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Xendium - Inkarnation von I.S. Alaxa
Teil 1 - DiSMaster vs. Daimons
Kapitel II

Kaum war der Staat Guulin Kherem gegründet worden, entfalteten die DiSMasters und ihre Schüler sofort die Betriebsamkeit eines Ameisenhaufens.
Tigris hatte gerade die Passage von Shangri-La in Aévons kleines Reich durchschritten, da stieß sie mit drei Leuten zusammen, die offenbar irgendwo auf der Welt einen Baumarkt geplündert hatten. Scheppernd fielen Paletten voller Lackspray zu Boden, begleitet von einigen Rollen grellbunter Tapetenrollen. Einer der Heimwerker in spe reagierte geistesgegenwärtig und hinderte mit einem Split Slave drei Schachteln voller Nieten gleichzeitig daran, sich beim Aufschlag großzügig im Korridor der Tore zu verteilen. Dort herrschte ohnehin ein reger Verkehr, sogar an diesem frühen Abend. Es waren vorübergehend Durchgänge zu irgendwelchen Schrottplätzen, aber auch Fabriken und Geschäften innerhalb der PAGAN-Doméns errichtet worden, aus deren Fundus man sich anscheinend ungeniert bediente.
Tigris staunte nicht schlecht.
»Und was ist mit der Bezahlung?«, rief sie einem Mädchenpaar zu, das gerade aus Shanghai eintraf und Vorhangstoff in seidig schimmerndem Grau und Hellgrün zu seinem Zimmer in der Burg zu schleppen gedachte.
»Das war ein Schnäppchen, ein Restposten!«, antworteten sie strahlend.
»Keine Sorge, Tig! Das geht auf Staatskosten.«
Sie wandte sich um und sah Hababai breit grinsend vor einem Tor nach Kalkutta stehen. Im Arm trug er eine helle Holzskulptur, die selbst ohne die geringste Fantasie als pikante Momentaufnahme einer ziemlich kompliziert aussehenden Tantra-Stellung zu erkennen war.
»Wir haben gestern und vorgestern drei Städte von Daimons befreit. Natürlich gegen Bezahlung, inklusive Mehrwertsteuer.«
»Mehrwertsteuer?« Sie hob befremdet die Braue.
»Ja, eigentlich war unsere Arbeit mehr wert. Aber wir sind zunächst mit Dumpingpreisen angetreten, damit man uns weiter empfiehlt.«
»Ihr gebt gegenüber den Neutralen offen zu, so etwas wie Hexer zu sein? Ihr spinnt«, lachte Tigris.
»Im Moment erstaunt sie das nicht mehr so sehr wie früher. Seit die Daimons inkarniert sind, sind sie derart unglaublich offen für alles. Wir wurden freudig empfangen und durften sogar in den besten Hotels schlafen.«
»Und ich dachte, ihr macht das alles aus reiner Menschenliebe ...«
»Schon, aber von irgendwas müssen wir ja leben. Und PAGAN wird uns garantiert früher oder später den Geldhahn zudrehen. Aber jetzt, wo wir diese Alternative habe, juckt uns das zurzeit nicht mehr so ganz.«
»Na, dann ...« Tigris wandte sich bereits halb zum Gehen um. »Weißt du zufällig, wo ich Antigua und die anderen finde? Ich wollte mal schauen, wie es ihnen geht.«
»Bei dem Durcheinander schwer zu sagen. Sieh doch einfach mal in ihren Zimmern nach. Wenn sie nicht gerade Accessoires für ein wohnliches Ambiente kaufen, sind sie bestimmt dabei, dieses Ambiente zu erschaffen.«
Der schwarze, gutmütige Hüne begleitete sie auf dem Weg in den Gemeinschaftssaal der Burg. Hababai hatte ihr irgendwann einmal erzählt, dass er gerade ein Studium der Elektrotechnik in Johannisburg angefangen hatte, als Aévon und Rosanjin ihm dort zufällig über den Weg gelaufen waren und endlich Antworten auf fast alle seine Fragen geben konnten, von denen zwei etwa lauteten: ›Warum sitzt in der Uni der Geist meiner längst verstorbene Urgroßmutter neben mir und weiß so gut über Schaltkreise, Solartechnik und dergleichen Bescheid? Und wieso eigentlich geht hin und wieder bei meinen amourösen Abenteuern das Bett in Flammen auf?‹
Seitdem er rasch einen Titel bei dem DiSMaster-Tournament vor drei Jahren erworben hatte, gehörte er zur viel bewunderten und viel beschimpften Entourage um Aévon und freute sich ansonsten seines Wandler-Daseins. Gleich Volta schien er pfeifend und schlendernd durchs Leben zu gehen, fest entschlossen, sich von nichts und niemandem seine gute Laune verderben zu lassen, am allerwenigsten von irgendwelchen spinnerten Daimons.
»Mit wem wohnst du eigentlich, Habbi? Oh, ich vergaß, ihr seid ja die politische Oberschicht.«
»So`n Quatsch. Ich wohne mit Volta und Didy zusammen. Nicht mal Aévon wohnt alleine, sondern mit Rosanjin.«
»Mit wem auch sonst?«
»Tja, Bat Furan wollte ja nicht zusammen mit ihnen wohnen.«
»Wie konnte er nur ablehnen?« Tigris lachte laut los.
»Er zog es vor, mit Ras Algheti und diesem düsteren Hübschling eine WG zu gründen.«
»Darius. Ich weiß, sie sprachen vor ein paar Tagen darüber.« Tigris fühlte einen Schauer über ihren Rücken kriechen, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen.
»Ja, er ist ein bisschen komisch, so undurchschaubar. Aber er spielt wirklich gut Gitarre. Und er ist verdammt schlau, im Gegensatz zu manchen anderen. Bat Furans Erdkundekenntnisse zum Beispiel sind nicht die besten, und das, obwohl wir seit Tagen mit allen Neulingen für die Schnitzeljagd pauken, welche Länder zu welchen Doméns von PAGAN gehören, welche Zeitzonen sie haben und so. Hier, sie wohnen im dritten Stock im Turm Mitte-Links.« Hababai tippte fast genau in die Mitte eines großen Planes, der seit neuestem im Gemeinschaftssaal hing und anzeigte, in welchen Teilen und Stockwerken der Burg sich wer häuslich niedergelassen hatte und wo welche Örtlichkeit zu finden war.
»Fuhrpark?« Tigris riss erstaunt die Augen auf, als sie den Eintrag für ein Gebäude an der Außenseite der Burg las.
»Ja, na klar«, erklärte Hababai stolz. »Wir machen alle Rostlauben wieder flott, die mindestens zwei Räder besitzen. Jeder kann sich nach Absprache ein Auto oder eins der vielen Motorräder ausleihen und eine Spritztour irgendwohin unternehmen. In den Garagen hängt auch eine Liste mit verschiedenen, noch aktiven illegalen Toren weltweit. Tig, du musst unbedingt einmal eine Motorrad-Tour durch die Provence machen! Diese Farben! Diese Gerüche. Und diese Käsesorten!« Hababai seufzte verträumt.
»Ich kann kein Motorrad fahren. Und erst recht nicht Auto.« Sie erinnerte sich an die haarsträubenden Spritztour mit den drei schrillen Daimons, die im Schlossweiher von Düsseldorf-Benrath geendet hatte.
Und nun befand sie sich tausende Kilometer weit weg, irgendwo in der Mongolei. Und tausende Lichtjahre entfernt von ihrem alten Leben. Die Vergangenheit erschien ihr mehr und mehr als Traum, den sie einmal gehabt hatte und der nicht mehr zurückkehren würde. Merkwürdigerweise verblasste das Bedauern über diese Tatsache von Tag zu Tag.
»Ach, Tig, es gibt genug Leute, die dir das beibringen können. Mich zum Beispiel. Wir können gleich übermorgen Motorrad fahren lernen. Es geht nichts über Mobilität. Du musst übrigens den Durchgang da hinten nehmen, da geht es zum Turm Mitte-Links. Ich bringe Didy jetzt seine komische Figur. Er sammelt sie nämlich. Ziemlich unpraktisch, wenn du mich fragst. Immerhin kann er sie ja schlecht alle zu seinen Dates mitschleppen und auf die Kommode stellen, um zu sehen, wie er sich beim Sex verrenken muss.«
Tigris schüttelte lachend den Kopf und ging die Treppen hinauf, wo ihr ein paar asiatisch und orientalisch aussehende Schüler aufgeregt diskutierend entgegen kamen. Kein Zweifel: Guulin Kherem war eindeutig international und multikulturell, und alle zogen an einem Strang. Zum ersten Mal fragte sie sich, wie es wäre, inmitten dieses schrillen Bienenstocks zu wohnen. Es hörte sich alles so aufregend und abenteuerlich an, es klang nach Freiheit, Spaß und Selbstbestimmung.
›Mama hustet mir etwas, wenn ich mit diesem Vorschlag ankomme. Und außerdem hätte ich dann keine Zeit mehr für Anjul‹, dachte sie. Vor allem letzteres erschien vollkommen inakzeptabel, auch wenn sie sich seit Anjuls Erwachen vor zwei Tagen nur einmal ins Krankenhaus gewagt hatte und sich maßlos über ihre augenblickliche Feigheit ärgerte. All ihren Mut hatte sie zusammengekratzt, nur um sein Bett leer vorzufinden. Wahrscheinlich hatte man ihn wieder einmal einer der langwierigen Nachuntersuchungen unterzogen, was natürlich durchaus verständlich erschien, nach all dem.
Doch am nächsten Tag hatten sie die Zweifel wieder gepackt.
Denn es war schließlich eine Sache, jeden Tag bei jemandem zu verbringen, der es vielleicht nicht einmal bemerkte. Und eine ganz andere, so mir nichts dir nichts bei jemandem aufzutauchen, der nun mehr oder weniger putzmunter war und sich vielleicht fragte, wer das fremde Mädchen war, das in sein Zimmer schneite.
Im dritten Stock der Burg angekommen, fand sie Antigua bei den Jungs.
Ras Algheti, der die Seite mit zwei kleinen Fenstern gegenüber der Eingangstür in Beschlag genommen hatte, malte an einem bunten Graffiti mit seinem Namen und allerlei Verwünschungen und Beschimpfungen gegen die Domén Arxes von Europa und America Borea.
»Hi Tigris!«, begrüßte er sie und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wie geht es Schneewittchen?«
»Er meint die Mumie, die du so geschockt hast, dass sie wieder von den Toten auferstanden ist«, ließ sich Bat Furan vernehmen, dessen Kreativität für seine Bettseite sich offenbar darin erschöpft hatte, einige Poster mit den Playboy-Playmates der Monate Januar bis März auf seine Wand zu kleben.
»Was wohl Shirooka dazu sagt?«, fragte Tigris süffisant, ohne auf die Sticheleien der Jungs weiter einzugehen. So glücklich Tigris über Anjuls Rückkehr in das Reich der Lebenden war, so ärgerlich fand sie, dass diese Sache blitzschnell zu Dem Gesprächsstoff in Shangri-La und darüber hinaus mutierte und manchen Leuten Anlass zu dummen Sprüchen bot.
»Die Poster hat sie selber mit Bat Furan ausgesucht«, erklärte Antigua schmunzelnd. »Er wollte nämlich zuerst Paris Hilton aufhängen, aber da wurde Shirooka echt sauer.«
Tigris sah zur rechten Seite des Zimmers, wo Darius ein wahres Kunstwerk in Blutrot auf die zuvor pechschwarz getünchte Wand gezaubert hatte. Es sah auf den ersten Blick nach einem komplizierten Tribal-Muster aus, doch durch eine optische Täuschung konnte es auch ein Gesicht mit vollen Lippen, bluttriefenden Reißzähnen, Brüsten und langen Haaren darstellen. 
Der Schöpfer des Meisterwerks selber war nach Auskunft von Ras Algheti seit dem frühen Morgen irgendwohin verschwunden, was des Öfteren vorkam und allen außer Tigris wohl nicht merkwürdig vorkam.
»Romantisch, nicht wahr?« Bat Furan seufzte. »Und mich grinst das Ding nun jeden Abend an.«
»Mich wundert das gar nicht«, grummelte Tigris.
