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Xendium - Inkarnation von I.S. Alaxa
Teil 1 - DiSMaster vs. Daimons
Kapitel IV

»Spätzchen, steh’ auf, das Frühstück ist gleich fertig!«
Tigris hob müde den Kopf und erblickte ihre Mutter, die am Bettrand saß und ihr liebevoll über den halb aufgelösten, dicken Zopf strich.
»Er hat gewonnen«, sagte sie und konnte nicht verhindern, dass es sich ein wenig traurig anhörte.
»Ja, das hat er«, antwortete Danubia leise. Dann holte sie tief Luft und sah Tigris mit einem geradezu trotzigen Ausdruck in ihren grünen Augen an. »Was hältst du davon, wenn wir ihm gratulieren gehen?«
Tigris verschlug es vor Überraschung zunächst die Sprache. »Einfach ... so?« vergewisserte sie sich dann zögernd.
»Ja. Gleich nach dem Frühstück. Einfach so.« Danubia bemühte sich um einen heiteren Tonfall, aber Tigris konnte deutlich wahrnehmen, dass sie angespannt und sogar etwas zornig war. Das wiederum bemerkte ihre Mutter, verwuschelte ihr noch kurz die Haare und floh dann in die Küche, wo Tigris sie gleich darauf hektisch werkeln hörte.
Tatsächlich ließ Danubia ihre sorgsam zurückgehaltene Wut auf Procyon an den Tomaten aus, die sie gedankenverloren in kleinste Stücke zerhieb statt wie sonst in appetitliche Scheiben.
Anfangs hatte sie ihm noch geglaubt, verliebt wie sie war, und sich mit der Erklärung zufrieden gegeben, dass er zuviel um die Ohren hatte.
Doch auf die Dauer konnte sie das Gefühl nicht mehr abschütteln, dass er es nicht wollte.
Nein, sie konnte nicht mehr die Augen davor verschließen, dass er es absichtlich vermied, Tigris zu sehen.
Und das nagte an ihrem Herzen und trieb ihr die Tränen in die Augen, wenn sie zudem noch an das Telefonat vor wenigen Minuten dachte.
Schon wieder hatte er eine Ausrede parat.
›Er erwartet seinen Beraterstab in Elms Hall, der Herr. Zwar erst gegen Nachmittag, aber er muss vorab noch so viele Dokumente und Nachrichten bearbeiten, der Herr. Warum? Was hat sie dir getan? Sie ist unsere Tochter, dein Fleisch und Blut. Für Aévon hingegen würdest du dich umbringen lassen ...‹ Sie wischte sich mit den Handrücken über die Augen und schämte sich zutiefst, dass sie auch gleich mit wütend auf Aévon geworden war. Denn der Zorn auf Procyons Sohn verrauchte schlagartig, als sie daran dachte, wie gut er und Tigris miteinander auskamen. Er schien sie geradezu zu vergöttern.
›Wieso kannst du sie nicht so unvoreingenommen lieben?‹, dachte sie und rief sich schon wieder Procyons Bedrückung in Erinnerung, die er verspürte, wenn es um die Rettung ihres gemeinsamen Kindes ging.
War ihr an jenem Abend etwas entgangen? Damals, als die Tür oben im Kinderzimmer in Elms Hall aufgegangen war und sie nur noch diesen einen Satz aus seinem Munde vernommen hatte, den schönsten, den jemand jemals zu ihr gesagt hatte: »Sie lebt. Es ist überstanden.«
Sie war damals zu aufgeregt und glücklich gewesen, um noch irgendetwas anderes um sie herum wahrzunehmen.
›Bin ich zu streng zu ihm? Vielleicht hat er Schuldgefühle und weiß nicht, wie er sich ihr gegenüber verhalten soll. Er hat ihr das Leben gerettet, und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein. Trotzdem hat Tigris das Recht, ihn zu sehen. Ja. Wir haben das Recht dazu.‹
Sie wischte die letzten Bedenken in dem Moment hinweg, als Tigris die Küche betrat, unübersehbar aufgeregt und fröhlich zugleich. Sie hatte sich ihr Jeanskleid angezogen, die Lockenfülle zu einer hübschen Frisur hochgesteckt und sah einfach bezaubernd aus.
Viel bekam sie ohnehin nicht hinunter, weswegen Danubia schon nach zehn Minuten aufstand, sich anzog und ihre Tochter ganz fest in den Arm nahm, stolz, nervös und ängstlich zugleich.
Über die Node von Asia und Atlantika ging es direkt in einen Anbau in Elms Hall, der von einer zehnköpfigen Xendii-Schar streng bewacht wurde. Sie kannten Danubia bereits und ließen die beiden anstandslos in das Herrenhaus eintreten.
Tigris sah sich neugierig in der hellen Eingangshalle um, als ein hochnäsig aussehender Butler aus einer der vielen reich verschnitzten Türen trat.
»Mrs. Windwibb, welche Freude, Sie zu sehen. Das kann man nicht von allen behaupten, die hier ständig ein- und ausgehen«, näselte er und musterte dann Tigris verblüfft, die dem schrecklichen Sohn seines Herrn überaus stark ähnelte.
»Danke, Bloomsworth«, entgegnete Danubia leise. Warum zitterte ihre Stimme nur? Es war doch die normalste Sache der Welt, dass ein Kind seinen Vater besuchte. Sie straffte die Schultern, als ob sie dadurch ihre Anspannung abschütteln könnte. »Bitte sagen Sie Procyon - Mr. Zimberdale, dass wir hier sind und ihm gerne zu seinem Wahlsieg gratulieren würden. Wir warten in der Bibliothek.«
Bloomsworth nickte höflich und verschwand, während Danubia Tigris in das einzige nicht renovierte Zimmer des Hauses brachte.
Tigris trat sogleich neugierig an die hohen Kristallsäulen in der Mitte des stillen Raumes.
»Ist das nicht ein so genanntes Dämonenauge? Ich habe es einmal in einem Buch in Windwibbenburg gesehen. Es scheint uralt zu sein. Bei 18% DiS tauchen ›Die Sieben Furchtbaren Fürsten der Hölle‹ auf, ›welche verbreyten Pest und Feuersbrünste und verkündigen das Ende der Zeyten‹. Klingt ja fast poetisch.«
»Spätzchen, erwähne sie nicht«, bat Danubia, die auf der orientalisch angehauchten Couch saß und nervös ihre Hände knetete. »Mir wird schlecht vor Angst, wenn ich daran denke, dass wir kaum weniger als acht Prozentpunkte davon entfernt sind, ihr Erscheinen zu ermöglichen. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie es dann sein wird. Sie sind grausam, böse und gnadenlos. Und nur die Zerrafin können sie besiegen.«
»Die Zerrafin ...« Tigris biss sich auf die Lippen. Selbst in den Doméns von PAGAN setzten viele Xendii großes Vertrauen in diejenigen der Angoleah, die die Free Daimons unterstützten. War es gerechtfertigt? Die beiden Melegonin der Shinnn, die sie entführt hatten, schienen da ganz anderer Meinung gewesen zu sein.
›Barujadiel ist ein Angoleah. Vielleicht hat Omrishah ihn geschickt, um uns zu helfen‹, dachte sie und spann diese Theorie weiter. ›Diese silbrige Kreatur hat doch gesagt, dass er mir den mächtigsten Beschützer geschickt hat, den man sich vorstellen kann. Und er ist schon in meiner Nähe, wir haben uns nur noch nicht erkannt. Bru’jaxxelon behauptet, ihn getötet zu haben. Andererseits konnte er Anjul nichts anhaben. Er konnte ihn nicht töten. Er ...‹
Und plötzlich durchzuckte sie eine ungeheuerliche Idee.
›Er konnte ihn schon damals nicht töten ... und er hat es auch vor kurzem nicht wieder geschafft!‹
Ihr wurde richtig schwindelig, je weiter sie den Gedanken verfolgte. Konnte es wahr sein? War jene Person, die sie im Verdacht hatte, etwa jenes machtvolle Wesen, der ihr versprochene Beschützer? Aber was war ihre eigene Rolle in dem ganzen Drama?
›Vielleicht erinnert er sich nicht daran, wer er wirklich ist. Vielleicht ... vielleicht besitze ich mit dem Amulett ein Mittel, ihn wieder daran zu erinnern. Und dann haben wir einen starken Verbündeten gegen die MDL und Bru’jaxxelon.‹
Die Berührung einer Hand, die fest ihre Schulter umgriff, riss sie aus ihren Gedanken.
Ihre Mutter war an ihre Seite getreten und starrte zur Tür. Tigris wandte den Kopf und fühlte ihr Herz losrasen.
Procyon Zimberdale stand in der Tür, und in seinem Gesicht waren sowohl Überraschung als auch Anspannung zu lesen.
Ja, das war ihr und Aévons Vater. Von ihm hatten sie beide die großen Bernstein-Augen und den breiten, vollen Mund. Er war groß, gutaussehend, beeindruckend und noch viel toller als vor wenigen Stunden im Fernsehen. Ein mächtiger Mann. Der Präsident von PAGAN.
Und als er seine Tochter ansah, schimmerten Tränen in seinen Augen.
Tigris fühlte ihr Herz ganz weich werden, als schmölze es im Zeitraffer dahin, und ihre Impulsivität erledigte spielend jegliche gebotene Zurückhaltung. Sie rannte zu ihm und umarmte ihn einfach, während die Tränen ihr nur so über die Wangen liefen.
Im ersten Moment rührte der Anblick Danubias Herz: Vater und Tochter endlich wiedervereint und vor Freude weinend.
Aber dann sah sie Procyons Gesichtsausdruck und seine Gefühlsenergie sprang quer durch den Raum in sie: Pure, nackte Angst, schwere Schuldgefühle - und Widerwillen.
Erst als er bemerkte, dass Danubia ihn entgeistert anstarrte, schloss er vorsichtig die Arme um Tigris und senkte den Blick.
Endlich löste sich Tigris von ihm und strahlte ihn an. »Ich und Aévon - ach was, ganz Guulin Kherem hat dir alle Daumen und Zehen gedrückt! Herzlichen Glückwunsch!«
Procyon sah aus, als ob er kurz vor einem Nervenzusammenbruch stünde und musterte Tigris fassungslos. Ein schmerzlicher Zug ließ seine Mundwinkel zucken. Doch sie schien das im Überschwang ihrer Gefühle überhaupt nicht wahrzunehmen - ganz anders als Danubia.
»Danke, Melisande. Tigris, meinte ich«, antwortete er mit brüchiger Stimme.
Tigris konnte gar nicht genug von seinem Anblick kriegen. »Wenn dir der Name so gefällt, bleib dabei«, lachte sie.
Allmählich gewann PAGANs neuer Präsident seine Beherrschung zurück - nicht zuletzt wegen Danubia, die zu ihnen gekommen war und Procyons Miene nicht aus ihrem wachsamen Blick ließ. Immer noch angespannt hatte sie ihre Arme verschränkt und spielte mit ihrem Bernstein-Anhänger.
»Unverkennbar eine Zimberdale, äußerlich jedenfalls«, sagte er, und das Lächeln, das er Tigris schenkte, wurde sofort glücklich erwiedert. Er strich ihr über die Wangen, unbeholfen, wie es schien.
Doch nicht nur Danubia merkte, dass es kein frohes, von Herzen kommendes Lächeln war.
Schritte hallten im eleganten Foyer wider.
Aévon kam ihnen entgegengeschlendert, die Hände tief in seiner Cargo-Hose vergraben, zu der er ein seidigschimmerndes, feines Hemd trug.
»Seit wann lässt man in diesem Haus seine liebsten Gäste zwischen Tür und Angel stehen, Vater?«, fragte er Procyon scherzhaft, aber Danubia hörte mühelos die darin liegende Missbilligung heraus. Er schüttelte ihre Hand, drückte Tigris fest an sich und küsste ihr Haar.
Procyon atmete tief durch, als Tigris sich strahlend von Aévon löste und ihn wieder fasziniert anlächelte, mit einem unfassbar wundervollen, warmen Strahlen in den Augen.
›Hätte ich doch damals nicht darauf bestanden, dabei zu sein. Manchmal ist Unwissenheit ein wahrer Segen‹, dachte er verzweifelt.
Dann legte er unsicher seinen Arm um sie, um mit ihr voranzugehen.
»Ich bin immer noch etwas durcheinander, verzeiht«, murmelte er. »Lasst uns in den Wintergarten gehen und einen Tee trinken.«
Danubia war dabei, ihnen zu folgen, hielt jedoch inne, als sie Aévons ernsten, fast feindseligen Blick bemerkte, den er seinem Vater hinterher sandte, und spürte Verwirrung, Unverständnis und einen schon lange Zeit gehegten Zorn von ihm ausgehen. Als Aévon sich dessen bewusst wurde, kehrte seine gewohnte, schützenden Ironie wieder. »Treffen sich zwei Seher. Fragt der eine: Hallo, wie geht es mir? Sagt der andere: Oh, ganz gut. Und mir?«
»Manchmal wünscht man sich, man würde nicht die Gefühle anderer spüren. Besonders, wenn sie negativer Art sind«, seufzte Danubia.
