Zwergengold von Benedikt Julian Behnke
Viertes Kapitel
Entschluss

"Von welcher Seite werden wir angreifen?", fragte Glindir, der bereits in Gedanken an einem Plan arbeitete.
Der Elfenkönig betrachtete nacheinander eingehend die beiden Gesichter der Ältesten - das eine eingefallen und verhärmt, das andere glatt und schön. Er wusste, Glindir hatte noch nie Blut geschmeckt. In manchen Augen mochte er als unwürdig erscheinen. Doch er war der Einzige, der bei einem Gefecht noch objektiv bleiben könnte. Jedenfalls hoffte er das. "Das entscheiden wir vor Ort", erklärte er.
Und dann schnitt Quen einen sehr viel wichtigeren Aspekt an: "Was ist, wenn sie den Pakt brechen?" Sein Gesicht und seine Augen leuchteten vor Aufregung. Es waren die ersten Worte, die er gesagt hatte, und genauso, wie Arion vermutet hatte, betrafen sie die wichtigste Angelegenheit dieses Vorhabens.
"Das ist eine berechtigte Frage", erklärte er. Er sah zu Palan, und der Kundschafter, der im letzten Krieg der Rassen als Spitzel gedient hatte, spannte sich. "Was meint Ihr dazu, Palan?"
"Früher oder später kommt der Augenblick des Verrats", sagte er mit brüchiger Stimme, "und dann werden wir die Unterlegenen sein!"
Plötzlich lachte Dragan glucksend auf, doch die Augen blieben kalt wie Eis. "Solch ein Vorhaben ist Irrsinn!" Er sprach die Worte mit Abscheu aus.
Darauf hatte Arion gewartet. Jetzt machte sich das erste Missfallen deutlich. Jahrelang hatten sie mit den Vyrn blutige Kriege ausgefochten. Und plötzlich sprach man von einem Bündnis. Manche dachten, es sei von einer Union die Rede - auch wenn das reine Fiktion darstellte. Palan hatte Recht gehabt. Irgendwann kam der Moment des Verrats. Und dann würden die Elfen unterliegen. Aufgrund ihrer Waffen? Aufgrund ihrer Rüstungen? Schon eher. Oder einfach aufgrund ihrer Dummheit, die Vyrn so nahe an sich heran zu lassen? Unwillkürlich musste er an folgende Worte denken: Meine Freunde halte ich mir nah; doch meine Feinde noch näher!
Larannahs Hand drückte die seine.
"Es ist nicht weniger Irrsinn als ein Kampf gegen vier Feinde gleichzeitig!" Meldarána war aufgesprungen, eine Geste, mit der man normalerweise den Zauber einer Kollekte brach. In diesem Fall aber verdichtete sich die Präsenz der Versammelten. Sie begannen ihre Hüllen fallen zu lassen, zeigten ihre wahren Gesichter.
Horon erhob sich, und sein stechender Blick fuhr wie mit Messern unter die Anwesenden. "Wo Krieg ist, da ist auch Irrsinn! Beendet den Krieg! Beendet den Irrsinn!"
"Dann müssen wir uns mit den Vyrn verbünden!", rief Meldarána aufgebracht.
"Wer sagt uns, dass sie ihr Wort halten?", fuhr Palan sie an.
Dragan machte eine wegwischende Handbewegung. "Sie werden ihr Wort nicht halten!" Für den Bruchteil einer Sekunde glomm ein irres Feuer in seinen Augen. Er hasste die Vyrn. Hasste sie mit jeder Faser seines Körpers.
"Und wenn doch?" Jetzt war es an Arion aufzustehen. Doch im Gegensatz zu den protestierenden Rufen der anderen war seine Stimme ruhig und gefasst. Schlagartig verstummte der Rest. "Was geschieht, wenn sie den Pakt nicht brechen? Was, wenn es uns mit ihrer Hilfe gelingt, die Streitkräfte der Zwerge zu zerschmettern? Was, wenn wir nur gemeinsam obsiegen können?" Er sah sie eindringlich an. "Sollten sie den Pakt brechen, werden wir darauf vorbereitet sein. Doch solange die Zwerge im Besitz des Zaubergoldes sind, werden sie uns schaden, wo sie nur können!"
Kalte Augen fixierten ihn. "Was ist Euer Plan?"