»Ich mag Darius«, sagte Antigua. »Er ist so ... so schräg. Aber irgendwie tiefsinnig. Und er spielt wirklich toll Gitarre.«
»Ich weiß. Er schreibt auch sehr erheiternde Lieder. ›Die Nacht weint Blut‹ und dergleichen.«
»Oh, ja, das ist irgendwie cool«, fand Ras Algheti, der einen Schritt zurück trat, um seine Kreation zu begutachten. »Düster, aber cool. Vor allem diese bedrohliche Melodie. Er hat es uns vorgestern nach der Abendmeeting vorgespielt.«
Tigris rollte entnervt die Augen. Anscheinend gefiel Bru’jaxxelon seine menschliche Identität als Darius so gut, dass er nicht einmal davor zurückschreckte, den Hofbarden der jungen Nation zu geben.
Bat Furan holte aus einem alten Kühlschrank eine Flasche Cola und servierte den Mädchen und Ras Algheti eine kleine, eiskalte Erfrischung.
»Wie geht das denn, so ohne Elektrizität?«, wunderte sich Tigris, denn so weit sie wusste, war Guulin Kherem an kein Stromnetz angeschlossen.
»Ach, mit DiS geht doch alles. Und wenn es nur eine kleine, immerwährende Eiszeit im Kühlschrank ist«, lachte Bat Furan.
Tigris sah sich weiter um. Der wohnzimmergroße Raum hatte eine Nische links neben der Tür, in der die Jungs ihre Anziehsachen untergebracht hatten. Von der Decke hing an Ketten ein schlichter, schnörkelloser Kerzenlüster aus schwarzlackiertem Metall, der sanftes Licht verbreitete. In der Mitte des Zimmers stand auf dem neu wirkenden, grauen Teppich mit japanischen Symbolen ein Tisch mit dunkler Onyxplatte, dem die Beine kürzer gesägt und silbern angestrichen worden waren. Und rund um ihn lagen schwarze und rote Sitzkissen verteilt, auf denen es sich die Vier gemütlich machten.
»Nett habt ihr’s hier. Und dann noch der staatseigene Fuhrpark ...« Tigris lächelte.
»Das ist das Beste!«, rief Ras Algheti begeistert. »Ich war heute Morgen mit ein paar anderen in Sydney unterwegs. Der alte Porsche läuft mit DiS noch schneller und ich dachte schon, mir fliegen die Wimpern weg.«
»Du hast vorhin Ras’ Frage nicht beantwortet, Tigris: Wie geht es deiner Märchenprinzessin?« fragte Bat Furan breit grinsend an Tigris gewandt.
»Sehr gut, danke der Nachfrage. Und übrigens heißt er Anjul, auch wenn du dir diesen schwierigen Namen anscheinend nicht merken kannst«, entgegnete Tigris unwirsch.
»Du musst unbedingt was gegen deinen Mundgeruch machen, Tigris«, riet ihr Ras Algheti mit ernster, besorgter Miene. »Oder wenigstens Kapital daraus schlagen. Beim nächsten Koma-Patienten nimmst du eine Wiederauferstehungsgebühr.«
»Ihr seid ziemlich blöd, wisst ihr«, sagte Tigris eingeschnappt. »Anstatt euch zu freuen, dass wir bei PAGAN einen Rufer-Wandler haben-«
»Echt? Er ist ein Rufer-Wandler?«, fragte Antigua höchst interessiert. »Die sind doch ziemlich selten. Ilvyn meinte, von allen Doppelt-Begabten überleben Babies mit diesem Xendium am seltensten. So weit ich weiß, haben wir hier auf der Burg keinen einzigen Rufer-Wandler.«
»Und sobald Aévon und die anderem von dieser Tatsache Wind kriegen, werden sie ihn garantiert anwerben wollen«, schloss Bat Furan.
»Was ist, wenn er überhaupt keine Lust hat, sein Leben beim Kampf gegen Daimons aufs Spiel zu setzen«, wandte Tigris leidenschaftlich ein, »nach allem, was er erlebt hat? Er ist noch nicht gesund. Er braucht jemanden, der für ihn da ist und ihm hilft, das alles zu verarbeiten. Kein Kampftraining.«
»Gerade groß und stark wirkte er als Mumie echt nicht«, pflichtete auch Ras Algheti bei. »Aber vielleicht hat er sich ja nach dem Auspacken wieder etwas ausgedehnt.«
In diesem Moment hörten sie Schritte von der Treppe her und wandten die Köpfe.
Darius.
Tigris murmelte ein halbherziges ›Hallo‹, das er jedoch nur mit kalter, arroganter Miene quittierte. Er hatte frisch geduscht, seine kurzen Haare glänzten feucht. Doch selbst ohne lange, schwarze Mähne und Kajal wirkte sein Gesicht düster und undurchschaubar, schon alleine durch die dunklen, wachsamen Augen.
Antigua musterte ihn amüsiert und blieb für einen kurzen Moment an seinem Hals hängen, an dem unverkennbar ein Knutschfleck prangte, was schließlich auch Tigris auffiel und ihr fast einen erschrockenen Aufschrei entlockt hätte.
›Wieso wundert mich das? Hat dieses Monster nicht selbst zugegeben, dass er Küssen so vermisst?‹, dachte sie grimmig und zwang sich, nicht weiter darüber zu grübeln, wieso ein abartiges, verkommenes böses Scheusal überhaupt das Bedürfnis nach Zärtlichkeit haben sollte.
»Habt ihr schon vernommen, dass die Schnitzeljagd morgen früh stattfinden wird? Nicht? Nun, dann kann ich euch die frohe Kunde überbringen: Alle Teilnehmer versammeln sich um halb vier Uhr morgens im Gemeinschaftsraum.«
Er holte sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und setzte sich neben Antigua. Tigris würdigte er kaum mehr eines Blickes.
»Wieso so früh? Was haben die vor?«, fragte sich Bat Furan. »Uns durch sämtliche Doméns PAGANs zu hetzen? Keiner von denen rückt mit der Sprache raus.«
»Ich fürchte, es wird tatsächlich auf eine halbe Weltreise hinauslaufen, wenn wir seit Tagen die Atlanten anstarren müssen, mein Freund. Außerdem sagte jemand etwas von ›Beweise mitbringen‹. Ich lasse mich überraschen, was uns vier wohl erwarten mag.« Seine schwarzen Augen sahen die anderen drei Windwibbs nacheinander an - und funkelten dabei boshaft, wie Tigris fand. Es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter. Und dieses Monstrum sollte alleine mit ihren Freunden losziehen?
Ohne zu überlegen, rief sie entschlossen: »Kann ich bei dieser Schnitzeljagd mitmachen, obwohl ich kein Staatsbürger von Guulin Kherem bin?«
»Gott bewahre«, murmelte Darius.
»Das hast du wohl nicht zu entscheiden, auch wenn du sonst so überzeugt von deiner Überlegenheit bist«, giftete Tigris ungerührt zurück, bereute aber im gleichen Augenblick ihr Temperament, als Darius sie unverhohlen böse ansah. Anjul hatte dieser wahnsinnige Daimon nichts anhaben können, aber vielleicht versuchte er es erneut mit ihren Freunden. Sie biss sich auf die Lippen und schwor sich, nicht noch einmal so leichtsinnig zu sein.
»Wenn ihr beide bei der Schnitzeljagd so rücksichtsvoll miteinander umzugehen gedenkt, bleibe ich lieber zuhause«, meinte Antigua kopfschüttelnd und sah Tigris  missbilligend an.
»Schon gut, tut mir leid«, zischte diese, was nicht im Geringsten überzeugend klang.
»Und mir erst«, säuselte Darius übertrieben lieblich.
»Sicher. Was für ein hübsches Bild übrigens. Sieht so ähnlich aus wie das in deinem Heft, das du mir einmal im Unterricht gezeigt hattest. Ist das der Gott, von dem wir einmal gesprochen hatten? Sieht eher nach ›Sie‹ aus.« Tigris sprach ruhig, doch die Kälte in ihrer Stimme war unüberhörbar.
»Was ist daran so verwerflich?«, fragte Darius gelassen. »Bärtige Greise finde ich nun einmal nicht so anziehend wie hübsche Frauen. Auch wenn manche von ihnen im Moment unausstehlich sind. Den Launen des schönen Geschlechts ist man als Mann zuweilen hilflos ausgeliefert.« Er seufzte gespielt.
»Haben diese eingewebten Buchstaben irgendeine Bedeutung? Sind das überhaupt Buchstaben?«, fragte Ras Algheti, weswegen alle das blutrote Kunstwerk eingehend betrachteten.
»Um das heitere Rätselraten um das Bildnis über meinem Bett zu beenden, verrate ich die schlichte und ergreifenden Wahrheit: Ich habe es irgendwann und irgendwo einmal gesehen und es gefiel mir eben. Falls es Buchstaben sein sollen, weiß ich nicht, was sie bedeuten mögen.«
Tigris betrachtete die komplizierten Ornamente. Tatsächlich konnte man bei genauer Betrachtung in einigen ineinander geflochtenen Linien und Schnörkel durchaus M und D wieder erkennen. Bei dem dritten Letter - wenn es denn einer war - blieb hingegen Spielraum für einige Interpretationen. Es konnte ein F sein , oder  ein E, oder ...
›MDL‹, durchfuhr es Tigris plötzlich. Sie riss den Kopf herum und schaute Darius an, der ohne mit der Wimper zu zucken ihrem durchdringenden Blick standhielt.
Wenn irgendwo noch ein Zweifel an der wahren Natur von Darius in Tigris genagt hatte, so hatte ihn diese Eingebung in nur einer Sekunde verbrannt.
MDL und Bru’jaxxelon. Das passte doch hervorragend zusammen.
Und nun wohnte der Feind der Menschen mitten in Guulin Kherem, um die DiSMasters auszuspionieren und sie womöglich auszulöschen.
›Irgendwie muss ich es schaffen, dass er sich selbst verrät und Aévon und die anderen misstrauisch werden‹, dachte sie. ›Und ich lasse ihn keinesfalls mit meinen Freunden alleine. Verdammt. Hoffentlich tut sich endlich etwas bei diesem verfluchten Amulett.‹
Sie konnte nicht ahnen, dass zumindest dieser Wunsch auf besondere Weise in Erfüllung gehen sollte.

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Es war eine illustre Zahl von hochstehenden Persönlichkeiten, die sich da am 20. Mai in dem riesigen unterirdischen Konferenzsaal zu einer geheimen Sitzung versammelt hatten.
Und sie alle hingen gebannt, furchterfüllt und still an den Lippen des schönen Propheten, der ihnen die Worte Gottes mitteilte.
In jeder Ecke des holzvertäfelten Raumes standen riesige Engel - vier Melegonin mit funkelnden Brustpanzern aus Metall und juwelenbesetzten Schwertern, sowie einem fünfzackigen Sternen-Anhänger aus  purem Diamant; ein Schmuckstück, das es ihnen ermöglichte, zeitweilig zu inkarnieren.
Was die Menschen für himmlische Strenge in ihren schönen Gesichtern hielten, entsprang in Wahrheit dem Unmut darüber, die ganze Zeit möglichst würdevoll herumzustehen und vor Langeweile zu vergehen.
Doch ihr Oberbefehlshaber hatte nun einmal angeordnet, dass sie Umbriels Treffen mit ranghohen politischen, militärischen und geistlichen Oberhäuptern möglichst eindrucksvoll gestalten sollten. Dies beinhaltete lästigerweise, sich die lächerliche, altmodische Kriegsrüstung anzutun und auch die unvermeidlichen Engelsflügel nicht zu vergessen. Allerdings wollten die vier Melegonin der Shinnn dann doch nicht ganz auf eine standesgemäße Note verzichten und hatten daher rasiermesserscharfe, sichelförmige Fortsätze an den Schwingenspitzen und ließen je eine orangerote, fauchende Feuersäule vor sich rotieren.
Dies sorgte für die respektvolle, angsterfüllte Atmosphäre, die Umbriels Plänen sehr zugute kam. Nur er und Thanatos wussten überdies, dass die vier überirdischen Gestalten nicht zu jener Seite zählten, zu der sie alle anderen im Saal rechneten - Adhara und ihr indianischer Kommandant Zephyr miteingeschlossen.
Das Oberhaupt von America Borea - wie immer in dunkler, hochgeschlossener Kleidung gewandet und ihre grauen Haare zu einem strengen Dutt gezüchtigt - hatte zuvor die Neutralen über die ganze Wahrheit aufgeklärt. Und so erfuhren einige Staatsoberhäupter der beiden Amerikas und von Europa und Asien,  außerdem Papst Gregor XVII., verschiedene Generäle sowie die zehn einflussreichsten Wirtschaftsgrößen alles über die herangebrochene Gottesdämmerung, als auch über die mutigen Xendii Nordamerikas und Europas, die seit einem Jahrhundert schon im Verborgenen und zum Wohle aller Menschen gegen die machtvolle Vereinigung von Teufelsanbetern namens PAGAN ankämpfte.
