Die Welt von Zappon von Adlers Auge
1. Kapitel: Ein trauriger Geburtstag (1. Teil)

Als Get erwachte, hatte er nur eines im Sinn. Die Zahl 16. Denn eben jenes Alter hatte er am heutigen Tag erreicht und nach Sitte des Worin war er heute ein Mann. 
Konnte das denn wirklich sein? Dass heute der Tag war, auf den er sein ganzes Leben gewartet hatte?
Ja! Mit einem Blick auf den Kalender wusste er es. Heute war der 30. September des Jahres 1653 D.Z.
Wer wohl alles an ihn gedacht hatte? Arai! Sicher sein Adler!
Get hatte ihn im Wald gefunden als er noch sehr klein gewesen war. Mit viel Liebe hatte er ihn großgezogen, und was keiner wusste: Arai sprach. Nicht mit jedem, nur zu Get, er verstand, was Arai sagte und was er brauchte. Get konnte sich, wenn er sich anstrengte, mit fast allen Tieren verständigen. Doch das wusste außer seinem Vater Klohr und seinem besten Freund Pret niemand. Sein Vater meinte, die Leute würden sonst nur schlechte Dinge über ihn reden und das sei für niemanden gut.
So dachten die meisten in Ash, dem kleinen Dorf im Herzen des Worin, Arai sei einfach nur gut dressiert.
Arai kam auch gerade durch das offene Fenster in Gets Zimmer geflogen. Er war eine Zierde seiner Art. Seine Flügelspannweite betrug fast einen Meter, seine Federn waren von gleichmäßiger haselnussbrauner Färbung, nur am Kopf waren sie weiß wie Schnee. Zu Gets Erstaunen warf Arai ihm eine tote Maus aufs Bett.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! sagte Arai auf seine Weise, denn ihre Unterhaltungen fanden immer auf geistiger Ebene statt.
Was ist das, Arai?? grüßte Get.
Wie wäre es mit einem 'vielen Dank, Arai'? Oder 'guten Morgen, Arai'?
Weiche nicht von meiner Frage ab, Arai! Was ist das?
Na eine Maus. Frisch gefangen, sie ist dein Geburtstagsgeschenk.
Ich dachte, du wüsstest, dass ich keine Mäuse esse?
Du willst sie also nicht?
Doch, doch, leg sie dort hin. Get beschloss, die Maus bei nächster Gelegenheit im Garten zu vergraben.
Schnell zog Get sich an. Ein weißes Hemd, braune Hose, eine echte Lederweste und Lederstiefel. Von allen jungen Leuten in Ash hatte er, und das erfüllte ihn mit Stolz, die schönsten Kleidungsstücke. Sein Vater galt nunmal auch als reichster Mann des Dorfes. Er hatte in Ash den einzigen Handelsposten in hundert Kilometer Umgebung errichtet. Einmal im Monat kamen Waldläufer und Händler nach Ash und sein Vater kaufte die Pelze der Waldläufer und verkaufte sie später an die Händler, die diese in Eriador und Kent weiterverkauften.
So konnten sie sich auch ein, in Ash sehr seltenes, zweistöckiges Haus leisten. Als Get die Treppe herunterkam öffnete er eine Tür und stand im Laden seines Vaters.
"Get! Endlich bist du wach." Gets Vater stand hinter einem Regal, das vollgestopft war mit allerlei Heilkräutern, die er an die Einwohner Ashs verkaufte. Klohr war nun Mitte fünfzig und hatte lichtes weißes Haar. Er war etwa 1,75 Meter groß und hatte dunkle Augen. "Wenn dich doch nur deine Mutter heute sehen könnte."
Nach diesem Satz wurde es sehr still im Raum, denn Gets Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Auch wenn er sie nie kennengelernt hatte, vermisste er sie doch schmerzlichst.
"Nun machen wir uns den Tag nicht kaputt, denn er ist wohl der bei weitem wichtigste in deinem Leben. Der Bürgermeister hat dich für heute ins Rathaus gebeten, damit er dir die Ortsmale gibt."