Ein Lächeln huschte über Arions kühne Züge. "Mein Plan? Nun, der ist eigentlich recht einfach!" Ein kindliches Grinsen trat auf seine Lippen. Ein wenig zierte er sich, das zu sagen, was er sagen wollte. Es war eine Art Scham, die ihm die Röte in die Wangen trieb, doch genoss er es, derjenige zu sein, der letztendlich die Fäden in Händen hielt. Langsam ließ er den Blick von einem zum anderen wandern, prüfte sie, und wurde jedes Mal bestätigt. Dann holte er tief Luft und sagte den einen Satz, der für ihre Zukunft so wichtig war: "Wir müssen das Zaubergold nur vor ihnen in die Finger kriegen!"

Es war also beschlossene Sache. Die Elfen zogen in den Krieg.
Noch am gleichen Tag wurden alle nötigen Vorbereitungen getroffen, und obwohl Palan anfangs eifrig protestierte, stimmte er letztendlich doch mit Arion überein. Es gab nur diese eine Möglichkeit. Ansonsten würde es in kürze kein Morgen mehr für die Andorianer geben.
Es dunkelte bereits, als Palan sich erneut mit Larannah traf. In den letzten Tagen waren sie häufiger als beabsichtig zusammengekommen, und er hatte ihr das Bogenschießen wie auch das Fechten beigebracht. Mittlerweile verstand sie es so gut wie Quen mit den Waffen eines Jägers umzugehen. Es war nicht viel, aber es war genug, um bei den ersten harschen Attacken eines Vyrn nicht gleich zu Boden geschmettert zu werden.
Jetzt betrachtete er ihr Gesicht im Licht der Sterne, strich über ihre Wange - zwar in freundschaftlicher Absicht, aber mit einem augenscheinlich tieferen Sinn. Einen Moment lang hatte er Angst, sie würde zu viel in diese Geste hineininterpretieren, doch dann entspannte er sich. Ihr Gemahl liebte sie über alles, und egal, was zwischen Palan und der hübschen Elfe passierte, sie würde sich ihrer wahren Aufgabe erinnern. Solange Arion noch lebte, würde sie nur ihm gehören. Nichts könnte sich zwischen dieses äußerlich perfekte Paar drängen.
"Wir werden morgen in aller Frühe aufbrechen", erklärte er.
Sie erfasste seine Hand, nickte, während die Wärme ihres Gesichtes in seine Finger zu sickern schien. Er spürte die glühende Hitze ihrer Wange, ihr Erröten, ihre Sanftheit. Und im selben Moment musste er sich eingestehen, dass er sie liebte.
Erschrocken entzog er sich ihrer Nähe, machte einen Schritt zurück. Er wartete, bis das Prickeln verschwand, dann straffte er sich. Mit einem Mal verwandelte er sich zu einer maskierten Kreatur des Schattenreichs. Seine weichen Züge wurden hart, steinern. "Mylady", flüsterte er, verbeugte sich leicht und wandte sich zum Gehen.

Devin fuhr schweißgebadet aus seinem Schlaf hoch.
Die Wirklichkeit empfing ihn mit eisiger Kälte, streichelte ihn mit ihren ernüchternden Fingern und hielt ihn einen Moment lang völlig gefangen. Sein Herz jagte, und er fühlte sich an die Trommelwirbel der Musikanten erinnert, die an Festtagen in den Hallen von Arathel spielten. Doch nicht die Fröhlichkeit einer Feier regierte sein Denken - es wurde getrieben von Sucht und irrationalen Empfindungen. Aber waren Empfindungen nicht immer irrational? Oder war es vielmehr erst der Zufall, der sie rational wirken ließ? Warum verlieben sich Menschen ineinander? Zufall oder Irrationalität? Auslese? Oder war doch alles Teil eines großen Spiels, gespielt von den Göttern, welche die Schicksale ganzer Nationen wie Schachfiguren auf ihrem Brett bewegten?
"Schatten!", fluchte er und setzte sich auf.
Er befand sich in einer der zahlreichen Baracken von Irion. Damals mochte die heutige Stadt die Größe eines kleinen Dorfes besessen haben. Nun hatte man weitere Gebäude, Werkstätten und Gaststuben errichtet. Jeden Tag kamen zirka vierdutzend neue Arbeiter und Schürfer aus den umliegenden Weilern hinzu, und sogar Zwerge aus Tharion gesellten sich zu ihnen. Zwar hatte es weiterhin Unruhen an den Fronten gegeben und die Truppenbewegung der Elfen wurde immer undurchschaubarer, dennoch schien es keinen Zwerg Irions zu beunruhigen. Obgleich diese Stadt näher als alle anderen an den Grenzen errichtet worden war. Keiner scherte sich oder machte sich auch nur den geringsten Gedanken um etwaige Feinde. Jeder suchte das Gold.