Doch deren Stunde war gezählt - Gott rief die Gläubigen zum letzten Sturm gegen die Höllenbrut des Jenseits und Diesseits.
»Die Zeichen konnte jeder sehen, dem sein Herz noch nicht verhärtet worden ist von den Sünden und Widerlichkeiten allüberall«, rief Umbriel leidenschaftlich. »Nun ist Seine Geduld zu Ende, denn das Flehen und die Tränen der Gläubigen dieser Welt hat sein Herz gerührt. Und so sprach der Herr: Vereinigen will Ich die Rechtgläubigen unter einem Banner und starke Engel will Ich ihnen zu Seite stellen, auf dass Meine Feinde erblassen und zu jammern anfangen. Aber all ihr späte Reue wird ihnen nichts nützen, denn gelästert haben sie Meinen Namen und die Rechtgläubigen verspottet. Doch nun werden Wir über sie spotten und ein strenges Gericht über sie halten.«
Umbriel sah in die bleichen, angespannten Gesichter ringsum und atmete tief durch.
Es war soweit.
Der Augenblick war gekommen.
Er schloss die Augen und senkte demütig den Kopf.
»Mein Herr, Unser aller Gott, hat zu mir gesprochen.
Aus der Mitte des Sündenpfuhls des Großen Reiches heraus werde ich Mein Reich errichten, das Reich der letzten Dämmerung.
Ein strahlendes Reich für die Gottergebenen, darin sollen sie keine Angst mehr kennen und nach Meinem Willen und Meinem Gesetz leben, bis ich sie zu Mir erhebe als Belohnung für ihren unerschütterlichen Glauben und ihrer eherne Treue.
Doch für jene, die Meinen Namen lästerten und die Namen der Propheten, all jene, die absichtlich von Meinem Weg abgingen, um abscheuliche Sünden zu begehen, für sie ist kein Platz darin und sie werden anheim fallen Meiner schrecklichen Rache, von der sie glaubten, sie würde nie kommen.
Darum sollen fortan in Meinem Reich nur noch die Gesetze gelten, wie sie euch durch die Propheten in der Weißen Bibel geschenkt worden sind, damit ihr ablasst von dem Schlechten und errettet werdet, wenn bald das Ende über diese Welt hereinbricht.«
Die Gesichter waren totenblass geworden - außer das des gebrechlichen Greises am Kopfende des langen Tisches. 
Papst Gregor XVII hatte die ganze Zeit mit geschlossenen Augen den Worten des Propheten gelauscht und fortwährend zustimmend genickt, auch wenn das Erscheinen des Propheten und seiner machtvollen Engel das Ende aller widerstreitenden Religionen bedeutete. Denn der einzig wahre Glaube, der Glaube der Xendii, kannte keinen Gottessohn und kein Wiedererscheinen Christi - nur eine schreckliche Apokalypse, zu deren Anfang sich die gottergebenen Nachfahren der Nefaílim der Menschheit zu erkennen geben würden, um mit ihnen gemeinsam gegen die Heere der Finsternis anzukämpfen.
Doch vieles aus dem Alten und Neuen Testament, der Thora, dem Koran und den Veden fand sich in der Weißen Bibel wieder - und somit hatte keine der großen Religionen völlig das Falsche geglaubt.
»Dies bedeutet also, dass ab sofort jedes menschengemachtes Gesetzeswerk außer Kraft treten muss, wenn es dem Göttlichen widerspricht«, sagte Adhara mit fester Stimme, nachdem sich Umbriel gesetzt hatte. Sie warf einen besorgten Blick auf den Propheten, der alles daran setzte, sich seine schlechte Verfassung nicht anmerken zu lassen.
»Wir sollen die amerikanische Verfassung für ungültig erklären?«, fragte James Warner, der amerikanische Präsident, mit zitternder Stimme.
»Halten Sie es für einen schlechten Handel, menschengemachtes Werk für göttliche Weisheit einzutauschen?« Umbriel sah den hageren Mann mit den schütteren, dunklen Haaren erstaunt an.
Dieser warf einen kurzen Seitenblick auf die vier grimmigen Engel und murmelte: »Nein. Nein, natürlich nicht. Wir sind ein gläubiges Volk und-«
»So ist es«, warf Adhara energisch ein. »Die Menschen dort draußen haben genug von dem Durcheinander, das atheistische, unmoralische Personen mit der so genannten ›Aufklärung‹ verbrochen haben. Und was ist das Resultat? WAS ist das Resultat?« Ihre Stimme wurde durch die leidenschaftliche Empörung lauter und ließ selbst die Engel überrascht zusammenzucken, was jedoch glücklicherweise niemand bemerkte.
»Grenzenloser Egoismus! Materielle Gier! Zersetzung der Familien! Der Körper und der Geist unserer unschuldigen Kinder werden durch Drogen, wahllosen Geschlechtsverkehr, gotteslästerliche Musik, Krankheiten wie AIDS zerstört. Und stolz tanzen dazu diejenigen, die es auch noch für ihr natürliches Recht halten, mit Kranken ihres eigenen Geschlechts in aller Öffentlichkeit Unzucht zu begehen. Soweit ist es schon gekommen: Das Kranke, das Verderbte, das Schlechte wird als das einzig Erstrebenswerte gefeiert.
Aber dies ist nun vorbei. Das Reich Gottes wird sich all des Schmutzes entledigen, das die Seelen der Menschen zersetzt und auffrisst. Und niemand kann sich Seinem Willen und seiner Macht entgegen stellen.
Niemand.«
»SEIN WILLE WIRD GESCHEHEN!«, dröhnten die Engel mit einer schockierend lauten Stimme, die den langen Konferenztisch samt Tassen und Kekstellern wie bei einem Erdbeben erzittern ließen.
»Ich denke nicht, dass der Senat sich dem göttlichen Willen widersetzen wird«, beeilte sich der Präsident zu sagen und wischte sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
Das war alles zuviel.
Seitdem Umbriel mit den Heerscharen von Kriegern und Engeln das Land von den Dämonen befreite, gegen die nicht einmal das Militär etwas hatte ausrichten können, herrschte ohnehin religiöser Ausnahmezustand in God’s own Country. Und dass nun Sein Reich eben hier gegründet worden war, erfüllte ihn mit einer Mischung aus Ehrfurcht und nackter Angst. Aber ja, sein Gewissen war eigentlich rein, er war stets in die Kirche gegangen, schon alleine, um die finanzkräftige Massen der religiösen Rechten auf seiner Seite zu behalten.
Und diese unterstützten Umbriel absolut, in vollkommener Ergebenheit und mit ekstatischer Euphorie.
Nein, wie konnte ein vernünftiger Mensch dagegen sein, sich der offenkundigen, göttlichen Allmacht zu widersetzen?
Niemand an dem Tisch würde das tun, das war klar und deutlich zu sehen. Sie alle zitterten vor Furcht, wie er selber.
Und doch gab es einen Mann in der Runde, der trotz der überwältigenden Anwesenheit der Engel und des unglaublichen Erfolgs Umbriels noch nicht ganz überzeugt war:
John Zelazin Jr., der reichste Mann Amerikas, einer der Grauen Eminenzen, die im Hintergrund die Politik der USA mitbestimmten.
Sicher, er fühlte sich unbehaglich und bedroht und vermied es, die überirdischen Gestalten anzusehen.
Allerdings hatte er die ganze Zeit während Umbriels und Adharas Reden an jene e-mail denken müssen, die ihm vor einigen Tagen geschickt worden war. Der Absender hatte nicht zurückverfolgt werden können, und zehn Minuten nach dem Öffnen hatte sie sich auch noch selber gelöscht. Unglaublich genug.
Und was darin gestanden hatte, war die haargenaue Schilderung dessen, was sich in diesem Raum gerade abspielte: Umbriel war im Begriff, einen Gottesstaat zu errichten - und in einer Zeit, in der der Mensch im Begriff war, zum Mars zu fliegen, würde es einen blutigen Rückfall ins finsterste Mittelalter geben.
Nicht, dass Zelazin ein Samariter war - seine Milliarden gewann er hauptsächlich durch seine unüberschaubare Anzahl an Firmen und Beteiligungen im Bereich der Rüstungsindustrie und des Ölgeschäfts, und um diesen Geldstrom niemals versiegen zu lassen, inszenierten er und jene einflussreichen Eminenzen mitleidlose Kriege und Putsche in aller Welt.
Aber es gab etwas, das Zelazin überhaupt nicht leiden konnte, und das war, verarscht zu werden.
Was hatte unter anderem noch in der Nachricht gestanden?
›Die heldenhafte Kämpfe von Umbriels Gotteskriegern ist nichts als eine grandiose Show. In Wahrheit entstammen die Engelswesen als auch die so genannten Dämonen derselben Art von immateriellen Lebewesen, die wie wir denken und fühlen können. Wir warnen eindringlich davor, Umbriel und Adhara Whitechurch Glauben zu schenken. Die beiden sorgen - ungewollt vielleicht -  nur dafür, dass die Bedingungen geschaffen werden, in der eine noch viel schlagkräftigere Sorte von Überirdischen über unsere Welt herfallen kann.
Dann wird nichts mehr von ihr übrig sein - und von Ihrem Reichtum natürlich auch nicht. Wir melden uns wieder. P.A.G.A.N‹
Vor PAGAN hatten die beiden Hexer oder Zauberer, oder was auch immer sie waren, doch eben so eindringlich gewarnt.
Nun gut.
Der Feind meines Feindes muss nicht mein Freund sein.
Aber es lohnte doch durchaus, sich eingehender mit dieser Materie zu beschäftigen.
Vielleicht war etwas dran.
Denn es gab noch etwas, das John Zelazin neben Verarschen überhaupt nicht vertragen konnte: Jemand, der ihm befehlen wollte, was er zu tun oder zu lassen hatte oder sich womöglich noch in seine Geschäfte einmischte.
›Weder Gott noch Teufel ist über mir.‹
Das war sein Wahlspruch.
Und trotz dieser riesigen Engel, trotz der Wundertaten der ›Himmlischen Heerscharen‹ hatte er nicht vor, ihn zu ändern.

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Am nächsten Morgen, gegen viertel nach vier, saßen acht Gruppen mit je fünf Leuten im Gemeinschaftssaal, von denen die meisten versuchten, nicht gleich wieder einzuschlafen und dabei auf den Tabletts mit dem Frühstück zu landen. Besonders Darius sah aus wie die fleischgewordene stille Miesepetrigkeit, die besser noch zehn Stunden im Bett verbracht hätte. Die Anwesenheit von Tigris schien dabei seine Stimmung nicht gerade aufzuhellen. Beide warfen sich heimliche, giftige Blicke zu, wenn sie nicht gerade gähnten.
Es galt, das erste Rätsel zu lösen und die Node herauszufinden, die sie als erstes anzusteuern hatten. Eine halbe Stunde vorher hatte jede Gruppe ein Start-Rätsel gezogen sowie einen Zettel mit dem Namen des DiSMasters, der sie begleiten würde.
Im Falle der Windwibbs und Darius war das Celestine Saint-Thalisse, die Französin, die mit einundvierzig Jahren die Älteste im ganzen Staat war, aber immer noch umwerfend gut aussah. Sie trug eigens für die Schnitzeljagd eine eng anliegende Kunstlederhose und eine kurze, wattierte Jacke, ausnahmsweise aber keine hohen Stiefel, sondern schwarze Baseballschuhe aus seidig schimmerndem Stoff. Tigris fragte sich, ob sie sogar die Einsätze gegen Daimons in Pumps mitmachte. Man kannte sie schließlich nicht anders als elegant-sexy.
Die Regeln der Schnitzeljagd waren denkbar einfach: An jedem Zielpunkt wartete das nächste Rätsel sowie der ›Beweis‹, den sie in ihre bereitstehenden Rucksäcke zu packen und mitzubringen hatten. Wenn man den Ort anhand der Rätsel herausgefunden hatte, musste als erstes die Node angesteuert werden, über die man dorthin gelangte. Aber jede Node durfte nur maximal zweimal betreten werden und Direktverbindungen waren nicht erlaubt. Über die Einhaltung der Regeln wachte der zugeteilte DiSMaster. Er war es auch, der bei Verstößen oder aus besonderen Anlässen das Spiel abbrechen konnte, in dem er mit dem Passwort ›Loser‹ seinen RAM aktivierte und seine Schützlinge wieder direkt nach Guulin Kherem zurückbrachte.
