter sei mit dir, du abgrundtief böses, einsames, verlassenes Geschöpf.«
Umbriel schluckte seine Betroffenheit angesichts der brutalen Wahrheit hinter Bru’jaxxelons Abschiedsgruß hinunter und war insgeheim erleichtert, dass die bittere Kälte und die verhasste Dunkelheit mit dem Machtvollen verschwinden würden. Schon wurde es wieder wärmer.
»Übrigens, Umbriel?«
»Meister?«
»Was würdest du demjenigen antworten, der behauptete, es gäbe keine Engel und Dämonen, sondern nur eine Rasse von immateriellen Geschöpfen, die in vieler Hinsicht den Menschen ähnelten?«
»Ich würde ihn auslachen und einen Blasphemiker nennen.«
»Euereiner ist wahrlich nicht zu helfen.«
Und noch während Umbriel verwirrt über diese Worte nachsann, zog sich die Finsternis in Sekundenschnelle zurück und verschwand.
Umbriel ergriff die Karaffe auf einem Tischchen neben sich und schüttete einen Schwall Wasser auf die Damönensonne, deren Glühen daraufhin augenblicklich verlöschte.
Auch dieses Tuch hatte Bru’jaxxelon ihm zum Geschenk gemacht, nicht ohne darüber einige seiner des Öfteren mehr als rätselhaften Worte zu verlieren. »Hier ist ein kleines Geschenk für dich, mein lieber, seelenverfaulter Umbriel. Euereiner liebt doch diesen altmodischen Kram und Schnickschnack. Aber wieso nicht? Dann magst du mich eben auf die alte, romantische Weise rufen.«
Erleichtert ließ sich Umbriel in seinen Sessel fallen, während die Flammen der Kerzen überall im Zimmer wieder aufblühten.
Dann griff er nach der Fernbedienung des CD-Players und gab sich den Klängen eines Kinderchors hin, der ›Bright Eyes‹ sang.
 
 

»Wie lange willst du diesen Scheiß noch durchziehen?«
Engelbert natürlich. Wie gewohnt, kam er unverhofft in ihr Zimmer geschneit.
Tigris warf sich trotzig auf den Bauch und stellte sich schlafend. Es war wieder ein neuer Morgen herangebrochen, doch weder der täuschend echte, warme Frühlingstag noch der Vogel, der in der Nähe des geöffneten Fensters sang, konnten ihre Depression auch nur ansatzweise durchbrechen. Sie nahm noch nicht einmal wahr, dass der kleinere Zwitscherer die ganze Zeit ›Always look on the bright side‹ schmetterte.
»Ich weiß genau, dass du wach bist. Wird das jetzt dieses Vogel-Strauß-Ding? Kopf in den Sand stecken und warten, bis alles vorüber geht? Hoffen, dass die ganzen Krisen sich in Wohlgefallen auflösen und du dann entspannt aus deinem Bettchen steigen kannst, um dein ›normales‹ Leben wieder aufzunehmen? Ich halte dich ja für ziemlich unüberlegt, aber so blöd bist selbst du nicht. Also hör auf damit und komm mit, die anderen warten schon auf dich.«
»Verpiss dich! Lass mich in Ruhe! Ich will nicht mehr!«, stieß Tigris mit energisch zusammengekniffenen Augen hervor.
»Keiner hat mehr Lust auf den ganzen Mist, Schatzerl. Sollen wir es dir etwa nachmachen und alle bis auf Weiteres die Augen zusammenkneifen?«
»Du weißt gar nichts über meine Gefühle«, entgegnete Tigris und ließ ungehindert die Tränen an ihrer Nase hinunter rinnen. »Ich bin am Ende. Vollkommen am Ende.«
»Aber du bist doch immerhin noch am Leben. Die anderen brauchen dich. Ihr braucht euch jetzt gegenseitig.«
»Aber ich habe Angst, Engelbert«, bekannte Tigris schluchzend. »Ich traue mich nicht mehr, aufzustehen und unter anderen Menschen zu sein. Es wäre besser, wenn ich gestorben wäre.« 
»Jeder von uns hat Angst vor den Spinnern der Allianz«, versuchte Engelbert sie zu trösten.