Devin machte da keine Ausnahme.
Während Darn stundenlang Pläne der Minenschächte studierte und verzweifelt nach einem System suchte, ließen sich die anderen Zwerge einfach treiben. Sie waren bereits tief in dem Mahlstrom versunken, der sie zum Graben antrieb. Und sogar Corna konnte eine gewisse Neugierde nicht abstreiten. Wie gesagt, er liebte Märchen und Geschichten. Warum sollte nicht endlich die Zeit gekommen sein, einer von ihnen auf den Grund zu gehen?
Darn hatte seinen Freund beobachtet, als dieser so brutal seinen Träumen entrissen wurde. Träume, aus denen man nur durch einen verzweifelten Schrei gerettet werden konnte. Jetzt saß der Zwerg mit gramzerfurchtem Gesicht auf seiner Pritsche und starrte in die Leere. Der Mensch spürte, dass etwas nicht in Ordnung war - es würde bald wieder losgehen.
"Du hattest einen Traum, stimmts?"
Devin musterte ihn - in seinen Augen lauerte etwas Dunkles und Geheimnisvolles. Es hing eine gefährliche Stille im Raum, eine Stille, der es möglich schien, ganze Welten zu verschlingen. Gähnende Leere. Einfach nur dieser Blick, durchbohrend, als wiese der Zwerg Darn an, über glühende Kohlen zu laufen.
Schließlich nickte der Zwerg. Es war ein lang gezogenes, gequältes Nicken, das Resignation verkünden sollte, es aber nicht tat. Stattdessen loderte weiterhin die treibende Flamme in seinen Augen. Es war nicht das erste Mal, dass Darn seinen Freund ohne Helm gesehen hatte. Devin besaß rötlichbraunes Haar, das einer Tonsur gleich nur an den Seiten wuchs und den größten Teil des Schädels - der traditioneller Weise mit dem Helm bedeckt wurde - ausließ. Seine Züge waren irgendwie knorrig, verschroben, doch dies haftete allen Zwergen an.
Darn wusste, was jetzt kommen würde. Devin würde sich erheben, nach der Schaufel greifen und sich zu den Höhlen begeben. Wortlos. Der Traum mochte ihm vielleicht Bilder des Schreckens vorgegaukelt haben. Doch jetzt, da der Zwerg vollends erwacht war, hatten sich jene Fetzen, an die er sich noch erinnern konnte, zu einer Illusion gewandelt. Sie waren zu einer Vision geworden, einer Illusion, die über die Wirklichkeit hinausging und dennoch in der Wirklichkeit bestehen mochte. Devin würde graben. Der Schlaf hatte seine Muskeln beruhigt und ihm wenigstens teilweise Ruhe gegönnt.
Und so geschah es.
Der Zwerg erhob sich, schlurfte über die knarrenden Holzbohlen der Kate und nahm dabei Schaufel und Helm an sich. Er machte sich nicht die Mühe, Kettenhemd und Lederwams überzustreifen - die Anstrengung würde ihn so oder so bald schwitzen lassen - und dann wäre es unter der Rüstung mehr als unerträglich. Zusätzlich behinderte sie ihn beim Graben. Und das war es, was Devin vorhatte. Ein Hosenträger war ihm von der Schulter gerutscht und die Hose drohte in die Kniekehlen zu rutschen, und dennoch bemerkte der Zwerg es nicht. Er ging weiter seinen torkelnden Gang, schlaftrunken, glich einem Besoffenen, der seinen Weg nach Hause sucht.
Corna machte Anstalten, sich von seinem Platz zu erheben. Bis gerade eben hatte er noch Papiere durchgeblättert, Pläne betrachtet und im Lichte einer Laterne Notizen verfasst. Doch jetzt war ihm das Befinden seines Freundes wichtiger als die Arbeit, die jener so verzweifelt zu verrichten suchte. "Du musst dich ausruhen", rief er ihm hinterher, während er stolpernd seinen Platz verließ. Von den anderen Schlafstätten erklangen angesichts seiner lauten Äußerung schnaubende Proteste. Sie waren nicht allein - zusammen mit ihnen verbrachten noch ungefähr fünf weitere Zwerge die Nacht in jener Baracke.