»Ja, man wird nicht gerne daran erinnert, dass man selber Zorn gegen eine bestimmte Person hegt. Mir kannst du nichts vormachen. Und er kann uns beiden nichts vormachen«, behauptete Aévon leise. Procyon war mit Tigris noch weiter vorgegangen, anscheinend plauderten die beiden angeregt miteinander, doch Aévons übernatürlichem Blick entging nicht, dass sein Vater immer noch furchtsam das Gesicht seiner Schwester musterte, als ob sie sich gleich in etwas Schreckliches verwandeln könnte.
»Wir tun ihm wahrscheinlich Unrecht«, meinte Danubia hilflos. »Ja, ich war zornig, weil er diesen Moment so lange hinausgeschoben hat. Aber jetzt, wo ich ihn vor vollendete Tatsachen gestellt habe, sollte ich ihm Zeit geben, sich langsam an Tigris zu gewöhnen.«
»Er hatte Wochen lang Zeit dafür, zog es jedoch vor, zu flüchten. Ich wusste nicht, wie radikal du sein kannst, Danubia.« Aévon sah sie amüsiert an.
»Ich habe das Richtige getan«, verteidigte sie sich.
»Dir werfe ich doch gar nichts vor. Wahrscheinlich hätte ich an deiner Stelle genauso gehandelt. Aber aufgrund deiner Fähigkeit dürfte auch dir eine besorgniserregende Tatsache nicht entgangen sein.«
»Und die wäre?«
»In meinen lässigen Worten ausgedrückt, würde ich sagen, dass er richtiggehend Schiss vor einem jungen Mädchen hat.« Er sah Danubia ins Gesicht und fand darin die gleiche Verwirrung und dasselbe Unverständnis, die auch in ihm durch Procyons Verhalten ausgelöst wurden. »Seine Gefühle, die eben über mich geschwappt sind, sind voller Furcht, Misstrauen und vor allem nagender Schuld«, fuhr Aévon fort. »Eine sehr bedenkliche, rätselhafte Mischung, die er einem so wundervollen, unschuldigen Geschöpf wie meiner Schwester entgegenbringt.«
Danubia wusste nicht mehr weiter. »Vielleicht macht er sich Vorwürfe, dass er nicht schon viel früher Kontakt zu ihr aufgenommen hat. Vielleicht hatte er Angst, zurückgewiesen zu werden.« Sie setzte sich endlich in Bewegung, um diesem schmerzlichen Gespräch zu entfliehen, doch Aévon wich nicht von ihrer Seite.
»Ich bitte dich, Danubia. Schau sie dir doch einmal an, wie sie ihn anhimmelt. Spätestens beim Anblick dieser strahlenden Honigaugen wäre einem normalen Menschen ganz warm und kuschelweich ums Herz geworden.«
»Aévon, sei nicht so streng zu ihm. Vielleicht überlagern deine eigenen negativen Gefühle diejenigen, die du an ihm wahrzunehmen glaubst. Er ist ein wundervoller Mensch. Er hat ihr das Leben gerettet.«
»Ja, von dieser Geschichte habe ich gehört. Und ich werde den Eindruck nicht los, dass hierin der Schlüssel zu seinem Verhalten liegt. Aber das finde ich schon noch heraus. Irgendetwas frisst an ihm, das spüre ich. Wenn der innere Druck groß genug ist, explodiert irgendwann jeder Kessel voller großer, unerfreulicher Geheimnisse.«
Mittlerweile waren Procyon und Tigris stehen geblieben und warteten vor dem Säulengang, an dessen Ende der Wintergarten lag, auf die beiden Nachzügler. Als Aévon sie erreichte, hakte sie sich an seinem und Procyons Arm unter und bemerkte zufrieden, dass Danubia sich lächelnd von ihrem Vater in den Arm nehmen ließ.
Zusammen gingen sie weiter, wie eine glückliche Familie auf ihrem Sonntagsspaziergang.
Und Danubia zwang sich entschlossen, in Procyons festen, um Halt flehenden Druck auf ihren Schultern nichts Besorgnis erregendes hinein zu interpretieren.

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Pünktlich wie immer kam Ilvyn um neun Uhr morgens im obersten Stockwerk des Aquariums an, wo sie im Vorzimmer von Miras Büro einen von zwei gegenüberliegenden Schreibtischen belegte. Sie war hundemüde, denn sie hatte zusammen mit einigen jungen Xendii unten in den Seminarhäusern die Präsidentschaftswahl bis zwei Uhr morgens verfolgt und mit Miras Anhängern den Ergebnissen entgegengefiebert. Ein wenig waren ihr die Wahlen in PAGANs Doméns wie der Grand Prix de la Chanson in Europa vorgekommen, den sie einige Male auf dem alten Schwarzweiß-Fernseher in Rosenhag 3 mitverfolgt hatte. Die Kontinentalräte waren live zugeschaltet worden und hatten die Ergebnisse in ihren Distrikten verlesen; vorab waren die interessantesten Sehenswürdigkeiten und Traditionen des betreffenden Kontinents gezeigt und Interviews mit Anhängern der verschiedenen Fraktionen übertragen worden.
Zur Wahl hatten neben vier anderen, wenig aussichtsreichen Kandidaten Procyon Zimberdale und Mira Szelwyczinski gestanden.
Ilvyn verehrte die idealistische Wandlerin über alle Maße und niemand fühlte sich enttäuschter als die junge Seherin, als Procyon Zimberdale nach einem langen Kopf-an-Kopf-Rennen schließlich doch mehr Stimmen auf sich vereinigen konnte. Immerhin bot er in dem ersten Interview nach seinem Sieg an, dass Mira weiterhin Vize-Präsidentin bleiben sollte, was diese sich noch überlegen wollte. Denn es gab einige Sachen, bei denen beide völlig entgegen gesetzter Ansichten waren. Procyon wollte einen härteren Kurs gegen Umbriel fahren, Mira hingegen zählte auf die Unterstützung der Free Daimons und eine vorsichtige Vorgehensweise. Sie fürchtete nichts mehr als eine weitere Erhöhung des weltweiten DiS-Levels. Auch in der Daimonfrage gingen beide ein wenig auseinander. Mira wollte unbedingt die Zusammenarbeit mit den Free Daimons vertiefen, Procyon war der Meinung, dass sich Daimons so wenig wie möglich in die Belange der Menschen einmischen sollten. Und nicht zu vergessen, das Ärgernis namens DiSMasters ... Procyon hatte klipp und klar erklärt, dass der Staat Guulin Kherem ein freiwilliger, demokratischer Zusammenschluss von Xendii war, die Autonomie beanspruchten, sich eigene Gesetze gegeben hatten und daher nicht mehr der Gerichtsbarkeit PAGANs unterstanden. Er begrüßte jedoch Guulin Kherems Vorschlag, PAGAN militärisch zu unterstützen und bot ihnen im Gegenzug einen beratenden Sitz im Parlament an. Dies verwunderte wahrscheinlich nicht nur Ilvyn wenig, da doch Procyons heißgeliebter Sohn, dieser schreckliche Aévon, der Anführer dieser Anarchisten war.
Am anderen Schreibtisch in Miras Büro saß bereits Goovinndah in einem glitzernden indischen Kaftan grellster Färbung und frischte sein Make-up auf. Ilvyn war jeden Tag aufs Neue darüber erstaunt, dass ein Geschöpf mit vier Händen mindestens doppelt so lange dafür brauchte wie das eitelste Frauenzimmer auf Erden. Aber Goovinndah war überkritisch und penibel, was sein Aussehen anging, denn noch immer geschah es hin und wieder (und ganz besonders in Indien), dass sich Menschen in Ehrfurcht vor ihm niederwarfen und da wollte er schließlich nicht wie ein verquollener, übernächtigter und versoffener Junkie aussehen. Divinité oblige!
»Guten Morgen, Goovinndah. Du bist jetzt schön genug, findest du nicht?«, bemerkte Ilvyn spitz und schaltete ihren Computer ein.
Der blaue Daimon, der in der Gestalt einer vierarmigen hinduistischen Gottheit inkarniert war, senkte ein wenig den Handspiegel aus schimmerndem Schildpatt, wodurch ein großes, kajalumrandetes, dunkles Auge mit einer ebenso pechschwarzen, akkurat gezupften Braue darüber zum Vorschein kam.
Diese hob sich nun spöttisch. »Natürlich sehe ich umwerfend aus. Schon seit fast tausend Jahren. Aber du bist nicht schön genug, findest du nicht?«
Ilvyn blieb trotz seines provozierend lieblichen Tonfalls gelassen. »Ich lege keinen ausgeprägten Wert auf Äußerlichkeiten, das müsstest selbst du inzwischen begriffen haben. Gibt es irgendetwas Neues heute Morgen?« Ilvyn schaute zu der zweiflügeligen, dunkelblauen Tür, durch die gedämpft Miras Stimme sowie einige andere klangen.
»Procyon Zimberdale ist Präsident. Ich habe es dir doch gesagt. Er sieht einfach zu gut aus.«
»Und deswegen werden ihm sämtliche Daimonherzen der MDL zufliegen, ich weiß. Wie geht es ihr?« Sie wies mit dem Kopf zur verschlossenen Tür.
»Sie hat sich sofort wieder in die Arbeit gestürzt, besser gesagt, in eine Telefonkonferenz mit der FD. Seit sechs Uhr früh. In den nächsten Tagen soll in Shangri-La eine sehr wichtige Versammlung mit den Free Daimons stattfinden«, erklärte Goovinndah und warf einen letzten, prüfenden Blick in den Spiegel: Nun gut, die schwarzen Locken lagen in ölig glänzenden, artigen Spiralen auf seinen wohlgeformten Schultern und der dumme lila Pickel auf seinen zartblauen Wangen war dank des nahezu gleichfarbigen blauen Lidschattens von Margret Astor so gut wie nicht mehr zu sehen. Mit einem kleinen Seufzer verwandelte Goovinndah den Spiegel schließlich in eine kleine, pinke Vase samt künstlicher Orchidee und stellte sie in einem akkuraten 90°-Winkel zu der Lavendel-Duftkerze auf seinem Schreibtisch; genauso wie er es kürzlich in der neuesten Ausgabe seiner Lieblings-Frauenzeitschrift unter der Rubrik ›Feng-Shui fürs Vorzimmer‹ gelesen hatte.
»Oh, nein, was ist das denn? Ich habe ungefähr dreitausenddreißig merkwürdige d-mails bekommen! Wieso funktioniert der Spam-Filter nicht?«, grummelte Ilvyn und stöhnte entnervt auf, während sie einzelne Nachrichten anklickte. »Alles Werbung aus der Daimonsion, verflucht. Nein, ich brauche kein aufblasbare Fliegende Untertasse mit Jericho-Trompeten. Und auch kein Religions- & Sekten-Konstruktions-Set. Empfohlen von ShinnNation, pah!«
»Tja, das kommt davon, wenn man sein Programm nicht auf ›alle 3 Minuten updaten‹ eingestellt hat«, erheiterte sich Goovinndah und machte aus seiner Schadenfreude überhaupt keinen Hehl.
Ein Jubelschrei aus dem Büro der Vizepräsidentin ließ sowohl die junge Seherin als auch den blauen Daimon zu dessen Tür sehen. Schon im nächsten Augenblick eilte Mira aufgeregt daraus hervor; ihr mintfarbener Lieblingsschal aus Seide wehte dabei wie eine Fahne hinter ihr her.
»Ich ... oh meine Güte! Das ist ja ... ich kann es kaum glauben!« Sie stürzte zu Ilvyns Schreibtisch, atemlos vor Aufregung und mit wunderlichen, roten Hektikflecken auf den Wangen. Eindringlich und begeistert sah sie ihre Assistentin an. »Ilvyn, ER kommt auch! ER! Es ist zu schön, um wahr zu sein! Ach, jetzt wird alles gut!« Sie schlug noch einmal ungläubig die Hände vor den Mund, sah mit feuchtglänzenden Augen zur Decke und eilte dann beschwingt aus dem Vorzimmer zurück in ihr Büro.
»ER kommt? Wer denn?«, fragte Ilvyn verwundert.
»Als ob man sich DAS nicht denken könnte. Omrishah natürlich. Für ihn würde sie sogar Robert de Niro, ihren Lieblingsschauspieler, von der Bettkante schubsen.«
Ilvyn zuckte zusammen und hatte das Gefühl, dass ihr Herz sich ebenso schockiert einmal kurz verkrampfte und auf ein Zeichen wartete, von der Leine gelassen zu werden.
