Zwergengold von Benedikt Julian Behnke
Sechstes Kapitel
Verrat

Einem vermummten Geist gleich glitt Palan aus den Schatten der Bäume. In seinen Händen funkelten Messer, grausam geschwungen und gehärtet im Wasser des Singenden Sees.
Die Wächter auf den Mauern registrierten nur ein rasches Aufblitzen von Stahl, ehe sie von der Patrouille der Schafe - deren Schäfer der Elfen-Jäger Palan war - niedergestreckt wurden. Auch hier standen die Tore offen. Anscheinend konzentrierten sich alle Zwerge auf das nördliche Viertel der Stadt. An dieser Pforte hatten nur zwei Soldaten gewacht, ein weiteres Anzeichen dafür, dass Irion nicht das Ergebnis ausgeklügelter Zuwehrsetzungs-Taktiken war. Einzig die Wälle boten einen gewissen Vorteil. Dennoch fragte sich der Späher, warum die Stadt jegliche Tore entbehrte.
Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu.
Eiligen Schrittes huschten die Jäger in die erste dunkle Gasse, die sie finden konnten, und verbargen sich darin. Es dauerte einige Sekunden, bis Palan sicher war, dass sich keiner mehr innerhalb des Süd-Viertels aufhielt, dann rannte er weiter. Sein Umhang blähte sich, als er über die Hauptstraße hastete, gefolgt von einem guten Dutzend Gefährten. Im Lauf warf er den Mantel zurück, enthüllte das scharf geschnittene Haupt, schob den Dolch zurück in die kleine Lederscheide an seinem Gürtel und holte stattdessen ein schmales Kurzschwert hervor, das bis jetzt - eingewickelt in samtenes Tuch - gut unter seinem Überwurf verborgen geblieben war.
Sein Blick glitt an den zahlreichen Schmieden vorbei, fiel hier und da durch zerbrochene Scheiben ins Innere. Er suchte nach etwas, setzte all seine Sinne ein, um dieses geheimnisvolle Etwas zu ergründen. Ab und an verließ ein Elf die Gruppe, verschwand in einem der heruntergekommenen Katen, nur um Augenblicke später wieder aufzutauchen, mit einem Ausdruck auf dem schmalen Gesicht, der Missfallen verriet. Bis jetzt war noch kein magisches Erz gefunden.
Allmählich begann Palan an den Worten des Botschafters zu zweifeln. Waren es letztendlich doch alles bloß Gerüchte? Existierte dieses Zaubergold überhaupt? Und warum hatten sich ihnen die Vyrn nach jahrelangem Zwist letztendlich doch angeschlossen? Nicht angeschlossen, korrigierte er sich. Sie haben sich nur entschlossen uns in diesem Kampf zu unterstützen. Ob sie ihr Versprechen hielten, war eine vollkommen andere Frage.
Ein erstickter Schrei riss ihn aus seinen Gedanken. Dicht neben ihm wurde etwas zu Boden gerissen.
Er wirbelte herum.

Dragan verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Seine Augen waren kalt, seine vernarbten Züge schienen blutleer. Dennoch schlossen sich seine Finger barmherzlos um den kalten Stahlgriff seines Schwertes. Seine breite Brust hob und senkte sich unter dem gehärteten Lederwams. Er spürte den Wind als eisige Berührung, lauschte dem Scheppern und Knallen des Krieges, jenem kakophonischen Klang, den sie in der Unterwelt zu spielen pflegten, und zu dem die gemarterten Seelen - auf ewig in Trance verfallen - tanzten.
Er beobachtete Gwends Wolfsrudel, das durch die rauchende Stadt preschte - auf der Suche nach Gold und Magie. Immer wieder wurden sie durch kleinere Truppen aufgehalten, die sich ihnen mutig in den Weg stellten. Nach allem, was er bis jetzt gesehen hatte, hätten selbst zweihundert einigermaßen erfahrene Soldaten diese "Siedlung", wie er sie abfällig nannte, problemlos einnehmen können. Die Mauer stellte nicht einmal ein Hindernis dar, da es ohnehin keine Tore gab, mit denen man den Gürtel des Schutzes vollständig hätte schließen können.