Devin wies ihn mit einer harschen Geste zurück. "Ich komme schon klar", murmelte er, doch seine Stimme verriet, dass er dies nicht tun würde. In den letzten Tagen hatte er hart gearbeitet und seine schwieligen Hände wirkten aufgequollen. Ebenso hatten sich Bauch und Wangen verändert - schienen sie vorher noch fett und wohlgenährt, so waren seine Körperformen nunmehr ausgezehrt. Die Arbeit untertage hatte seine Haut vergessen lassen, wie die Sonne aussah. Sie war beinahe gänzlich weiß und der Zwerg wirkte wie ein Schreckgespenst.
Darn fühlte sich bestätigt - dieser Mann war nicht zur Arbeit bereit.
Dennoch versuchte dieser unwiderruflich etwas zu tun, das ihn vielleicht für sehr viele Jahre zeichnen könnte. Ein falscher Schritt in den Gängen oder auch nur eine kleine Unachtsamkeit konnten Tod oder Verstümmelung nach sich ziehen. Die Decke mochte herunterkommen - der Schrecken eines jeden Bergarbeiters. Oder man wurde eingeschlossen, durch ein Erdbeben verschüttet und erlitt einen langsamen, qualvollen Tod.
Corna ergriff Devin am Arm. "Du kannst nicht. Das ist zu gefährlich!"
Erneut protestierendes Schnarchen.
Für einen Sekundenbruchteil erlag Darn dem Glauben, dieses durch einen scharfen Blick zu ersticken, dann wandte er sich wieder Devin zu, der ihn seinerseits musterte. In seinen Augen schienen Irrlichter wild zu tanzen, eine Verrücktheit, die beständig zunahm, und bevor Corna ihn freigeben konnte, riss sich der Zwerg los. "Ich kann auf mich selbst aufpassen!", erwiderte er trotzig.
Darn wurde wütend. "Dieses Gold verändert dich!" Er war lauter als beabsichtigt; sein Gesicht verzerrte sich zu einer geröteten Grimasse.
Der Zwerg schnaubte wie ein Schlachtross, schürzte die Lippen, und ein wildes Gefecht aus Blicken folgte. Devin focht mit Hass, Darn machte sich Entschlossenheit aufgrund von Sorge zueigen. Gegen Ende hin schien der Mensch das Duell zu gewinnen, doch bevor es soweit kam, wirbelte der Zwerg herum. Seine rostrote Mähne flog, und stürmischen Schrittes verließ er den Raum, trat hinaus in das Dunkel der Nacht und wurde von ihr verschluckt.
Corna ließ sich erschöpft auf sein Bett sinken. Er fühlte nichts, wusste jedoch, dass er bald von Gefühlen überschwemmt werden würde, Gefühle der Angst und Resignation, tiefes Bedauern und all das, was ihn an seinem Handeln hätte zweifeln lassen können. Prüfend ballte er die Hand zur Faust, registrierte Sehnen, die sich spannten und hervortraten. Narben zierten seinen Arm - er hatte mehr als einmal auf dem Schlachtfeld bereit gestanden. Thoronor war schon lange der Schmelztiegel zwischen den Völkern gewesen. In Thoronor wartete sein Herr und Meister auf ihn, doch solange er keine eindeutigen Befehle erhielt, war es ihm möglich, noch eine Weile in Irion zu bleiben. Wenigstens so lange, bis er befriedigt und seine Bedürfnisse gestillt waren. Außerdem musste er ein waches Auge auf Devin haben. Der Zwerg, der ihm eines Nachts auf den Straßen von Arathel begegnet war, war ihm schnell ans Herz gewachsen. Doch nun schien eine Veränderung mit ihm vorzugehen, ein Wandel, der seine ruhige Art und seine Gutmütigkeiten verschwinden ließ und stattdessen seine rachsüchtigen Züge ans Licht brachte.
Wie erwartet schwappte das Meer der Resignation über ihm zusammen. Er brach zusammen, krümmte sich über seine Knie und presste die Hände vors Gesicht. Was anfangs eine abenteuerliche Entdeckungsreise hatte werden sollen, war zu einem Ausflug ins Grauen geworden.
Rasch fing er sich wieder, wischte die Tränen beiseite und verschloss Angst und Zweifel sicher hinter seiner Stirn.