»Omrishah? Omrishah!«, krächzte sie. Und schon raste auch ihr Herz vor Aufregung los. »Oh mein Gott!«
»Ist er nicht«, widersprach Goovinndah ärgerlich.
»Ob ich ihn auch zu sehen kriege?«, fragte sich Ilvyn, die vollkommen aus dem Häuschen war, was nicht sehr oft vorkam. »Dass ich das vielleicht erleben darf! Omrishah!«
Goovinndah rollte entnervt seine großen, dunklen Augen. »So toll ist er nun auch wieder nicht. Er ist doch bloß ein Daimon wie wir alle.«
»Ich bin kein Daimon. Aber Omrishah! ER kommt! Wann?!«
»Jedenfalls wird er nicht mit Trara und Himmelszeichen und dergleichen auftauchen, das ist ja so etwas von passé«, winkte Goovinndah ab. »Und da er am liebsten inkognito reist, wird ihn sowieso niemand erkennen, selbst wenn er gleich neben einem steht. Immerhin kann er als einziger Daimon seinen Shine verändern oder gleich ganz löschen, wenn ich dich erinnern dürfte, ganz zu schweigen von seiner Gestalt.«
»Egal.« Ilvyn lächelte verträumt. Die besorgniserregenden Zustände in der Welt traten völlig hinter der Tatsache zurück, dass Der Einzigmächtige Eloyah PAGAN einen Besuch abstatten würde. Und sie konnte ihn vielleicht treffen oder zumindest sehen!
Nur noch beiläufig nahm sie wahr, wie in Windeseile sämtliche d-mails mit Spam-Adressen automatisch gelöscht wurden, nachdem sie das Nachrichtenprogramm auf den neuesten Stand gebracht hatte.
Halbherzig überflog sie dann weitere e- und d-mails und müllte fröhlich alle, die noch Werbung oder Schmähungen von fanatischen Umbriel-Anhängern und MDL-Aktivisten enthielten.
Fast hätte sie auch eine Nachricht gelöscht, die in höchsten Tönen die CD eines sensationellen neuen Rappers namens Engelbert anpries.
»Wie bitte?« Ilvyns Finger zuckte im letzten Moment zurück. Sie traute ihren Augen kaum. 
»›Kein Dämon wie jeder andere: Engelbert, das Phänomen‹
Ist er jetzt vollkommen durchgedreht?
›Erlebe Engelbert live im Talk bei MTV Japan!‹
›Von 0 auf 1 in den Asia-Charts: Swing like a Daimon‹, ha!
›Bleibt cool, es gibt keine Engel oder Teufel, nur D.A.I.M.O.N.s, das ist Engelberts Botschaft an die Welt!‹.«
»Engelbert? Aaah!« Goovinndah tippte etwas in seinen Computer ein, woraufhin in Zimmerlautstärke unverkennbar Engelberts Stimme zu einem schnellen Beat rappte, der durch schmissige Samples von ›In the Mood‹ aufgelockert wurde.
»DER Chartbreaker in der Daimonsion! Jeder Daimon kennt es und selbst Gabiriyell von den Zerrafin soll letztens dabei ertappt worden sein, wie er mitrappte.«
»Ich kenne dieses Lied jedenfalls nicht, nur den Sänger. Wir haben ja auch keine anderen Probleme als einen Superhit zu landen. Dann wird alles gut, was?« Ilvyn zog missbilligend ihre Brauen zusammen, die zartflaumig über der Nasenwurzel ineinander übergingen.
»Nun, immerhin mögen ihn junge Menschen und überlegen sich nun, ob nicht etwas dran sein könnte an seiner Message, dass Engelsflügel und Teufelsschwänzchen nichts als Show sind. Und schon immer waren.«
»Und was ist mit blauer Haut und vier Armen?«
»Ich habe IMMER zu den Menschen gesagt: Hört zu, ich seh' nur zufällig so aus wie einer eurer Götter. Aber ehe ich mich verguckte, wurde ich jedes Mal auf eine prunkvolle Sänfte voller duftender Blumen genötigt, durch die Städte getragen und angebetet. Irgendwann gibt man halt dem Druck der Straße nach.« Goovinndah schlug melancholisch die Augen nieder und klimperte mit seinen seidigschwarzen, übertrieben langen Wimpern.
»Zufällig, soso.« Ilvyn musste schmunzeln. Goovinndah, diese kleine Diva im Vorzimmer von Mira, schaffte es trotz seiner Allüren immer wieder, sie aufzuheitern, wenn auch meist unbeabsichtigt.
Sie las kopfschüttelnd die Lobeshymnen über Engelbert weiter, bis sie merkte, dass nach all den einkopierten Werbebotschaften ganz unten ein paar Zeilen an sie persönlich gerichtet standen.
›Liebste Ilvyn, mir geht es fantastisch!!!! Das Showbiz ist wie geschaffen für mich, und ich für das Showbiz. 
Und weißt du, wo ich gerade bin? Ich sitze am Pool meines Bungalows im ›Lemuria Resort‹, des teuersten Hotels auf den Seychellen und seychille ein wenig, bevor ich live bei MTV auftrete (am dritten Juni, genauer gesagt).
Hoffe, es geht euch allen gut. Was macht Tigris, diese Nervensäge? Hier ist meine Handynummer, ruft mich doch mal an, ich würde mich sehr freuen. Ich will es kaum wahrhaben, doch ich vermisse euch tatsächlich allmählich. Euer Engelbert.
P.S. Ich konnte es nicht lassen, ein bisschen anzugeben, wie du oben siehst. Wie doof, ich weiß. Aber ich kann meinen Erfolg selber kaum glauben.‹
»Dich anrufen?«, rief Ilvyn erzürnt und schmiss beinahe ihren Stuhl um, als sie aus dem Sitz schnellte. »Oh, das werde ich, Engelbert, das werde ich. Und dann kriegst du etwas zu hören!«
Goovinndah fluchte auf indisch auf, denn er hatte sich gerade noch einmal den Lidstrich nachgezogen und war bei Ilvyns Gefühlsausbruch derart überrascht zusammengezuckt, dass der Kajalstift quer über das Oberlid zur Schläfe abdriftete.
»Spielt den Superstar, während wir so kleine, nichtige Probleme wie die MDL haben...«
Entschlossen kramte sie ihr Handy, ein Geschenk von Mira, aus ihrer Minirucksack. Schnell tippte sie die Nummer aus der E-Mail ein und stürmte dann mit dem Handy am Ohr aus dem Büro.

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Wenige Stunden später trafen Tigris und Danubia Ilvyn in der Asiatischen Node, als die junge Seherin gerade aus dem Tor von Shangri-La eilte.
»Hallo, wohin?«, rief Tigris verwundert, blieb stehen und bedeutete ihrer Mutter, schon voraus nach Shangri-La zu gehen.
Ilvyn war regelrecht an ihr vorbeigehastet, ohne sich nach links oder rechts umzuschauen und riss erst beim Klang ihrer Stimme den Kopf herum.
»Entschuldige, Tigris, ich war in Gedanken. Wohin ich gehe? Das glaubst du mir nicht, wenn ich es dir erzähle«, sagte Ilvyn grimmig. »Hast du eigentlich in letzter Zeit mal in einen Musiksender geguckt, die Top 10 Japans zum Beispiel?«
»Nein, ich gucke kaum noch Fernsehen, mein Leben ist aufregend genug. Außer gestern natürlich. Hast du auch die Wahlen mitverfolgt?«
Tigris hatte ein derart verträumtes Lächeln und einen so strahlenden Blick in den Augen, dass Ilvyn es nicht über das Herz brachte, ihr den Wahlerfolg ihres Vaters mit einem kritischen Kommentar zu vermiesen. »Ja, sicher. Hm. Herzlichen Glückwunsch. Du bist jetzt die Tochter des Präsidenten von PAGAN ...«
»Das ist mir sowas von egal. Ich habe endlich meinen Vater gesehen. Er ist einfach toll, süßer und lieber, als ich es mir vorgestellt hatte«, erklärte Tigris glückselig.
»Das freut mich wirklich für dich, Tigris.« Ilvyn streichelte lächelnd über die Schulter ihrer Freundin. Dann sagte sie: »Schöne Grüße von Engelbert, übrigens. Darauf können wir uns etwas einbilden, er ist jetzt ein Superstar mit einem No.1-Hit, wie er per E-Mail mitteilen lässt.«
»Ach wirklich?« Tigris lächelte breit. »Dann lag ich doch richtig mit meiner Vermutung. Wo ist er jetzt eigentlich?«
»Auf den Seychellen. Und ich gehe jetzt dahin und sag’ ihm meine Meinung persönlich. Dann kann er nicht mehr einfach auflegen wie vorhin«, knurrte Ilvyn unüberhörbar zornig. »Bleibt wochenlang weg, lässt uns hängen und dreht Videos mit halbnackten Frauen!«
»Ich fürchte, er wird seine Bodyguards anweisen, dich nicht in seine Nähe zu lassen, wenn du so wütend bist«, erwiderte Tigris amüsiert. »Ich kann ja mitkommen. Dann schläfern wir jeden um ihn herum für ein paar Minuten ein. Davonmaterialisieren kann er sich momentan nicht mehr.«
»Das ist eine sehr gute Idee!«, rief Ilvyn hocherfreut. »Mit einer Wandlerin in meiner Nähe würde ich mich auch gleich sehr viel sicherer fühlen.«
In diesem Moment kam auch Bat Furan aus Shangri-La herüber. Als er die beiden Mädchen sah, rannte er sogleich zu ihnen.
»Ich habe dich schon überall gesucht, Tig! Was wollt ihr hier in der Node?«, erkundigte er sich streng mit besorgtem Blick auf Tigris, die bereits genervt die Augen verdrehte.
»Ja, was denn?«, verteidigte er sich. »Aévon will nicht, dass du in der Weltgeschichte herumspazierst. Zumindest nicht ohne jemand, der dich beschützt. Und du hast doch selber versprochen, nur noch in Shangri-La zu bleiben.«
»Wir wollten-«, begann Tigris und hielt dann schnuppernd inne. Jemand roch nach Blüten und Kokosnuss, und zwar ziemlich penetrant; als ob man ihn kopfüber in ein Fass davon hineingetunkt und darin tagelang hatte ziehen lassen. »Ah, hat Shirooka ihr Massageöl doch noch bekommen?«, fragte sie dann unschuldig, doch die Bemerkung erzielte ihre Wirkung: Bat Furan lief knallrot an und sah verlegen durch die Gegend. Dann fiel ihm gottlob wieder ein, wer eigentlich eine Erklärung schuldig war: »Also, wohin wolltet ihr?«
»Wir wollten nur auf die Seychellen, wo Engel The Bert zurzeit residiert. Er ist nämlich jetzt sehr berühmt«, antwortete Tigris und probierte, Bat Furan möglichst süß anzulächeln, was diesen jedoch noch im Geringsten beeindruckte : »Ha, siehst du! Schon wieder wolltest du einen Alleingang starten. Dabei weiß doch jeder von uns, was dabei herauskommt. Die MDL ist hinter dir her, schon vergessen?«
»Also, ich bitte dich! Die Seychellen. Winzige Inseln im Indischen Ozean. Was soll dort schon passieren?«
»Egal. Ich komme mit«, entschied er energisch und verschränkte die Arme. Dann schüttelte er lächelnd den Kopf. »Engelbert und berühmt? Ah, sag bloß, er ist DER Engelbert. ›Swing like a Daimon‹. Irgend so ein Lied hat doch Shirooka auf ihrem MP3-Player. Es klang wirklich gut.«
»Meinetwegen, komm mit, oh du mein BodyXendi.« Tigris lachte und ließ den Blick hinüber zu den elf Toren der anderen Noden schweifen, von denen immer noch fünf verschlossen waren. Dann sah sie in die Mitte der monumentalen Node. Irgendwo dort befand sich das Nodenschloss für die Passagen, die aus der Daimonsion auf die Erde führte. Und sie dachte wieder daran, dass sie die Jenseits-Tore mit dem Bernstein-Amulett einfach öffnen konnte. Jedes einzelne der Zwölf. Eine unerhörte Tatsache, die sie bisher weder Mira noch Aévon mitgeteilt hatte, obwohl Antigua ihr unaufhörlich ins Gewissen redete.
›Dann schnappen alle endgültig über und ich kann keinen Schritt mehr tun, ohne dass mir eine Armee von Xendii im Nacken sitzt. Toller Gedanke...‹, dachte sie voller Widerwillen.
Mit einem Mal bemerkte sie eine schmächtige, kleine Gestalt inmitten der vorbeiziehenden Xendii und ihr Herz legte einen Kavalierstart hin.