Urplötzlich überfiel ihn Wut. Er wusste nicht, woher, aber auf einmal war sie da und brannte sich wie glühender Stahl in seine Kehle. Mit dem entsetzlichen Kreischen von Metall auf Metall riss er das Breitschwert aus der Scheide und trottete gesenkten Hauptes den Hang hinab.
Der Aufmarsch war mittlerweile fast vollständig zum Stillstand gekommen. Vyrn hatten die Mauern gestürmt und schwenkten triumphierend und siegesgewiss ihre erbeuteten Äxte über den Köpfen. Die Gier, mit der diese Wesen nach Blut verlangten, widerte ihn an.
Abrupt blieb Dragan stehen. Vor ihm fraß ein Vyrn von einem in der Schlacht gefallenen Elfen. Der Grünhäutige hatte sich wie ein durstiges Tier über den Kadaver gekauert und schlurfte bereits erkaltendes Blut aus der zerfetzten Kehle des Toten.
Dies war der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte.
Mit einem gellenden Schrei rammte Dragan dem Knienden sein Schwert in den Nacken. Beinahe mühelos drang die gut geschliffene Klinge durch Knorpel und Knochen, zerfetzte widerstandslos den Muskel und kam schließlich dicht unterhalb des gesenkten Kinns wieder zum Vorschein. Man vernahm nicht einmal das charakteristische Knacken, das einen Genickbruch kennzeichnete, so glatt und fein gearbeitet war das Elfenschwert. Kraftlos kippte der Getötete zur Seite.
Dragan säuberte den Stahl - der ihm auf einmal viel angenehmer und wohlwollender in der Hand lag - an seinem Mantel, der genauso purpurn war wie der Lebenssaft der Gefallenen.
Unweigerlich begannen die Vyrn zu rebellieren.
Anstatt weiterhin die Elfen beim Fechten zu unterstützen, griffen sie zu dornbewehrten Keulen und hämmerten blindlings auf die Waldbewohner ein. Schrille Schreie erhoben sich. Grausam verdrehte Leiber fielen in den schlammigen, aufgewühlten Boden. Blut spritzte hellrot auf und zeichnete Gesichter. Die Berserker hatten ihr schändliches Werk begonnen, und nicht einmal der abgehärtete General Dragan vermochte sich vor ihren Waffen zu retten.

Arion kauerte vor seinem Bezwinger und flehte um Gnade. Bedrohlich und Unheil verkündend ragte der finstere Vyrn-Häuptling Murak vor ihm auf, setzte ihm das grotesk geschwungene Vyrn-Messer an die Kehle und funkelte mit den garstigen Augen.
Jetzt, dachte Murak, jetzt bekomme ich meine Rache!
Mit einer schnellen, fast spielerischen Handbewegung hinterließ er einen langen, blutigen Faden auf der makellosen Haut des Elfen. Während der Elfenkönig unmerklich zusammenzuckte und heiße Tränen seine Wangen netzten, versetzte sich Murak in die Zeit zurück. Er dachte an den Abend in Tirvar, als er sich das erste Mal mit den Elfen getroffen hatte. Damals hatte er ihnen Rache geschworen - Rache für das, was sie seinem Volk seit Jahrhunderten angetan hatten. Und jetzt war es Zeit, sich für all diese Gräueltaten zu rächen. Erneut kamen ihm die Worte des vermummten Dämons in den Sinn:
Ich vermag Euch Rache zu geben!
Rache...
Er kostete das Wort auf der Zunge, schmeckte es wie einen guten Wein. Rache war etwas, das Menschen entzweien, auseinander treiben und letztendlich auch zerstören konnte. Der Rache wegen wurden Klingen geschmiedet und im Blut zurückliegender Schlachten gehärtet. Rache war das süßeste Getränk, das er kannte. Und dennoch wusste er nicht, dass auch der beste und köstlichste Wein vergiftet werden konnte.