Stumm nickte er, bekräftigte seine Entschlossenheit und seinen guten Willen und breitete sich auf der Pritsche aus. Während er mit einer Hand das Licht löschte - und die Dunkelheit ihn einholte -, befand er sich bereits mit einem Bein im Land der Träume. Doch seine Träume kündeten nicht von versteckten Stollen oder Bergen von Gold, dessen gleißendes Funkeln in den Augen brannte. Seine Träume waren schwarz und ruhig - ein nächtlicher Palast der Stille.

Das Land unter ihren Füßen lag brach, war unwirtlich und von Geröllbrocken übersät. Die einst fruchtbare Erde war verbrannt und tiefe Risse und Spalten zogen sich durch bleiche Gipfel, die wie Totenschädel aus dem rußigen Boden ragten.
Der Kar Kal bildete einen imposanten Spalt zwischen zwei hoch aufragenden Gebirgsketten und wirkte wie von Krallen und Zähnen aus dem Stein gerissen. Unzählige Furchen durchzogen die Wände, und teilweise war es so dunkel, dass man schwerlich die Hand vor Augen erkennen konnte. Der Pass lag versteckt zwischen Steilwänden und Felstrümmern, und Arion war sich sicher, ohne die Weisungen seiner Gefährten hätte er nie den Pfad zu diesem grotesken Ort gefunden.
Hier und da zeigten sich klaffende Wunden im Berg, als hätten schartige Schwerter versucht, ihn in mehrere Teile zu schneiden, wären dabei selbst zerschellt und als schartige Sicheln im Gestein stecken geblieben. Alles war gezeichnet von Schrecken. Knochen und zerbrochene Schwerter säumten den Weg zwischen rasiermesserscharfen Kanten, Überbleibsel aus vergangenen Schlachten, von denen Dragan berichtet hatte. Er selbst hatte sich mit rund zwei Dutzend Kriegern nach Eleval aufgemacht, wo er Gleichgesinnte zu treffen hoffte. Denn immer öfter waren im Norden Waldläufer gesichtet worden, die unerlaubter Weise in den Heiligen Wäldern Jagd machten.
Larannah war ebenfalls nicht mitgekommen. Zusammen mit Pinn und Quen erwartete sie seine Rückkehr, während Meldarána, Glindir, Palan und Gwend nicht von Arions Seite wichen. Die vier Elfen hatten einen lebenden Schild um ihn gebildet, so dass er vor Angriffen aus allen Himmelsrichtungen gefeit war.
Die Sonne sank gerade hinter die zackigen Gebirgskämme, als sie drei Meilen westlich des Thrudlock Tals ihr Nachtlager aufschlugen. Bald standen die ersten Sterne am Firmament, glichen Diamanten, die willkürlich auf eine dunkelblaue Samtdecke platziert worden waren. Arion genoss den Anblick, inhalierte die Stille und den Duft gebratenen Fisches. Morgen würden sie sich mit den Vyrn treffen und gemeinsam Irion erstürmen. Einmal mehr zweifelte er an seiner Entscheidung, doch dann rief er sich hastig zur Räson. Gegenüber seinen Truppen - er marschierte mit zirka sechstausend Mann, was eine ganze Legion ausmachte - musste er standhaft bleiben und durfte sich nicht von Gespenstern in Form seiner beklemmenden Gedanken ins Bockshorn jagen lassen. Sie waren ausgerüstet mit Schwert und Bogen, und einige schwangen Banner an langen Stahlspitzen. Unter ihren waldfarbenen Tuniken trugen sei filigran gearbeitete Kettenhemden, die den Hieben der Zwerge die Wucht nehmen sollten.
Zwerge zogen es vor, mit Keulen und Streitkolben in den Kampf zu ziehen, schwangen Knüppel oder kurze Schwerter, deren Klingen jedoch breiter als gewöhnlich waren. Auch der Hammer war ein beliebtes Werkzeug wie auch Schlachtinstrument. Mit bereits einem Schlag konnte man das Knie eines erwachsenen Mannes zerschmettern oder seinen Schädel zertrümmern. Während die Elfen Langbogen benutzten, bevorzugten die Zwerge Schleudern und Kurzbogen, mit denen sie jedoch nicht minder geschickt umzugehen wussten.
Arion rückte etwas näher an die Flammen, da es inzwischen doch schon recht kalt geworden war. Zwar hatte er sich seinen schweren perlenbestickten Reitumhang um die Schultern gelegt, doch das vermochte die Kälte in seinem Herzen nicht zu vertreiben. Er hoffte darauf, dass die Hitze der Glut ein Gefühl von Heimeligkeit in ihm auslöste. Doch diesen Abend wartete er vergebens.