Anjul war dort, gekleidet in einen Trainingsanzug mit der japanischen Fahne hinten drauf, der etwas zu groß für ihn zu sein schien. Er betrachtete hochinteressiert die hochmoderne, imposante Node.
Was wollte er hier, wieso war er nicht im Krankenhaus, wo er hingehörte?
»He, Tig, was träumst du schon wieder so vor dich hin? Lass uns gehen«, sagte Bat Furan und stubbste sie sanft an.
Eine größere Truppe verdeckte nun die ungestörte Aussicht auf Anjul, dem Gebaren nach Neulinge, denn sie schauten sich ebenso neugierig und staunend um wie der Junge hinter ihnen.
»Ach, wisst ihr ... eigentlich ist es doch besser, wenn ich nicht mitkomme«, meinte Tigris zögernd. Es würde sicher schön sein, Engelbert wieder zu sehen, doch gegen die Möglichkeit, in diese wundervollen, tiefblauen Augen zu schauen und der rauen, akzentreichen Stimme zuzuhören, kam er eindeutig nicht an. »Die MDL könnte überall sein. Vielleicht können sie mein Amulett wittern oder so. Aber, Bat Furan, du solltest Ilvyn besser begleiten, für alle Fälle.«
»Das ich das noch erleben darf: Tigris macht, was man ihr sagt«, wunderte sich Bat Furan. »Lass uns schnell gehen, Ilvyn, bevor sie es sich anders überlegt.«
Die beiden verabschiedeten sich und eilten zum Tor nach Pazifica.
Tigris atmete indes tief durch und sann hektisch über eine kluge und vor allem unauffällige Annäherungsstrategie nach.
Ihr Handy, die Rettung!
Sie zog es aus ihrer Jacke, tat, als ob sie eine ungemein wichtige, erfreuliche SMS erhalten hätte und schlenderte dann scheinbar gedankenverloren an Anjul vorbei, wobei sie ihn leicht streifte. »Oh, hallo! Entschuldige, ich habe dich gar nicht gesehen«, sagte sie, um einen möglichst überraschten Gesichtsausdruck bemüht.
Ohne aufzusehen, entgegnete Anjul darauf: »Aber Tigris ... Du brauchst dich doch nicht für etwas zu entschuldigen, was gar nicht stimmt.«
Tigris war zu baff, um sich eine schlagfertige Antwort darauf einfallen zu lassen. Und Anjul setzte sogar noch eins drauf und meinte nach einem kleinen Seufzer: »Dich wird man wohl nicht mehr los, wenn man einmal mit dir kurz geschmust hat.«
»Geschmust! Jetzt übertreibst du aber, es war nicht mehr als eine Art Mund-zu-Mund-Beatmung, und du sowieso im Koma«, erwiderte sie empört. »Und wenn ich gewusst hätte, was für ein undankbares Gör du bist, dann-«
Anjul musterte sie gelassen. »Dann was?«
Tigris biss sich auf die Lippen. In diesem Moment fiel ihr ihre Theorie ein, die sie vorhin im Hause ihres Vaters entwickelt hatte und die ihr nun unsäglich albern vorkam.
»Ach nichts. Ich muss nach Hause«, murmelte sie hastig. Es prickelte nämlich in ihrer Nase - ein lästiges Vorzeichen für dumme Tränen, die Anjul garantiert nicht verdiente.
Sie wollte sich schon abwenden und endlich aus der peinlichen Situation flüchten, da erschienen wieder diese Grübchen unter Anjuls Augen, diesen intensiv schauenden Augen, denen nichts entging und die so wirkten, als könnten sie selbst Gedanken in sich einsaugen, die hinter anderen Augen lagen.
Er hob die Hand und berührte eine Locke, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur befreit hatte.
Wie elektrisiert blieb Tigris stehen. Erst machte er sich lustig über sie und nun das ...
»Kannst du mich zu Aévon bringen?«, fragte er mit seiner rauen Stimme sanft, während er die widerspenstige Strähne befühlte und inspizierte, als hätte er noch nie im Leben Locken gesehen.
»Du willst bei den DiSMasters mitmachen? Aber du solltest doch eigentlich im Krankenhaus sein, oder?«, meinte sie leise und erschauerte unter der Berührung. Was wohl passierte, wenn sie sich ihm einfach so in die Arme werfen würde?
›Wahrscheinlich würde er unter meinem Gewicht zusammenbrechen‹, dachte sie sarkastisch, ›er ist wirklich ein ziemlicher Hänfling. Aber er ist so süß.‹
»Es geht mir gut«, sagte er sehr bestimmt. »Ich habe den ganzen Morgen wie ein Verrückter das Lauftraining absolviert. Und jetzt habe ich keine Lust und keinen Grund mehr, dort zu sein.«
»Bei den DiSMasters zu sein, ist lebensgefährlich. Und du musst außerdem zuvor Bürger von Guulin Kherem werden, um bei ihnen mitmachen zu können.«
»Warum?«
»Um zu zeigen, wie ernst es dir ist.«
»Womit?«
»Mit der Bekämpfung von üblen Daimons.«
»Das ist schon lange mein Lebensinhalt.«
»Dann müssen wir jetzt zurück nach Shangri-La, die Passage nach Guulin Kherem ist im Untergeschoß des Aquariums.« Tigris setzte sich in Bewegung und Anjul ging neben ihr her, wobei er sie unverhohlen von Kopf bis Fuß betrachtete. Immer wieder verfing sich sein Blick in ihrem Gesicht, vor allem in ihren Augen, was sie vollends nervös machte.
»Warst du lange ... dort?«, erkundigte sie sich vorsichtig in Erinnerung an Miras Ratschlag, ihn bezüglich Excelsior mit Samthandschuhen anzufassen.
»Lange genug.«
»Und davor?«
»Mal hier, mal da.«
»Du kennst dich aber schon mit Xendii, Daimons und all dem aus?«
»Bestens. Mein Zimmer im Krankenhaus hatte Anschluss ans Inter- und DimensioNet.«
Na, sehr auskunftsfreudig war er ja nicht. Dennoch genoss Tigris jede Sekunde mit ihm und hätte noch stundenlang ziellos mit ihm herumwandern können.
Doch der Spaziergang endete, nachdem sie in das Kellergeschoß des blauen Gebäudes hinabgestiegen waren, wo es viele Korridore mit Direktdurchgängen zu verschiedenen Orten gab, darunter auch in die mongolische Burg der DiSMasters. Vor dem Tor war im Schichtwechsel ein Mitglied - oder eher gesagt, ein Bürger des neugegründeten Xendii-Staates postiert, allerdings kannte jeder Aévons Schwester und daher ließ man sie und Anjul anstandslos passieren.

.

Augenscheinlich genoss Engelbert das Leben eines vielumschwärmten Superstars wohl in vollen Zügen.
Wer lag nicht gerne an einem riesigen Pool mit herrlich blauem Wasser herum, während beständig dunkelhäutige Bedienstete heranschwirrten, um ihm jedem Wunsch von den Augen abzulesen? Wäre Engelbert zudem wirklich ein Mensch - und vor allem ein Mann - gewesen, hätte er sich ganz und gar wie im Paradies gefühlt, denn die Tänzerinnen, die sich in seinem nächsten Video wieder einmal halbnackt herumräkeln und durchs Bild wackeln durften, planschten vor seinen Augen ausgelassen oben ohne in seinem Pool. Dabei bespritzten sie Engelbert in seinem Liegestuhl hin und wieder mit kühlem Nass oder warfen ihm verführerische Blicke zu. Engelbert wusste allerdings, dass sie auf diese Weise nur darum buhlten, wer sich bei den bald beginnenden Aufnahmen an vorderster Front neben ihm in voller Pracht und Schönheit präsentieren durfte.
Zwar ließen ihn diese Allüren kalt, nicht jedoch die Tatsache, dass sie sich insgeheim über sein wenig attraktives Äußeres lustig machten.
Dabei hatte er durchaus die Möglichkeit, jede einzelne von ihnen unwiderruflich in glühendster Liebe zu ihm entbrennen, sie schmachten, vor Sehnsucht vergehen zu lassen - ach was - sie von Kopf bis in die Spitzen ihrer pedikürten Zehen ihm hörig zu machen.
Ein anheimelnder, verlockender Gedanke, bei dem man einfach breit grinsen musste ...
Allerdings würde ein verantwortungsbewusster, gereifter Daimon (und für so einen hielt er sich im Großen und Ganzen) natürlich nicht einmal im Traum daran denken, zudem es unter Todesstrafe verboten war. Und daher lohnte es sich ganz und gar nicht, die eigene Seele mit derjenigen irgendeines dahergelaufenen Menschen zu verschmelzen.
Er seufzte und nippte an seinem Caipirinha. Nein, zu so etwas würde er sich niemals hinreißen lassen, dafür hatte er nicht seine Bedenken und Ängste in den Wind geschlagen und dafür hatte er nicht diese Chance genutzt, die sich ihm in jenem Moment geboten hatte, da er in dem Tokioter Tonstudio inkarniert war.
Bei dem Gedanken an seinen großartigen Plan nahm er sein Handy vom Beistelltischchen und warf einen Blick darauf. Er hatte es erst vor wenigen Tagen von einem Mittelsmann bekommen und bislang nur wenige der unzähligen Funktionen entdeckt, denn es handelte sich selbstverständlich nicht um ein gewöhnliches Mobiltelefon. Dafür bürgte schon allein der holografische Schriftzug auf dem superflachen, metallicvioletten Gerät: DiSfunx L.
Ein vielversprechender Name und eng verbunden mit seinen Plänen.
Wenn seinen Mitverschwörern die Flucht hierher auf die Erde gelang, würden sich einige Dinge ändern.
Wenn ...
Doch bisher hatten sie sich nicht blicken lassen.
Nichts. Kein Anruf, keine Nachricht, kein Ankunftssignal.
Allmählich wurde er unruhig. Wo blieben diese Typen nur?
Er setzte sich an den Pool und ließ seine Füße darin baumeln.
Dann senkte er den Kopf mit den strubbeligen, mitternachtsblauen Haaren und betrachtete nachdenklich das Wasser. Dort spiegelte sich sein breites Gesicht mit den dunkelblauen Sommersprossen und den leuchtend violetten Augen. Seine Inkarnation war ja wirklich nicht gerade sehr hübsch und imposant, wenn er’s recht bedachte. Harmlos und vertrauenserweckend, komisch, sympathisch eben. Wieso auch hatte er die letzten Tage vor der 9%-Wendemarke nicht irgendeine andere Gestalt angenommen, vielleicht eine Mischung aus Enrique Iglesias und The Rock?
Das hätte bestimmte weibliche Personen sicherlich tief beeindruckt und sie womöglich veranlasst, ihm nicht mehr böse zu sein, sondern vielleicht eher entzückt in seine Arme zu sinken oder so.
Aber ob es auch Ilvyn beeindruckt hätte?
So wie es aussah, war sie eher enttäuscht von ihm, hielt ihn für übergeschnappt und oberflächlich ... ihm wurde ganz schlecht bei dem Gedanken an ihr Telefonat vorhin, nicht zuletzt wegen dieses einen Satzes, den sie einmal zu ihm gesagt hatte und der seitdem in einer Art Endlos-Schleife durch seine Gedanken hallte:
›Ich wünschte, du wärst mein Schutzengel, Engelbert.‹
Für einen kleinen, verträumten Moment wurde ihm ganz warm und weich zumute, geradezu seidig in der Magengegend.
Doch dann schüttelte er lächelnd den Kopf über die merkwürdigen Gedanken, denen er sich hingegeben hatte. Als ob irgendeine materielle Form jemals etwas anderes aus ihm machen konnte als Engelbert, der Daimon der Cherubim-Klasse, ewiger Student der Takran-Uni, Ex-MDL-Aktivist, Noch-FreeDaimon-Anhänger, Asylant, Neuzugang am irdischen VIP-Firmament und nun auch noch Initiator einer jungen, kühnen Widerstandsbewegung, die zurzeit mehr Pläne als Aktivitäten vorweisen konnte.
In diesem Moment summte das Handy auf und zeigte eine SMS, gesandt von einer wohlbekannten, irdischen Nummer. Engelbert stöhnte verdrießlich auf.
Ilvyn.
Der Inhalt der Nachricht war allerdings noch katastrophaler:
›Danke, dass du vorhin so nett und vor allem abrupt aufgelegt hast. Dann sage ich dir eben persönlich, was ich von dir halte. Bin schon auf Mahé. Bis gleich.‹
»Oh nein! Kleines, du wirst es garantiert missverstehen!«, murmelte er beim Anblick der badenden, halbnackten Tänzerinnen.