Die Ortsmale waren eine Sitte, die man seit Jahrhunderten im Worin pflegte. Es waren keine richtigen Male, es war eine Farbe, die jedem an seinem 16. Geburtstag auf die Stirn aufgetragen wurde. Jedes Dorf hatte ein anderes Symbol, in Ash war es ein großes A (dieses stand für Ashlem, den Gründer Ashs) und darunter drei Punkte (sie standen der Überlieferung nach für Mut, Ehre und Wahrheit, die jeder Bürger zu seinen Tugenden zählen sollte). Wenn jemandem dieses Mal aufgetragen wurde, gehörte er offiziell zur Dorfgemeinschaft. Nach etwa einer Woche verschwand das Mal wieder, aber die Zugehörigkeit und die Anerkennung des Dorfes blieben.
Nach einem kurzen Frühstück, zwei Scheiben Brot und einem Glas Milch, machten sich Get und sein Vater auf zum Rathaus. Der Weg war sehr kurz, denn ihr Haus lag direkt gegenüber und sie mussten nur den großen Dorfplatz überschreiten.
Das Rathaus war das größte Haus, das je in Ash gebaut worden war. Es war nun auch sehr neu, keine fünf Jahre alt, und besaß ganze drei Stochwerke. Die Asher waren stolz auf ihr Rathaus, denn kein anderes Dorf im nördlichen Worin besaß ein so großes Gebäude.
Vor dem Eingangsportal standen etwa fünfzehn Menschen: Der Bürgermeister Theodem, ein sehr dicker Kerl mittleren Alters, Pret, Geshs bester Freund seit er laufen konnte, Zizam, der alte Dorfheiler und wie manche behaupten auch Zauberkundiger, und noch einige andere gute Freunde, deren Namen hier zu erwähnen zu lange dauern würde.
"Hallo, Gesh!" begrüßte ihn Pret. Er war einen Monat älter und hatte somit schon die Dorfmale erhalten. Pret hatte schwarze Haare und war etwa zehn Zentimeter kleiner als Get also circa 1,65 Meter. "Willkommen in unserem Kreise der Erwachsenen. Schade, dass ich dich nicht mehr aufziehen kann." Pret hatte tatsächlich den letzten Monat damit zugebracht, auf Get herumzuhaken, aber Get nahm ihm das nicht übel, denn er hätte wahrscheinlich das selbe getan.
"Ich denke nicht, dass du behaupten könntest, dass du erwachsen bist, noch sehr junger Pret." Das war Zizam. Der alte Mann stützte sich wie immer auf seinen Stab und sah dabei aus als würde er umfallen, wenn man ihn ihm wegnähme. Zizam war hochgewachsen, fast 1,90 Meter. Er war jedoch sehr schmal, nicht wirklich schmächtig, diese dünne Figur gab ihm eher etwas Elegantes.
"Nun lasst uns nicht noch streiten sondern die ganze Sache hinter uns bringen." Bürgermeister Theodem war ein sehr ungeduldiger Mensch. Ständig sah man ihn durch die Straßen Ashs hetzen.
"Es ist so früh am Morgen, eigentlich wollt ich noch schlafen. Hätten wir das nicht später machen können?" Achja, unhöflich war er auch noch.
Arai landete auf Gets Schulter und Theodem bekam einen Schreck, denn er fürchtete sich vor ihm.
Get, ich muss dir etwas sehr wichtiges sagen.
Nicht jetzt, Arai! Nach der Zeremonie!
Es ist aber sehr wichtig.
Was ist denn?
Ich habe ein paar Kilometer auswärts eine Gruppe von berittenen Männern gesehen. Sie nähern sich dem Dorf, sie kommen jeden Moment hier an.
"Können wir jetzt endlich..." weiter kam Theodem nicht, denn vom Westtor der Holzpalisade lärmte die Dorfglocke plötzlich herüber.
"Alarm! Alarm!" brüllte die Wache.
Nun kamen die Menschen aus ihren Häusern. Jeder von ihnen hatte nur ein Ziel, das Tor. Auch die kleine Gruppe, die eben noch vor dem Rathaus gestanden hatte, eilte dothin.
Theodem verschaffte ihnen Zugang auf die Holzpalisade. Von dort sahen sie, was den Alarm ausgelöst hatte.
Vor dem Tor standen etwa fünfzig Männer in grüne Gewänder gekleidet, die fast vollkommen mit der Umgebung verschmolzen. Ihre Reittiere sahen aus wie riesige Bullen mit braunem, grünem und blauem Fell. Sie hatten kleine Köpfe und einen großen Buckel, auf denen sie ihre Reiter trugen. Get konnte ihre Blutrünstigkeit fast schon spüren.