Aévon hatte ihnen noch verraten, dass sie an jedem Zielort auf Leute treffen würden, die von ihnen als Gegenleistung für die Herausgabe des nächsten Rätsels und des ›Beweises‹ eine Gefälligkeit verlangen würden.
Für jede Aufgabe samt Rätsellösung hatten sie maximal zweieinhalb Stunden Zeit.
Und nun brütete jeder über den Starträtsel, welches für Tigris und ihre Gruppe lautete:
»In dieser Node befindet sich ein Land, in dem es einen Ozean des Wissens gibt, doch der ist zurzeit nicht dort, sondern woanders. Ein Ticket ist nützlich, wenn ihr mittendrin zwei Harte gegen einen Weichen tauscht. Zuletzt sucht den Stern 3 / 6«
Ratlosigkeit hatte sich seitdem auf die Gesichter gezaubert.
»Ozean des Wissens? Ich kenne nur den Pazifischen und den Atlantischen Ozean«, murmelte Bat Furan.
»In der Mitte etwas Hartes gegen etwas Weiches austauschen?«, fragte sich auch Ras Algheti.
»Vielleicht eine riesige Bibliothek? Wo gibt es die größte Bibliothek der Welt? Weiß das jemand von euch?« Antigua schaute hilfesuchend in die Runde und schielte dann auf die anderen Gruppen, die ebenfalls fieberhaft damit beschäftigt waren, ihre Rätsel zu lösen.
»Ja, aber was heißt zurzeit nicht dort, sondern woanders?«, fragte sich Tigris. »Ist es eine Art Wander-Ausstellung? Eine Büchermesse? Wo ist zurzeit eine riesige Büchermesse, verdammt?«
»Irgendeine Idee, Darius? Du siehst im Moment so unglaublich intellektuell aus«, meinte Antigua.
Tatsächlich schien Darius über irgendetwas nachzubrüten. »Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Ozean des Wissens. Wo habe ich das schon einmal gehört?«, sagte er leise zu sich selber.
»Mann, denk schneller nach!«, forderte Bat Furan, als eine Gruppe leise aufjubelte und aufstand, um mit Shirooka los zu ziehen.
Alle waren mit einem Mal hellwach und aufgeregt.
»Kann es mal sein, dass wir das Rätsel XE abbekommen haben, so ein Scherzding, bei dem es sich dann herausstellt, dass es unlösbar ist oder so? Ticket, mit dem man irgendwas tauscht? Ich verstehe überhaupt nichts«, regte sich Ras Algheti auf. Dann forderte er schon leicht genervt: »Los, einen Tipp dürfen wir kriegen, lasst uns Cely fragen.«
Das stieß allerdings auf ungeteilte Ablehnung.
Eine Viertelstunde verging, in der drei weitere Gruppen den Raum verließen, und noch immer war für Tigris’ Gruppe keine Lösung in Sicht.
»Das kann nicht sein. Gibt es einen See, der übersetzt ›Ozean des Wissens‹ heißt? Oder ein Dorf, ein Land?« Bat Furans schüttelte verzweifelt den Kopf. Dabei hatte er sich vorgenommen, die Schnitzeljagd auf jeden Fall zu gewinnen.
»Selbst wenn. Außer Englisch kann ich keine andere Sprache«, meinte Tigris zerknirscht. »Braucht man etwa Kisuaheli für die Lösung? Japanisch? Vielleicht Tibetisch?«
»Natürlich!«, rief Darius, kaum dass sie zu Ende geredet hatte und schlug sich vor die Stirn. »Wie konnte ich das vergessen? Tigris, waren unsere intensiven Diskussionsrunden bei Frau Rautenberg denn völlig umsonst? Thema Buddhismus, Dalai Lama. Dalai Lama bedeutet ›Ozean des Wissen‹! Und das Ticket ist nützlich, wenn man die harten Konsonanten ›ck‹ gegen den weichen ›b‹-Laut austauscht. Das ergibt nämlich Tibet.«
Die Erinnerung an alte Zeiten irritierte Tigris etwas, während alle anderen freudig aufkreischten und gegenseitig abklatschten.
›Er hat sogar alle Erinnerungen von Darius angenommen‹, dachte sie empört.
»Also müssen wir zu welcher Node?«, fragte Bat Furan. »Fällt Tibet unter die Asiatischen Domänen oder unter die von Altai-Siberia?«
»Asia. Los, kommt endlich.« Kurzentschlossen sprang Antigua auf die Beine und zog Tigris auf die Beine. Alle schulterten ihre Rucksäcke, während sie Celestine heranwinkte. »Wir wären dann soweit.«
»Quelle mirage! Isch könnte vor Glück weinen«, meinte die Französin unschuldig lächelnd.
Sie flogen regelrecht in die Korridore der Tore, nahmen gleich die Passage in die Asiatische Node und kamen ganz außer Atem in dem riesigen, unterirdischen Komplex an.
»Und jetzt?«, fragte Ras Algheti. »Wir sollen doch einen Stern suchen, oder so. Gibt es hier einen Stern? Außer dem Pentagramm von PAGAN dort oben in der Kuppel?«
Sie blieben inmitten der gut besuchten Node stehen und sahen empor zu dem metallisch glänzenden Symbol im Scheitelpunkt.
»Sucht den Stern 3 / 6. Den dritten von Sechs?« Antigua sah von dem Papier auf.
»Hm.« Bat Furan stemmte die Händen in die Hüften und besah sich die unzähligen Eingänge der Korridore auf dem Aufgang, der sich spiralförmig weit nach oben zog.
»Lasst uns mal den dritten Stock und den sechsten Flur ausprobieren, die sind ja durchnummeriert.
Gesagt, getan.
»Soll das diese riesige sternförmige Lampe am anderen Ende sein? Aber da ist doch keine Passage mehr«, wunderte sich Tigris, während sie auf das leuchtende Kunstwerk aus Tiffany-Glas zueilten.
Bat Furan und Ras Algheti untersuchten die Lampe eingehend.
»Wie? Acht Packungen Party-Strohhalme?« Bat Furan staunte nicht schlecht über das, was er hinter dem Glas hervorzog.
»Hier ist noch etwas«, meinte Ras Algheti und förderte drei eingerollte Zettel mit jeweils einem Kreuzwort-Rätsel sowie drei Stiften zutage.
Sie kauerten sich unter die prachtvolle Lampe und brüteten wieder einmal über einem Rätsel, während hin und wieder chinesische Xendii aus den Passagen ihrer Gemeinschaften kamen und sie erstaunt ansahen.
Die Sache wurde durch merkwürdige Fragen erschwert, in denen der eigenartige Humor der DiSMaster durchschien. Nach mehr als einer halben Stunde saßen sie immer noch über den Rätseln, während Celestine Yoga machte und im Lotus-Sitz meditierte.
»Blauer Katermacher?«, fragte Antigua mit erhobener Braue.
»Oh, es kann nur das höchst ekelhafte Gebräu namens Blue Curacao sein«, meinte Darius angewidert.
»Und was sie wohl mit ›Abstellfläche für vier Buchstaben‹ meinen?«, wunderte sich Tigris.
»Keine Ahnung. Aber ich habe das erste Lösungswort bald heraus, glaube ich«, verkündete Antigua. »Zumindest YURT . N«
»Yurten? Die gibt’s in der Mongolei, denke ich«, überlegte Ras Algheti.
»Dann ist Dzavchan vielleicht eine Stadt dort«, meinte Darius. »Das habe ich jedenfalls bei diesem Rätsel heraus.«
»Ha, Dzavchan«, rief Bat Furan stolz. »Das ist ein Fluss in der Mongolei. Aévon hat doch letztens erwähnt, dass seine Lieblingssippe dort ihr Lager aufgeschlagen hat. Wir müssen also wieder zurück in die Mongolei.«
»So langsam kommen wir also in Fahrt«, meinte Tigris und sah auf ihre Uhr. »Mein Gott, erst kurz nach fünf Uhr Morgens. Weiß jemand, was ALTANSAR sein könnte?
»Noch nicht«, antwortete Darius. »Aber ich schlage vor, wir gehen schon einmal in die Node.«
Augenblicklich sprangen sie hoch und machten  sich schleunigst wieder auf den Weg hinunter ins Erdgeschoss zu den elf riesigen Toren zu den anderen Noden.
»Das ist au’ noch nie in der Geschischte der Noden vorgekommen«, meinte Celestine nachdenklich und betrachtete die Ebenholz-Portale. »Alle Tore in die Doméns der e’maligen RSA sind geschlossen.«
»Was ja auch besser ist. Die spinnen doch«, grollte Antigua.
»Einige spinnen«, korrigierte Celestine ernst. »Die anderen müssen diese Spinnereien ertragen. Es ist sehr schwer geworden, denjenigen zu ’elfen, die gerne von dort weg möschten. Oder wegen ihrer Meinung sogar von dort unbedingt weg müssen. Auch das fällt in den Aufgabenbereisch von eusch zukünftigen DiSMasters.«
»Mit Vergnügen!«, knurrte Bat Furan entschlossen und schritt als erster in die Node von Altai-Siberia.
Tigris und die anderen Windwibbs sahen sich in der Höhle um. Im Vergleich zur monumentalen asiatischen Node, aus der sie gerade gekommen waren, sah diese überraschend schlicht und fast winzig aus. Der Boden war aus glitzerndem Sand, die Felswände wirkten auf den ersten Blick unbearbeitet und roh. Die Durchgänge zu den anderen sechs Noden PAGANs machten den Eindruck von finsteren Höhlen, während  die Passagen zu jenen auf den Gebieten der ehemaligen RSA vom nackten Fels nicht unterscheidbar waren, hätten nicht ihre Namen in Augenhöhe auf dem Felsgestein gestanden, eingefräst mit schwach glühenden Lettern in Königsblau. Auf diese Weise waren stilisierte Bildnisse von Menschen und Tieren überall in das Felsgestein graviert worden, gleich Höhlenzeichnungen. Der serpentinenartige Weg, der sich zum Scheitelpunkt empor wand, war mit bunt bemalten Holzgeländern gesichert. In regelmäßigen Abständen hing ein Bären- oder Hirschfell an der Wand, das nur selten zurückgeschlagen wurde, wenn ein Xendi dann und wann aus einer Passage heraustrat und in die nächste ging.
Es herrschte geradezu andächtige Stille in Altai-Siberia, untermalt von den manchmal knackenden Feuern der Fackeln überall an den Wänden.
Ras Algheti wagte daher gar nicht laut zu sprechen, obwohl er eine erfreuliche Entdeckung machte. »Hier sind die Tore anscheinend nach Flüssen und Gebirgen benannt, guckt doch auf die silbernen Tafeln über den Fellen.«
Tatsächlich, neben Kyrillisch standen auch in lateinischen Lettern Namen auf den Tafeln und verrieten ihnen, dass eine Passage zum Fluss Dzavchan sich im zweiten Stock befand.
Ohne weiter Zeit zu verlieren, beschritten sie die Serpentine und verschwanden hinter einem Fell.
In den nächsten Augenblicken fanden sie sich in einer großen, länglichen Blockhütte wieder und schauten nicht weniger neugierig drein als einige Karten spielende Kinder, die augenblicklich innehielten und mit glänzenden, schwarzen Augen zu ihnen herübersahen.
Im Raum war es dank eines zylinderförmigen Ofens kuschelig warm, und breite, freundliche Gesichter lächelten sie an, ohne sich jedoch beim Teetrinken an den acht niedrigen Tischchen weiter stören zu lassen.
»Ögl nij mend churgeje«, sagte Cely zur Begrüßung, was mit gelassenem Murmeln beantwortet wurde.
Eine ältere Mongolin in bunter Filzjacke hieß eines der Kinder aus dem Zelt zu eilen, während zwei andere, jüngere Frauen mit einladender Geste auf eines der Tischchen wiesen, an dem die Männer enger zusammenrückten, um den Gästen Platz zu machen.
Da Cely sich ohne zu zögern dazusetzte, taten es ihr die Jugendlichen nach.
Nur zwei Minuten später tauchte ein Junge ihres Alters auf, der sich ohne Umschweife zu ihnen gesellte und sie auf Englisch ansprach.