"Ich werde dich gefangen nehmen", flüsterte er, wobei er Arion auf die Knie stieß und eine Hand in dessen schwarzem Haar vergrub. Durch sein Ungeschick fügte er dem Elfen zwei weitere heftig blutende jedoch kaum gefährliche Schnitte zu.
Arion selbst begann allmählich jene Wirkungen zu spüren, die jeder größere Blutverlust mit sich brachte. In seinem Geist breitete sich eine vage Trägheit aus, die Bilder vor seinen Augen verschwammen, und ein stechender Schmerz in seinem Kopf meldete sich. Er fühlte, wie heißes, frisches Blut seine Kehle hinab und über seine Brust lief, wo es den Stoff seines Gewandes nässte. In seinem Mund schmeckte er Kupfer und es stank nach Rost und Salz, das eine groteske Süße mit sich brachte.
Verzweifelt fragte er sich, was er jetzt unternehmen sollte - jetzt, da er verraten war. Doch immer, wenn er glaubte, endlich einen Ausweg aus seiner misslichen Lage gefunden zu haben, verschwand jener im roten Nebel seines Verstandes. Das Blut auf seiner Brust war bereits geronnen. Er schwankte, und allein die krallenbewehrte Hand des Vyrn-Häuptlings hielt ihn aufrecht.
Plötzlich schoss kochende, scharfe Galle seine Kehle hinauf, verdrängte den eisernen Geschmack in seinem Mund und explodierte geradezu in einer Fontäne aus seinem Mund. Unter Qualen und Schmerzen übergab er sich.
Murak grinste boshaft.

Glindir stand breitbeinig und mit gespanntem Bogen auf dem Schlachtfeld und feuerte in rascher Abfolge Pfeile auf seine Gegner ab. Das Blau und Silber seiner Rüstung, die ihn als Kommandant auswies, leuchtete und seine langen Haare flogen im Wind, ein grauer Schleier, der sich je nach Böe hob und senkte.
Zwar hatte er viele Jahre - seiner Schätzung nach waren es beinahe dreißig - in Gefechten gedient, war jedoch nie in den Genuss eines wahren Blutrauschs gekommen. Stets hatten ihn die Wände eines Kommandeur-Zeltes umgeben, und allein der Klang monotonen Gemetzels hatte sein Tun begleitet. Ein Tun, das im Wesentlichen daraus bestand, auf Karten hinab zu starren und sich Gedanken über den nächsten Schritt zu machen.
Jetzt fand er sich mit einer völlig neuen Situation konfrontiert.
Für ein ungeschultes Auge mochte die Szene reichlich grotesk wirken. In einem Kreis von vielleicht fünfzehn Metern lagen haufenweise Vyrn-Leichen, deren Überreste in der prallen Mittagssonne vor sich hin vegetierten, sprich verfaulten. Immer wieder wurde er von Angreifern bedrängt, doch keiner schaffte es je bis auf zwei Meter heran. Jedes Mal wurde der Attackierende von der puren Wucht des Pfeils zurückgeworfen und starb, bevor er überhaupt den Boden berührt hatte.
Trotz seiner Offizierslaufbahn war Glindir nicht um das tägliche Training herumgekommen, und war deshalb relativ gefeit gegen die kläglichen Versuche der Vyrn, ihn zu zerreißen. Dazu kam noch, dass er ein Elf war - und solche vermochten es vorzüglich mit dem Bogen umzugehen. Es gab kaum eine Rasse, die schneller und geschickter war als jene, die den Idealen der Feenwesen noch am nächsten kamen.
Das einzige, was ihn beängstigte, war das rapide Zurückgehen der Anzahl seiner noch vorhandenen Pfeile.
Plötzlich langte er nach hinten, tastete nach einem der gefiederten Schäfte, und griff ins Leere. Einen Augenblick lang durchfuhr ihn ein kalter Schauer, und unbändige Furcht wand sich wie eine Würgeschlange um sein Rückgrat. Er spürte, wie sich ihm die Nackenhaare beim Gedanken an die knackenden Knochen sträubten. In aller Eile ließ er seinen Blick auf der Suche nach Pfeilen am Boden umherschweifen.