Also sprang er auf und hechtete in seinen Bungalow, das wie eine luxuriöse Miniatur-Villa aussah und somit die teuerste Behausung war, die das Lemuria Resort zu bieten hatte.
Drinnen im eleganten, hellen Wohnzimmer spielten fünf bullige Männer in bunten Bermudas Poker.
»Ich habe gerade erfahren, dass ein Fan unbedingt zu mir will-«, begann er, woraufhin seine Bodyguards wissend grinsten.
»Sollen wir sie nach oben in dein Schlafzimmer bringen?«
»Nein, natürlich nicht! Sie ist noch minderjährig und ich erst am Anfang meiner Karriere, Mensch!«, sagte Engelbert und versuchte so lässig und arrogant auszusehen, wie es nötig war, um überzeugend zu wirken. »Also, Leutz: Die kommt hier net rein, klar?«
»Klar, Berty. Nervt dich wohl allmählich, dieses junge Gemüse, das sich bei deinem Anblick die Seele aus dem Leib kreischt und zwischendrin in Ohnmacht fällt, hehe.«
Engelbert nickte gequält lächelnd und trottete dann übelgelaunt wieder zum Pool, um Ilvyn eine Nachricht zu schreiben und sie um einen anderen Treffpunkt zu bitten, was sie höchstwahrscheinlich ebenfalls missverstehen würde.
›Wundervoll, einfach sagenhaft, Engelbert. Du bist ein wahrer Freund‹, schalt er sich selber. In Wahrheit hätte er Ilvyn nur zu gerne wieder gesehen, aber schon alleine ihre Schimpftirade vorhin am Telefon zeigte deutlich, dass sie das alles hier nicht verstehen und ihm natürlich auch nicht glauben würde, wenn er von seinen Plänen anfinge. Vielleicht hätte er der kleinen Seherin doch besser keine E-Mail zukommen lassen sollen, nachdem er beim zufälligen Besuch auf PAGANs verschlüsselter Homepage ihren Namen unter ›Kontakt‹ entdeckt hatte.
Aber er vermisste sie (nein, quatsch, selbstverständlich die Windwibb-Bande als Ganzes) blöderweise unsäglich; ein Gefühl, das viele Daimons ergriff, wenn sie sich zulange mit bestimmten Menschen abgaben.
Er ließ gedankenverloren einen Schwarm bunt schillernder Blasen aus DiS auf die juchzenden jungen Mädchen im Pool los, die kleine, duftende Blüten auf ihre Köpfe rieseln ließen, sobald sie mit dem Klingeln von Glöckchen zerplatzten.
Die fröhlichen Nixen lachten entzückt - und dann zog eine von ihnen Engelbert ins Wasser, um engumschlungen mit ihm wieder aufzutauchen.
»Schau an. Der Very Important Daimon nimmt ein Bad in der Menge, Ilvyn.«
Verdattert schaute Engelbert aus dem Pool auf - in ein braungebranntes Jungengesicht mit strahlend blauen Augen.
»Oh, Bat Furan ... h-hallo, lang nicht mehr gesehen ...«, stammelte er verlegen, während zwei Mädchen ihn von hinten umarmten und ihre Wangen an seine schmiegten.
»Das kann man wohl sagen, du treulose Tomate«, lachte der Wandler und warf den hübschen Badenixen anerkennende Blicke zu. Er sah überaus fröhlich und gutgelaunt aus - was man von Ilvyn, die etwas abseits des Pools auf der Terrasse stand, ganz und gar nicht behaupten konnte.
Innerlich fluchend entwandt sich Engelbert rasch den berechnenden Liebkosungen und kletterte aus dem Pool. Bat Furan schüttelte amüsiert den Kopf, als er den nassen, blassen und vor allem kleinen Cherub musterte, der ein Bäuchlein vor sich her schob.
»Allerdings würde ich für einen Tag gerne mit dir tauschen. Das ist ja die reinste Testosteron-Teststrecke hier«, gestand er dann grinsend.
Engelbert sah Ilvyn kurz verschwörerisch die Augen rollen - dann bombardierte sie ihn wieder mit ernsten, verletzten Blicken.
Doch Engelbert hatte sich entschieden, den Coolen zu geben, um die peinlichen Posen im Pool mit Anstand überspielen zu können. »Ich hätte mir denken können, dass du jemanden mitbringst, der meine Bodyguards schachmatt setzt, Kleines. Was habt ihr mit ihnen angestellt, hm?«
»Sie machen ein bisschen Yoga, genauer gesagt Kopfstand«, antwortete Ilvyn bissig. »Dann werden endlich mal die Körperteile durchblutet, die sonst ewig bei Männern zu kurz kommen.«
»Ja, die Ohrläppchen werden immer so stiefmütterlich behandelt. Na ja, was soll ich sagen: Macht’s euch gemütlich.« Er wies auf die freien Liegestühle.
Endlich kam auch Ilvyn näher, wenn auch mit trotzig verschränkten Armen und in den Augen eine Mordswut, die sie großzügig über die neugierig glubschenden Badenixen ausgoss.
»Das muss wirklich wie eine 6 im Lotto für dich sein, Engelbert«, zischte sie. »Kaum inkarniert und schon ein Star. Was man sich nicht alles für Geld kaufen kann ...« Sie ließ ihren Blick ironisch über die Schönheiten im Pool gleiten.
»Ich bin da eher so zufällig hineingerutscht-«, verteidigte sich Engelbert schwach, doch Ilvyn lief bereits zur Hochform auf und schimpfte los: »Wir haben 10,5 %, mein Lieber. Aber was soll’s, nicht wahr: nach dir die Sintflut. Hauptsache, einmal für zehn Minuten berühmt sein. Und ich dachte, du bist auf unserer Seite und kämpfst mit uns!«
»Nur weil ich einen Song in den Charts-«
»Und überhaupt, ich dachte, dein Job ist es, Tigris zu beschützen. Stattdessen gehörst du jetzt auf einmal zu diesen Möchtegern-Rappern, die nur deswegen andauernd im Fernsehen laufen, weil um sie herum jede Menge nackter Brüste auf dem Bildschirm hin- und herwackeln! Ich habe dein Video gesehen, es ist absolut blöd und sexistisch!«
»Nja, es war nicht meine-«
»Wir haben solche Probleme mit Umbriel! PAGAN hat noch nicht einmal genug Leute, um all jene zu evakuieren, die in den ehemaligen RSA-Gebieten verfolgt werden!« Mittlerweile funkelten Ilvyns Augen schon zornig zurückgehaltenen Tränen. »Du warst doch dabei, als Windwibbenburg massakriert wurde. Wie kannst du uns so hängen lassen wegen ... wegen diesem Scheiß hier?«
Bat Furan wunderte sich nur, wieso Ilvyn derart überreagierte. Letztendlich war Engelbert Tigris’ BodyDaimon gewesen und wenn jemand sich darüber hätte aufregen können, dann doch wohl sie. »Du vergisst, dass ein inkarnierter Daimon sich nicht eben mal wieder nach Shangri-La beamen kann, wenn er woanders festsitzt«, meinte er beschwichtigend und umarmte Ilvyn tröstend.
Engelbert warf dem Wandler einen dankbaren Blick zu und ergänzte: »Außerdem hat es doch einen Vorteil, wenn ich berühmt bin, Kleines: Ich kann den Leuten die Wahrheit über Engel und Teufel erzählen. Dann hören sie mal etwas anderes als dieses Jüngste-Gericht-Gesülze von Umbriel. Und ich lasse euch gar nicht hängen. Würde mir nicht mal im Traum einfallen, ihr Nervensägen. Hey, ich mag euch doch.« Er war im Begriff, Ilvyn einen freundschaftlichen Knuff zu verpassen, überlegte es sich jedoch beim Anblick ihrer säuerlichen Miene im letzten Moment anders und machte stattdessen ein paar nicht sehr sportlich wirkende Gymnastikübungen mit seinen Armen.
»Jaja«, grummelte Ilvyn, kein bisschen beschwichtigt. »Wenn du uns wirklich mögen würdest, wärst du bei uns, nicht bei MTV Asia. Am dritten Juni, pah!« Trotzig drehte sie den Kopf weg und starrte Löcher in die gepflegte Blumenbeete vor der Terrasse.
Währenddessen war eine kurvenreiche Blondine leise aus dem Pool gekommen, um sich an Engelbert anzupirschen und sich wieder einmal hinterrücks an seinen Hals zu werfen.
Der Daimon war zu perplex, um angemessen reagieren zu können und entschied sich für ein leutseliges Grinsen.
»Bertischatzi, wieso stellst du uns deine Fans nicht vor?«, lachte das Mädchen und bedeckte Engelberts Wange mit kleinen Küssen.
»Lass doch bitte Bertischatzis Ohr noch dran«, giftete Ilvyn sie an, »damit er hören kann, was seine ›Fans‹ wirklich von ihm denken!«
»Also, ich denke, er ist ein echter Glückspilz«, bemerkte Bat Furan amüsiert, der inzwischen intensiv mit einer dunkelhäutigen Tänzerin im Pool äugelte.
»Überlass das Denken Menschen mit einem Hirn an der richtigen Stelle, Bat Furan«, zischte Ilvyn ihm zu.
»Wisst ihr was? Ich lade euch in das hoteleigene Restaurant ein! Dann können wir ungestört über alles reden«, rief Engelbert, erleichtert über die plötzliche Eingebung, die ihn endlich aus der peinlichen Lage befreien würde.
Ilvyn schaute immer noch ärgerlich drein, protestierte jedoch auch nicht gegen diesen Vorschlag. Engelbert schnappte sich sein Handy, um einen Tisch zu reservieren - und blieb erschrocken wie versteinert stehen.
Irgendeine ihm noch unbekannte Funktion war angesprungen, und eine Botschaft blinkte unentwegt in giftigstem Grün auf:
Incoming Daimonic Subject 1: FUNATIC
Detected Daimonic Subjects 2-5: UNKNOWN CHERUBIM
»Verdammt, was soll das bedeuten?«, entfuhr es Engelbert.
Zur Antwort hub ein tiefes Rauschen an, als ob ein Sturm durch die gepflegten Hecken und Bäume des Gartens fegte, doch nicht ein einziger Zweig oder gar ein einzelnes Blatt rührte sich in der Hitze des wolkenlosen Nachmittags über den Seychellen.
Dafür wurde jeder am und vor allem im Pool Zeuge eines unvergesslichen, sensationellen Schauspiels: Als erstes schossen aus dem Nichts dicht an Engelberts rechtem Ohr schwarze Turnschuhe vorbei, gefolgt von ein Paar Jeans mit modischen Rissen und Flicken und einem weißen Sweatshirt, auf dem in grellorangen Buchstaben ›PRADANOID‹ stand. Den Abschluss bildete ein junges, asiatisches Gesicht mit pechschwarzen kunstvoll geflochtenen Cornrows und leuchtend grauen Augen. Strahlendweiße, übergroße Zähne blitzen unter schmalen Lippen hervor, denn das Geschöpf schrie im Flug.
Dann landete es auch schon mit einem Riesenplatscher zielsicher im Pool, was die Badenixen aufkreischen ließ und sie zum Beckenrand scheuchte.
Der Überraschungsgast tauchte prustend wieder auf. Zu seinem Glück war er im vorderen Bereich des Pools gelandet, wo das Wasser kaum mehr als einen Meter hoch stand.
»Ha, Engelbert! Ist irgendwo mein-« Der Rest ging in einem Schmerzensstöhner unter, denn ein Boomerang war herangesaust und traf ihn am Kopf.
»BoomeRAM.« Er seufzte, sah zu Engelbert und den beiden Windwibbs hinauf und rieb sich lächelnd die Stirn. »Ist ein Docteur anwesend? Inkarnierte Cherubim sind so sensibel. Creminell empfindliche Geschöpfchen.« Langsam watete er zur Leiter und kletterte aus dem Pool.
»Was ist das denn für ein Spinner?«, fragte Bat Furan Engelbert erstaunt. »Und wieso kann er sich einfach in deinen Pool beamen? Wo kommt er überhaupt her?«
»Drei massiv bewegende Fragen zum Zeitgeschehen«, sagte der klatschnasse Daimon, trat dicht an den Wandler heran und zückte ein Handy, ebenfalls superflach und metallicviolett wie jenes von Engelbert. Es klickte: Er hatte ein Foto von sich und Bat Furan geschossen. »Die Antwort ist pathologisch, ergo oskarverdächtig: DiSfunctional Laboratories, kurz DiSfunx L. genannt. Mein Name ist Funatic und somit schon vergeben, tut mir Leid.«
»Du kannst jedenfalls nicht aus unseren Doméns stammen. Unsere Noden sind alle für Besucher aus der Daimonsion geschlossen«, bemerkte Ilvyn misstrauisch.