»Das meine ich nicht.« Tigris' Lippen bebten. »Ich habe Angst vor mir selber.«
»Äh ..., also, wie jetzt?« Engelbert war hörbar verwirrt.
»Ich kann es dir nicht erklären. Ich verstehe es doch selber nicht.«
»Versuch es.«
»Ich mutiere anscheinend langsam, aber sicher zu einem Monster.«
»Du meinst diese Sache, wie du diese Allianzleute erledigt hast? Nja, das war ein wenig, äh, unorthodox. Vielleicht verleiht dir das Amulett diese Kräfte?«
»Auf jeden Fall. Oder es macht mich schizophren. Vielleicht ist etwas darin gefangen, das langsam aber sicher meinen Geist übernehmen will. Vielleicht ist das Ding deshalb so gefährlich. Vielleicht ist dieser Bru’jaxxelon darin gefangen und will durch mich die ganze Welt vernichten.«
»So ein Quatsch, er ist viel zu hyperaktiv, um die ganze Zeit über in einem kleinen Bernstein hocken zu bleiben. Immerhin hast du nur diese Mörder erledigt und keinem von uns etwas getan. Also hör auf, dich hier zu vergraben und komm in den Park. Wir haben nämlich eine Riesenüberraschung für dich.«
»Ich hasse Überraschungen! Ich will keine mehr.«
»Aber es ist eine wirklich tolle Überraschung. Alle haben sich gefreut, und die Überraschung hat sich auch sehr gefreut«
Tigris schnellte aus den Kissen hoch und starrte Engelbert für einige Sekunden mit großen Augen an.
»Wo?«
»Am See, Cafe ›Bootshaus‹.«
»Ist es eine lebendige Überraschung?«
»Ja. Ein wenig melancholisch und übertrieben vernünftig, aber sonst ...«
»Blond? Braune Augen?«
»Aber ich sage nicht, welches Braun!«
Doch das hörte Tigris gar nicht mehr, da sie schon aus dem Bett gesprungen und aus der prachtvollen Wohnung gerannt war, die man ihnen im ›Aquarium‹ fürs erste überlassen hatte.
So schnell sie konnte, drängelte sie sich vorbei an den Unmengen von Xendii, Touristen größtenteils, die die malerischen Gassen und Sträßchen von Shangri-La verstopften und ihr perplex hinterher sahen. Manche brachen sogar in Lachen aus, aber das nahm sie gar nicht wahr.
In Rekordzeit hastete sie durch die Parkanlagen und Waldwege zum kleinen künstlichen See, auf dem viele Ruderboote unterwegs waren.
Vor dem hellblau gestrichenen Holzhaus saßen sie schon alle: Bat Furan, Ras Algheti, Antigua und sogar Ilvyn.
Doch war wo die Überraschung?
»Meine Güte, ist sie es oder ist sie es nicht?«, rief Antigua den anderen zu, als sich Tigris ihrem Tisch näherte.
»Wirre Locken, Pyjama, tiefe Augenringe...« Bat Furan nickte. »Ich würde sagen, sie ist es.«
Pyjama? Tigris sah an sich herunter und errötete. Sie hatte sich noch nicht einmal umgezogen, so sehr hatte sie sich gefreut und war ohne nachzudenken hierher gesprintet.
»Wo ist er?«
»Wer?« Ras Algheti ließ eine kleine grüne Sphäre in seiner Handfläche hervorkommen und wieder verschwinden.
»Kommt schon, Engelbert hat sich verplappert.«
»Keine Ahnung, was du meinst.« Antigua runzelte befremdet die Stirn.
Tigris schnaubte genervt auf - ihre anfänglich hoffnungsfrohe, gehobene Stimmung war dabei zusammenzufallen wie ein Hefekuchen, den man zu früh aus dem Backofen holte.
Mit einem Mal legte sich ein Arm um sie und ein Paar samtbraune Augen sahen liebevoll und traurig zugleich bis hinab in ihre Seele.