Doch es war sinnlos. Jeder Schritt, den er machte, raubte ihm kostbare Zeit, die Gegner in Schach zu halten. Von allen Seiten drängten sie auf ihn ein, die Klauen und Keulen erhoben und brüllend vor Blutgier.
Und allmählich begriff er, dass sein letztes Stündchen geschlagen hatte.
Scharfe Krallen gruben sich in seine Seite, und starke, baumstammdicke Arme legten sich um seinen Nacken. Ein lautes Knirschen ertönte, als Bänder, Sehnen und Knochen gleichermaßen zermalmt wurden.
Tot verschwand der ruhmreiche Elfen-Kommandant in der Masse des Feindes.

Sie hatten verloren, noch ehe sie das Zaubergold in Händen hielten.
Sobald der letzte Zwerg verjagt, gefangen genommen oder tot am Boden lag, richteten die Vyrn ihre Waffen gegen ihre Verbündeten. In stetem Fort fielen Elfen ihren neuen Kontrahenten zum Opfer, noch immer verwirrt von diesem plötzlichen Wandel.
Bevor der erste Elf tot auf der Straße neben ihm zusammengesackt war, hatte Palan diese Wendung des Gefechts für schier unmöglich gehalten. Nicht etwa deswegen, weil er naiv genug war, zu glauben, die Vyrn würden aus reiner Ehre an ihrem Versprechen festhalten, sondern einfach deswegen, weil sich hiermit jeglicher politischer wie geschäftlicher Nutzen in Luft auflöste. Die Hoffnung auf Handel unter den Völkern - was war mit ihr? Bedeutete all dies den Vyrn nichts?
Nein, erkannte Palan plötzlich, sie hatten nie an Handelsbeziehungen geglaubt - sie waren von Anfang an darauf aus gewesen, zwei Kontrahenten in diesem ewigen Spiel, das das Leben darstellte, auszulöschen. Zwerge wie Elfen würden gleichermaßen vergehen, von heute auf morgen einfach nicht mehr existieren.
Sofort musste er an Andor denken. Vermutlich befand sich bereits ein Vyrn-Heer auf dem Weg durch die geweihten Wälder.
Ein auf seinen Kopf geführter Angriff riss ihn aus seinen Gedanken.
Geschickt wich er dem Streich aus, wobei er einzig einen raschen Schritt nach hinten machte. Die Klinge der Axt zischte mit einem widerlichen Surren durch die Luft. Im letzten Moment hatte sich der Angreifer gestreckt, sodass seine Waffe sich Palan erneut um gut zwanzig Zentimeter genähert hatte.
Noch im gleichen Augenblick, in dem er aus der Gefahrenzone der Attacke heraustänzelte, riss er sein Schwert in direkter Senkrechte nach oben. Der Stahl sirrte durch die Haut des Vyrn, zerfetzte grünliches Fleisch und das Brustbein, während ihm ein blutiger Schauer entgegen spritzte.
Er wollte gerade erleichtert aufseufzen, als die nächsten Grünhäutigen in Sicht kamen. Bolzen flogen durch die Luft und bohrten sich dicht neben Palan in den hölzernen Türrahmen der Kate, in deren Schatten sich der Jäger eben noch geduckt hatte.
Er richtete sich auf, rannte geduckt zur anderen Straßenseite und verschwand in einer Gasse. Er hörte den grunzenden Atem der Häscher hinter sich, spürte ihre ungelenken, schwerfälligen Bewegungen, und wusste, dass das Visier der Armbrüste jeder seiner Bewegungen folgte. Er hoffte, alle Verfolger im Straßenlabyrinth von Irion abzuschütteln. Seine einzige Hoffnung bestand nunmehr darin, Andor vor den Heeren des Feindes zu erreichen, und Larannah zu warnen.
Denn so, wie die Dinge derzeit standen, war sie die neue Königin der Elfen.