Sie erzählten sich Geschichten, tranken Wein aus Anbaugebieten in der Nähe der südlichen Berge oder hockten einfach nur stumm da und starrten in die Dunkelheit. Manchmal glaubte einer, er hätte etwas zwischen den Felskeilen blinken sehen, und sie erklärten sich diese Entdeckung mit den Worten, es würde ein übrig gebliebenes Metallstück aus den Großen Kriegen sein. Doch keiner wagte seine wahren Gedanken auszusprechen, denn alle wussten, dass ein nächtlicher Überfall auf jeden Fall möglich war. Unwahrscheinlich, aber durchaus nicht undenkbar. Was war, wenn das Blinken im Dunkeln ein zum Angriff erhobenes Schwert war, auf dem sich Sternenlicht spiegelte? Man malte sich die wildesten Phantasien aus.
Plötzlich erklang ein unheilvolles Scheppern aus der Ferne: metallene Waffen, die an Rüstungen schlugen.
Sofort waren alle auf den Beinen. Schwerter wurden gezogen und Pfeile auf Sehnen gelegt. Ein leises Knarren ging durch die Reihen, als sich das Bogenholz spannte. Auch Arion hatte die von Soldaten kündenden Geräusche vernommen.
Schnellen Schrittes eilte er zwischen den Wachposten hindurch versuchte die Schatten in den Niederungen des Tals zu durchdringen. Anfangs fiel es ihm schwer, auch nur die gekühlte Lava vom dichten Tann zu unterscheiden, doch dann wurde er sich winziger Lichtpunkte gewahr, die wie Geister zwischen den Bäumen auftauchten und wieder verschwanden.
Die Neuankömmlinge hatten einen Pfad benutzt, der den Elfen bisher verborgen geblieben war. Irgendwo zwischen den aufragenden Felssäulen musste es einen weiteren Durchgang geben. Arion ließ seine Augen über die bewaldete Senke schweifen. Hier wuchsen ausschließlich Nadelbäume und Dornenhecken. Gestrüpp überwucherte den geröllübersäten Boden und die verkümmerten Reste längst vertrockneter Zypressen ragten aus diesem Teppich der Tücke. Direkt unterhalb von Arion fiel eine Wand steil nach unten ab. Für die ungebeteten Besucher durfte es äußert mühsam werden, diese Mauer aus natürlichem Gestein zu überwinden, denn sie war glatt und mochte gut fünf Meter hoch sein.
Erneut fragte sich Arion, was diese fremden Soldaten hier zu suchen kann. In der allgegenwärtigen Dunkelheit konnte er nicht einmal erkennen, welcher Rasse sie angehörten. Es konnten ebenso gut Menschen wie Zwerge oder Trolle sein.
Augenblicklich tauchte Palan neben ihm auf, und seine geschulten Augen durchdrangen die Düsternis mit Leichtigkeit. "Vyrn", erkannte er.
Arion warf seinem Freund einen fragenden Blick zu.
Dieser erwiderte mit einem Achselzucken. "Vielleicht gibt es mehrere Pfade, die zum selben Ziel führen", schlug er vor, nicht ohne seinem Zweifeln Ausdruck zu verleihen. Er zog die Brauen hoch. Dann stierte er weiter in die Nacht und begutachtete das näher rückende Heer durch die Baumskelette.
"Dragan?"
Der grimmig dreinschauende General stand hinter ihm.
"Glaubt Ihr, dass sie uns überraschen wollen?"
Dragan schürzte die Lippen, deutete eine nachdenkliche Miene an, doch seine eisblauen Augen blieben kalt. "Möglich", gestand er nach einigem Zögern. "Aber ich halte es für wahrscheinlicher, dass sie sich mit uns treffen wollen!"
Arion atmete erleichtert auf und zog sich von seinem Aussichtspunkt zurück. Im Moment der Gefahr war ihm der eben erst geschlossene Pakt völlig entgangen. Jetzt fiel ihm wieder ein, dass sie sich ja im Thrudlock Tal hatten treffen wollen.
Er war gerade dabei, wieder ins Lager zurückzukehren, als ein Surren ertönte. Palan stieß einen Fluch aus und ging in Deckung, während Dragan weiterhin still dastand. Unmittelbar neben ihnen war ein Pfeil gegen die Felswand geprallt.