»Oh mein Gott, Ember!«, stieß sie mit zitternder Stimme hervor und flüchtete augenblicklich in seine Arme, weil die Tränen bereits nur so aus ihren Augen hervorstürzten.
»Meine arme Tigris«, hörte sie ihn mit seiner vertrauten, sanften Stimme leise sagen, während er sich mit ihr sachte wiegte. »Was ist nur mit der Welt und uns passiert? Ich kann immer noch nicht glauben, was man euch angetan hat.«
Antigua und selbst die beiden Jungen wischten sich verstohlen über die Augen. Ember stand für eine Zeit, bevor all die schrecklichen Dinge passiert waren, für glücklichere, für immer verlorene Tage.
»Tja, wir sind jetzt wohl erst mal für die nächsten drei Jahre bei Tigris abgeschrieben«, frotzelte Bat Furan schließlich, um das bedrückte Schweigen zu vertreiben.
»Von wegen. Ember war und ist auch mein bester Freund«, erklärte Antigua, ebenfalls gewillt, sich trotz allem nicht unterkriegen zu lassen und Stärke zu demonstrieren.
»Wessen bester Freund bist du eigentlich nicht, Ember?«, fragte Ras Algheti grinsend.
»Wieso habe ich jetzt das Gefühl, in meinem vorigen Leben ein Hund gewesen zu sein?«, seufzte Ember. Dann schmunzelte er ihnen aufmunternd zu und löste sich von Tigris, um auch sie mit einem Lächeln aufzuheitern.
»Kann er auch mein bester Freund werden?«, ließ sich Engelbert vernehmen, der aus Versehen vergessen hatte, sich blonde Engelslöckchen anzumaterialisieren, bevor er das zweite Mal an diesem Morgen die jungen Windwibbs besucht hatte. Ilvyn musterte seine mitternachtsblaue Punkfrisur mit erhobenen Brauen. »Seitdem wir hier sind, warte ich darauf, dass du dich endlich verrätst, Dämon«, raunte sie unheilschwanger, was Engelberts Grinsen schockgefrieren ließ.
»Ilvyn, er ist ein lieber Daimon«, verteidigte Tigris ihren Leibwächter schniefend.
»So lieb jetzt aber auch wieder nicht. Immerhin werde ich in der Daimonsion von der MDL gesucht. Ein Muster meines Shines fliegt in allen größeren Planetensystemen zum Anfühlen herum«, warf Engelbert mit stolz erhobenem Kinn ein.
»Na, wenn das so ist.« Ilvyn unterdrückte ein Grinsen. All die Daimons in Shangri-La hatten sie anfänglich in Todesangst versetzt. Doch sie waren überaus nett zu ihr, manche nahmen augenblicklich die herrlichsten Engelsgestalten an und schlugen dabei die Leier, um sie zu beruhigen. Und nie wurden sie müde, ihr geduldig zu erklären: »Es gibt keine Engel oder Teufel, Herzchen. Nur Daimons. Nichts als Daimons. Nette Daimons. Blöde Daimons. Psychisch gestörte Daimons. Mitfühlende Daimons.«
Manchmal glaubte Ilvyn es sogar schon selber. Doch die Bewunderung für die Erzengel konnte nichts und niemand ihr ausreden.
Ember und Tigris setzten sich zu ihren Freunden, wo der sanftmütige Seher erzählen musste, wohin es ihn verschlagen hatte.
»Ich lebe nun auf Viti Levu, in Savannis Sippe. Ihr könnt mich ja jetzt jederzeit besuchen kommen.«
»Viti Levu? Hört sich polnisch oder so an«, meinte Bat Furan.
»Das ist eine der Fidschi-Inseln. Es ist traumhaft schön dort.«
Bat Furans Augen wurden ganz groß. »Im Ernst? Hört euch das an: Auf den Fidschi-Inseln! Ich glaube es nicht. Aber na klar kommen wir dich besuchen. Jeden Tag.«
»Du bist unverschämt wie immer, Bat Furan«, sagte Antigua gespielt streng. »Schließlich will Ember doch auch einmal alleine mit Savanni sein.«
Ember lächelte gelassen. »Wenn wir euch satt haben, können wir mit wenigen Schritten in die Mongolei entfliehen.«
»Dann bist du also jetzt in festen Händen, wie?« Tigris strahlte Ember an und drückte ihn an sich. »Ich freue mich so für dich. Wir alle freuen uns für dich.«
»Danke.«
»Aber vergesst niemals du weißt schon was«, zog Antigua ihn auf. »Im Moment laufen genug überbegabte, psychisch gestörte Xendii durch die Gegend.«
Jemand räusperte sich, dann kamen Aévon und Rosanjin um die Ecke des Bootshauses herum.