»Aus frühjahrsputzigen Gründen, ich weiß. Aber der moderne Daimon von heute ist gerne mobiliert und unabhängig, weswegen er nur noch mit seinem BoomeRAM reist.« Funatic holte stolz das mattsilberne Gerät aus seinem triefenden Hemd.
»Weißt du, Funatic, das interessiert Xendii jetzt nicht so sehr«, schaltete sich Engelbert hastig ein und versuchte vergebens, den Daimon Richtung Bungalow zu schieben. »Wieso gehst du nicht schon einmal ins Haus und machst es dir bequem?«
»Ja, wieso wohl?« Funatic sah mit Unschuldsmiene in die drei Gesichter. »Vielleicht, weil acht anhängliche Agenten der MDL an meine Achillesfersen geheftet waren, just als ich mich aus der Daimonsion verflüchtete?«
Mit großen Augen starrten ihn Engelbert und die beiden Xendii an.
»Aber keine Sorge«, lachte Funatic, wobei seine besonders langen Vorderzähne gut zur Geltung kamen. »Ich habe vor dem Sprung in eure Welt noch ein PseudoRAM hinter mich geschmissen und sie abgehängt.«
Plötzlich ertönte Gepoltere und Schreie aus dem Bungalow. Die beiden Daimons und die beiden Windwibbs sahen sich schweigend an, unfähig sich zu rühren. Ilvyn fühlte einen Schauer über ihren Rücken prickeln.
»Was habe ich gesagt? Ich konnte sie für vier Minuten abhängen. Was mich ärgert, weil LogaShoccs Rekord bei viereinhalb liegt«, sagte Funatic verdrießlich. »Und jetzt ... WEG VON HIER!«
Doch es war schon zu spät.
In dem Moment, als sich endlich die Schockstarre bei ihnen gelöst hatte, platzte die Glasfront des Bungalows mit einem ohrenbetäubenden Knall und schleuderte die Scherben und Splitter zu ihnen herüber.
Engelbert reagierte geistesgegenwärtig, packte Ilvyn an der Hand und sprang mit ihr in den Pool, um dem Schauer aus scharfen Glasteilchen unter Wasser zu entgehen, ebenso wie einige kreischenden Tänzerinnen, die es noch geschafft hatten, unterzutauchen.
Für drei Mädchen hingegen, die sich auf der ans Haus angrenzenden Wiese gesonnt hatten, kam jede Rettung zu spät. Die messerscharfen Bruchstücke bohrten sich mit ungeheurer Wucht in ihre ungeschützten Körper. Blutüberströmt und gespickt mit funkelnden Scherben fielen sie zu Boden.
Bat Furan war hinter einen Liegestuhl gesprungen, gehüllt in einen schützenden blauen Cage, der die Splitter abprallen ließ. Dann sah er die fünf schwarzrot uniformierten Gestalten aus dem Bungalow stürmen, geradewegs auf Funatic zu. Der Cherub, ebenfalls von einem Cage umgeben, fuchtelte an einer kleinen, schwarzen Kugel herum.
»Ihr zwingt mich zum Linksäußersten!«, rief er und warf die Kugel auf sie. Diese traf einen der Daimons und blieb wie ein Klettball an ihm hängen, was ihn entsetzt erstarren ließ. Der Elan der Angreifer verpuffte. Unsicher blieben sie stehen, die Augen furchtsam auf die ominöse Kugel geheftet.
Bat Furan nutzte diese Gelegenheit, hob seinen Schutz auf und feuerte eine Moskito Party auf den nächststehenden Daimon ab. Der tiefrote Schwarm landete in seinem Gesicht und fraß sich wie Säure hinein. Wie von Sinnen schreiend sank er auf die Knie.
Immer noch stand Funatic in seinem Cage da, allerdings stampfte er ärgerlich auf, da die Kugel offenbar nicht die erhoffte Wirkung zeigte. Er ging langsam rückwärts Richtung Wiese, wo die toten Mädchen lagen.
»Eure Spielzeuge funktionieren wohl nicht immer, was, Funatic?«, sagte der Daimon hämisch, an dessen Hosenbein die Kugel hing. Das machte auch den anderen Dreien wieder Mut. Sie verteilten sich und rückten in Cages gehüllt näher.
Einer von ihnen sah spöttisch in den Pool, wo sich in einer Ecke zitternd und weinend die ganze Schar der Tänzerinnen zusammengedrängt hatte und angstvoll zu den Daimons emporstarrte. Auf der gegenüberliegenden Seite stand Engelbert im Wasser, beschützend vor Ilvyn postiert, die sich bibbernd mit zusammengekniffenen Augen gegen die Kacheln drückte.
»Und was haben wir da? Einen Xendii-Wandler ...«, fuhr er fort und schaute zu den Liegestühlen, wo Bat Furan in seinem Cage hasserfüllt herüberstarrte. »Wenn du dich nicht sofort ergibst, Funatic, töten wir zuerst alles, was hier kreucht und fleucht. Vor deinen Augen. Also versuch bloß nicht, wieder abzuhauen.«
»Soll das heißen, ich bin wirklich am Ende?«, seufzte Funatic betrübt. Dann stöhnte er auf, schlug sich die Hand vor die Stirn und erklärte fröhlich: »Nein, natürlich nicht! Ich habe doch den Zeitschalter betätigt!«
Das hämische Grinsen auf den Gesichtern der MDL-Agenten erlosch schlagartig.
Vor allem jener mit der Kugel am Bein verfiel erneut in Panik und versuchte noch einmal hektisch, das lästige Ding loszuwerden. Dieses zerfiel jedoch plötzlich in vier Segmente, und entließ einen schmetternden Sopran. Und unter den Klängen von ›Goodby, my love, goodbye‹ begann sich das Knie des Daimon in Nichts aufzulösen. Als ob er tatsächlich bloß eine Zeichentrickfigur wäre, fraß ein funkelnder, kleiner Wirbel ohne jegliches Blutvergießen seinen Körper in Zeitraffertempo auf. Es ging so schnell, dass er nicht einmal mehr die Zeit zu schreien fand. Und dann war auch schon alles vorbei; der Wirbel sank zurück in die geöffnete Kugel, die sich mit einem leisen Klick schloss. Noch bevor die Agenten rechtzeitig reagieren konnten, angelte sich Funatic das Gerät mit einer Peitsche aus DiS. Zufrieden lächelnd wog er es in der Hand. »Eine tragbare Mini-0-DiS-Zone. Tolle, kleine Erfindung von uns, oder? Kommt schon, gebt es zu.«
Der Zwischenfall kam Bat Furan gerade recht. Er nutzte den Überraschungsmoment, hob seine Deckung auf und beschoss den wenige Schritte von ihm entfernt stehenden MDL-Cherub mit einem hungrigen Pitbull. Fluchend taumelte der Agent umher, während der Pitbull seinen Cage verschlang. Bat Furan indes schnappte sich eine leere Limonadenflasche von einem nahe stehenden Beistelltischchen und wandelte sie in einen Dreschflegel um. So bewaffnet, sprang er aus seinem Versteck, schwang das tödliche Instrument - und enthauptete den Daimon mit einem einzigen, sauberen Hieb.
Allerdings hatte Bat Furans Pitbull einen entscheidenden Nachteil: Er war immer noch hungrig, weshalb sowohl Daimons als auch Xendii ihre Cages herunterfuhren und regungslos beobachteten, wie die blauglühende Sphäre wie eine riesige Seifenblase umherschwebte. Sobald jemand auch nur einen winzigen Schuss wagen sollte, würde sie sich darauf stürzen.
Sie schwebte anmutig zur Wiese, begleitet von allen Blicken, die immer wieder kurz misstrauisch zum jeweiligen Feind schnellten.
In dieser unfreiwilligen Atempause kam endlich Engelbert zum Zuge, der zusammen mit Ilvyn in seiner Ecke im Pool gar nicht beachtet wurde. Blitzschnell sprang er in die Höhe und verschoss einen Strahl, der zwar einen der beiden übrig gebliebenen MDL-Agenten knapp verfehlte, jedoch den Pitbull magnetisch anzog wie ein Stöckchen, das man für einen Hund warf. Wütend schoss der feindliche Daimon im Reflex einen blauen Strahl in den Pool, der Engelberts Schulter traf, wurde aber seinerseits sofort wieder von Bat Furan angegriffen. Da kam der immer noch hungrige Pitbull herahngeschossen und stürzte sich auf Bat Furans Jet, kurz bevor er in den Körper des Daimons einschlagen wollte. Der feindliche Agent grinste - dann zerstrahlte der Pitbull in grellem Licht, gefolgt von einer tiefroten Sphäre, die Bat Furan gleich nach dem Jet losgelassen hatte.
Nun war nur noch ein MDL-Daimon übrig. Er hüllte sich mit wutverzerrtem Gesicht in seinen Cage und trat den Rückzug ins Haus an.
Kaum war er von der Bildfläche verschwunden, kletterten die Tänzerinnen hastig aus dem Pool und flohen über die Wiese und die Hecken, ohne sich noch einmal umzusehen.
»Ihr müsst sofort weg von hier«, erklärte Funatic, der in seinem Cage zum Pool zurückgeeilt war. »Er kommt garantiert mit Verstärkung zurück.«
»Ich frage mich, wie diese MDL-Stinker an unseren Wachen in den Noden vorbei kommen«, knurrte Bat Furan. »Oder haben sie auch solche RAMs, mit denen sie fröhlich dort auftauchen können, wo immer es ihnen passt?« Er sah Funatic böse an.
»Jeder Dummon weiß doch, dass drei Noden inzwischen von den Melegonin der Zerrafin und Shinnn überwacht werden«, antwortete Funatic. »Dort herrscht freier Durchzug. Dieser Planet hat überdies so viele inaktive, alte Passagen wie ein Schweizer Käse Aromaporen. Die Zerrafin besitzen Karten, auf denen selbst Tore verzeichnet sind, die zuletzt vor Jahrtausenden benutzt wurden. Wenn man die Passworte für diese Durchgänge kennt, kann man sie sogar mit einem altmodischen RAM wieder aktivieren.«
»Hilfe, Bat Furan! Engelbert ist verletzt!«, ertönte auf einmal Ilvyns verzweifelte Stimme.
Der Wandler und der Daimon stürzten zum Pool und halfen Ilvyn, den ohnmächtigen kleinen Cherub aus dem Wasser zu hieven. Der Streifschuss des MDL-Agenten hatte eine böse aussehende Wunde an Engelberts Hals hinterlassen.
»Oh nein! Ist das etwa echtes Blut?«, hauchte Ilvyn besorgt.
»Oh nein! Ist er etwa inkarniert?«, rief Funatic theatralisch und raufte sich die Haare. »Blöderweise hat LogaShocc den größten Teil unseres Krams dabei, auch den Erste-Hilfe-Kasten für Inkarnationsunfälle. Aber nicht verzagen, ihr Blagen: Ich weiß alles über diesen Planeten, die Flora, Frauen und anderes Kroppzeug.« Er zog sein Sweatshirt aus, presste es auf die blutende Wunde und fixierte den provisorischen Verband mit seinem Gürtel, den er Engelbert um den Hals schnallte.
»Er braucht dringend einen Arzt«, wisperte Ilvyn und streichelte die dunklen, tropfnassen Haare des Verletzten.
Funatic holte indes das BoomeRAM und sein Handy hervor, die in der Gesäßtasche seiner Hose steckten. »Und ich brauche dringend Koordinaten. Wohin wollt ihr?«
»Am besten Shangri-La, dort gibt es ein Krankenhaus«, sagte Ilvyn.
Funatic tippte an seinem Handy herum. »Gut. Dann Abmarsch.«
Wie sich zeigte, besaß der silberne BoomeRAM eine Art Tastenfeld aus leuchtenden blauen Buchstaben, und dort gab Funatic die Daten ein, die sein Handy ausgespuckt hatte.
»Ilvyn, du gehst vor. Ich und Funatic tragen Engelbert«, entschied Bat Furan.
Doch zunächst warf Funatic sein BoomeRAM mit viel Schwung von sich. Nach etwa zehn Metern ertönte das tiefe Rauschen und mitten in der Luft erblühte ein großer, bunter Fleck, so als ob sich eine Leinwand entrollt hätte, auf der ein unscharf eingestellter Film abgespielt wurde. Der BoomeRAM indes flog weiter davon.