Rasch bückte sich Arion, hob das Geschoss, dessen eiserne Spitze beim Aufprall einfach abgebrochen war, auf und blickte einige Sekunden völlig gebannt darauf hinab. Als er den Kopf hob, leuchteten seine Augen in jenem Feuer, das tiefste Entschlossenheit ausdrückte.
"Sie sind weg", sagte Dragan ruhig, der sich noch immer um keinen Millimeter gerührt zu haben schien. Seine breitschultrige Gestalt wirkte imposant in ihrem roten Lederharnisch. Auf seinen Rücken war ein gewaltiges Breitschwert geschnallt, und er trug Handschuhe, die ihm beinahe bis zu den Ellbogen reichten.
Tatsächlich waren die Vyrn wieder zwischen den Bäumen verschwunden. Nicht einmal die glühenden Reste einer heruntergebrannten, weggeworfenen Fackel zeugten von ihrer einstigen Anwesenheit. Es war, als wären sie nie da gewesen.
Zögerlich erhob sich Palan aus seiner geduckten Haltung und richtete seine Aufmerksamkeit nun auf Arion, der ein kleines Stück Pergament in Händen hielt. Er hatte es vom hölzernen Schaft des Pfeils gelöst und bereits mehrere Male durchgelesen. Doch die krakelig geschriebene Nachricht verunsicherte ihn mehr als der halbherzig ausgeführte Anschlag, den einzig der General nicht als solchen gedeutet hatte. Vielleicht hatte er einfach nur schon zu vielen Kämpfen beigewohnt, um zu wissen, wann sich die eiserne Spitze in sein Herz, und wann in das eines anderen bohren würde. Und es schien ihm egal zu sein.
Arion flüsterte: "Es gibt eine kleine Planänderung..."

Murak starrte gedankenversunken in die Nacht hinaus. Es war kühl und der Wind strich sanft über seine staubiggrüne Haut. Er hatte den vorgesehenen Plan geändert. Na und? Wen kümmerte es? Sie würden sich nicht wie abgemacht im Thrudlock Tal, sondern auf den Hängen vor der Zwergenstadt Irion treffen. Zusammen würden sie die Zwerge mit Leichtigkeit überrennen, auch wenn das Zaubergold sie mit magischen Kräften ausstattete. Das hieß, wenn das magische Erz ihnen überhaupt einen Vorteil versprach. Es konnte auch genauso gut einfach nur besonders hell funkeln oder härter sein, als es für gewöhnlich der Fall war. Aber das waren Dinge, die man nicht nachprüfen konnte.
Seit Jahren befanden sich die Rassen im Krieg, und nie waren auch nur die kleinsten Geheimnisse hinter den feindlichen Linien aufgedeckt worden. Stets handelte es sich um Wissen, das man durch Hörensagen erlangt hatte. Falls das besagte Gold zu mehr fähig war, als seinen Träger nahezu unverwundbar zu machen, konnten sie in einem Kampf nur unterliegen.
Er stellte sich vor, wie sie die Zwerge angriffen - grob geschmiedete Schwerter und rostige Säbel erhoben - und sich wie ein Keil in den Heerhaufen trieben. Anfangs dominierten die brutalen Kräfte der Vyrn, doch dann wehrten sich die Zwerge heftiger. In seiner Phantasie kämpften sie urplötzlich gegen mutierte Bestien, gänzlich bedeckt von krausem, grauem Haar. Was war, wenn das magische Erz ihren Kontrahenten die Macht verlieh, ungeahnte Kräfte zu entwickeln?
Urplötzlich musste er an den Dämon denken, der in den Schatten auf ihn gelauert hatte, dessen Augen stechender und bösartiger waren, als selbst die des Meisters. Der Meister - so glaubte er - strahlte eine allgegenwärtige dunkle Präsenz aus, voller Hass, doch der Ghul, der vielleicht ein Vorbote des Todes war, war umgeben von einer Aura des Schreckens, die ihn unweigerlich mit Angst erfüllte. Verdammt, er hatte wie ein Kind gewinselt!
Verärgert verscheuchte er den Gedanken und wandte sich wieder seinen Kriegern zu.
Der Hexenmeister hatte ihm eine Armee von ungefähr zweitausend Soldaten unterstellt. Das war genug, um den Elfen einen schweren Schlag zu versetzen, während diese mit den Zwergen beschäftigt waren. Hass loderte wie eine Stichflamme in ihm auf, und er ballte die Hand zur Faust. Seine Rache würde kommen. Und wenn es soweit war, standen ihm allein die Menschen im Weg. Die Trolle würden die Gelegenheit, die südlicheren Gefilde des Morgengebirges zu erobern, wahrnehmen und sich den Hochländern annehmen. Die Reiche im Tal der Dämmerung würden zerfallen, zerbröckeln wie die vertrockneten Gebeine eines Toten.