»Guten Morgen. Ich bin Ganbold, euer Reiseführer. Wie geht es euch?« Er lachte sie mit blendenweißen Zähnen an, die wie alles an ihm robust und durch und durch gesund aussahen. Seine schwarzen, kurzen Haare steckten unter einer dunkelblauen Schirmmütze, dazu trug er eine alte, abgewetzte Lederjacke und eine braune, weite Wollhose.
»Na ja, wir sind etwas müde, aber da müssen wir durch«, erklärte Ras Algheti. »Aber vor allem müssen wir nach Alt- äh, wie hieß das noch einmal?« Er wandte sich mit fragendem Blick an Tigris, doch Ganbolds Strahlen wurde durch das Erwähnen der mongolischen Silbe noch größer, als es schon war. »Doch nicht etwa zur Sippe Altinsar? Na, die werden sich freuen. Können jede Hand gebrauchen. Sind erst gestern an ihrem Weideplatz angekommen. Hier, Kumys.« Er nahm einer Frau, die zu ihrem Tisch getreten war, einen ledernen Schlauch ab, der in seinen Händen gluckste und goss ungefragt eine milchige Flüssigkeit in die Gläser, die im Nullkommanichts von flinken Händen bereitgestellt wurden.
»Ähm, ja. Kumys.« Bat Furan beäugte misstrauisch das fremde Getränk, dessen Schaumkrone nur langsam niederging.
Cely, die anscheinend schon öfters zu Gast in mongolischen Sippen gewesen war, leerte ihr Glas in einem Zug und leckte sich genießerisch über die Lippen. Dies schien den Jugendlichen ein gutes Zeichen zu sein, und so probierten sie vorsichtig davon.
Tigris erschauerte wegen des salzigen Geschmacks, ließ sich aber nichts anmerken.
»Ja, nicht schlecht. Erinnert mich entfernt an Buttermilch«, sagte Antigua lässig, schüttelte jedoch heftig den Kopf, als Ganbold nachschenken wollte.
»Ich mag kein Kumys. Komisch, warum Touristen das immer unbedingt trinken müssen«, meinte er nachdenklich, doch dann erhellte sich sein gutmütiges Gesicht wieder durch das schelmische Grinsen und er beugte sich etwas zu ihnen vor, obwohl sonst niemand im Raum Englisch zu sprechen schien. »Wann findet denn endlich das Motorrad-Rennen statt? Andauernd fragen mich meine Freunde, ob ich etwas weiß.«
»Wenn nix schief geht, an Medyastas, da fällt es nischt so auf, wenn ’underte Leute nach Sibirien ge’en«, antwortete Cely amüsiert. »Aber Aévon wird es noch bekannt geben, Ganbold. Du ma’st wieder mit, oder?«
»Dsa! Natürlich. An Mittsommer also. Gut. Wollt ihr noch mehr Kumys? Oder Frühstücken?«
Doch die Windwibbs und Darius schüttelten entschieden die Köpfe. Besonders Bat Furan wollte keine Zeit verlieren und so schnell wie möglich den ›Beweis‹ und das nächste Rätsel in die Finger kriegen.
Sie verließen die Blockhütte, die an einem großen Fluss stand, der sich behäbig durch hügeliges Grasland wälzte. Es war früher Morgen und Nebelschwaden zogen mit dem Wasser flussabwärts. In einiger Entfernung von der Holzbehausung standen mehrere der typischen Mongolen-Jurten, von denen sich die größte als ›Bahnhof‹ erwies, von wo aus man alle Gemeinschaften erreichen konnte, die irgendwo am Fluss Dzavchan lagerten.
»Was für ein Xendium hast du eigentlich?«, erkundigte sich Bat Furan bei Ganbold, bevor er in die Finsternis trat, die hinter einem bunten Stoffvorhang an der leinenen Jurtenwand auf sie wartete.
»Tengri geruhte, mich mit dem Wandler-Xendium zu beschenken«, lachte er. »Und dann geruhte Er, mich beim letzten illegalen Motorrad-Rennen mit dem Sieg zu beschenken. Vielleicht tut er es diesmal wieder. Fährst du auch?«
»Hm. Das wäre eigentlich genau das Richtige für mich«, überlegte Bat Furan, der niemals eine Herausforderung scheute.
»Wenn du gebrochene Arme und Beine und vor allem das Fliegen magst, dann bestimmt. Es ist wie dieses Ritterturnier in euren Geschichtsbüchern. Nur mit Motorrad.«
Auf der anderen Seite kamen sie erneut in einer Jurte heraus, die sie gleich verließen.
Die Sippe Altinsar hatte sich für ein  Lager an einem See entschieden und alle - ob alt oder jung, waren dabei, die Jurten zu errichten und vor allem in die bereits fertigen Behausungen Kisten, Decken, Tischchen und Kartons zu schleppen.
Offenbar hatte man die Gäste schon erwartet, denn kaum waren sie aus dem Zelt getreten, kamen freudig lachend ein Schwarm Frauen und Mädchen auf sie zu und führten sie sogleich zu verschiedenen Holzwägen und Jeeps, die noch vollbeladen dastanden und sehr nach viel Arbeit aussahen.
Doch wie hatte Aévon gemeint: Die ›Beweise und das nächste Rätsel‹ gab es nur, wenn man den Leuten, bei denen man aufschlug, einen Gefallen erwies.
Und daher packten sie ohne Murren tüchtig mit an. Bat Furan und Ras Algheti ließen sich sogar in die Kunst des Jurtenbauens einweihen, in der es unter anderem darum ging, scherenförmige Gitter zu einem Kreis zusammenzufügen und sie mit Tierhäuten, Filz und Leinenbahnen zu bespannen.
Man verständigte sich mit Händen und Füßen, und die Stimmung war prächtig.
Nach eineinhalb Stunden kam Ganbold mit einem alten Mann und sammelte sie reihum ein, um sie in eine der ofenbeheizten, fertig errichteten Jurten einzuladen.
Dort gab es neben dem unvermeidlichen Kumys und Tee noch Brotfladen mit gebratenem Fleisch - und ein wenig Konversation, die vor allem von Cely bestritten wurde.
Das Sippenoberhaupt der Altinsar wollte vor allem alles über den Stand der Dinge in Sachen Rosenstern-Allianz und Umbriel wissen, und Cely gab ihm ausführliche Antworten, die Ganbold übersetzte.
Doch immer wieder kehrten die dunklen Augen, kaum mehr als enge Schlitze, zu Tigris zurück und studierten sie eingehend.
Dann richtete er unvermittelt mit Hilfe Ganbolds das Wort an sie.
»Guaj Chuluun möchte gerne mit dir sprechen. Alleine.«

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Umbriels Höhenflug endete mit dem ersten Zittern, das sich in seinen Knien bemerkbar machte, und innerlich schmolz sein rauschartiges Triumphgefühl in Sekunden zusammen, hinterließ nichts als nackte Furcht und Besorgnis.
Und während Adhara begann, mehr über die Teufelsanbeter PAGANs zu erzählen, verlor sich der Seher und Prophet in seinen geheimen Gedanken, die ausschließlich um seinen Meister kreisten, der seit langen Wochen wie von dieser Welt verschwunden zu sein schien - sooft hatte Umbriel ihn mithilfe des Teppichs herbeizurufen versucht, doch ohne Erfolg.
Hatte er einen schwerwiegenden Fehler begangen, für den er bald bezahlen musste? Er war sich keiner Schuld bewusst, hatte sogar wie befohlen kein Wort über seinen machtvollen Helfer gegenüber den höheren Dämonen verlauten lassen, die mit der Öffnung der Tore zu ihrer Welt auf die Erde gekommen waren.
Wieso ließ ihn sein Meister plötzlich im Stich, und das ausgerechnet jetzt, wo er ihn so dringend benötigte?
Nur er konnte ihm schließlich jenes Elixier zukommen lassen, das dem Verhängnis des Verstärkten Xendiums Einhalt zu gebieten vermochte.
Nur Seelenfresser war in der Lage, einem Dämonen die Lebenskraft auszusaugen und sie einem Menschen mit verstärktem Xendium wie Umbriel einzuflößen, um ihm damit mehr Zeit zu verschaffen. Doch die Gabe musste regelmäßig erneuert werden und seit dem letzten Mal waren vier Monate verstrichen.
Seit einigen Tagen war die innerliche Unruhe und das Brennen in seiner Seele wiedergekehrt; erneut meldete sich in immer kürzer werdenden Abständen das Zittern in Händen und Beinen, und schon wieder griff Todesfurcht nach Umbriels Herzen und seinem Geist.

Aber wieso hatte ihn Bru’jaxxelon verlassen, jetzt, so kurz vor dem gemeinsamen Ziel?
›Meister, bald wirst du diese Welt in einem Meer von Blut und Hass versinken sehen, so wie wir es herbeigesehnt hatten. Lass mich nicht sterben! Nicht bevor die Blutige Mutter mich für würdig befunden hat, zu ihren Getreuen hinaufzusteigen. Nicht bevor sie mich erlösen wird...‹, dachte er.
Dann ließ ihn etwas aus seinen Gedanken auftauchen.
Stille.
Kein Geräusch war mehr zu vernehmen, nichts.
Niemand redete, niemand bewegte sich.
Sämtliche Teilnehmer der Versammlung saßen wie eingefroren da und starrten regelrecht hypnotisiert vor sich hin.
Umbriels Herzschlag beschleunigte sich sofort.
Mit angehaltenem Atem betrachtete er nacheinander die vier Melegonin.
Doch auch sie verharrten regungslos und apathisch stierend in den Ecken des Raumes.
Das konnte nur die Anwesenheit eines Dämons bedeuten, der mächtiger war als sie.
»Meister?«, rief Umbriel und erhob sich ängstlich.
Wo war die Kälte, wo die absolute Schwärze, mit der sein Herr über ihn zu kommen pflegte?
Oder war etwa ein anderer Shinn gekommen?
Umbriel traten Schweißperlen auf die Stirn. Wie sollte er vor einem machtvollen Kind der Blutigen Mutter sein Bündnis mit Bru’jaxxelon verheimlichen? Aber Bru’jaxxelon hatte ihm stets eingeschärft, weder Mensch noch Dämon von ihrer Verbindung zu erzählen. Welch furchtbares Dilemma!
Dann ertönte eine Stimme direkt hinter seinem Rücken. Sie klang diesmal seltsam nah - so als ob ein Mensch zu ihm spräche.
»Wie schlecht geht es dir, Umbriel, verrottet und wahnsinnig wie kein anderes Geschöpf an diesem Tisch und auf der ganzen Welt?«
Umbriel zuckte erschrocken zusammen, als die Stimme seines Meisters zusammen mit warmem Atem wispernd in sein Ohr drang.
Doch die Erleichterung und die Freude überwogen schließlich.
»Ich bin dein unterwürfiger Diener, Meister. Aber du scheinst mich zu meiden. Habe ich etwas falsch gemacht, dass du mich verstoßen hast?«, wagte Umbriel zitternd zu fragen.
»Ich weiß nicht. Hast du?« Bru’jaxxelon klang spöttisch. »Den Melegonin etwa von deinem über alle Maße starken Herrn erzählt - entgegen seinen Befehlen? Nicht, dass die Shinnn und Zerrafin von mir erfahren. Es soll doch eine Überraschung werden, wenn sie bald diesen Planeten heimsuchen. Ein Familienfest der besonderen Art.«
»Nein, Meister. Kein Sterbenswort habe ich gesagt, weder zu einem Menschen noch zu einem Dämon«, stieß Umbriel hervor. Immer sprach Bru’jaxxelon in diesen Rätseln. Was hatte er denn nur mit den Zerrafin zu tun, den feindlichen Erzengeln?
»Nun, dann hast du nichts zu befürchten. Und? Gibt es Neuigkeiten?«
»Die Heerscharen der Kinder der Blutigen Mutter suchen bereits nach dem Mädchen und dem Amulett.«
»Wie unartig von den Melegonin der Shinnn«, sagte Bru’jaxxelon. Als er dann fortfuhr zu sprechen, veränderte sich seine Stimme, klang höher - wie die einer Frau.
Und mit einem Mal trat tatsächlich eine Frau hinter ihm hervor und stützte sich lässig auf die Schultern der erstarrten Adhara rechts neben ihm.
Umbriel starrte die Inkarnation seines Herrn verwirrt an. Er hatte die Gestalt von Phoebe De Navarris angenommen, jener Seherin, die Umbriel eigenhändig in geheimen Verliesen gefoltert und schließlich mit über hundert Messerstichen förmlich ausgeweidet hatte.