Engelbert, der über Aévon nur das Schlechteste von den anderen Daimons in Shangri-La gehört hatte, entschwand augenblicklich.
»Soll das eine Anspielung auf euren geliebten Trainingslehrer sein?«
»Aév, welche Strafe gibt es eigentlich für das Schwänzen des Unterrichts?«
Die beiden DiSMaster setzten sich ungefragt dazu. Embers Blick wanderte erstaunt zwischen Aévon und Tigris hin und her.
»Ember, das ist mein Halbbruder Aévon, der Sohn von Procyon Zimberdale. Meinem wahren Vater.«
»Das ist jetzt eine Überraschung für mich.« Ember reichte den beiden die Hand.
»Und das ist der Schwager von Tigris. Mein heißgeliebter Rosanjin«, verkündete Aévon daraufhin und legte den Arm um seinen Geliebten, was Bat Furans Miene ein wenig verdrießlich werden ließ. Er konnte sich immer noch nicht recht mit Aévon und seiner sexuellen Orientierung anfreunden.
»Gut, dass wir uns nicht mehr auf dem Boden der Allianz befinden«, erklärte Ember, nicht sonderlich überrascht über das schwule Paar. »Ich habe noch nie verstanden, wieso man Leute nicht das Leben führen lassen kann, das sie möchten.«
»Die Allianz, dieser Karnevalsverein, ist gerade dabei, sich aufzulösen«, rief Aévon spöttisch. »Wobei man natürlich nicht weiß, welche Theatergruppe ihr nachfolgen wird. Hoffen wir einfach mal das Beste. Apropos Karneval und so: Netter Pyjama, Tigris.«
»Ja, ich hoffe auch, diese ewigen Krisen gehen vorüber. Vielleicht könnten wir uns dann ein bisschen mehr um die anderen Menschen kümmern«, sagte Ember. »Ich habe jedenfalls vor, Psychologie zu studieren und dann eine Praxis für die Neutralen zu eröffnen.«
»Das ist eine sehr gute Idee, Ember«, lobte Rosanjin den jungen Seher. »Das war auch einmal mein Traum.« Er schaute wehmütig hinaus auf den See.
»Es ist nie zu spät, seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.«
»Tja, für manche schon. Dank ihrer liebenden, verantwortungsbewussten Eltern«, antwortete Aévon schroff und holte dann hastig seine Zigaretten aus seiner Nordstaaten-Jacke.
Ember warf den beiden betroffene und betretene Blicke zu. Dann weiteten sich seine Augen und blieben an Tigris hängen, die augenblicklich das Gesicht abwandte.
»Aber was? Sterben muss jeder einmal. Darauf qualmen wir uns eine, nicht wahr, Antigua?« Aévon bot der Ruferin, die ein trotziges Lächeln aufgesetzt hatte, von seinen Zigaretten an.
»Von wegen Unterricht schwänzen!«, meinte Ras Algheti zu Aévon. »Wenn die Lehrer lässig in der Gegend herumspazieren, gilt das ja wohl nicht als Schwänzen. Wo sind die anderen denn?«
»Surfen auf Hawaii. Wir wollten euch eigentlich aufsammeln und auch dorthin«, erklärte Rosanjin. »Aber ihr möchtet ja lieber Schwänzen.«
»Ich bin dabei!«, rief Bat Furan daraufhin und sah in die Runde.
»Ein bisschen am Strand herumliegen würde uns Mädchen bestimmt gut tun«, stimmte Antigua zu und sah Ilvyn und Tigris fragend an.