Er erwachte erst, als ihn eine kalte Hand an der Schulter berührte. Augenblicklich schreckte er hoch, den Dolch in der unverletzten Hand. Die fremden Finger wichen sofort zurück, versank in den Schatten der Gasse und eine erregte Stimme flüsterte: "Vorsicht!"
Darn krabbelte rückwärts, ignorierte das energische Pochen in seinem Arm und stieß sich von der Mauer ab, um in die Höhe zu kommen. Einen Moment lang jaulte der Schmerz wie ein getretener Hund auf, grub sich wie ein barbarisches Beil in sein Fleisch und sandte Wellen der Pein durch seinen Körper. Corna biss die Zähne zusammen, verdrängte die Qualen zerrissener Muskeln und stierte in die Dunkelheit. "Wer ist da?", zischte er.
"Ich will Euch nichts Böses!" Es war eindeutig die Stimme eines alten Mannes. Aber es war kein Zwerg, der da sprach, so viel war sicher.
"Wer seid Ihr?" Die Worte kamen schärfer als beabsichtigt über seine Lippen. Sein Zorn darüber, dass er einfach vor Erschöpfung eingeschlafen war, lag im Zwist mit seinem Jubel darüber, dass er noch immer am Leben war. Allein der Schmerz drängte sich wie ein giftiges Messer dazwischen, durchtrennte die verbindenden Fäden und ließ nichts zurück als nackte, kalte Angst. Seine Gedanken überschlugen sich. Selbst wenn er die Stadt lebend verlassen konnte, würde er für immer verstümmelt sein.
Etwas in der Dunkelheit bewegte sich. "Wir wurden hintergangen. Euch trifft keine Schuld, Mensch!"
"Wer seid Ihr?", wiederholte Darn seine Frage.
Allmählich löste sich eine Gestalt aus der Düsternis. Die Haut des Alten war faltig und braungebrannt, Narben zierten die freien Stellen seines Körpers und seine Kleidung hing in Fetzen. Seine Brust war blutverschmiert.
"Seid Ihr ein..."
"Ich bin Elf", nahm der Fremde ihm das Wort aus dem Mund. "Ich heiße Gwend!" Er streckte dem ehemaligen Boten die flache Hand entgegen. Darn zögerte, sie anzunehmen. Der Alte bemerkte die Zweifel im Blick des Elfen und wischte sie mit einem zaghaften Lächeln beiseite. "Ich habe Eure Lage erkannt. Wir sollten zusammenhalten, bis dieser Krieg vorüber ist; denn offensichtlich war das Elfenvolk dem wahren Feind gegenüber blind!"
Corna versuchte angesichts solch einer Geste offener Freundschaft zu grinsen, doch die Schmerzen in seinem Arm erinnerten ihn daran, dass diese Schlacht noch nicht geschlagen war. Schließlich ergriff er die ihm dargebotene Rechte und schüttelte kräftig. "Ihr habt Recht", stimmte er zu. "Wir müssen uns dem wahren Feind stellen!" Dann schaute er sich nach Devin um, erblickte den Zwerg, der noch immer in einem Zustand zwischen Wachen und Schlaf verharrte. Er beugte sich zu ihm hinunter und legte ihm die Hand auf die Brust. "Warte hier - wir sind gleich wieder zurück!" Er wusste, es war so gut wie sinnlos, anzunehmen, dass Devin in hörte. Doch manchmal zeigten Bewusstlose Reaktionen, und man munkelte, dass sie trotz ihres geistigen Zustandes alles um sie herum wahrnahmen. Spätestens in drei oder vier Stunden dürfte er aufwachen.
"Was habt Ihr vor?", erkundigte sich Gwend.
"Ich hole unsere Armee!"