»Aber keine Sorge. Das Mädchen ist in meiner Nähe, ebenso wie das Amulett.«
»Dann wirst du es ihr bald abnehmen und endlich alle Tore öffnen, Meister?«, rief Umbriel freudig aus.
»Ich nehme es ihr dann ab, sobald ich es brauche. Und daher vernichte ich jeden Daimon, der darauf aus ist, es ihr zu stehlen. Ich kann diese Einmischung in meine Pläne nicht dulden. PAGAN ist meine Sache. Das Amulett ist meine Sache. Und ...« Bru’jaxxelon ging weiter zu Zephyr und ließ seinen langen, schwarzen Zopf langsam durch seine Hand gleiten. »Ganz besondern das Mädchen ist meine Sache. Ich kümmere mich höchstpersönlich um dieses ahnungslose, interessante Geschöpf.«
Umbriel verfolgte jeden Schritt seines Meisters mit großen Augen.
»Natürlich. Du wirst PAGAN von innen heraus zerstören«, meinte er begeistert.
»Vielleicht«, erklärte der Dämon und klang verwirrend nachdenklich. »Wenn es mir beliebt. Darüber befinde ich später. Zunächst einmal aber genieße ich noch ein wenig meine menschliche Gestalt, die ich dort angenommen habe. Ja, von Tag zu Tag gefällt es mir besser, Umbriel!« Die schwarzen Augen erfassten den Seher und verhehlten ihre Begeisterung nicht. »Ich hätte nicht gedacht, dass mich überhaupt noch einmal etwas begeistern kann, aber so ist es. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Anfall von Nostalgie, ich weiß. Trotzdem werde ich es auskosten, alles. Wie damals.«
»Damals?«, wiederholte Umbriel erstaunt.
»Damals, ja.« Die Erscheinung ging weiter zu Thanatos, zog ihn samt Stuhl ein Stück vom Tisch zurück und setzte sich dann rittlings auf seinen Schoß. »Damals wachte ich über diese Welt und ihre Geschöpfe. Und es gefiel mir hier. Ich wandelte unerkannt unter den Menschen, ich lachte mit ihnen, feierte mit ihnen. Ich spürte, fühlte, atmete, genoss all jenes, was auch sie genossen. Und eines Tages sogar liebte ich jemanden aus ganzer Seele.« Bru’jaxxelon schmiegte sich gegen Thanatos’ Brust. »Aber das sind Dinge, die du niemals verstehen wirst, Umbriel. Er hier schon.« Die Gestalt Phoebes richtete sich wieder auf und sah Thanatos interessiert ins Gesicht. »Wer hätte das gedacht, nicht wahr? Obwohl ihr beide der gleichen, grausamen, blutgierigen Sekte angehört, leuchtet in seinem Herzen doch noch eine winzige, wärmende Flamme. Und ihr Schein erhellt das Gesicht eines Mädchens mit silberblonden Haaren. Wie er sich insgeheim nach ihr verzehrt!«
Umbriel lauschte begierig den Geheimnissen, die ihm sein Meister verriet.
»Thanatos ist also verliebt?«, kicherte er spöttisch.
»Ja, vollkommen und rettungslos.
Sehr interessant, was man nicht alles findet, wenn man ein wenig in den Seelen stöbert.
Als ich vorhin in seinen Gedanken las, erkannte ich noch jemanden, der in meiner Nähe bei PAGAN weilt. Ich hatte mich schon gewundert, wieso auch Thanatos in den Gedanken dieses jungen Mannes zugegen ist - bewundernde, dankbare Erinnerungen übrigens. Anscheinend kennen sie sich von früher. Meine Entscheidung, diesen jungen Mann am Leben zu lassen, erweist sich nun erst recht als goldrichtig. Er kann mir vielleicht noch nützlicher sein, als er schon ist.
Und was würde Thanatos wohl sagen, wenn er wüßte, dass ich seine Flamme ebenfalls in den Gefilden PAGANs gesehen habe, nicht fern von mir? Ich könnte sie ihm sofort bringen, wenn ich wollte und er würde sehr bald nicht mehr wissen, wo ihm der Kopf steht oder wem seine Loyalität gelten sollte. Liebe ist so mächtig. Machtvoller als alles andere.« Die Frauenhand strich sanft über das kantige, hart wirkende Gesicht. »Die Liebe war sogar in der Lage, einen Shinn vollkommen zu ändern.«
Langsam fiel die Hand herab und die Miene des Dämons verdüsterte sich schlagartig. »Ist es nicht erstaunlich? Da wird einem von einem gütigen, allbarmherzigen Gott gepredigt, von Liebe unter den Geschöpfen und Mitleid - und im gleichen Atemzug befiehlt er uns, zu töten und die grausamsten Dinge in Seinem Namen zu begehen. Wie könnte man da nicht wahnsinnig werden? Um diese Doppelzüngigkeit auszuhalten, muss man seine Seele und seinen Verstand abtöten, denn sie rebellieren dagegen. Glücklich hingegen sind die Seelenlosen und Dummen, denn sie denken niemals nach und werden niemals von Zweifeln geplagt.«
Der Dämon schwang sich von Thanatos’ Schoß und ging weiter an den mächtigen Menschen der Welt vorbei. »Nichts als verbitterte Seelen, gierige Herzen, verdunkelte Gemüter, und Erinnerungen an Demütigungen, Schläge, an Einsamkeit inmitten goldener Paläste. Aber ich weiß schon lange, dass Bosheit nicht in den Wiegen liegt, sondern erlernt und erfahren wird. All dieses Gerede von den Ewigverdammten und den Heiligen Erzengeln: Nichts als Aberglaube. Alleine die Erfahrung und was man uns beibrachte, macht uns zu sympathischen Geschöpfen. Oder zu verrotteten Gestalten, wie etwa dich und mich.«
Die Erscheinung seufzte und legte den Kopf schief, um Umbriel eingehend zu betrachten.
»Aber schau mich doch nicht so verwirrt an, Umbriel. Du magst weiterhin deiner Mission nachgehen, während ich mich um PAGAN kümmere. Merkwürdige Dinge gehen dort vor, denen ich auf den Grund gehen muss, denn sie beschwören die Geister der Vergangenheit hinauf. Wozu nur? Und wer steckt dahinter?« Gedankenverloren war Bru’jaxxelon bis zu einem der niedrigen Aktenschränke an der Wand gegangen, auf denen in regelmäßigen Abständen schlichte silberne Vasen mit frischen Rosen standen. Der Dämon strich geradezu zärtlich über die Blütenköpfe - und kaum hatte er sie berührt, gingen sie nacheinander in Flammen auf. Als hätte er sich an dem Feuer verbrannt, schnellte seine Hand zurück. Seine Lippen pressten sich vor Verbitterung zusammen, während er zusah, wie die Rosen von den gierigen, roten Zungen verschlungen wurden und als Ascheflöckchen ringsum die Vase niederschwebten.
»Ich erinnere mich an Zeiten, da sie unter meiner Berührung nicht vor Furcht und Ekel vergingen«, murmelte er mit trauriger, heiserer Stimme. »Aber nun klebt Ihr Blut an meinen Händen, und ich kann diesen Hass auf mich und die anderen Schuldigen nicht besiegen, der sich über mein ganzes Denken und Fühlen gelegt hat wie Schimmel über eine Frucht.« Dann wandte er sich abrupt von den verbrannten Blumen ab und kam langsam zu Umbriel zurück, während er nicht den Blick von ihm nahm und sagte: »In unserem Hass sind wir uns ähnlich, mein verrotteter Prinz. Er gibt uns Kraft für unsere Rache. Und das ist es, was wir beide wollen. Rache für ein zerstörtes Leben und an jenen, die uns so maßlos enttäuscht und verraten haben.«
»Ich will nichts weiter als dass die Blutige Mutter erscheine und mich segne!«, krächzte Umbriel, überzeugt, dass Bru’jaxxelon ihn absichtlich verspottete und verwirrte, um seine Glaubensfestigkeit auf die Probe zu stellen.
»Oh, ich fühle an dir, dass der Fluch der Verstärkten Xendiums sich wieder an dich herangeschlichen hat. Wäre es nicht schrecklich, gerade jetzt zu sterben, da du die Menschen im Namen Gottes so vortrefflich aufeinander hetzen wirst?«
Umbriel schloss getroffen die Augen.
»Das wäre es«, hauchte er. »Lass mich nicht sterben, Meister. Nur du kannst mich erretten.«
»Für eine gewisse Zeit sicher. Und du bist immer noch bereit, den Preis von immer mehr Wahnsinn zu bezahlen, der langsam, aber sicher deinen Verstand verdunkeln wird?«
Umbriel nickte entschlossen. »Mein Leben opfere ich, nur um der Blutigen Mutter diese Welt vor die Füße zu legen. Drei Jenseits-Tore stehen offen, du wirst bald alle anderen öffnen und dann zerstören deine Brüder und Schwestern diese Welt, so wie sie es verdient. Und wenn Sie herabsteigt, wird Sie ihre treuen Diener erkennen und belohnen.«
»Nun, ich sehe, du bist auch ohne mein Elixier schon wahnsinnig genug, da spielt es wahrlich keine Rolle mehr.«
Schlagartig verschwand die Frauengestalt, doch alle an dem Tisch verharrten immer noch in ihrer Starre.
Bestürzt sah Umbriel sich um. Was sollte das bedeuten?
Gerade wollte er sich wieder erheben, da tauchte die Frauengestalt erneut aus dem Nichts auf. Vor sich her trieb sie einen jungen, blassen Mann, der mit rotglühenden Seilen aus Aethron gefesselt war.
Freudig überrascht und über alle Maße erleichtert sank Umbriel zurück auf seinen Sitz, hatte er doch anhand der Aura erkannt, dass Bru’jaxxelon einen inkarnierten Cherub mitgebracht hatte.
Seine Lebenskraft würde das vernichtende Feuer des Verstärkten Xendiums für eine weitere Zeitspanne zähmen.
»Was wollt ihr von mir?«, stammelte der Cherub furchterfüllt. »Ich habe nichts getan. Ich verhalte mich ganz unauffällig und habe keinem Menschen jemals geschadet, so wie PAGAN es von den Daimons verlangt. Sie haben mir eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre gegeben!«
»Schweig!«, gebot Bru’jaxxelon harsch, woraufhin sich ein weiteres glühendes Band um den Kiefer des Daimons wand und seinen Mund knebelte. Er schob den Cherub gegen die Wand,  und presste sich eng an ihn, nahm dabei seinen Kopf zwischen die Hände und drückte seine Stirn gegen die des Daimons. Dieser zitterte zunächst wie Espenlaub, erschlaffte jedoch bald und starrte die Frauengestalt wie hypnotisiert an. Die glühenden Schlingen ließen ab von ihm und lösten sich zu Nichts auf.
Dann begann Bru’jaxxelon plötzlich, den Cherub leidenschaftlich zu küssen und umarmte ihn dabei fest.
Umbriel beobachtete die Szene mit großen Augen. Das letzte Mal hatte sein Meister nicht diese unpassende Zärtlichkeit an den Tag gelegt, sondern seinem Opfer ohne Umschweife die Lebenskraft genommen.
Doch endlich quoll dieses weißblaue Licht zwischen den aneinander gepressten Leibern der beiden Dämonen hervor, das von der Macht Bru’jaxxelons kündete: Er vereinigte seine Seele mit der seines Opfers, während dieses vor Lust stöhnte und offensichtlich die Verschmelzung genoss, ebenso wie der machtvolle Dämon.
Noch.
Dann begann sich Widerstand in dem Cherub zu regen; sein eben noch wollüstiges Keuchen geriet zu gequältem Ächzen, das in leises Wimmern und Jammern überging, während das gleißende Licht ihn und Bru’jaxxelon einhüllte.
Dies war das Zeichen für Umbriel, sich zu den beiden Dämonen zu gesellen. Kaum war er an sie herangetreten, da packte ihn Bru’jaxxelon und zog ihn ebenfalls in seine Arme.
Umbriel schloss die Augen und fühlte es in seiner Brust prickeln und vibrieren. Endlich jagten die ersten Hitzewellen durch ihn hindurch, die ihn gleichzeitig vor Schwäche in die Knie sacken und vor ungeduldiger Erwartung aufseufzen ließen. Neben ihm begann der inkarnierte Cherub unkontrolliert zu zucken und vor Qual durchdringend zu kreischen, doch dies steigerte Umbriels Glücksgefühl noch mehr. Sein Tod bedeutete schließlich eine weitere Spanne an Leben und Stärke für ihn selber.