»Die Frage ist: Tut das wiederum unseren Augen gut?«, neckte Aévon sie.
»Als ob du auf herumliegende Mädchen achtest.« Bat Furan musste herzlich lachen.
»Schon alleine, um nicht drüber zu stolpern und aus Versehen auf ihnen zu landen!«, gab Aévon grinsend zurück. »Wie Rosanjin früher hin und wieder.«
»Interessant.« Antigua sah den Japaner mit betont erhobenen Brauen an.
»Ich betone nochmals: Früher. Und mehr hin als wieder.« Aévons Lächeln wurde merklich frostiger.
»Es tut ja so gut, zu wissen, wie begehrt man noch ist.« Rosanjin schüttelte amüsiert den Kopf, erhob sich und tippte seinem Geliebten auf die Schulter.
Dann standen sie alle auf und machten sich auf den Weg zurück in die Stadt, um von dort aus über die Asiatische in die Pazifische Node gehen zu können.
Den ganzen Weg durch den Park tollten Bat Furan, Ras Algheti und Aévon umher, beschossen sich mit Dashes und Jets und wehrten die gegnerischen Schüsse mit Frills und Cages ab, während die anderen über die Allianz-Krise, gute Universitäten weltweit und die erstaunlichen Dinge in Shangri-La redete.
»Man kann auch bei MyNiteSky Glückwünsche an den Sternenhimmel hier schreiben lassen«, erzählte Rosanjin ihnen. »Oder Glitzerregenbögen und so einen Schnickschnack. Wer selber keine Ideen hat, wie man seine Lieben überraschen könnte, kann sich von den Daimons von Think4U beraten lassen. Und Daimons sind wirklich überaus kreativ, das muss man ihnen lassen.«
»Trotzdem sieht man die DiSMaster hier selten«, warf Antigua ein.
»Gerade deswegen. Wir brauchen diesen Rummel nicht. Wir müssen uns auf wichtigere Dinge konzentrieren. Die Wüste ist ein idealer Ort ohne jegliche Ablenkungsmöglichkeiten.«
»Das Seminar in Guulin Kherem war anstrengend, aber effektiv«, fand Tigris.
»Dann solltest du dich auch wieder aufs Training stürzen, Tigris. Es hilft dir, mit allen möglichen Dingen fertig zu werden, mit all der Wut und dem Gefühl der Hilflosigkeit.«
»Ja, vielleicht werde ich ab morgen auch wieder-« Tigris blieb unvermittelt stehen.
Glitzernde Lichter einer Großstadt unter ihr. Es war Nacht.
»Tig?« Antigua beugte sich besorgt zu ihr vor.
Die kurze Vision war vorbei.
»Schon gut, nur ein kleiner Schwächeanfall.« Tigris atmete tief durch und ging weiter.
Das schwache Geräusch von leisem Autohupen und Sirenen, aus der Tiefe empor wehend, brandete erneut heran.
Und wieder Nacht.
Sie entschied sich, die Bilder zu ignorieren und marschierte weiter, obwohl sie nichts mehr von Shangri-La sah oder hörte, sondern so klar und deutlich wie nie zuvor in Häuserschluchten hinuntersehen konnte.
›Eine schöne Nacht zum Reisen, kleines Erdengeschöpf. Wohin soll der Weg mich führen? Spanien? Da war ich schon. Island? Zu öde. Wie wäre es mit Asien? Einmal den Himalaja sehen!‹
Das war zuviel!
Tigris fühlte, wie sie auf den Kiesweg stürzte. Erst abgehackt, dann wieder laut und deutlich vernahm sie die Stimmen ihrer Freunde und die Nacht verblasste.
»Meine Güte, es geht ihr gar nicht gut, sie ist ganz bleich und zittert«, hörte sie Ember sagen.
»Tigris! Nein!« Das war Aévon, außer sich vor Angst. Verschwommen sah sie ihn auf sich zuhasten und fühlte schon seinen Arm um sich. Zusammen mit Bat Furan hievte er sie wieder empor und stützte sie beim Gehen.
Dann entfernten sich ihre Stimmen erneut, und seine Stimme ertönte dafür wieder klar und deutlich.