Aber was allen Angst machte, war, dass die Männer bewaffnet waren. Alle trugen sie Schwerter, Bögen, Speere, Säbel und Schilde und sahen auch so aus, als würden sie sie ohne zu zögern einsetzen.
"Was sind das für Bestien?" fragte Get.
"Lemaks. Die Reittiere der Westholden. Wir sollten uns in Acht nehmen. Es sind reißende Bestien", antwortete Zizam.
Ein pechschwarzes Lemak löste sich aus der Truppe. Sein Reiter war, im Gegensatz zu den anderen Männern, auch schwarz gekleidet.
Theodem rief ihm von der Mauer zu: "Nennt mir euren Namen und euren Willen."
"Ich bin Resch, der Anführer dieser Truppe. Gewähret uns Einlaß, Theodem, denn wir kommen im Auftrag der Neun und suchen eine gefährliche Waffe, um sie sicher zu stellen", gab der Reiter zurück. Seine Stimme klang irgendwie sonderbar. So als würde sie von weit her rufen, doch trotzdem klang die Stimme durchdringend in ihren Köpfen und zwang sie jedes Wort ganz genau zu hören und ihm seine ganze Aufmerksamkeit zu widmen.
"Waffen? Mein Herr, wir sind hier mitten im Nirgendwo. Was für eine Waffe solltet ihr hier suchen?"
"Sie ist von magischer Natur. Öffnet uns, ihr wollt doch nicht den Zorn der Neun auf euch ziehen?"
"Etwas Magisches sucht ihr hier vergebens, Herr Resch. Für etwas Magisches müsst ihr die Elben aufsuchen, oder nach Kent reisen. Hier werdet ihr nichts finden."
"Glaubt mir, unsere Informationen sind verlässlich! Wir durchsuchen schon seit Wochen den Worin. Wollt ihr uns nun Einlass gewähren oder nicht?"
"Nein! Die Macht der Westholden und der Neun, oder von wem ihr auch immer geschickt worden seid, reicht nicht bis in den Worin. Also verschwindet wieder."
"Wenn das eure endgültige Entscheidung ist, dann soll es euer Ende sein. Ihr habt Zeit bis Sonnenuntergang." Mit diesen Worten schwang sich Resch wieder auf sein Lemak und gab den Anderen ein Zeichen. Die Krieger zogen sich in den Wald  zurück. Die Bewegung der Lemaks verriet, dass sie perfekt für eine Schlacht waren. Sie bewegten sich schnell und kraftvoll.
"Bereiten wir uns auf den Kampf vor!" sagte Theodem und verließ die Palisade.

Ash war noch nie in irgendwelche Kampfhandlungen verwickelt gewsesen. Es wird zwar behauptet, man habe einige Bogenschützen zur großen Schlacht auf Groll geschickt, doch finden sich in den Aufzeichnungen der großen Bibilothek von Kent keine Beweise dafür.
Die Holzpalisaden, der einzige Schutz, wurden jedes Jahr in der Mitte des Septembers aufgestellt, um die Wölfe aus dem Dorf zu halten. Die einzigen Waffen, die Ash besaß, waren einige Schwerter, die die Gründerväter noch geschmiedet hatten und jetzt Zuhause über der Wand hingen.
"Zizam, was waren das für Männer?" fragte Pret als sich alle zurück auf den Dorfplatz begeben hatten, um die Lage zu besprechen.
"Das waren Westholde. Westhold liegt östlich des Worins. Sie sind Söldner, angeworben von Kazadom, sie sind Meister der Tarnung und wohl die besten Reiter Zappons. Ihre Lemaks sind gefährliche Tiere, die Westholde sind die einzigen, die sie züchten können, da sie nur auf den Steppen von Westhold leben. Wenn sie uns angreifen, dann werden sie uns ganz sicher überrennen."
"Es ist also hoffnungslos?" fragt Get.
"Es ist mehr als hoffnungslos", antwortete Zizam.
Die Frauen und Kinder waren nach Hause gegangen, um eine mögliche Flucht oder Belagerung vorzubereiten, indem sie die Waffen für die Männer in Schuss brachten und Vorratsbeutel schnürten.