Die Wärme wurde intensiver und ließ ihn schwitzen. Brennende Küsse bedeckten sein Gesicht und seinen Hals, weiche Hände glitten sanft unter sein Hemd und fuhren forschend und kundig über seine glatte, makellose Haut.
»So wahnsinnig du auch bist«, wisperte die Frauenstimme, in der Bru’jaxxelon sprach, erregt. »So wundervoll ist dein Körper. Wie geschaffen dafür, gestreichelt zu werden.«
Mit einem Mal packte ihn der Dämon am Hemd,  drängte ihn zu dem langen Konferenztisch, an der noch immer starr die Menschen saßen und leer vor sich hin stierten und warf ihn mühelos mitten auf den Tisch, um ihn schließlich mit lüsternem Blick zu besteigen.
Umbriel ließ alles passiv und schockiert über sich ergehen.
Was sollte das merkwürdige Verhalten seines Meisters nur bedeuten?
»Was ist mit dir, mein hübscher, verrotteter Prinz?«, gurrte der Dämon und knöpfte Umbriels Hemd bis zu seinem Bauchnabel frei. »Oder soll ich lieber die Gestalt dafür wechseln? Ist es dir so lieber?«
Umbriel fuhr erschrocken zusammen, als mit einem Mal die Gestalt eines gutaussehenden, bärtigen Mannes mit goldenen Augen schwer auf ihm lag und sich wollüstig gegen sein Geschlecht rieb.
»Oh, ich weiß, du bewunderst ihn«, erklang eine Stimme, die haargenau derjenigen von Procyon Zimberdale glich. »Wie heldenhaft und unerschrocken er kam, um seinen kleinen Sohn den Klauen eurer Sekte zu entreißen. Einem Tornado gleich. Wie sehr hat sich der verzweifelte Junge, der du einst gewesen bist, damals gewünscht, jemand möge ihn ebenfalls auf diese Weise erretten.«
Die Mannesgestalt hielt inne und betrachtete Umbriel aufmerksam.
»Aber nein, diese Gestalt passt dir auch nicht. Ach, Umbriel. In dir ist nichts, weniger noch als in mir. Nichts als vollkommene Dunkelheit. In mir sind zumindest noch Erinnerungen an das Licht. Und du liebst niemanden, nichts und niemanden«, flüsterte die Stimme ihm ins Ohr, so nah und mit derart warmen, menschlichen Atem, dass sich sämtliche seiner Nackenhaare aufrichteten. Wie mächtig sein Meister war! Sogar seine Aura konnte er nach belieben ändern - nachdem sich Bru’jaxxelon zuvor in Phoebes Gestalt mit jener einer Seherin umgeben hatte, besaß er nun die Aura eines männlichen Wandlers.
»Ich ...«, stammelte Umbriel, doch  der Dämon verwandelte sich blitzschnell in Phoebe zurück und legte ihm den Zeigefinger auf den Mund.
»Schscht, ich weiß. Es macht dir nur ein wenig Spaß, wenn du dabei eine Frau mit dem Messer ausweiden kannst. Dem kann ich leider nichts Lustvolles abgewinnen. Dann eben wie letztes Mal.«
Die Frauengestalt fiel in sich zusammen und verschwand.
Dafür kroch etwas Pechschwarzes an seinen Beinen entlang, einer samtigen Flüssigkeit gleich, die bald Umbriels gesamten Körper bis zum Hals einhüllte.
Es gab einen blendenden Blitz, und der Prediger bäumte sich mit einem Aufschrei unter der Energie auf, die ihn plötzlich durchfuhr und ihn in Brand zu setzen schien.
So schnell der Dämon sich mit seinem Innersten verbunden hatte, so schnell war alles wieder vorbei und Umbriel lag zu guter Letzt schwer atmend auf dem Tisch, während sich die absolute dämonische Finsternis in die Ecken des Raumes zurückzog.
»Du solltest dich lieber wieder schleunigst auf deinen Stuhl setzen, Umbriel«, ermahnte ihn Bru’jaxxelons körperlose raue Stimme noch amüsiert. »Gleich wachen sie alle auf. Und ich weiß nicht, was sie dazu sagen würden, wenn du vor ihrer Nase neben den Tellern mit den Keksen liegst.«
Eiligst kletterte Umbriel vom Tisch, nahm Platz, schloss eiligst seine Knöpfe wieder und entfernte einige Kleckse Sahne, die zuvor bei dem Aufprall auf die Edelholzplatte auf seinem Hemd gelandet waren.
Er fühlte sich einerseits vollkommen frisch und gestärkt - und war doch wieder einmal heillos verwirrt über das rätselhafte Verhalten seines Meisters.
»Wo war ich stehen geblieben?«, vernahm er mit einem Mal Adharas Stimme, als sei nichts gewesen. »Ja, der Mensch ist von Natur aus schlecht und bedarf strenger Regeln, um seine Schlechtigkeit zu zügeln.«
»Welch eine Heuchlerin«, hörte Umbriel Bru’jaxxelon verächtlich sagen, doch niemand außer ihm schenkte der körperlosen Stimme Beachtung, weder die Menschen noch die vier Melegonin in den Ecken des Saales.
»Ich verrate dir nun ein Geheimnis, das sie vor aller Welt hütet, Umbriel«, fuhr der unsichtbare Dämon fort. »Sie hat eine uneheliche Tochter. Ein Wunder, wie so eine freudlose Gestalt ein so lebensfrohes Geschöpf hervorbringen konnte.«
Unauffällig musterte Umbriel Adhara.
Eine uneheliche Tochter?
Welch ein unerwarteter, interessanter Aspekt.
Und wie auch John Zelazin Jr. beschloss Umbriel, Nachforschungen anzustellen.
›Ich könnte sie damit erpressen, wenn es erforderlich sein sollte. Oder aber... falls sie noch Kontakt zu ihr haben sollte ...‹
Umbriel lächelte bei dem lustvollen Gedanken daran, mit einem Messer voller Ekstase in einen nackten, weiblichen Körper einzustechen und sich von dem warmen Blut beregnen zu lassen; das zuckende, angstvolle Herz aus ihm herauszureißen und es lauthals lachend der Blutigen Mutter zu opfern.
Und alles unter den Augen einer verhärmten, grauhaarigen, dummen Frau, die dann erkennen würde, wem sie in Wahrheit die ganze Zeit gedient hatte.
»... der Tag ist nun nah. Gottes Reich ist nah!«, hörte er Adhara sagen und murmelte mit verzückt geschlossenen Augen: »Ja, der Tag ist nah. So nah ...«

.

Verwundert räumten die anderen rasch das Feld, bis nur sie, Ganbold und der alte Mongole beieinander saßen.
»Aévon hat ihm von deinem Anhänger erzählt. Er würde ihn gerne sehen.«
Tigris war zwar nicht sehr wohl dabei, Fremden das Schmuckstück zu zeigen, doch da Aévon offenbar großes Vertrauen zu dem Oberhaupt seiner Adoptivsippe hegte, öffnete sie die Jacke und fischte das Amulett aus ihrem Sweatshirt hervor.
Die engen Augenschlitze verbreiteten sich für einen kurzen Moment, dann redete der Alte zu Ganbold und schien gar nicht mehr aufhören zu wollen.
Sie seufzte unhörbar, betrachtete den Bernstein-Anhänger - und stieß mit einem Mal ein überraschtes »Verdammt!« aus.
Ungläubig starrte sie auf die zwölfblättrige kleine Blüte.
Es leuchteten nun zwei der Blätter tiefgrün.
Und wieder schien sich der Schmetterling bewegt zu haben, das letzte Mal hatte er sich auf gleicher Höhe mit einem kleinen, eingeschlossenen Luftbläschen befunden, nun jedoch genau darüber.
»Guaj Chuluun sagt, dieser Anhänger sieht nach einem Nodenschlüssel aus, obwohl er nicht die Aura eines solchen Schlüssels hat.«
»Er soll vielleicht eine Art Dreizehnte Node öffnen, von wo aus man alle anderen kontrollieren kann«, erklärte Tigris ratlos. »Aber niemand weiß, wo diese Node sein soll. Und ich weiß nicht, wieso jetzt auf einmal noch ein Blütenblatt leuchtet und der kleine Schmetterling sich bewegt. Das tut er nämlich hin und wieder.«
Der Alte beugte sich zu ihr und betrachtete den Bernstein eingehend, wobei er etwas murmelte.
»Guaj Chuluun findet es bemerkenswert, dass die Blüte zwölf Blätter hat. Zwölf Noden, zwölf Blätter. Hast du bisher nur zwei Noden besucht?«
»Nein, wir kommen ursprünglich aus Deutschland und mussten vor der RSA fliehen. Zu Equinox Veris war ich in den Noden von Europa, America Borea und Balkan-Osmania. Aber da hat noch keines der Blütenblätter geglüht.«
»Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass sie glühen?«
Tigris überlegte.
»Das erste Mal ist mir die Veränderung in Shangri-La aufgefallen.«
Der Alte schloss die Augen, wohl um besser nachdenken zu können. Dann sprach er wieder Ganbold an, der seine Frage an Tigris ohne zu Stocken übersetzte.
»Als ihr fliehen musstet, hast du da die Node von Asia betreten?«
»Ja, natürlich. Shangri-La liegt ja in der gleichen Gebirgskette wie die Node von Asia.«
»Und hast du seitdem weitere Noden besucht?«
»Hm. Nein. Außer heute die Node von Altai-Siberia.«
Plötzlich riss sie die Augen auf. Ihr Blick schoss zwischen dem Alten und dem Schmuckstück hin und her.
Guaj Chuluun blinzelte sie verschmitzt an.
»Soll das heißen, dass mit jeder Node, die ich betrete, ein weiteres Blatt zu glühen anfängt?«
»Er meint, das ist gut möglich. Und vielleicht noch mehr. Schließlich sieht er ja nicht umsonst wie ein Nodenschlüssel aus. Er bittet dich, diese Erkenntnisse Mira mitzuteilen. Er wird ihr noch eine Botschaft zukommen lassen, in der er ein Experiment vorschlägt.«
»Was denn für ein Experiment?«, wunderte sich Tigris.
»Eines, bei dem derjenige dabei sein sollte, der den Nodenschlüssel von Asia bereithalten wird sowie eine große Anzahl Kämpfer in Bereitschaft. Mehr möchte er dazu nicht sagen.«
Der Alte langte in die Tasche seines alten, karierten Sakkos und übergab Tigris einen gefalteten Zettel.
»Das ist euer nächstes Rätsel. Er wünscht euch viel Glück. Und ihr sollt bitte Aévon ganz herzlich grüßen. Und ihr seid herzlich eingeladen zum Naadam-Fest in der zweiten Juli-Woche.«
Ganbold erhob sich und verabschiedete sich von Guaj Chuluun, während Tigris sich nachdenklich lächelnd verbeugte.
Draußen standen schon die anderen und warteten.
»Rate mal, was der ›Beweis‹ für die Mongolei ist, Tigris«, sagte Ras Algheti augenrollend, während sie in das Zelt traten, durch das sie wieder in den Reiseknotenpunkt am Dzavchan gelangten. »Drei fette Schläuche Kumys für Aévon und alle, die süchtig nach dem Zeug sind! Und wir dürfen das für die Herrschaften anschleppen!«
Über die Blockhütte ging es zurück in die Node von Altai-Siberia, wo sie schnell die Serpentine herunter eilten und sich am Fuß der Node, etwas abseits von ihrer Mitte, in den Sand setzten, um das nächste Rätsel zu beraten, das Guaj Chuluun Tigris überreicht hatte.
»Hm«, brummte Bat Furan und las vor. » Oh Darling, Oh Victoria, du weilst im Land, wo Mel seine eigene Wüste hat. Wo die Bounty noch heute ankert. Und dort kriegst du auch einen Brainstorm im Humperdinck Inn.«
»Und ich dachte, ich hätte endlich diese Rätselscheiße kapiert!«, stöhnte Ras Algheti frustriert, als niemand eine spontane Erleuchtung zu haben schien.
»Victoria Darling. Mel. Mel Gibson?«, sinnierte Antigua.
»Gibson-Wüste. Kommt mir bekannt vor, aber ich habe vergessen, wo die liegt. Irgendeine Idee, jemand? Tig?« Bat Furan stubbste die Geistesabwesende an, die zerstreut mit dem Kopf nickte.