›Ich komme, ich eile, du dem Staub versprochenes Erdengeschöpf. Tigris. Ja, ich komme nun zu dir, kleine Tigris.‹
»Nein ! Lass mich in Ruhe! Ich weiß gar nichts!«, kreischte Tigris und versteifte sich in der Umarmung von Aévon und Bat Furan wie unter einem Anfall.
»Schneller, wir müssen sie ins Krankenhaus schaffen!«, keuchte Aévon und hob seine Schwester kurzerhand auf seine Arme, ohne seinen von Panik beflügelten Schritt zu verlangsamen. Er hatte es bei seiner verstorbenen Schwester Zaniah miterleiden müssen, diese ersten spastischen Schübe, denen irgendwann, manchmal erst Wochen später, ein letzter, aus unvorstellbarer Qual hervorberstender, schriller Schrei folgte, dann der Geruch brennenden Fleisches und fauchendes Feuergebrüll.
›Wünsche mir eine gute Reise zu dir. Ich nehme übrigens einen kleinen Umweg. Ich muss dir noch etwas zeigen. Eine Überraschung sozusagen.‹
Und Seelenfresser sprang hinab in das Lichtermeer, um dann über ihm hinwegzurasen, und über andere erleuchtete Städte, dunkle Wälder und im Sternenlicht aufglitzernde Flussbänder.
»Nein, geh weg. Geh weg!«, schluchzte Tigris und begann hemmungslos zu weinen, während Aévon sie, ohne dass sie es bemerken konnte, in die Stadt trug.
Denn Bru’jaxxelon ließ nicht ab von ihrem Geist, nahm sie mit auf die Reise zu ihr. Ein riesiger See glitt unter ihr dahin, auf dem sich die Sterne spiegelten, um für einen kurzen Moment von einem blitzschnellen Schatten vollkommen verdunkelt zu werden.
Während ihre Freunde mit ihr endlich das Krankenhaus erreicht hatten und im Aufzug zur Notfallstation hochfuhren, schoss sie über eine schier unendliche nächtliche Waldlandschaft dahin, während sie wimmerte, und ihn abwechseln verfluchte und anflehte.
Als Mira herbeigerufen wurde, sie auf die Liege betten ließ und sie zu beruhigen versuchte, tauchte er hinab in die Wälder und raste dicht über aufwirbelndes Laub mit ihr durch endlose, nah beieinander stehende Kiefern und Tannen.
In dem Moment, in dem Mira ihr gerade eine Beruhigungsspritze setzen wollte, wurde der Flug schlagartig langsamer, denn ein dunkler, weitläufiger Gebäudekomplex kam in Sicht.
›Willkommen in Excelsior‹, raunte Bru’jaxxelon und Tigris verstummte, während sie mit offenem Mund ins Leere starrte.
»Er wird es vernichten. Er weiß seit langem, wo es zu finden ist.«, stammelte sie tonlos.
»Ganz ruhig, Tigris. Niemand wird Shangri-La vernichten«, versuchte Mira sie zu beruhigen, nicht ahnend, dass Tigris sie nicht hören konnte, ebenso wenig wie ihre Mutter, die gefolgt von Procyon aufgelöst ins Zimmer stürzte.
Eine gewaltige Explosion sprengte die Vorderfront des Gebäudekomplexes von Excelsior auseinander. Sirenen schrillten, Menschen brüllten, und Bru’jaxxelon donnerte ins Innere, wo er kopflos flüchtende Menschen vor sich hertrieb, die sowohl davonrannten als auch immer wieder irre Blicke hinter sich auf etwas Ungeheuerliches und Monströses warfen. Ihre weißen Kittel flogen im Lauf, aber auch Gestalten mit kahlgeschorenen Köpfen und grauen Kitteln schossen zwischen ihnen dahin, alle auf der Flucht vor dem Ding, das Geräte, Tische, Stühle und Mauerteile wie Spielzeug in die Luft warf und auf sie niederstürzen ließ, um sie zu zerschmettern und unter sich zu begraben. Hundertfache schrille Todesschreie gellten durch das dröhnende Tosen und Tigris schrie mit ihnen, wollte mit ihnen flüchten und bäumte sich unter dem Griff ihrer Mutter, Aévons und Miras auf, die sie zurück in die Liege drücken wollten. Doch sie konnten gegen die übermenschliche Kraft, die Tigris auf einmal durchströmte, nichts ausrichten. Sie sprang von der Liege und torkelte wie blind im Raum umher, schrie, brüllte wie ein verletztes Tier, wimmerte und schrie wieder, geschüttelt von Wahnsinn.