»Er geht gleich in die Kurve und kommt zurück, um mir durch die Passage zu folgen. Los, wir haben nicht viel Zeit!«, rief Funatic und hob zusammen mit Bat Furan den ohnmächtigen Cherub auf. Beide trugen ihn hinter Ilvyn in Richtung der Passage. Plötzlich fluchte Funatic auf und wandte den Kopf: »Moment! Dort drüben unter dem Liegestuhl liegt sein Handy, das wir ihm geschickt haben. Die MDL darf es nicht in die Finger bekommen, ich muss es holen!«
»Das mache ich schon!« Ilvyn machte ohne zu zögern kehrt. »Geht vor, schnell, er verblutet sonst!«
»Ohne dich mache ich keinen Schritt!«, widersprach Bat Furan und blieb stehen. Er setzte sich erst in Bewegung, nachdem Ilvyn das Gerät in ihrer Jeans verstaut hatte und wieder auf dem Weg zu ihnen war. Funatic, der Engelberts Füße trug, ging als erster hinüber.
Bat Furan hatte das Bungalow im Rücken, genau wie Ilvyn.
Daher bemerkte niemand von ihnen rechtzeitig, wie sechs uniformierte Gestalten von verschiedenen Seiten heranschlichen.
Erst als ein rotglühender Strahl auf Bat Furans Kopf zuraste, reagierte Ilvyn, schubste den Wandler, der den Rest von Engelbert trug, in die Passage hinein und ließ sich selber auf den Boden fallen, um dem Geschoß auszuweichen.
Sie sah noch, wie der BoomeRAM zurückgesaust kam und dann die Passage förmlich einzusaugen schien, bis nur noch ein winziger Spalt übrig war. In diesem verschwand er und nahm das letzte Stückchen Tor mit sich.
Ungläubig starrte Ilvyn auf die Stelle, an der sich zuvor noch der rettende Durchgang befunden hatte.
»Verdammt, DiSfunx L. hat uns wieder hereingelegt!«, zischte der MDL-Agent hasserfüllt und ließ eine rotglühende Kugel in seiner Hand entstehen, wobei er Ilvyn bedrohlich ansah.
»Lass das«, befahl ein anderer Daimon und schlug seinen Arm weg. Ilvyn erkannte den Agenten, der wenige Minuten zuvor ins Haus zurück geflohen war. »Lebend ist sie nützlicher. Und jetzt weg hier. Oder glaubst du, sie kommen ohne Verstärkung zurück, um ihre kleine Freundin zu befreien?«
Ilvyn schloss die Augen, bemüht, wieder ruhig zu atmen. Ihre Gedanken zuckten wild durch ihren Geist, doch die Angst hielt sie davon ab, sich zu ordnen und sinnvolle Bilder oder Ideen zu formen.
»Aaah!« Das Gesicht des Cherubs, der Ilvyn bedroht hatte, hellte sich auf. »Wir werden DiSfunx erpressen?«
»Genau. Wer liebt denn all die kleinen Würmchen auf diesem Planeten so sehr? Wir bieten ihnen einen Tausch an: dieses erbärmliche Geschöpf gegen Funatic. Ach was. Am besten gleich gegen alle Mitglieder von DiSfunx L. Viele sind es ja nicht mehr.«
»Dank der trotteligen Melegonin, obwohl die Hohen Shinnn ihnen eingebläut haben, sie lebendig gefangen zu nehmen.«
Sie fesselten Ilvyn und verschwanden mit ihr in die Büsche.

.

In Guulin Kherem halfen alle, die schon vom Training zurück waren, gerade dabei, das Abendbrot im Gemeinschaftssaal aufzutischen. Tigris lotste Anjul geradewegs zu dem niedrigen Tischchen, an dem Antigua und Ras Algheti sich gerade niedergelassen hatten, vorbei an abschätzenden, aber auch neugierigen Augenpaaren. Doch Anjul machte das überhaupt nichts aus, er hielt jedem der Blicke stand, fing sie auf und gab sie niemals als erster wieder frei.
»So früh habe ich dich nicht hier bei uns erwartet«, meinte Antigua erstaunt zu ihm.
»Mit dem Laufen ging es besser als die Ärzte erwartet haben«, antwortete dieser schlicht.
Tigris legte ihm fürsorglich schon eine Schnitte Vollkornbrot auf den Teller.
Langsam und sorgfältig schnitt er sich Käse ab und belegte seine Brotscheibe damit. Dann biss er hinein - und schloss dabei mit der winzigsten Andeutung eines Lächelns genießerisch die Augen. Tigris’ Herz zog vor Mitleid - sicher hatte es nur schlimmen Fraß in Excelsior gegeben, wenn er hier so hingebungsvoll an einem einfachen Butterbrot kaute.
Einen Apfel betrachtete er sogar regelrecht entzückt, bevor er hinein biss.
Durch das Essen schien er sehr guter Laune zu sein, was Tigris ermutigte, sich wieder ein Stückchen näher an ihn heran zu tasten.
»Was ist eigentlich mit deiner Familie? Vermisst du sie nicht?«
»Familie ...« Er hörte zu kauen auf und schien ernsthaft zu überlegen. »Ich habe mich von ihr getrennt. Ich hasse sie.«
»Warum das denn?« Mit großen Augen sah sie Anjul an.
»Sie sind Lügner, Egoisten, Mörder. Alle von ihnen«, knurrte er und es klang durch und durch ernst gemeint.
»Oh ... das tut mir leid.«
»Das braucht es nicht. Wenn du sie kennen würdest, würdest du mich vielleicht verstehen. Möchtest du auch etwas von diesem wundervollen Apfel?« Er streckte ihr die angebissene Frucht entgegen.
Tigris lächelte überrascht. »Nein, iss du nur. Du scheinst schon lange kein frisches Obst mehr gegessen zu haben.«
»Das ist wahr«, lachte er.
»Möchtest du immer noch hier bleiben?«
»Das kommt darauf an. Wohnst du auch hier?«
»Ich? Oh ... nein. Ich wohne in Shangri-La. Mit meiner Mutter.« Tigris errötete und senkte den Blick.
»Wie schade«, meinte Anjul daraufhin. Er erhob sich, als ein Trupp ziemlich verdreckter Gestalten in zerrissenen und ramponierten Kleidern hereinschneite, angeführt von Hababai.
»Ah, schau an, unsere Champions für das Rennen«, meinte Ras Algheti. »Ich hoffe, die Motorräder sehen nicht so aus wie sie. Ich würde später gerne noch mit einem davon durch die Gegend fahren.«
Darius war unverkennbar in Hochstimmung, er glühte vor Energie und Lebensfreude. Offenbar hatte er ein weiteres Hobby gefunden, das ihn voll und ganz befriedigte.
Er strahlte sogar Tigris an und kam zu ihnen.
Doch in dem Moment, als er Anjul sah, blieb er irritiert stehen.
Tigris hielt unwillkürlich den Atem an.
›Er hat ihn erkannt‹, schoss es ihr durch den Kopf und sie sah ängstlich zu Anjul.
Auch er begutachtete Darius mit ernster, unbewegter Miene.
Die beiden gingen dicht aneinander vorbei, die Blicke ineinander gehakt.
Erst als Hababai dazukam, zog Anjul seine Aufmerksamkeit schlagartig von ihm ab und konzentrierte sich auf den farbigen Hünen, der ihn lachend begrüßte und dann gestenreich etwas erklärte. Zu Tigris’ Ärger forderte Hababai dann vier junge DiSMaster-Anwärterinnen auf, Anjul die Burg zu zeigen.
Die Mädchen kicherten entzückt - Tigris kochte.
Eine Japanerin und eine Farbige waren sogar unverschämt genug, sich bei Anjul einfach unterzuhaken und ihn mit sich zu schleifen. Viel Widerstand setzte er dieser nach Tigris’ Meinung plumpen Anmache allerdings nicht entgegen. Im Gegenteil, es schien ihm sogar zu gefallen, er ließ seine Finger durch die langen, glatten Haare der Japanerin an seiner Seite gleiten, spazierte schamlos mit seinen Blicken über ihre Körper, versenkte seine Augen in die ihren.
»Tja, Tig«, begann Antigua mit bedauernder Miene. »Man kann nicht alles haben.«
»Man muss nicht alles haben. Das meiste entpuppt sich sowieso als Mogelpackung«, entgegnete Tigris schnippisch, obwohl die Eifersucht wie Säure ihr Herz verbrannte.
»Ich hoffe, du meinst nicht meine Wenigkeit«, sagte Darius und ließ sich neben ihr nieder. Tigris musterte ihn, wie so oft auf der Suche nach einem winzigen Anzeichen, das ihr verriet, ob er es tatsächlich war oder...
»Im Moment siehst du mehr aus wie Ramschware, aber das ließe sich mit einer ausgiebigen Dusche leicht ändern«, sagte sie dann spöttisch.
»Danke für diesen wertvollen Ratschlag, Milady«, antwortete Darius grinsend.
»Wieso hast du eigentlich diesen Strohhalm eben so komisch angesehen?«, wollte Ras Algheti von seinem Zimmergenossen wissen, und Tigris spitzte die Ohren, während sie das schamlose Geturtele von Anjul observierte.
»Ich kenne ihn von irgendwoher, kann mich aber nicht entsinnen, wo ich ihn schon einmal gesehen habe.«
»Anjul hat wie du Excelsior überlebt«, sagte Tigris, gespannt auf Darius’ Reaktion.
Doch dieser zuckte nur mit den Schultern. »Möglich, dass es dort war. Ach, Anjul heißt er? Klingt nach einem Mädchen. Na, dann passt es ja.«
Statt einer Antwort funkelte ihn Tigris zornig an.
»Also, ich finde ihn auch merkwürdig«, meinte Ras Algheti und senkte besorgt die Stimme. »Er erinnert mich an diese Viecher aus einem alten Film. Erst ganz niedlich und kuschelig, und wenn man sie nach Mitternacht füttert, mutieren sie zu bissigen, kleinen Monstern.«
»Du spinnst ja wohl. Er hat schlimme Dinge durchgemacht, und du vergleichst ihn mit einem Monster!«, fauchte Tigris ihn an und auch Antigua warf ihm einen vernichtend strengen Blick zu, woraufhin Ras Algheti den Mund zusammenkniff, um nicht in Gelächter auszubrechen.
»Oh, ich würde ihn keinesfalls unterschätzen«, erklärte Darius belustigt, »auch wenn er für euch Vertreterinnen des schwachen Geschlechts offensichtlich so aussieht, als müsste man ihn in den Arm nehmen, ganz doll liebhaben und vor der bösen Welt da draußen beschützen.«
Tigris beschloss daraufhin, die Beleidigungen gegen Anjul einfach zu ignorieren und sah ihm hinterher. Er war im Begriff, mit den Mädchen durch einen der Durchgänge des Saales in die Wohnbereiche der Burg zu gehen. Doch seine Augen nahmen die von Tigris dabei mit.
Sie seufzte resigniert. Konnte man als normaler Mensch aus diesem Verhalten schlau werden?
Mochte er sie? Spielte er nur mit ihren Gefühlen, die sie wohl ärgerlicherweise nicht gut vor ihm verbergen konnte?
»Tigris!«
Alle im Saal wandten den Kopf, als Bat Furan plötzlich schweißgebadet am Durchgang zu den Toren stand und vollkommen außer sich zu seiner Freundin herüberschaute.
Schon alleine an dem verzweifelten Ausdruck in seinem Gesicht wusste Tigris, dass etwas auf den Seychellen vorgefallen war.
»Ilvyn ist von MDL-Agenten entführt worden!«
Für einige Augenblicke wurde es schlagartig leiser, durchsetzt von vereinzeltem Getuschel.
Tigris, Ras Algheti und Antigua starrten ihn ungläubig an.
Dann tauchte eine weitere Gestalt im Durchgang auf, dem Anschein nach ein Asiate.
»Das ist ein Daimon!«, schrie jemand mit seherischer Begabung bei seinem Anblick.
»Ist das etwa ein Problem für euch?«, fragte dieser erstaunt.
Wie auf Kommando sprangen alle auf und redeten wild durcheinander. Die meisten regten sich über Bat Furan auf. Wieso brachte er einen Feind mit, wo sich doch kein Daimon in Guulin Kherem blicken lassen durfte?
Rosanjin kam mit verschränkten Armen auf die beiden zu, gefolgt von Tigris, die keinen klaren Gedanken fassen konnte und immer wieder den Kopf schüttelte. »Aber ... wieso sie ... das ergibt doch keinen Sinn...«
»Ich hoffe, du hast eine gute Erklärung für seine Anwesenheit«, sagte Rosanjin zu Bat Furan, und an den Daimon gewandt: »Sei froh, dass Aévon nicht hier ist. Er hätte dich schon längst ausgelöscht.«
»Wir haben Engelbert besucht. Und dann ist die MDL aufgetaucht. Und sie hat es nicht mehr geschafft ... und ... und -« Bat Furan suchte mit gesenktem Kopf verzweifelt nach Worten.