Die Männer hatten sich auf dem großen Dorfplatz versammelt. In dessen Mitte befand sich ein Podest, von dem normalerweise Ankündigungen wie Gesetzsänderungen oder die bevorstehende Steuer gemacht wurden.
Nun stellte sich Theodem auf das Podest und versuchte sich Gehör zu verschaffen: "Alle bitte mal herhören!"
Doch die Menge redete immer noch durcheinander. "Ruhe! Ruhe bitte!" Doch keine Veränderung. "Haltet endlich mal das Maul!" schrie Theodem, in seiner unhöflichen und gehetzten Art und augenblicklich wurde es still.
"Das ist eine mehr als ernste Angelegenheit. Also sollten wir nicht rumschwätzen sondern eine Lösung suchen. Sollen wir ihnen Zugang gewähren oder sollen wir kämpfen?"
"Kämpfen!" rief ein alter Mann.
"Nein! Die werden uns umbringen.!" schrie ein Anderer.
"Fliehen wir lieber, das ganze ist doch nicht geheuer", schrie der Nächste.
Zizam sprang nun behände auf das Podest, das hatte Get ihm micht zugetraut.
"Leute von Ash! Hört mir zu! Ihr seid keine Krieger! Diese Leute dort draußen sind die besten Söldner, die es gibt! Sie werden nicht mit euch kämpfen! Sie werden euch schlachten! Bevor ich hierher kam, habe ich schon oft mitangesehen, was sie mit einem Menschen anstellen können. Dinge, die ihr nicht wagen würdet euch vorzustellen. Die meisten von ihnen würden euch mit einer Hand das Genick brechen. Also hört auf mich, flieht alle. In die Berge, dort kennt ihr euch aus, könnt euch verstecken, dort finden sie euch nie."
"Zizam", mischte sich Gerstenfeld, der Wirt des Geköpften Orks in seine Rede ein, "niemand von uns zweifelt an deiner Weisheit, aber wir sollten kämpfen, denn es wäre feige zu fliehen und sich zu verstecken. Wir sind etwa vier gegen einen, das sollten wir mit Leichtigkeit schaffen."
"Ich glaube, ihr habt mich nicht verstanden. Einer von ihnen könnte es leicht mit fünfzig von deiner Sorte aufnehmen. Sie sind im Töten ausgebildet. Sie schneiden euch ohne zu zögern die Kehle durch oder stechen euch die Augen aus. Ich will nicht sagen, dass ihr feige seid, doch ich glaube, selbst wenn ihr die Möglichkeit hättet, würdet ihr Skrupel zeigen und keinen von ihnen töten können!"
Die Diskussion ging noch einige Minuten weiter und am Schluss hatte man sich darauf geeinigt zu kämpfen.
Fred der Schmied und seine Lehrlinge fingen an Speere herzustellen, indem sie alles, was scharf genug war, an langen Stangen befestigten, andere stellten überall im Dorf Barrikaden auf. Die Frauen und Kinder kamen im Keller des Rathauses unter. Trotz der Tatsache, dass alle in Eile waren, konnte man die Angst in den Straßen nahezu spüren.
Get und sein Vater gingen wieder nach Hause. Get war maßlos enttäuscht darüber, dass er keine Male bekommen hatte, weil der Bürgermeister mit den Vorbereitungen beschäftigt war.
"Get, ich denke, heute ist der richtige Tag." sagte Klohr, als sie wieder zuhause waren.
"Der richtige Tag für was?" fragte Get.
Ohne ein weiteres Wort verschwand Klohr in seine Schreibstube und kam mit einem kleinen, verzierten Kästchen wieder zurück zu seinem Sohn.
"Das ist doch das Zeichen der Kaiser von Zappon, nicht wahr?" fragte Get, nachdem er das Kästchen gesehen hatte. Das Zeichen der Kaiser war ein goldener kreisrunder Mond, in dessen Mitte ein reich verziehrtes Schloss prangte.
"Sehr wohl, mein Sohn, ich habe dieses Kästchen immer sehr gut vor dir versteckt, damit du seinen Inhalt nicht vor der Zeit zu Gesicht bekommst." Das Kästchen hatte keinerlei sichtbaren Verschluss, trotzdem benötigte Gets Vater eine kleine Weile bis er das Kästchen geöffnet hatte. Vorsichtig griff er hinein und zog ein kleines Stäbchen aus dem Kästchen. Es war schneeweiß und zeigte keinerlei Makel oder Verfärbungen, Get schätzte seine Länge und Breite etwa auf die Größe seines kleinen Fingers, als das Sonnenlicht durch ein Fenster fiel glitzerte das Stäbchen und Get wusste, dass dieses kleine Ding, was immer es auch sein mochte, sein Leben verändern würde.