Für kurze Sekunden blendete sich das Krankenzimmer in Tigris’ Bewusstsein, bekannte Gesichter leuchteten auf und verschwanden wieder.
Immer wieder versuchten die entsetzten Zuschauer dieses Tobsucht-Anfalls, Tigris zu fangen, damit Mira ihr endlich die Spritze geben konnte, doch sie schaffte es immer wieder, jeden von sich zu stoßen, der sie auch nur berühren wollte.
Bru’jaxxelon wütete immer schlimmer und gewährte Tigris dabei gleichzeitig schockierende Blicke auf Menschen, die mit unzähligen Drähten an Maschinen angeschlossen waren, mehr tot als lebendig; auf lange Regalreihen voller durchsichtiger Behälter, in den Gehirne und andere Organe schwammen, auf dunkle Röhren, durch die Blitze fegten, auf apathische Menschen in grauen Kitteln und winzigen Zellen, die nicht fortrannten, während Feuerwalzen und Explosionen sich unaufhaltsam ihren Weg zu ihnen bahnten.
Vor einem langen, dunklen Korridor voller schmaler Zellentüren machte Seelenfresser halt, und ließ die Flammen ersterben, bevor sie die Tür mit der Nummer 178 erreichen konnten.
›Und hier ist meine Überraschung. Habe ich dir nicht kürzlich von einem bedrückenden Ort erzählt, an dem Gedanken umher flogen, in denen deine Augen aufleuchteten? Wie eine Kerze im finstersten Verlies. Und ich habe denjenigen näher kennen gelernt, der da oft an dich denkt.‹
Die Tür schwang langsam auf und zeigte Tigris eine magere, zusammengekauerte Gestalt in einem grauen Kittel, kahlgeschoren und regungslos.
Wie auf Zehenspitzen schlich sich Bru’jaxxelon an die bemitleidenswerte Gestalt heran, die ihre Stirn gegen die angezogenen Knie drückte.
›Er hat einige nette Erinnerungen an dich, als er noch seine Haare lang trug und noch nicht in diesen Schlamassel geraten war. Er war eine Kämpfernatur, aber Excelsior ist stärker, ein hoffnungsfressendes Monstrum, erdacht von schlauen Gehirnen und kalten Herzen.‹
Tigris hielt in ihrer blinden Raserei inne und sank schluchzend auf die Knie, vor den erschütterten Augen ihrer Eltern und Freunde. Augenblicklich setzte Mira ihr die Spritze. Doch Tigris merkte es nicht einmal.
»Oh nein. Darius...«
›Ja, Darius. Ein guter alter Freund von dir, nicht wahr, kleines Erdengeschöpf.‹
Etwas absolut schwarzes, gleich einer matten, seidigen Flüssigkeit, kroch an Darius’ Beinen empor.
Langsam hob er den Kopf und schien mit leeren, dunklen Augen geradewegs Tigris anzusehen. Er stand unter Beruhigungsmittel und wehrte sich überhaupt nicht, nicht einmal, als die Schwärze schon seine Beine und seinen Oberkörper eingehüllt hatte.
»Nein ... Nein! Lass ihn in Ruhe!« schrie Tigris und sprang wieder auf die Beine. Dann begann sie zu schreien - lange und gellend, setzte wieder von neuem ein, sobald sie kurz nach Luft geschnappt hatte.
»Das ist alles nur deine Schuld!«, brüllte Aévon Procyon an und stürzte sich hasserfüllt auf ihn und nur Rosanjin, Bat Furan und Ras Algheti gemeinsam konnten das Schlimmste verhindern.