Der Daimon, der die feindlichen Blicke konsequent ignorierte, meinte daraufhin im fröhlichsten Plaudertonfall: »Na, das wird schon wieder. Sie werden sie garantiert gegen mich oder alle von uns austauschen wollen. Oh, Moment, mein Handy vibriert.« Er zog ein metallicfarbenes Gerät aus der Tasche und inspizierte seelenruhig das Display.
Bat Furan sah ihn zunächst entgeistert an, so wie die anderen Windwibbs und Xendii im Saal.
»›Bitte helft mir! Ilvyn‹. Das kommt von Engelberts Handy. Was sich seit ... zwei Minuten in ... Moment ... in der Nähe der aztekischen Node befindet.«
»Das ist nur eine Falle. Sie haben es ihr doch garantiert schon längst abgenommen«, wandte Bat Furan ein und schloss die geröteten Augen.
»Ach, das kann man ja leicht heraussimsen. Ich könnte im Gegenzug eine Frage stellen, auf die nur Ilvyn antworten kann. Irgendwelche Vorschläge?« Die grauen Augen des Daimons wanderten an der Front der nicht gerade Freude versprühenden Xendii entlang.
»Das ist übrigens Funatic, ein Freund von Engelbert«, sagte Bat Furan müde und wies auf den Daimon, der allen Xendii im Saal kurz zuwinkte und sie angrinste.
»Frag, mit wem sie vorhin in der Node von Asia zusammengestanden hat«, rief Tigris daraufhin schnell.
Der Daimon nickte und bearbeitete mit unglaublicher Geschwindigkeit sein Handy.
»Warum ist die MDL hinter euch her?«, bohrte Rosanjin weiter.
»Weil wir ihnen kreuz und queer kommen. Wir haben keine Lust auf Angoleah, weder Zerrafin noch Shinnn ... oh, die Antwort ist da: ›mit Tigris und Bat Furan. Geht es Engelbert gut? Ich mache mir solche Sorgen.‹«
»Die hat vielleicht Nerven«, brummte Bat Furan. »Wir kommen um vor Sorge und alles, was sie interessiert, ist Engelbert. Der liegt gemütlich in seinem Bett im Krankenhaus von Shangri-La und kriegt von all dem nichts mit.«
»Ich muss sofort nach Azteca!«, sagte Tigris mit zitternder Stimme. »Es ist alles meine Schuld. Ich hätte doch lieber mit auf die Seychellen kommen sollen.«
»Du gehst nirgendwohin!«, entschied Rosanjin mit ungewohnt strenger Stimme, weswegen alle bis auf Antigua und drei andere Rufer überrascht zusammenzuckten. »Wir warten auf Aévon und beraten uns dann alle.«
»Bald müssten meine Freunde auf dieser Welt einschlagen«, sagte Funatic jedoch unbekümmert. »Dann helfen wir euch gerne. Das wird lustig, wir könnten alle unsere Erfindungen auf einmal ausprobieren.«
»Die DiSMasters mögen keine Daimons«, widersprach Rosanjin. »Wir arbeiten alleine. Und jetzt geh besser, bevor Aévon zurückkommt und dich in die Luft sprengt.«
»Aber wir -«, begann Funatic irritiert, doch da packte ihn Tigris am Ärmel und schob ihn zurück in den Gang.
»Tu besser, was er dir sagt«, zischte sie. »Ich muss ohnehin unbedingt nach Shangri-La, Engelbert im Krankenhaus besuchen. Wenn du noch etwas weißt, was uns helfen könnte, sag es mir, ich bringe es dann bei den DiSMasters ein.«
Funatic trottete daraufhin artig neben ihr her, bis sie die Passage nach Shangri-La erreichten.
»Na, dann machen wir eben ein Befreiungs-Battle daraus. Wer die Kleine zuerst rettet, hat gewonnen«, meinte er unbekümmert. »Meine Freunde müssten bald hier sein. Das wird ein Spaß.«
»Wie viele seid ihr eigentlich?«, fragte Tigris mit neuer Hoffnung im Herzen.
»Vor unserer Flucht waren wir fünf.«
»Na toll«, stöhnte Tigris enttäuscht. »Fünf Daimons gegen die MDL.«
»Ja, aber was für Daimons, Kleines. Surf mal im DimensioNet nach DiSfunctional Laboratories. Zuletzt hatten die Zerrafin und Shinnn keine andere Wahl als uns die Befreiung dieses Irren namens Bru’jaxxelon in die Schuhe zu schieben. Wir sind eben zu populativ in der Daimonsion.«

.
In der Nacht darauf konnte Tigris keinen Schlaf finden.
Das Gefühl, Ilvyn nur wegen Anjul im Stich gelassen zu haben, vereinte sich mit der Wut über die eigene Hilflosigkeit zu einem tonnenschweren Block, der sie niederdrückte und unentwegt Tränen aus ihr herauspresste.
Engelbert hatte dieses Gefühlsgemisch schon zu spüren bekommen, ungerechterweise, denn er sorgte sich nun ebenfalls und bedrängte Funatic, sich etwas einfallen zu lassen. Er hatte Funatic sogar angeschrieen und gefordert, dass er und seine Freunde sich unverzüglich zum Tausch gegen Ilvyn anbieten sollten, was Funatic jedoch höflich, aber bestimmt abgelehnt hatte.
Rosanjin hatte sie zu trösten versucht und versprochen, dass die DiSMasters so schnell wie möglich eine Strategie zur Rettung Ilvyns entwickeln würden.
Doch es gab da ein Problem, zumindest für die DiSMasters ...
Stunde um Stunde verging mit ruhelosem Hin- und Herwälzen, Weinen, ergebnislosem Denken und wieder Weinen.
Bis ER plötzlich auftauchte.
Tigris setzte sich auf und sah auf die Uhr: Viertel nach vier, morgens.
Und die Schatten in ihrem Zimmer sahen schwarz und undurchdringlich aus, wie seine Substanz. War er persönlich hier, oder spürte sie nur seine Gedanken?
Entschlossen knipste sie die Lampe auf ihrem Beistelltisch an.
Es war nichts zu sehen, und dennoch vibrierte der Raum unmerklich, nur spürbar für sie.
»Ich weiß, dass du hier bist«, sagte sie und sah sich noch einmal um.
Sein leises Lachen kam direkt von hinten, nah an ihre Körper.
Aus den Augenwinkel beobachtete sie, wie ein pechschwarzer, länglicher Schleier, einem spitz zulaufendem Schal gleich, über den Beistelltisch glitt und vor einem Zedernkästchen mit eingeschnitzten Ornamenten innehielt. Es war eine Spieluhr, und eines der zahlreichen Geschenke Aévons. Der schwarze Fortsatz tippte sanft gegen das Holz, das gleich darauf aufsprang und eine orientalische Melodie in das Zimmer ließ.
Entnervt seufzte sie. »Was willst du? Ich bin nicht in der Stimmung, deine Gesellschaft zu ertragen.«
»Ja, ich sehe, dass du niedergeschlagen bist, Tigris. Was bedrückt denn dein kleines, sterbliches Herz?«
»Spiel nicht den Seelsorger. Und außerdem weißt du doch ganz genau, was passiert ist.« Sie schniefte und wischte sich über die Augen.
»Entgegen deiner Auffassung beobachtete ich dich nicht ständig auf Schritt und Tritt.«
»Warum sollte ich es dir sagen? Was interessiert dich, wie ich mich fühle? Damit du noch mehr Spaß daran hast, mich leiden zu sehen?«, stieß sie verzweifelt und wütend zugleich hervor.
»Dazu müsste ich ja wissen, um was es geht. Ob ich es dann spaßig finde, entscheide ich.«
»Meine Freundin Ilvyn ist von der MDL entführt worden. Jetzt wird sie irgendwo in der Nähe der aztecischen Node gefangen gehalten, nur weil die MDL hinter ein paar Daimons her ist, die sie gegen sie austauschen wollen.«
»Dann tauscht sie doch aus. Daimons gibt es wie Sand am Meer.«
»Ach, aber sie wollen ungern ausgetauscht werden, obwohl wir sie ganz lieb und nett darum gebeten haben. Sie wollen uns angeblich gerne bei Ilvyns Befreiung helfen. Aber selbst wenn das stimmt, gibt es ein großes Problem.«
Bru’jaxxelon knipste inzwischen mehrmals die Nachtischlampe aus und ein. Verwirrenderweise spürte Tigris ein spielerisches Interesse bei ihm.
»Ihr wisst nicht, wie ihr dorthin kommt. Azteca hat nicht sehr viele alte oder illegale Tore, die ihr nutzen könntet«, sagte er leichthin.
»Ja«, bekannte sie leise.
»Siehst du, es war doch gut, dass wir drüber geredet haben.«
»Sehr witzig.«
»Ich kann dir genau sagen, wie ihr dorthin gelangt. Und wie ihr mit einer heldenmütigen Tat gleich für soviel Verwirrung sorgt, um in Ruhe aus der Node zu verschwinden.«
»Warum solltest du das tun?«
»Weil es mir so beliebt.«
»Und was schlägst du vor?«
Der forschende, dunkle Arm des Daimons zog sich von den Dingen auf dem Tischchen zurück und legte sich stattdessen sachte auf ihre Schulter.
»Erinnerst du dich noch an dein kleines Malheur in der Node von Altai-Siberia? Als du dort das Tor zur Daimonsion beinahe geöffnet hast?«
»Ja. Und weiter?«, grummelte sie.
»Du kannst mit dem Amulett eine Node natürlich auch wieder verschließen. Du kannst jede Node damit öffnen oder schließen. Jedes Tor, jede Passage, jeden Durchgang auf diesem Planeten.«
»Selbst wenn ich die Node wieder schließe, kommt jemand mit dem Nodenschlüssel und öffnet sie wieder«, meinte Tigris langsam, während sie erst allmählich anfing, sich über die Dimension seiner Behauptung klar zu werden.
»So schnell geht das nun nicht, nachdem sie mit dem Meisterschlüssel gesperrt worden ist. Genauer gesagt, dauert es einen Monddurchgang, bis der aztecische Nodenschlüssel wieder Wirkung zeigen kann.«
»Du weißt ziemlich gut Bescheid über das Amulett«, wunderte sich Tigris.
»Nun ja. Ich stand demjenigen überaus nah, dem das begehrte kleine Ding einst gehört hat. Ein Herz und eine Seele, könnte man sagen.«
»Das ... das ist Barujadiels Amulett!«, entfuhr es ihr.
»Es wurde eigens für ihn angefertigt, ja. Wie die Noden und das Torsystem.«
Vor Aufregung hatte sie zu zittern und schwer zu atmen begonnen. Und wieder fiel ihr ihre Theorie ein. »Was wäre eigentlich, wenn Barujadiel doch noch lebte? Das würde deine Pläne ziemlich durcheinander bringen, oder?«
»Ah, diese Leier wieder. Es würde mich überraschen, wenn er noch existiert, das gebe ich zu. Aber eigentlich bin ich ziemlich sicher, dass es ihn nicht mehr gibt. Denn, ja, es würde mich aus dem Konzept bringen. Er wäre in der Tat sehr hinderlich. Er war einfach viel zu lieb und naiv. Eigenschaften, mit denen man nicht sonderlich weit kommt.«
»Entweder lügst du oder du weißt es in Wahrheit nicht hundertprozentig.«
»Ich lüge niemals, kleines Erdengeschöpf«, versetzte Bru’jaxxelon daraufhin scharf und zog sie einmal kräftig an ihrem Zopf. »Ich leiste mir den Luxus, ehrlich zu sein. Nun gut, vielleicht erzähle ich nicht alles auf einmal oder schweige in Ehren, wenn die Sprache auf ein bestimmtes Thema kommt. Doch eines verspreche ich dir: Niemals werde ich lügen. Und nun leg dich schlafen. Nachdem ich dir einiges über das Amulett verraten habe, sieht doch alles gleich viel besser aus, oder nicht?«
Die Bettdecke wurde hochgewirbelt und senkte sich über sie. Als sie sie zurückschlug, war Bru’jaxxelon verschwunden.
›Und wenn er mich in eine Falle locken will? Oder ... uns alle? Alle DiSMasters?‹, dachte sie gequält. Doch was, wenn es stimmte?
›Es führt kein Weg mehr daran vorbei. Ich werde Aévon gleich morgen früh alles über das Amulett sagen. Und dann befreien wir Ilvyn.‹
Sie löschte das Licht, rollte sich ein und versuchte, wenigstens ein paar Stunden zu schlafen. Stattdessen aber zermarterte sie ihr Gehirn erst einmal über Bru’jaxxelons rätselhaftes Verhalten und das, was er über sich und Barujadiel gesagt hatte, bis sie dann doch noch in einen traumlosen Schlaf fiel.
 

© I.S. Alaxa
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Und schon geht's weiter zum 5. Kapitel (des 2. Buches)....

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