"Was ist dieses Stäbchen? Wie ist es in deinen Besitz gelangt und warum überhaupt willst du mir etwas, das offensichtlich so wertvoll ist, schenken?" Das waren nur einige der Fragen, die Get im Moment durch den Kopf gingen.
"Das ist ein Stück von Karhir, dem Schloss der Kaisers Zappons. Frage mich nicht, wie es in meinen Besitz gelangt ist, denn du wirst es noch früh genug erfahren. Nur soviel, ich bin der rechtmäßige Besitzer und ich habe geschworen, es meinem Kind zu vererben, wenn der richtige Tag dafür gekommen ist."
"Ist es das, was diese Männer dort draußen suchen?" fragte Get.
"Ich vermute schon, denn es gibt wohl nichts anderes, was die Neun und auch die Familie des letzten Kaisers mehr begehren als die Teile Karhirs. Denk bitte immer daran, wenn die Neun sie alle in die Finger kriegen, dann wird es keinerlei Hoffnung mehr geben, denn sie werden es nur zum schlechten verwenden", sagte Klohr leise als würde er befürchten, dass jemand sie belauschen könnte.
"Woher weißt du, dass es der richtige Tag sein soll? Oder dass ich die richtige Person dafür bin?" hakte Get zweifelnd an seinen eigenen Fähigkeiten nach.
"Deine Gabe mit Tieren zu reden zeigt, dass du magisch begabt bist, und diese Gabe hat weiß Gott nicht jeder Zauberer, selbst von den vierzig Istari können es wohl nur ein oder zwei. Mich bedrängt schon seit Wochen das Bedürfnis, es wegzugeben. Wenn es in meiner Hand liegt, dann habe ich das Gefühl, als wollte es mich verlassen, also denke ich, in Anbetracht der Tatsache, dass du seit heute volljährig bist, dass heute der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Aber denke nicht, dass damit nur Vorteile verbunden sind, wir müssen bald aufbrechen. Nachdem wir diesen Kampf überstanden haben, werden wir losziehen, um die anderen Teile zu finden. Ich denke, wir sollten Gefährten mitnehmen. Zizam wird uns begleiten und dein Freund Pret wäre sicher auch eine große Hilfe, denn er ist schnell und tapfer und Zizam kann dir sicher viel über die Zauberei beibringen, denn du wirst es nötig haben. Lass sie uns sofort aufsuchen, aber zuerst nimm es an dich." Mit diesen Worten legte er das Stäbchen in Gets Hände. In diesem Moment verspührte Get eine wohlige Wärme, die ihn nicht ermüden ließ, sondern ihm eher  Kraft gab für große Taten, und das Stäbchen begann zu leuchten, es tauchte den ganzen Raum für einige Sekunden in weißes Licht.
Und als das Licht wieder abgenommen hatte, sagte Gets Vater: "Also habe ich doch Recht gehabt. Es war der richtige Zeitpunkt."

Wenig später machten sich die beiden mit geschnürten Reisetaschen auf den Weg zu Zizams Haus. Get beobachtete die Menschen auf den Straßen, wie sie wie aufgeschreckte Hühner herumliefen, um alles für den bevorstehenden Angriff vorzubereiten. Jeder Erwachsene, der nicht selbst noch ein Schwert vom Vater geerbt hatte, bekam beim Dorfschmied einen Speer, die Spitzen fertigte der Dorfschmied eilig und daher waren sie nicht von besonders guter Qualität.
Als die beiden nun an der Schmiedewerkstatt vorbeigingen rief ihnen Fred, der Dorfschmied, zu: "Get! Get! Bleib mal stehen, ich habe etwas für dich."
Get blieb stehen und war sehr gespannt, was es wohl sein könnte.
"Was gibt es denn, Fred?" fragte Klohr neugierig.