Ohne auf den fragenden Blick des Elfen einzugehen, überquerte er raschen Schrittes die Straße. Die Vyrn nahmen kaum Notiz von ihm, und nur die wenigstens verschwendeten einen Pfeil. So gelangte er unbehelligt zu den Minenschächten. Einzig ein Drittel aller Bewohner von Irion waren zur Zeit des Angriffes in der Stadt gewesen. Der Großteil arbeitete noch immer untertage und suchte nach Gold und anderen Reichtümern aus dem verschollenen Corath. Die Legende besagte, dass jene Metropole der Pracht einst in den Feuersbrünsten eines Vulkans versunken war.
Schwer atmend erreichte er den Grund der Schlucht. Zahlreiche Stollen und Tunnel ließen die Felswand wie ein geöffnetes Ameisennest wirken. Wo sollte er nur beginnen? Ein schriller Schrei erinnerte ihn daran, dass er keine Zeit zum Überlegen hatte. In aller Eile griff er nach dem Beutel mit Glimmsteinen, der vor einer der Höhlen im Uferkies lag. Dann tauchte er in die Schatten ein.
Sekunden später war der rund geschliffene Stein in Cornas Hand von seiner eigenen Körperwärme durchflutet. Nun erzeugte er ein eigenartiges weißes Gleißen, das an einen Stern am Firmament erinnerte. Wachgerufen durch Darns verschwitzte Finger, begann die Magie zu wirken. Der Mensch ließ sich vom unbeständigen Klopfen und Klirren der Buddler leiten und erreichte nach zirka fünf Minuten eine etwas größer ausgeschachtete Höhle. Hier war man offensichtlich auf Überbleibsel früherer Grabungen gestoßen oder hatte den natürlichen Verlauf einer Kaverne ausgenutzt, um schneller voranzukommen. Das Schlagen von Eisen auf Stein wurde immer lauter.
Schließlich traf der Verteidiger von Irion auf noch glimmende Kohlen - hier hatte man vor wenigen Stunden gelagert, eine Mahlzeit zu sich genommen oder sich ausgeruht. Die meisten Zwerge waren so eingenommen von der Suche nach dem Zaubergold, dass sie zu keiner Zeit des Tages ihren Stollen verließen.
Er rannte weiter, während ihm bereits ein leichter Schwindel in den Kopf stieg. Die muffige Höhlenluft bekam ihm nicht; es roch abgestanden und es fühlte sich an, als würde er mit jedem Schritt tiefer im Sumpf der Schwärze versinken. Dann ergriffen ihn die ersten Zweifel. Wie lange würde es dauern, bis ihn der Zauber der Glimmsteine verließ? Würde er dann in völliger Dunkelheit verenden? Ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken. Er fröstelte. Außerdem war es feucht. Zwerge mochten sich in diesen Korridoren heimisch fühlen - er tat es nicht.
Endlich erblickte er Licht am Ende des Tunnels. Unsteter Fackelschein tanzte über die grob behauenen Höhlenwände und gaukelte Dinge vor, die so nicht existierten. Dennoch hörte er deutlich, wie sich eine kleine Gruppe von Zwergen über etwas unterhielt. Erleichterung durchströmte ihn, heilte die Wunden, die der Angriff in seinem Herzen hinterlassen hatte, und ließ ihn neue Hoffnung schöpfen.
Als er die Zwerge erreichte, zuckten diese erschrocken zusammen. Wie hätten sie hier auch mit seinem Auftauchen rechnen können? In kurzen, klaren Worten berichtete er ihnen, was passiert war. Eine Horde Vyrn hätte die Stadt angegriffen, ihre Verteidigung durchschlagen und sich das Zaubergold unter den Nagel gerissen. Er verschwieg absichtlich, welche Rolle die Elfen bei dem ganzen Theater gespielt hatten. Durch den Verrat der Grünhäutigen hatten sie Schaden genug erlitten. Sie benötigten jetzt Hilfe, keine Verachtung. Hastig schickte er die Zwerge davon, sie mögen so schnell wie möglich alle anderen zusammentrommeln, damit man die Verfolgung der dreckigen Diebe aufnehmen könne.
Es war an der Zeit, sich mit den Elfen zu verbünden.
 

© Benedikt Julian Behnke
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Und schon geht's weiter zum 7. Kapitel: "Andor"

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