Ein irres Grinsen, das alle seine verbliebenen Zähne enthüllte, trat auf seine Züge.
Er war bereit.
Mit harscher Stimme wandte er sich an seine Untergebenen: "Macht euch kampfbereit! Bei Sonnenaufgang greifen wir an!"

"Es wird eine Schlacht geben."
Darns Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als er die bleichen Bergrücken der Sichelkämme betrachtete. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und die Sonne verschwand gerade hinter den westlichen Hügeln, sodass die Zacken des genannten Massives - umrandet von gleißendem Licht - große Stücke aus dem Himmel zu reißen schienen. Der Einzug hatte begonnen, und die Schatten marschierten gleich Eroberern über die Ebene im Norden. Dort war das Plateau leicht abgeflacht und nur spärlich von Bäumen bewachsen, während der Osten abwechselnd von niedrigen Tannen und freien Flächen dominiert wurde.
Der Bote aus Thoronor wandte sich ab, verließ die Brüstung der Stadtmauern und marschierte eine gepflasterte Straße entlang, die ihn zum Nordtor führte. Hier war man gerade dabei, einen Steinbogen zu spannen. Die Zwerge hatten die Abfälle aus den Minen genommen, um sie beim Bau eines Walls zu gebrauchen.
Er betrachtete das Werk einen Moment lang, dann schüttelte er den Kopf. Sie würden nie rechtzeitig fertig werden. Noch immer fehlte ein Torhaus und die Arbeiten gingen nur äußerst langsam voran, da der Großteil der Zwerge dabei war, die Stadt auf der Suche nach dem Zaubergold zu unterhöhlen.
Corna schnüffelte in der Luft und erhielt die Bestätigung für sein Befürchten.
Es würde eine Schlacht geben. Bald. Sehr bald sogar. Und die wenigen Männer, die er bis jetzt zur Verteidigung auf die Beine gestellt hatte, würden niemals in der Lage sein, Irion über einen längeren Zeitraum hinweg zu verteidigen.
Wind kam auf und bauschte Darns Umhang.
Nein, er hatte noch viel zu tun. Er würde Irion nicht so einfach fallen lassen. Das konnte er den anderen nicht antun. In all der Zeit, die er bis jetzt mit den Zwergen verbracht hatte, hatte er dieses Volk mit seinen Eigenheiten regelrecht lieb gewonnen. Trotz allem war das schelmische Grinsen von seinen Lippen verschwunden, das, was ihn einst markant gemacht hatte. Er hatte sich verändert. Mehr durch Zufall hatte er die Verteidigung der Stadt in die Hand genommen. Da Irion vor einigen Wochen noch ein einfaches Dorf gewesen war, hatte es keinen Grafen oder Baron gegeben, der dieses Gebiet verwaltete. Und nachdem die anderen Zwerge seine wahren Ziele - nämlich der Stadt zu größerem Ruhm zu verhelfen - erkannt hatten, nahmen sie diese Veränderung in der Rangordnung stillschweigend hin.
Noch immer war Darn sich nicht sicher, warum er dies alles tat. Vielleicht tat er es, weil er diesen einfachen Leuten helfen wollte. Vielleicht auch deshalb, weil er die heiß geliebten Märchen seiner Kindheit schützen wollte.
Und vielleicht...
Er zögerte.
Vielleicht ist dies alles nur Einbildung.
Erneut sandte er seine Blicke nach Westen. Fragend. Abschätzend. Wartend auf ein Zeichen.
Nein! Er schüttelte den Kopf. In all den Jahren hatte er einen sechsten Sinn für Gefahr entwickelt. Und außerdem konnte er riechen, dass etwas nicht stimmte. Und das in mehr als einer Hinsicht. Gefahr drohte ihnen nicht nur durch Angreifer. Diese ganze Sache mit dem Glymrithil wurde ihm allmählich immer befremdlicher. Alle schienen von diesem Zaubergold eingenommen, bis auf ihn. Vielleicht war es seine menschliche Herkunft, vielleicht auch nur sein sechster Sinn, der ihn davor behütete, blindlings in eine Falle zu tappen.
 

© Benedikt Julian Behnke
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Und schon geht's weiter zum 5. Kapitel: "Irion"

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