»Meine Damen und Herren, so viele Noden sind doch nicht mehr übrig. Überlegen wir doch einmal logisch. Asia und Altai-Siberia fallen weg«, sagte Darius. »Es bleiben Pazifica, Africa, Australia und Atlantika. Pazifica besteht größtenteils aus Wassern und Inseln, genau wie Atlantika. Bleiben nur Africa und Australia. Dort gibt es Wüsten. Und von Afrika weiß ich, dass es dort den Victoria-See gibt. Vielleicht sollen wir nach Südafrika, Kap Horn oder so.«
»Ich bin für Australien. Mel Gibson ist Australier«, widersprach Antigua.
»Woher weißt du das denn?«, fragte Bat Furan erstaunt.
»Weil ich damals beim Einkaufen unten im Dorf immer heimlich die Jugendzeitschriften durchgelesen habe. Deshalb weiß ich ja auch alles über Sex.«
»Theoretisch zumindest«, schloss Darius amüsiert.
»Richtig. Ich wollte bestens gerüstet sein, um wie du halb Guulin Kherem zu beglücken«, schoss Antigua seelenruhig zurück.
»Ich leugne es nicht, Milady. Und ich kann und will mich nicht vor den Angeboten retten, die man mir zuträgt. Außerdem ist ein gesundes Sexualleben eine Wohltat für Geist und Seele.« 
Seine dunklen Augen blitzten Antigua an, die ihn daraufhin undeutbar anlächelte.
Irgendetwas ging zwischen den beiden vor, merkte Tigris. Und Antigua gab schließlich auch unumwunden zu, Darius zu mögen.
Tigris erschauderte und erinnerte sich an die unsichtbaren Hände von Bru’jaxxelon, die ihren Rücken hinaufgewandert waren, und über ihre Lippen.
Er genoss also erneut sämtliche Aspekte seines menschlichen Körpers. Sogar intimsten Körperkontakt scheute er nicht, um seine Pläne zu verwirklichen.
Dann fielen ihr die Worte des alten Mongolenoberhauptes ein, die vielleicht ein wenig Licht in das Mysterium des Amuletts gebracht hatten.
›Ein Experiment, bei dem derjenige dabei sein soll, der den Nodenschlüssel von Asia bereithält und eine Xendii-Armee?‹ Sie überlegte, während die anderen diskutierten, ob sie die Node von Africa oder von Australia als nächstes betreten sollten.
Und dann hatte sie die Lösung.
›Aber na klar! Das Amulett sieht nicht nur aus wie die anderen Nodenschlüssel - es funktioniert vielleicht sogar wie sie! Vielleicht ...‹ Sie musste tief durchatmen, als sie den Gedanken weiterspann.
»Also, ich wäre für Australien«, verkündete Antigua. »Das mit Mel haben unsere Schlaumeier von DiSMasters nicht umsonst mit hineingebaut.«
»Ja, sehe ich genau so«, stimmten Bat Furan und Ras Algheti zu.
»Tigris? Africa oder Australien?«, fragte Antigua und störte Tigris aus ihren Überlegungen auf.
»Ich beuge mich der Mehrheit.«
»Sprach der Opportunist und prüfte die Windrichtung«, spottete Darius, doch Tigris schwirrte immer noch der Kopf von der ungeheuerlichen Idee, die sich in ihr festgesetzt hatte.
Als Cely, Darius und Ras Algheti schon durch die Node von Australia gegangen waren, meinte sie plötzlich zu Bat Furan und Antigua: »Wartet drüben auf mich. Ich habe, äh, mein Armband verloren. Ich komme gleich nach. Ihr wisst, wir dürfen eine Node nur zweimal betreten und ich möchte nicht, dass wir wegen mir das Spiel verlieren.«
»Mann, Weiber!«, stöhnte Bat Furan. »Beeil dich aber. Nur weil wir in der Node sind, heißt das ja nicht, dass wir wissen, zu welchem Ort in Australien wir gehen müssen.«
»Ich helfe dir suchen«, sagte Antigua und ließ sich nicht davon abbringen.
Tigris seufzte resigniert. Dann, als sie nahezu alleine in der Node standen, offenbarte sie der Ruferin die Idee, die ihr durch die Worte des alten Mongolen gekommen war.
»Bist du sicher?« Antigua sah empor zu dem Serpentinenweg, wo sich in der dritten Windung vier Wachleute PAGANs mit dem Rücken zu ihnen standen und sich leise und gestenreich unterhielten.
Antigua schritt zur Mitte des kreisförmig angelegten Bodens und suchte ihn ab, wobei sie so vorsichtig wie möglich mit dem Fuß den Sand beiseite schob. Währenddessen ließ Tigris die Wachleute nicht aus den Augen.
»Hier ist es«, flüsterte die Ruferin und Tigris wandte den Blick nach unten.
Antigua hatte eine helle Steinplatte freigelegt, in die ein Pentagramm eingraviert war, wobei das Fünfeck in der Mitte noch tiefer als die Seiten eingefräst schien.
Etwas regte sich in dem Amulett.
Tigris nahm es als Ziehen daran wahr, während der Anhänger sich spürbar erwärmte.
Mit angehaltenem Atem ging sie vor der Steinplatte in die Hocke und wog das Amulett in ihrer rechten Hand.
Ja, es konnte möglich sein!
Die Größe stimmte.
»Du hast doch hoffentlich nicht das vor, wovon ich glaube, dass du es vorhast?«, wisperte Antigua mit nervösen Blicken zu den Wachleuten.
»Nein, bin ich denn verrückt? Ich wollte nur sehen, ob es theoretisch überhaupt ginge und-«
Sie verstummte erschrocken.
Das Amulett war ihr aus der Hand gesprungen und schoss in Richtung der Markierung, zerrte wie ein jagdlustiger Hund an der Kette.
Und wie damals bei Spika gelang es Tigris selbst mit der größten Kraftanstrengung nicht, es zu bändigen, im Gegenteil.
Als hätte sie jemand von hinten geschubst, riss es sie aus den Hockstellung nach vorne, so dass sie bäuchlings auf dem Sand landete.
Und immer noch unterhielten sich die Wachleute prächtig und nahmen keinerlei Notiz von dem Gewisper und den ungeheuerlichen Vorgängen, die sich unten in der Node abspielten.
»Verdammt, Antigua! Das Ding will unbedingt in die Markierung! Zieh mich hoch! Zieh!«, wisperte Tigris voller Panik.
»Meine Güte, haben wir Glück, dass diese Wachleute Plaudertaschen sind! Mann, Tigris, wenn sie sehen, wie wir uns an dem Nodenschloss zu schaffen machen!«, zischte Antigua furchterfüllt und versuchte Tigris, von der Platte fortzuziehen.
Doch anscheinend konnte keine Kraft der Welt mehr das Amulett davon abhalten, sich auf die Markierung zu legen.
»Oh nein! Nein!«, hauchte Tigris, als es vor ihrer Nase geradezu provozierend langsam zu Boden schwebte, genau über dem Pentagramm des Nodenschlosses.
Tigris legte im letzten Moment die Hand auf die Markierung, in der Hoffnung, das Schlimmste verhindern zu können, doch sie hatte die Rechnung ohne das Amulett gemacht.
Es war inzwischen so heiß, dass Tigris sofort die Hand wegziehen musste.
Alles spielte sich in nur wenigen Momenten ab.
Ohne ein Geräusch fügte sich der Anhänger in das vorgeformte Bett.
Jenes Blatt, das als zweites grün zu glühen angefangen hatte, wurde erst tiefblau und dann glühend rot.
Antigua schlug sich entsetzt die Hände vor den Mund und schaute verzweifelt umher.
Die schwach blauen ›Höhlenzeichnungen‹ begannen ebenfalls rot zu glühen, während die Luft  im Bereich der Kuppel wie wild zu flirren begann, begleitet von einem sehr leisen, bedrohlichen Grollen aus den Tiefen der Erde.
Zum ersten Mal sahen Tigris und Antigua einen der Wachleute einen Blick zu den Seiten werfen, die Augenbrauen befremdet gerunzelt.
›Und schon wieder eigenmächtig gehandelt und nicht auf Leute gehört, die es besser wissen‹, raunte Bru’jaxxelons Stimme durch Tigris’ Geist.
Auch das noch! Das hatte ja noch gefehlt. Ihr traten die Tränen in die Augen, während sie verrückt versuchte, an der Kette zu ziehen und das Amulett dadurch aus dem Nodenschloss zu reißen.
›Ja, das kleine Ding war auch nicht für sterbliche Hände gedacht wie die anderen Nodenschlüssel. Ich fürchte, ein Kenner muss ans Werk.‹
Kaum hatte er geendet, flog der Bernstein-Anhänger in die Höhe, und Tigris rollte sich geistesgegenwärtig vom Nodenschloss fort.
»Was macht ihr da unten?«, brüllten die Wachleute plötzlich und schossen auch schon den Serpentinenweg entlang.
Noch zitternd vom Schock, rappelte sich Tigris langsam hoch.
Als wäre nichts vorgefallen, baumelte das Amulett wieder auf ihrem Sweatshirt. Lediglich das zweite Blütenblatt glühte blau, im Gegensatz zu dem ersten, das schwach grün leuchtete wie seit dem Tag, als Tigris die Veränderung bemerkt hatte.
Der Spuk war vorbei.
Die beiden Mädchen sahen sich um.
Das Glühen der Symbole an den Felswänden war schon erstorben, als die Wachleute endlich bei ihnen ankamen, und auch das unheimliche Grollen hatte schlagartig geendet.
Antigua fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, unendlich erleichtert, aber auch immer noch verdattert über die Vorgänge, deren Zeuge sie vor wenigen Momente gewesen war.
»Wir wollten nur sehen, wie ein Nodenschloss aussieht. In Natura, nicht nur auf den Bildern unserer Lehrbücher«, erklärte sie hastig.
»Und wieso hast du dich in der Nähe des Nodenschlosses im Sand gewälzt?«, verlangte der russische Xendii von Tigris zu wissen. Misstrauisch sahen die vier Männer die beiden Mädchen an.
»Ich ... ich hatte einen Migräneanfall. Das kommt manchmal vor. Doppeltes Xendium, na ja«. Sie zuckte hilflos mit den Schultern.
»Oh ... das tut mir leid. Ich meine ...« Der grimmig aussehende, bullige Mann sah betreten drein. Dann räusperte er sich, klopfte Tigris mit einem hilflosen Lächeln auf die Schulter und schritt mit seinen Kollegen wieder davon. 
Tigris fing noch einen mitleidigen, über die Schulter geworfenen Blick von ihm auf, dann stupste sie Antigua an und stürmte so schnell es ging in die Node von Australia.
»Bin ich froh, dass das noch einmal gut gegangen ist«, stöhnte Antigua, kaum dass sie auf der anderen Seite waren.
»Bestimmt nicht so froh wie ich«, knurrte Tigris kurzangebunden und war froh darüber, dass die Ruferin nicht weiter nachhakte. Es war schon schwer genug, sich selber eingestehen zu müssen, dass - warum auch immer - Bru’jaxxelon die Öffnung der Noden verhindert hatte.
Drüben in Australia warteten die anderen.
»Wo ist eigentlich Darius?«, fragte Tigris sofort.
»Auf der Toilette, wo soll er sonst hin sein?«, brummte Ras Algheti.
»Ha!«, entfuhr es Tigris ungewollt. Natürlich, wie sonst auch hätte er sich unbemerkt zurück in die Node von Altai-Siberia schleichen sollen?
»Wir wissen übrigens, in welche Stadt wir müssen«, sagte Bat Furan triumphierend grinsend und wies mit dem Kinn auf die weißen Wände der modern aussehenden Node. Dort hingen Bilder von den Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten Australiens: Neben dem Ayers Rock, einem Aborigene mit Didjeridoo und einer Känguru-Horde gab es da unter anderem auch die Abbildung eines Segelschiffes.
Und darunter stand: Nachbildung der ›Bounty‹ im Hafen von Sydney.
»Wir müssen also in den Hafen von Sydney«, überlegte Antigua. »Und das ›Humperdinck Inn‹ finden, was sich nach einer Kneipe anhört.«
»Wobei ich hoffe, dass ein Brainstorm etwas Leckeres zu trinken ist«, seufzte Bat Furan. »Und nicht wieder so etwas komisches wie Kumys.«
 

© I.S. Alaxa
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