"Get, du warst mir immer eine Herzensfreude, wenn ich nicht wüsste, dass du sowieso mit deinem Vater gehen würdest, hätte ich dich gerne als Lehrling in meine Dienste genommen, denn du bist klug und stark. Und da heute dein Geburtstag ist, möchte ich dir ein Geschenk machen." Er zog seine Hände, die bisher hinter dem Rücken verborgen waren, hervor und reichte Get ein Schwert.
"Das kann ich unmöglich annehemen."
"Warum? Ich möchte es dir schenken, also kannst du es ruhig annehmen."
Zögernd streckte Get seine Hand aus und nahm das Schwert in Empfang. Er drehte sein Handgelenk, stieß es nach vorne, drehte sich eimal und stieß erneut nach vorne.
"Offenbar ein Naturtalent. Get, ich wäre dir verbunden, wenn du dich heute Nacht in meiner Nähe aufhalten würdest. Dann schaffen wir es auch lebend wieder herauszukommen." sagte Klohr erst scherzhaft und dann wiederrum sehr ernst. "Ach und Fred, hättest du vielleicht auch eine Waffe für mich?"
Darauf lief Fred ohne ein Wort zu sagen zurück in die Werkstatt und kam mit einem Morgenstern und einem Holzschild zurück. "Auch du brauchst mir kein Geld zu geben, ich bin froh, wenn wir das hier überleben", sagte Fred, nachdem er ihm die Waffen in die Hand gedrückt hatte.
"Vielen Dank für deine Großzügigkeit, aber wir müssen jetzt los", antwortete Klohr.
"Auch ich muss mich bedanken, nicht auszudenken was geschen wäre, wenn ich dem Feind mit bloßen Händen gegenübergestanden hätte."
"Das ist also dein erstes Schwert, mein Sohn. Halte es in Ehren und tut damit, sofern das möglich ist, nur gute Sachen damit. Ich erinnere mich noch sehr gut an mein erstes Schwert, ich habe es auf meinen langen Reisen von einem alten Freund geschenkt bekommen, schade, dass ich es nicht mehr besitze." Gets Vater machte oft Anmerkungen zu seinen Reisen, die er wohl als Kaufmann getätigt hatte, bevor er sich in diesem kleinen, abgeschiedenen Dorf niedergelassen hatte. Es schien meistens, als wollte er Get alles darüber erzählen, doch dass ihn irgendetwas davon abhielt. Und wenn Get nachbohrte, verstand es sein Vater, unauffällig und ohne, dass Get etwas merkte, auf ein anderes Thema abzuweichen.
"Was ist aus dem Schwert geworden?" fragte Get neugierig.
"Ich habe es an einen anderen Freund weitergegeben." Bei diesen Worten war es wieder einmal offensichtlich, wie sehr sich sein Vater es wünschte, wieder auf seinen Reisen zu sein, denn man sah kurz einen Anflug von Fernweh in seinen Augen, doch der verschwand sofort wieder und wandelte sich zu seinem Lächeln. "Nun lass uns nicht mehr davon reden, Vergangenes ist Vergangenes."
Die beiden schritten die Straße weiter zum Haus des Zauberers. Auf ihrem Weg trafen sie Pret. Er kam ihnen mit einem Bogen auf dem Rücken entgegen. Als sie noch Kinder gewesen waren, hatte Pret Get oft mit seinen Schießkünsten beeindruckt. Einmal im Jahr gab es einen Wettbewerb im Bogenschießen und die letzten drei hatte Pret allesamt gewonnen und das waren, wie er sagte, die stolzesten Momente in seinem Leben.
"Pret! Ich muss dich mal sprechen", sagte Klohr, als er Pret gesehen hatte. "Bitte um Verzeihung, Herr Tremm, aber ich muss mich sputen, mein Vater erwartet mich in wenigen Minuten zuhause und er wäre sehr ungehalten darüber, wenn ich zu spät käme."
"Mach dir um deinen Vater keinen Kopf, ich werde ein gutes Wort für dich einlegen, wenn er ungehalten sein sollte. Nun lass uns nicht warten, wir wollen Zizam aufsuchen."
Ohne ein weiteres Wort folgte Pret den Beiden zu Zizams Haus.
 

© Adlers Auge
Vor Verwendung dieser Autoren-EMail-Adresse bitte das unmittelbar am @ angrenzende "NO" und "SPAM" entfernen!
.
Und schon geht's hier weiter zum 2. Teil des 1. Kapitels: "Ein trauriger Geburtstag"

.
www.drachental.de