Procyon ließ sich mit starrem, schockiertem Gesichtsausdruck gegen die Wand fallen und wischte sich mit beiden Händen langsam über das Gesicht.
Und Tigris stieß immer noch ihre spitzen Schreie aus.
›Wenn man zu Besuch kommt, bringt man ein kleines Geschenk mit. Ich bringe dir also etwas mit, wohlerzogen wie ich bin.‹
Bru’jaxxelon näherte sich Darius noch weiter, mehr und mehr, bis Tigris nur noch schwarze Pupillen sah. Und noch näher und näher, bis völlige Dunkelheit sie umfing.
In diesem Moment brach Seelenfresser die Verbindung zu ihr ab.
Tigris jappste mit weit aufgerissenen Augen nach Luft.
Plötzlich fühlte sie sich unendlich schwer und müde - und fiel Aévon geradewegs in die Arme, der sie behutsam auf die Liege hob und dann weinend sein Gesicht an ihrem Hals barg. »Deine Schuld. Alles nur deine Schuld«, hörten die anderen ihn flüstern.
»Tigris' Zustand hat nichts mit dem Xendium zu tun«, eröffnete Danubia ihnen mit einem Mal.
Sie hatte sich an die Kante der Liege gesetzt und streichelte Tigris müde die fiebrige Stirn.
Die überlebenden Windwibbs wechselten kurze Blicke untereinander, während Mira, Procyon und Rosanjin sie verwundert ansahen. Selbst Aévon hob den Kopf.
»Mira, du erinnerst dich sicher an den Tag, an dem du mich in Düsseldorf besucht hast und Tigris durchnässt nach Hause gekommen ist...«
»Ja, natürlich.«
»Im Wald ist Raffael ihr begegnet.«
»Ein Zerrafin?« Procyons Augen wurden erst ganz schmal, dann weiteten sie sich in plötzlicher schockierter Erkenntnis.
Mira schlug sich die Hände vor den Mund.
Danubia zog langsam das verfluchte Amulett aus Tigris’ Pyjama.
»Sie wollte es niemals haben, doch er hat es ihr einfach übergestreift. Sie kann es nicht ohne weiteres ausziehen, und selbst wenn sie es auszieht, erstickt sie innerhalb weniger Augenblicke. Und doch hat es sie vor dem Tod bewahrt, als sie von zwei Daimons, Devney-Zwillingen, vom Kirchturm herabgestürzt wurde. Wenn es nicht ihr Xendium wieder erweckt haben sollte, so verleiht es ihr zumindest ähnliche Fähigkeiten wie die eines Xendi. Es sieht aus wie ein Nodenschlüssel, doch es hat keine Aura. Wahrscheinlich, weil darin etwas enthalten ist, dass PAGAN Ultra-DiS nennt.«
»Von wegen Schussel«, entfuhr es Aévon. »Und falls doch, können wir Omri jetzt beruhigen. Wir haben vielleicht gefunden, was er angeblich verlegt hat.«
»Wenn das stimmt ... dann haben wir vielleicht die Möglichkeit, sämtliche Noden zu schließen, ohne dass die Allianz etwas dagegen unternehmen könnte.« Procyon sah das Amulett an, dann betrachtete er seine schlafende Tochter.
Diesmal spürte sogar Aévon die Welle aus bitteren Schuldgefühlen und unterschwelliger Furcht, die von seinem Vater zu Tigris herüberwehte.
»Ihr vergesst nur eine kleine, unbedeutsame Tatsache«, sagte Mira. »Wir wissen nicht, wo dieses Oberste Portal zu finden ist. Bisher konnte ich weder im DimensioNet noch in der Bibliothek etwas darüber finden.«
»Wir werden es finden«, grummelte Aévon. »Und wenn ich dafür alle Zerrafin höchstpersönlich erwürgen müsste.«
 

© I.S. Alaxa
Vor Verwendung dieser Autoren-EMail-Adresse bitte das unmittelbar am @ angrenzende "NO" und "SPAM" entfernen!
.
Und schon geht's weiter zum 14. Kapitel (bzw. zum 7. Kapitel des 2. Teils)...

.
www.drachental.de